domenica 25 dicembre 2011

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ERSTER VORTRAG Köln, 28. Dezember 1912

Vor Mitgliedern - GA 142 Die Bhagavad Gita und die Paulusbriefe

#G142-1960-SE009 - Die Bhagavad Gita und die Paulusbriefe
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ERSTER VORTRAG
Köln, 28. Dezember 1912
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20111225 13:51 (pranzo: antipasto) 14:46
Gewissermaßen stehen wir heute am Ausgangspunkt der Begründung der anthroposophischen Gesellschaft im engeren Sinne und dürfen gerade bei einer solchen Gelegenheit uns auch wieder
erinnern der Wichtigkeit und Bedeutung unserer Sache. Zwar soll ja dasjenige, was die anthroposophische Gesellschaft für die neuere Kultur sein will, sich durchaus nicht prinzipiell von dem unterscheiden, was wir hier innerhalb unserer Kreise als Theosophie immer getrieben haben. Aber vielleicht darf diese Hinzufügung eines neuen Namens doch unsere Seelen wiederum erinnern an den Ernst und die Würde, mit denen wir innerhalb unserer Geistesströmung arbeiten wollen, und von diesem Gesichtspunkt aus ist auch das Thema dieses Vortrags-zyklus gewählt worden. Ein Thema wollen wir besprechen im Ausgangspunkt unserer anthroposophischen Sache, welches in der man­nigfaltigsten Weise geeignet sein wird, uns auf die Wichtigkeit und Bedeutsamkeit unserer geistigen Strömung für das Kulturleben der Gegenwart hinzuweisen.
Vielleicht hat es manchen überrascht, zusammengestellt zu finden zwei scheinbar recht weit voneinander liegende Geistesströmungen, wie sie ausgesprochen sind auf der einen Seite in dem großen mor­genländischen Gedicht der Bhagavad Gita und auf der anderen Seite in den Briefen desjenigen, der der Begründung des Christentums so nahe steht: des
Apostels Paulus. Wir werden am besten die Nähe dieser beiden Geistesströmungen erkennen, wenn wir heute einlei­tend einmal darauf hinweisen, wie in unsere Gegenwart herein sich stellt auf der einen Seite dasjenige, was zusammenhängt mit der großen Bhagavad-Gita-Dichtung, und wie auf der anderen Seite her­einragt dasjenige, was im Ausgangspunkte des Christentums begrün­det war: der Paulinismus. Anders ist doch vieles im ,Geistesleben un­serer Gegenwart, als es vor verhältnismäßig kurzer Zeit noch war,
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14:55 und gerade dieses andere im Geistesleben der Gegenwart gegenüber dem Geistesleben einer noch vor kurzem sich abschließenden Ver­gangenheit macht so etwas notwendig, wie es die theosophische oder anthroposophische Geistesströmung ist.
Denken wir einmal, wie der Mensch einer verhältnismäßig noch kurz hinter uns liegenden Zeit dann, wenn er sich zu dem Geistes­leben seiner Gegenwart aufschwang, es eigentlich, wie ich schon in meinem
Basler und Münchener Vortragszyklus hervorhob, zu tun hatte mit drei Jahrtausenden, einem vorchristlichen Jahrtausend und zwei nicht ganz abgeschlossenen Jahrtausenden, die durchtränkt und durchströmt sind von der christlichen Geistesströmung. Was konnte sich der Mensch sagen, welcher noch vor kurzem, als man nicht reden konnte von der Berechtigung einer theosophischen oder anthropo­sophischen Geistesströmung, wie wir sie heute meinen, im Geistes­leben der Menschheit drinnen stand? Er konnte sich sagen: In die Gegenwart ragt so eigentlich dasjenige herein, was gesucht werden kann höchstens in einem Jahrtausend, das der christlichen Zeitrech­nung vorangegangen ist. Denn nicht früher als in diesem Jahrtausend der vorchristlichen Zeitrechnung beginnen sozusagen die einzelnen Menschen als Persönlichkeiten Bedeutung zu haben für das Geistes­leben. So groß und gewaltig und gigantisch manches in den ,Geistes-strömungen der früheren Zeiten uns herüberleuchtet: die Persönlich­keiten, die Individualitäten heben sich nicht ab von dem, was den Geistesströmungen zugrunde liegt. Sehen wir nur zurück auf das, was wir nicht so in engerem Sinne, wie wir es jetzt meinen, zu dem letzten Jahrtausend vor der christlichen Zeitrechnung zuzählen können, sehen wir auf die altägyptische oder chaldäisch-babylonische Geistes-strömung zurück: wir überblicken sozusagen ein zusammenhängen-des Geistesleben. Herausragend, so daß uns die Individualitäten als solche ganz geistig lebendig vor Augen treten, beginnt eigentlich erst die Sache im griechischen Geistesleben zu werden. Große gewaltige Lehren, gewaltige Ausblicke weiter hinaus in die Weltenweiten fin­den wir im ägyptischen Zeitalter, im chaldäisch-babylonischen Zeitalter;
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in Griechenland beginnt erst die Sache so zu werden, daß wir hinblicken auf einzelne Persönlichkeiten, auf einen
Sokrates oder Perikles, auf einen Phidias, auf einen Plato, auf einen Aristoteles. Die Persönlichkeit als solche tritt heraus. Das ist das Eigenartige des Geisteslebens der letzten drei Jahrtausende. Und ich meine nicht nur die bedeutenden Persönlichkeiten, sondern den Eindruck, den das Geistesleben auf jede einzelne Individualität, Persönlichkeit macht. Es kommt auf die Persönlichkeit in diesen drei Jahrtausenden an, wenn wir so sagen dürfen. Und die geistigen Strömungen haben da­durch Bedeutung, daß die Persönlichkeiten ein Bedürfnis haben, ein geistigen Leben teilzunehmen, daß die Persönlichkeiten inneren Trost, Hoffnung, Frieden, innere Seligkeit, innere Sicherheit finden durch die geistigen Strömungen.
Und weil man sich vorzugsweise bis vor verhältnismäßig kurzer Zeit nur interessieren konnte für die Geschichte, insofern sie verläuft von Persönlichkeit zu Persönlichkeit, so hatte man kein so tiefes durchdringendes Verständnis für das, was vor den letzten drei Jahr­tausenden lag. Mit dem Griechentum fing doch diejenige Geschichte an, für die man bis vor ganz kurzer Zeit allein Verständnis hatte, und hinein fiel dann an der Wende des ersten und zweiten Jahrtau­sends das, was sich anschließt an die große Wesenheit des Christus Jesus.
Im ersten Jahrtausend ragt herüber dasjenige, was uns das Grie­chentum gebracht hat. Und eigentümlich ragt es her über, dieses Griechentum:
am Ausgangspunkt desselben stehen die Mysterien. Was aus diesen herausgeflossen ist - wir haben es öfter darge­stellt -, ging über auf die großen Dichter und Philosophen und Künstler auf allen Gebieten. Denn wollen wir in richtiger Weise Aschylos, Sophokles, Euripides verstehen, wir müssen die Quellen zu ihrem Verständnis suchen in dem, was aus den Mysterien geflossen ist. Wollen wir Sokrates, Plato, Aristoteles verstehen, wir müssen die Quellen zu ihrer Philosophie in den Mysterien suchen. Gar nicht zu sprechen von so überragenden Gestalten wie Heraklit. Von ihm
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können Sie in meinem Buch «
Das Christentum als mystische Tat­sache» sehen, wie er ganz fußt auf den Mysterien.
Dann sehen wir, wie mit dem zweiten Jahrtausend der christliche Impuls in die Geistesentwickelung hereinströmt, und wir sehen das zweite Jahrtausend so verlaufen, daß dieser Christus-Impuls sozu­sagen nach und nach das Griechentum aufnimmt, sich mit ihm ver­einigt. Das ganze zweite Jahrtausend verläuft so, daß der gewaltige Christus-Impuls sich vereinigt mit dem, was vom Griechentum in lebendiger Tradition und in lebendigem Leben überhaupt herüber­gekommen ist. So daß wir sehen, wie ganz langsam und allmählich griechische Weisheit, griechisches Fühlen, griechisches Künstlertum sich organisch verbindet mit dem Christus-Impuls. Das ist der Ver­lauf des zweiten Jahrtausends.
Dann beginnt
das dritte Jahrtausend der Persönlichkeitskultur. Wir dürfen sagen, wir sehen in diesem dritten Jahrtausend, wie in anderer Weise das Griechentum herüberwirkt. Wir sehen es, wenn wir etwa Künstler betrachten wie Raffael, Michelangelo, Leonardo da Vinci. Nicht mehr so lebt das Griechentum im dritten Jahrtausend mit dem Christentum weiter fort, wie in der Kultur des zweiten. Nicht wie eine historische Größe, wie etwas, das man äußerlich be­trachtet hat, nahm man im zweiten Jahrtausend das Griechentum auf; im dritten Jahrtausend müssen die Menschen sich direkt hin­wenden zum Griechentum Wir sehen, wie Leonardo, Michelangelo und Raffael die großen, wieder zutage tretenden Kunstwerke auf sich wirken lassen, wie das Griechentum in immer bewußterer Weise aufgenommen wird. Unbewußt war es aufgenommen worden im zweiten Jahrtausend, bewußter und immer bewußter wird es im drit­ten Jahrtausend aufgenommen.
Wir sehen, wie in die Weltanschauung bewußt dieses Griechen­tum aufgenommen wird, zum Beispiel an der Philosophengestalt des
Thomas von Aquino, wie er genötigt ist, das, was aus der christ­lichen Philosophie fließt, zusammenzubringen mit der Philosophie des Aristoteles. Das Griechentum wird auch da bewußt aufgenommen,
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so daß hier zusammenfließen in bewußter Weise Griechentum und Christentum in philosophischer Form, wie bei
Raffael, Michel­angelo und Leonardo in künstlerischer Form. Und dieser ganze Zug geht durch das Geistesleben weiter herauf, auch als eine gewisse religiöse Gegnerschaft eintritt bei Giordano Bruno, bei ,Galilei. Wir finden trotz alledem überall, daß griechische Ideen und Begriffe, namentlich in bezug auf Naturanschauung, wieder auftauchen: ein bewußtes Aufsaugen des Griechentums!
Aber weiter als bis zum Griechentum geht es nicht zurück. Und in allen Seelen, nicht bloß etwa in den gelehrten oder höher gebildeten Menschen, sondern in allen Seelen bis zu dem einfachsten Men­schen breitet sich aus, lebt ein solches Geistesleben, in das be­wußt das Griechentum und Christentum zusammengeflossen sind. Von der Universität bis in die Bauernhütte hinein werden mit den Begriffen aufgenommen griechische mit christlichen Vorstel­lungen.
Da tritt etwas Eigentümliches im neunzehnten Jahrhundert ein, etwas, das auszugestalten und auszuführen im Grunde genommen erst Theosophie oder Anthroposophie berufen ist. Da sehen wir an einer einzelnen Erscheinung, was sich Gewaltiges abspielt. Als zuerst bekannt wird die wunderbare Dichtung der
Bhagavad Gita in Europa, da finden sich hingerissen von der Größe dieser Dichtung, hingerissen von dem tiefsinnigen Gehalte bedeutende Geister. Und unvergeßlich mag es bleiben, daß ein so tiefer Geist wie Wilhelm von Humboldt, als er mit ihr bekannt wurde, sagen konnte, das sei die tiefste philosophische Dichtung, die ihm vor Augen gekommen. Und den schönen Ausspruch konnte er tun, daß es sich gelohnt habe, so alt zu werden wie er, weil er noch habe kennen lernen können die Bhagavad Gita, den großen Geistessang, der herübertönt aus uralt-heiligem, orientalischem Altertum.
Und wie schön ist es, daß sich langsam, wenn auch noch nicht weite Kreise ziehend, im neunzehnten Jahrhundert eingegossen hat gerade von der
Bhagavad Gita aus Vieles von orientalischem Altertum.
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Denn diese Bhagavad Gita ist ja nicht so wie andere Schrift-werke, die aus dem orientalischen Altertum herüberragen. Andere Schriftwerke verkündigen uns immer morgenländisches Denken und Fühlen von diesem oder jenem Gesichtspunkt aus. In der Bhaga­vad Gita aber tritt uns etwas entgegen, von dem wir sagen können:
es ist der Zusammenfluß aller verschiedenen Richtungen und Ge­sichtspunkte morgenländischen Denkens und Empfindens und Füh­lens. Das ist das Bedeutsame der
Bhagavad Gita.
Sehen wir einmal hinunter ins
alte Indien. Da finden wir, wenn wir Unbedeutenderes aus dem Auge lassen, zunächst heraufragend aus grauer indischer Vorzeit drei sozusagen nuancierte Geistes-strömungen. Diejenige Geistesströmung, die uns entgegentritt schon in den ersten Veden und die dann in den späteren vedischen Dich­tungen ihre weitere Ausbildung erfahren hat, das ist eine ganz be­stimmte Geistesströmung - wir werden sie gleich charakteri­sieren -, es ist, wenn wir so sagen dürfen, eine einseitige, aber ganz bestimmte Geistesströmung. Dann tritt uns entgegen eine zweite Geistesströmung in der Sankhyaphilosophie, wiederum eine be­stimmte Geistesrichtung, und endlich tritt uns entgegen eine dritte Nuance morgenländischer Geistesströmung in Yoga. Damit haben wir die drei bedeutendsten morgenländischen ,Geistesströmungen hingestellt vor unsere Seele, die Veden-, Sankhya- und Yoga-strömung. Was uns da als Sankhyasystem des Kapila auftritt, was uns in der Yogaphilosophie des Patanja/i und in den Veden ent­gegentritt, das sind Geistesströmungen von bestimmter Nuance, Geistesströmungen, die, weil sie diese bestimmte Nuance haben, gewissermaßen einseitig sind, und die gerade in ihrer Einseitigkeit ihre Größe haben.
In der
Bhagavad Gita haben wir die harmonische Durchdringung aller drei Geistesströmungen. Was die Vedenphilosophie zu sagen hatte, wir finden es wiederum aus der Bhagavad Gita entgegen-glänzen; was der Yoga des Patanjali dem Menschen zu geben hatte, wir finden es wiederurn in der Bhagavad Gita; was der Sankhya des
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Kapila zu geben hatte, wir finden es in der Bhagavad Gita. Und wir finden es nicht etwa so, daß es uns wie ein Konglomerat ent­gegentritt, sondern so, daß sie wie drei Glieder harmonisch zu einem Organismus zusammenfließen, als ob sie ursprünglich zusammen­gehörten. Das ist die Größe der Bhagavad Gita, daß sie in so um­fassender Weise schildert, wie dieses morgenländische Geistesleben seine Zuflüsse erhält auf der einen Seite von den Veden, auf der anderen von der Sankhyaphilosophie des Kapila und auf der dritten Seite von dem Yoga des Patanjali.
Zunächst soll kurz charakterisiert werden, was jede einzelne dieser drei Geistesströmungen uns geben kann.
Die Vedenströmung ist im ausgesprochensten Sinne eine Einheits­philosophie, der spirituellste Monismus, der gedacht werden kann.
Monismus, spiritueller Monismus, das ist die Vedenphilosophie, die dann ihren Ausbau erhält im Vedanta. Wenn wir die Vedenphilo­sophie verstehen wollen, dann müssen wir uns zunächst vor die Seele halten, daß diese Vedenphilosophie davon ausgeht, daß der Mensch in sich selber ein Tiefstes findet, das sein eigentliches Selbst ist, und daß dasjenige, was er zunächst erfaßt im gewöhnlichen Leben, eine Art Ausdruck oder Abdruck dieses seines Selbstes ist, daß der Mensch sich entwickeln kann und daß seine Entwickelung immer mehr und mehr die Tiefen des eigentlichen Selbstes heraus­holt aus den Untergründen der Seele. Es ruht also wie schlummernd ein höheres Selbst in dem Menschen und dieses höhere Selbst ist nicht das, was der Mensch der Gegenwart unmittelbar weiß, aber was in ihm arbeitet, zu dem er sich hinentwickelt. Wenn der Mensch ein­mal erreicht haben wird das, was in ihm als Selbst lebt, dann wird er gewahr werden, nach der Vedenphilosophie, daß dieses Selbst eins ist mit dem allumfassenden Selbst der Welt überhaupt, daß er mit seinem Selbst durchaus nicht nur in diesem allumfassenden Wel­tenselbst ruht, sondern eins ist mit diesem Weltenselbst. Und er ist so eins mit diesem Weltenselbst, daß er in zweifacher Weise mit seinem Wesen sich zu diesem Weltenselbst verhält. Wie man
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physisch aus- und einatmet, so etwa - müssen wir sagen - stellt sich der Vedantist das Verhältnis des menschlichen Selbstes zum Weltenselbst vor. Wie man einatmet und ausatmet, und wie draußen die allgemeine Luft ist und im Innern das Stück Luft, das wir eingeatmet haben, so hat man draußen das allgemeine um­fassende, durch alles lebende und webende Selbst und atmet es ein, wenn man hingegeben ist der Betrachtung des spirituellen Selbstes der Welt. Man atmet es geistig ein mit jeder Empfindung, die man von diesem Selbst hat, man atmet es ein mit allem, was man herein-bekommt in seine Seele. Alle Erkenntnis, alles Wissen, alles Denken und Empfinden ist geistiges Atmen. Und das, was wir also wie ein Stück des Weltenselbstes - was aber organisch mit diesem Welten-selbst verbunden bleibt - in unsere Seele hereinbekommen, das ist
Atman: das Atmen, das in bezug auf uns selber so ist wie das Stück Luft, das wir einatmen und das nicht unterschieden werden kann von der allgemeinen Luft. So ist Atman in uns, kann aber nicht unter­schieden werden von dem, was das allwaltende Selbst der Welt ist. Und wie wir ausatmen physisch, so gibt es eine Andacht der Seele, durch die sie ihr Bestes, was sie hat, gebetartig und opfernd hin-wendet zu diesem Selbst. Das ist wie das geistige Ausatmen: Brah­man. Atman und Brahman, wie Ein- und Ausatmen, macht uns zu Teilnehmern an dem allwaltenden Weltenselbst.
Eine monistisch-spirituelle Philosophie, die zugleich Religion ist, tritt uns im Vedentum entgegen. Und die Blüte und Frucht dieses Vedentums ist jene den Menschen so beseligende, so im Innersten und im Heilsten beruhigende Empfindung des Einsseins mit dem allgemeinen, weltdurchwaltenden und durchwebenden Selbst, mit der einheitlichen Wesenheit der Welt. Von diesem Zusammenhang des Menschen mit der Einheit der Welt, von diesem Drinnenstehen des Menschen im ganzen großen spirituellen Kosmos handelt das Vedentum, handelt - wir können nicht sagen das Vedenwort, denn Veda ist schon Wort -, handelt das Wort Veda, das gegeben ist, das selber ausgehaucht ist nach vedischer Vorstellung von dem allwaltenden
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Einheitswesen und das die Menschenseele als höchste Ausge­staltung der Erkenntnis in sich aufnehmen kann.
Mit der Aufnahme des Vedenwortes wird aufgenommen des all­waltenden Selbstes bester Teil, wird errungen das Bewußtsein des Zusammenhanges des einzelnen Menschenselbstes mit diesem all­waltenden Weltenselbst. Was Veda sagt, ist das Gotteswort, das schöpferisch ist und das wiedergeboren wird in der menschlichen Erkenntnis, so die menschliche Erkenntnis zusammenführend mit dem schöpferischen, die Welt durchlebenden und durchwebenden Prinzip. Daher galt das, was in den Veden geschrieben war, als göttliches Wort, und derjenige, der sie durchdrang, als Besitzer des göttlichen Wortes. Das göttliche Wort war in spiritueller Weise in die Welt gekommen und lag vor in den Vedenbüchern. Diejenigen, die diese Bücher durchdrangen, nahmen teil am schöpferischen Prin­zip der Welt.
Anders ist die Sache bei der
Sankhyaphilosophie. Wenn diese zu­nächst an uns herantritt, wie sie überliefert ist, so haben wir in ihr gerade das Gegenteil einer Einheitslehre gegeben. Wenn wir die Sankhyaphilosophie vergleichen wollen, so können wir sie verglei­chen mit der Philosophie des Leibniz. Die Sankhyaphilosophie ist eine pluralistische Philosophie. Die einzelnen Seelen, die uns ent­gegentreten, Menschenseelen und Götterseelen, sie werden von der Sankhyaphilosophie nicht verfolgt zu einem einheitlichen Quell, son­dern werden hingenommen als einzelne, sozusagen von Ewigkeit be­stehende Seelen oder wenigstens als Seelen, nach deren Ausgangspunkt von einer Einheit nicht gesucht wird. Der Pluralismus der Seelen tritt uns entgegen in der Sankhyaphilosophie. Scharf betont wird die Selbständigkeit jeder einzelnen Seele, die da ihre Entwicke­lung führt in der Welt abgeschlossen für sich in ihrem Sein und Wesen.
Und gegenüber steht dem Pluralismus der Seelen dasjenige, was man in der Sankhyaphilosophie das prakritische Element nennt. Wir können es nicht gut mit dem modernen Wort Materie bezeichnen,
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weil dieses Wort materialistisch gemeint ist. Das ist aber in der Sankhyaphilosophie nicht gemeint mit dem Substantiellen, das ge­genübersteht der Vielheit der Seelen und das wiederum nicht auf eine Einheit zurückgeführt wird.
Wir haben zunächst die Vielheit der Seelen und das, was wir nen­nen können die materielle Basis, gleichsam wie eine die Welt räum­lich und zeitlich durchströmende Urflut, aus der die Seelen die Elemente zum äußeren Dasein nehmen. Umkleiden müssen sich die Seelen mit diesem materiellen Elemente, das nicht auf eine Einheit mit den Seelen selber zurückgeführt wird.
Und so ist es in der Sankhyaphilosophie, daß hauptsächlich dieses materielle Element, sorgfältig studiert, uns entgegentritt. Nicht so sehr wird der Blick auf die einzelne Seele gelenkt in der
Sankhya-philosophie. Die einzelne Seele wird hingenommen als etwas, was real da ist, was verstrickt und verknüpft ist mit der materiellen Basis und was innerhalb dieser materiellen Basis die verschiedensten For­men annimmt und dadurch sich nach außen in verschiedenen Formen zeigt. Eine Seele umkleidet sich mit dem materiellen Grundelement, das sozusagen wie die einzelne Seele von Ewigkeit her gedacht wird. Es drückt sich aus in diesem materiellen Grundelement das Seelische. Dadurch nimmt dieses Seelische die verschiedenen Formen an. Und das Studium dieser materiellen Formen ist es insbesondere, was uns in der Sankhyaphilosophie entgegentritt
Da haben wir zunächst sozusagen die ursprünglichste Form dieses materiellen Elementes wie eine Art von geistiger Urflut, in die die Seele zuerst untertaucht. Wenn wir also den Blick hinlenken würden auf die Anfangsstadien der Evolution, so hätten wir gleichsam ein Undifferenziertes des materiellen Elementes und, untertauchend, die Vielheit der Seelen, um weitere Evolutionen durchzumachen. Das erste also, was uns als Form entgegentritt, sich noch nicht her­ausdifferenzierend aus dem Einheitlichen der Urflut, das ist die spirituelle Substanz selber, die im Ausgangspunkt der Evolution liegt.
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Das Nächste, was dann heraustritt, womit die Seele sich indivi­duell schon umkleiden kann, ist
die Buddhi. Wenn wir uns also denken eine Seele umkleidet mit der Urflutsubstanz, so unterscheidet sich diese Seelenäußerung noch nicht von dem allgemein wogenden Element der Urflut. Indem sich die Seele nicht nur hüllt in die­ses erste Dasein der allgemein wogenden Urflut, sondern in das, was als nächstes hervorgehen kann, kann sie sich hüllen in die Buddhi.
Das dritte Element, das sich herausformt, wodurch dann die Seelen immer individueller und individueller werden können, ist Ahamkara. Das sind immer niedrigere und niedrigere Gestaltungen der Ur­materie. Wir haben also die Urmaterie, deren nächste Form, die Buddhi und wiederum eine nächste Form, Ahamkara. Eine nächste Form ist
Manas, eine nächste Form sind die Sinnesorgane, eine nächste Form die feineren Elemente und die letzte Form die stoff­lichen Elemente, die wir in der physischen Umgebung haben.
So haben wir sozusagen eine Evolutionslinie im Sinne der Sankhya­philosophie. Oben ist das übersinnlichste Element einer spirituellen Urflut, und immer mehr und mehr sich verdichtend geht es bis zu dem, was wir um uns haben in den groben Elementen, aus denen auch der grobe menschliche Leib auferbaut ist. Zwischendrinnen sind die Substanzen, aus denen zum Beispiel unsere Sinnesorgane ge­woben sind, und die feineren Elemente, aus denen unser Äther- oder Lebensleib gewoben ist. Wohlgemerkt, das alles sind Hüllen der Seele im Sinne der Sankhyaphilosophie. Schon das, was der ersten Urflut entstammt, ist Hülle der Seele. Die Seele ist da erst wieder drinnen. Und wenn der Sankhyaphilosoph studiert die
Buddhi, Ahamkara, Manas, die Sinne, die feineren und gröberen Elemente, so meint er damit die immer dichteren Hüllen, in denen die Seele sich zum Ausdruck bringt.
Wir müssen uns klar sein darüber, daß so, wie uns die Veden­philosophie und so, wie uns die Sankhyaphilosophie entgegentritt, sie uns nur entgegentreten können, weil sie ausgestaltet sind in jenen
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alten Zeiten, in denen es noch ein uraltes Heilsehen gegeben hat, wenigstens bis zu einem gewissen Grade.
Und auf verschiedene Weise sind zustandegekommen die Veden und der Inhalt der Sankhyaphilosophie. Die Veden beruhen durchaus auf einer ursprünglichen, noch wie eine Naturanlage in der Ur­menschheit vorhandenen Inspiration, waren eingegeben, ohne daß sozusagen der Mensch etwas anderes dazu tat, als daß er sich vor­bereitete in seiner ganzen Wesenheit, die von selbst kommende gött­liche Inspiration ruhig und gelassen in seinem Innern zu empfangen.
Anders war es bei der Ausbildung der Sankhyaphilosophie. Da ging es schon sozusagen ähnlich zu, wie es bei unserm heutigen Ler­nen zugeht, nur daß dieses letztere nicht durchdrungen ist von Hell­sichtigkeit. Dazumal war es durchdrungen von Hellsichtigkeit. Es war hellsichtige Wissenschaft, Inspiration, wie durch Gnade von oben gegeben: Vedenphilosophie. Wissenschaft, die gesucht wurde wie wir heute Wissenschaft suchen, aber eben gesucht wurde von Leuten, denen noch zugänglich war Hellsichtigkeit, das war die Sankhyaphilosophie.
Daher läßt die Sankhyaphilosophie auch sozusagen unberührt das eigentlich seelische Element. Sie sagt: In dem, was man studieren kann in den übersinnlichen äußeren Formen, da prägen sich die Seelen aus; aber studieren tun wir die äußeren Formen, die Formen, die uns so entgegentreten, daß sich die Seelen in die Formen kleiden. Daher finden wir ein ausgebildetes System von Formen, wie sie uns entgegentreten in der Welt - wie wir in unserer Wissenschaft eine Summe von Naturtatsachen finden -, nur daß in der Sankhya-philosophie geschaut wird bis zur übersinnlichen Anschauung der Tatsachen. Sankhyaphilosophie ist eine Wissenschaft, die, obwohl sie errungen worden ist durch Hellsichtigkeit, doch eine Wissen­schaft von den äußeren Formen bleibt, die nicht vordringt bis zum Seelischen selbst. Das Seelische bleibt in gewisser Weise vom Stu­dium unberührt. Der, der den Veden hingegeben ist, fühlt durchaus sein religiöses Leben mit dem Weisheitsleben eins. Sankhyaphilosophie
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ist Wissenschaft, ist Erkenntnis der Formen, in denen die Seele sich ausprägt. Und daneben kann durchaus bestehen bei den Anhängern ein religiöses Hingeben der Seele neben der Sankhya­philosophie. Und wie dann dieses Seelische sich eingliedert in die Formen - nicht das Seelische selbst, aber wie es sich eingliedert -, das wird verfolgt in der Sankhyaphilosophie.
Wie die Seele sich mehr ihre eigene Selbständigkeit wahrt oder mehr untertaucht in die Materie, das wird unterschieden in der Sankhyaphilosophie. Man hat es zu tun mit Seelischem, das zwar untertaucht, aber in den materiellen Formen als Seelisches sich wahrt. Ein Seelisches, das so in die äußere Form untergetaucht ist, aber sich als Seelisches ankündigt, sich offenbart, lebt in dem Sattwaelement. Ein Seelisches, das in die Form untertaucht, aber sozusagen über­wuchert wird von der Form, nicht aufkommt gegenüber der Form, lebt im Tamaselement. Und das, bei dem das Seelische dem Äußeren der Form gewissermaßen das ,Gleichgewicht hält, lebt im Rajas­element. Sattwa, Rajas, Tamas, die drei Gunas, gehören zur wesent­lichen Charakteristik dessen, was wir Sankhyaphilosophie nennen.
Anders wiederum ist jene Geistesströmung, die zu uns herüber-spricht als der
Yoga. Er geht auf das Seelische selbst, unmittelbar auf dieses Seelische und sucht Mittel und Wege, die menschliche Seele zu ergreifen im unmittelbaren geistigen Leben, so daß die Seele auf­steigt von dem Punkt, wo sie steht in der Welt, zu immer höheren und höheren Stufen seelischen Seins. So ist Sankhya die Betrachtung der Hüllen der Seele, und Yoga die Anleitung des Seelischen zu höheren und immer höheren Stufen inneren Erlebens. Die Hingabe an den Yoga ist daher ein allmähliches Erwecken der höheren Kräfte der Seele, so daß die Seele sich hineinlebt in etwas, in dem sie im alltäglichen Leben nicht steht und das ihr immer höhere und höhere Stufen des Seins erschließen kann. Yoga ist daher der Weg in die geistigen Welten, der Weg zur Befreiung der Seele von den äußeren Formen, der Weg zum selbständigen Seelenleben in seinem Innern. Die andere Seite der Sankhyaphilosophie ist der Yoga. Yoga bekam
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seine große Bedeutung, als jene wie durch eine Gnade von oben kommende Inspiration, die die Veden noch inspiriert hat, nicht mehr da sein konnte. Der Yoga mußte angewendet werden von denjenigen Seelen, die, einer späteren Menschheitsepoche angehörig, nichts mehr von selbst geoffenbart erhielten, sondern die sich hinaufarbeiten mußten zu den Höhen des geistigen Seins von den unteren Stufen her.
So treten uns in uralter indischer Zeit entgegen drei scharf nuan­cierte Geistesströmungen:
die Veden, die Sankhya- und die Yoga-strömung. Und wir sind heute dazu aufgerufen, diese geistigen Strömungen sozusagen wiederum miteinander zu verbinden, indem wir sie für unser Zeitalter in der richtigen Weise heraufholen aus den Untergründen der Seelen- und Weltentiefen.
Sie können alle drei Strömungen auch in unserer Geisteswissen­schaft wiederfinden. Lesen Sie das nach, was ich versuchte darzu­stellen in meiner «G
eheimwissenschaft», in den ersten Kapiteln über die menschliche Konstitution, über Schlafen und Wachen, über Le­ben und Tod, dann haben Sie das, was wir im heutigen Sinne nennen können Sankhyaphilosophie. Lesen Sie dann, was über die Welten-evolution gesagt ist von Saturn bis zu unserer Zeit, dann haben Sie die Vedenphilosophie für unsere Zeit ausgeprägt. Und lesen Sie die letzten Kapitel, wo es sich um die menschliche Entwickelung handelt, dann haben Sie den Yoga für unsere Zeit ausgeprägt. Unsere Zeit muß in einer organischen Weise verbinden das, was uns so als drei scharf nuancierte Geistesströmungen vom alten Indertum herüber-leuchtet, als die Vedenphilosophie, die Sankhyaphilosophie und Yoga.
Daher muß aber auch die wunderbare Dichtung
Bhagavad Gita, welche in dichterisch tiefer Weise wie einen Zusammenschluß der drei Richtungen enthält, gerade unsere Zeit in tiefster Weise be­rühren. Und wir müssen etwas suchen wie eine Kongenialität unseres eigenen Geistesstrebens zu dem tieferen Gehalt der Bhagavad Gita. Es berühren sich nicht nur im großen und ganzen unsere heutigen Geistesströme mit den älteren Geistesströmen, sondern auch im ein­zelnen.
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Sie werden erkannt haben, daß in meiner «
Geheimwissenschaft» der Versuch gemacht wird, die Dinge ganz aus sich selber heraus­zuholen. Nirgends ist an ein Historisches angelehnt. Von keiner Behauptung über Saturn, Sonne und Mond kann derjenige, der das, was gesagt ist, wirklich versteht, finden, daß irgendwo aus histo­rischen Mitteilungen die Dinge gesagt worden wären; aus der Sache selbst sind sie herausgeholt. Aber wie eigentümlich: das, was das Gepräge unserer Zeit trägt, klingt doch zusammen an entscheidenden Stellen mit dem, was uns aus alten Zeiten herübertönt. Davon nur eine kleine Probe: Wir lesen in den Veden an einer bestimmten Stelle über die kosmische Entwickelung was sich etwa in die folgen­den Worte kleiden läßt: Dunkel war in Dunkel gehüllt im Urbegirin, eine ununterscheidbare Flut war dieses alles. Es entstand eine ge­waltige Leere, die durchdrungen war überall von Wärme. - Und nun bitte ich Sie, sich zu erinnern, was über die Konstitution des Saturn aus der Sache selbst heraufgeholt worden ist, wo von der Substanz des Saturn als einer Wärmesubstanz gesprochen wird, und fühlen Sie das Zusammenklingen dieses sozusagen Neuesten in der Geheimwissenschaft mit dem, was da in den Veden gesagt wird. Die nächste Stelle heißt: Dann entsprang zuerst der Wille, der des Denkens erster Same war, der Zusammenhang des Seienden mit dem Nichtseienden. Und diesen Zusammenhang fanden sie in dem Wil­len. - Und erinnern Sie sich, wie in Neuprägung gesprochen wird von den Geistern des Willens. Bei alle dem, was wir in der Gegen­wart zu sagen haben, ist nicht der Anklang an das Alte gesucht, sondern ergibt sich der Zusammenklang ganz von selbst, weil Wahr­heit dort gesucht worden ist und Wahrheit wiederum auf unserem eigenen Boden gesucht wird.
Und nun tritt uns entgegen
in der Bhagavad Gita gleichsam die poetische Verherrlichung der drei eben charakterisierten Geistes­strömungen. Im bedeutsamen Momente der Weltgeschichte - be­deutsam für jene alte Zeit - da wird uns entgegengebracht die große Lehre, die Krishna selbst dem Ardshuna übermittelt. Der
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Moment ist bedeutsam, weil er der Moment ist, in dem die alten Blutsbande sich lockern. Sie müssen sich bei all dem, was nunmehr gesagt werden soll in diesen Vorträgen über die Bhagavad Gita, er­innern an das, was immer und immer betont worden ist:
wie Bluts­bande, Rassenzusammengehörigkeit, Stammeszusammengehörigkeit in uralten Zeiten eine ganz besondere Bedeutung hatten und erst nach und nach zurücktraten. Erinnern Sie sich an alles das, was in meiner Schrift gesagt wird: «Blut ist ein ganz besonderer Saft
Als diese Blutsbande sich lockern, da tritt gerade durch diese Locke­rung der große Kampf ein, der uns im
Mahabharata geschildert wird, von dem die Bhagavad Gita eine Episode ist. Da sehen wir, wie zweier Brüder Nachkommen, also noch Blutsverwandte, sich schei­den in bezug auf ihre Geistesrichtungen, wie auseinandergeht das­jenige, was das Blut früher als einheitliche Anschauung gebracht hat; und deshalb ist der Kampf da, weil an dieser Scheide der Kampf entstehen muß, wo die Blutsbande auch ihre Bedeutung für die hell­seherischen Erkenntnisse verlieren und mit dieser Scheidung die spätere geistige Formation eintritt. Für diejenigen, für welche die alten Blutsbande keine Bedeutung haben, tritt Krishna als großer Lehrer auf. Er muß der Lehrer sein des neuen, aus den alten Bluts-banden herausgehobenen Zeitalters. Wie er der Lehrer wird, wir werden es morgen charakterisieren. Aber das kann schon gesagt wer­den, was die ganze Bhagavad Gita uns zeigt, wie Krishna die drei nun charakterisierten Geistesströmungen in seine Lehre aufnimmt. In organischer Einheit vermittelt er sie seinem Schüler.
Wie muß dieser Schüler vor uns stehen? Er sieht hinauf auf der einen Seite zum Vater und auf der anderen zu Vaters Bruder. Die Geschwisterkinder sollen sich jetzt nicht mehr nahestehen, sie sollen sich scheiden. Jetzt soll aber auch eine andere Geistesströmung die eine und die andere Linie ergreifen. Da regt sich in Ardshuna die Seele: Wie soll es werden, wenn das, was durch die Blutsbande zu­sammengehalten wurde, nicht mehr da sein wird? Wie soll die Seele sich hineinstellen in das Geistesleben, wenn dieses Geistesleben nicht
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mehr so verfließen kann wie früher, unter dem Einfluß der alten Blutsbande? Daß alles in die Brüche gehen müßte, so kommt es dem Ardshuna vor. Und daß es anders werden müsse, daß es nicht so ge­schehe, das ist der Inhalt der großen Krishnal ehre.
Nun zeigt Krishna seinem Schüler, der von dem einen Zeitalter in das andere hinüberleben soll, wie die Seele aufnehmen muß, wenn sie harmonisch werden soll, etwas von allen drei Geistesströmungen. Sowohl die vedische Einheitslehre finden wir in der richtigen Weise in den Lehren des Krishna, wie das Wesentliche der Sankhyalehre, wie das Wesentliche des Yoga. Denn was eigentlich liegt hinter all dem, was wir da noch von der
Bhagavad Gita kennen lernen werden? Da liegt die Verkündigung des Krishna etwa so: Ja, es gibt ein schöpferisches Weltenwort, welches das schöpferische Prinzip selber enthält. Wie der Laut des Menschen, wenn er spricht, die Luft durch­wogt und durchwebt und durchlebt, so durchwogt und durchwebt und durchlebt es alle Dinge und schuf und ordnete das Sein. So weht das Vedenprinzip in allen Dingen. So kann es aufgenommen werden von menschlicher Erkenntnis im menschlichen Seelenleben. Es gibt ein waltendes, webendes Schöpfungswort, es gibt eine Wie­dergabe des waltenden, webenden Schöpfungswortes in den vedi­schen Urkunden. Das Wort ist das Schöpferische der Welt; in den Veden offenbart es sich. Das ist der eine Teil der Krishnalehre.
Und die menschliche Seele ist in der Lage, zu verstehen, wie das Wort sich auslebt in den Formen des Seins. Es lernt die menschliche Erkenntnis die Gesetze des Seins kennen, indem diese menschliche Erkenntnis begreift, wie die einzelnen Formen des Seins gesetzmäßig ausdrücken das Geistig-Seelische. Die Lehre von den Formen der Welt, von den gesetzmäßigen Gestaltungen des Seins, vom Welten-gesetz und seiner Wirkungsweise, das ist die Sankhyaphilosophie, die andere Seite der Krishnalehre. Und ebenso wie Krishna seinem Schüler klar macht, daß hinter allem Sein das schöpferische Welten-wort ist, so macht er ihm klar, daß die menschliche Erkenntnis die einzelnen Formen erkennen kann, also die Weitgesetze in sich aufnehmen
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kann. Weitenwort, Weltengesetz, in den Veden wieder­gegeben, im Sankhya: das offenbart Krishna seinem Schüler.
Und auch über den Weg spricht er ihm, der den einzelnen Schüler hinaufführt in die Höhe, wo er wiederum teilhaftig werden kann der Erkenntnis des Weltenwortes. Auch vom Yoga spricht also Krishna. Dreifach ist die Lehre des Krishna: sie ist die Lehre vom
Wort, vom Gesetz, von der andächtigen Hingabe an den Geist.
Wort, Gesetz und Andacht, das sind die drei Ströme, durch die die Seele ihre Entwickelung durchmachen kann. Diese drei Ströme, sie werden immerdar auf die menschliche Seele in irgendeiner Weise wirken. Haben wir doch eben gesehen, wie die neuere Geisteswissen­schaft suchen muß in neu geprägter Weise diese drei Ströme. Aber die Zeitalter sind verschieden und in der verschiedensten Weise wird das, was also die dreigestaltige Weltenfassung ist, an die Menschen-seele herangebracht. Der Krishna spricht vom Weitenwort, von dem Schöpfungswort, von der Gestaltung des Seins, von der andächtigen Vertiefung der Seele, von Yoga.
In anderer Form tritt uns dieselbe Dreiheit wieder entgegen, nur in einer konkreteren, in einer lebendigeren Weise, in einem Wesen selber, das über die Erde wandelnd gedacht wird, verkörpernd das göttliche Schöpfungswort. Die Veden: abstrakt herangekommen an die Menschheit. Der göttliche Logos, von dem uns das Johannes­evangelium spricht: lebendig und das schöpferische Wort selber! Und das, was uns in der Sankhyaphilosophie als die gesetzmäßige Erfassung der Weltenformen entgegentritt: ins Historische umge­setzt in der althebräischen Offenbarung ist es das, was
Paulus das Gesetz nennt. Und als Glaube an den auferstandenen Christus tritt uns das Dritte bei Paulus entgegen. Was bei Krishna der Yoga ist, ist bei Paulus, nur ins Konkrete übertragen, der Glaube, der an die Stelle des Gesetzes treten soll.
So ist wie die Morgenröte dessen, was später als Sonne aufging, die Dreiheit:
Veda, Sankhya und Yoga. Veda taucht wiederum auf in dem unmittelbaren Wesen des Christus selber, jetzt konkret lebendig
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eintretend in die geschichtliche Entwickelung, nicht abstrakt sich ergießend in die Raumes- und Zeitenweiten, sondern als einzelne Individualität, als das lebendige Wort. Das Gesetz tritt uns auf in der Sankhyaphilosophie in demjenigen, was uns zeigt, wie die ma­terielle Basis, das Prakritische, sich ausgestaltet, bis herunter zum groben Stoffe. Das ,Gesetz offenbart, wie die Welt geworden ist und wie die einzelnen Menschen sich innerhalb dieser Welt ausgestalten. Das kommt zum Ausdruck, in der althebräischen Gesetzeskunde, in all dem, was der Mosaismus ist. Insofern Paulus auf der einen Seite hinweist auf dieses Gesetz des hebräischen Altertums, weist er hin auf Sankhyaphilosophie; insofern er hinweist auf den Glauben an den Auferstandenen, zeigt er die Sonne dessen, wofür die Morgen­röte in dem Yoga erschienen ist.
So ersteht in eigenartiger Weise das, was in den ersten Elementen uns entgegentritt als Veda, Sankhya und Yoga. Was als
Veda uns entgegentritt, das erscheint in einer neuen, aber jetzt konkreten Gestalt als das lebendige Wort, aus dem alles geschaffen ist und ohne das nichts geschaffen ist von dem, was geworden ist, und das doch im Laufe der Zeit Fleisch geworden ist. Sankhya erscheint als die historische Darstellung, als die gesetzmäßige Darstellung dessen, wie aus der Welt der Elohim die Erscheinungswelt geworden ist, die Weit der groben Stofflichkeit. Der Yoga verwandelt sich in das, was bei Paulus zu dem Wort: «Nicht ich, sondern der Christus in mir» geworden ist; das heißt, daß, wenn die Christuskraft die Seele durchdringt und aufnimmt, der Mensch zu der Höhe der Gottheit aufsteigt.
So sehen wir, wie doch der einheitliche Plan in der Weltgeschichte vorhanden ist, wie vorbereitend das Orientalische dasteht, wie es gleichsam in abstrakteren Formen das gibt, was in konkreteren For­men uns im paulinischen Christentum so merkwürdig entgegentritt. Wir werden sehen, daß gerade durch die Erfassung des Zusammen­hanges der großen Dichtung der Bhagavad Gita mit den Paulini­schen Briefen sich uns die allertiefsten Geheimnisse dessen enthüllen
#SE142-028
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werden, was man nennen kann das Walten der Geistigkeit in der gesamten Erziehung des menschlichen Geschlechtes. Weil man ein solches Neue in der neuen Zeit fühlen muß, mußte diese neuere Zeit hinausgehen über das bloße Griechentum und Verständnis ent­wickeln für das, was hinter dem ersten vorchristlichen Jahrtausend liegt, was uns da entgegentritt als Veda, Sankhya und Yoga. Und so wie
Raffael in der Kunst, Thomas von Aquino in der Philosophie zum Griechentum sich zurückwenden mußten, so werden wir sehen, wie in unserer Zeit ein bewußter Ausgleich entstehen muß zwischen dem, was die Gegenwart erreichen will und dem, was weiter zurück­liegt als das Griechentum, was hineinreicht in die Tiefen des orien­talischen Altertums. Wir können diese Tiefen des orientalischen Altertums durchaus an unsere Seele heranrücken lassen, wenn wir jene verschiedenen Geistesströmungen in der wunderbar harmo­nischen Einheit betrachten, in der sie uns entgegentreten, in der, wie Humboldt sagt, größten philosophischen Dichtung, in der Bhagavad Gita.

5.970 parole

HINWEISE

Vor Mitgliedern - GA 142 Die Bhagavad Gita und die Paulusbriefe

#G142-1960-SE133 - Die Bhagavad Gita und die Paulusbriefe
#TI
HINWEISE
#TX
Zu Seite

10 in meinem Basler und Münchener Vortragszyklus:
«
Das Markus-Evangelium», Basel 1912. Rudolf Steiner Gesamtausgabe 1960

Lebensdunkel», München 1912. Rudolf Steiner Gesamtausgabe 1959

12

13 den schönen Ausspruch:
Wilhelm von Humboldt, Brief an Schlegel vom
21. Juni 1823 und Brief an Gentz vom 1. März 1828

14 Kapiln: Begründer des Sankhya-Systems, der zwischen 800 und 550 vor Christus gelebt haben soll
Patanjali: lebte wahrscheinlich im 2. Jahrhundert vor Christus

22 in meiner

23 Veden-Zitat: Rigveda X, 129. Das bekannte Schöpfungslied


19121224

DIE GEBURT DES ERDENLICHTES AUS DER FINSTERNIS DER WEIHENACHT Berlin, 24. Dezember 1912

Vor Mitgliedern - GA 143 Erfahrungen des Übersinnlichen

#G143-1970-SE215 - Erfahrungen des Übersinnlichen - Die Wege der Seele zu Christus
#TI
DIE GEBURT DES ERDENLICHTES
AUS DER FINSTERNIS DER WEIHENACHT
Berlin, 24. Dezember 1912
#TX
20111224 16:56

Schön ist es, meine lieben Freunde, daß die Verhältnisse es gestatten, daß wir uns heute Abend an diesem Festtage hier vereinigen können. Es gibt ja unter uns viele Freunde, welche an diesem Tage in einer ge­wissen Beziehung allein stehen, während selbstverständlich die weit­aus größte Zahl das Fest der Liebe und des Friedens draußen im Kreise derjenigen zu feiern hat, mit denen sie sonst in der Welt verbunden sind. Doch ist es ja so selbstverständlich, daß auch wir anderen, die wir in einer solchen Weise nicht da oder dorthin gebunden sind, gerade durch die Geistesströmung, innerhalb welcher wir stehen, am aller­wenigsten ausgeschlossen sind von der Teilnahme an dem Fest der Liebe und des Friedens. Was sollte denn auch in einem schöneren Sinne geeignet sein, uns am heutigen Abend zu vereinigen in der Atmo­sphäre, in der geistigen Luft von gegenseitiger Liebe und von unsere Herzen durchziehendem Frieden, als eine der Erforschung des Gei­stigen dienende Bewegung? Und auch insofern dürfen wir es als ein gutes Geschick bezeichnen, daß wir gerade in diesem Jahre an diesem Abend vereinigt sein können und dieses Fest durch eine kleine Betrach­tung unseren Herzen naheführen können, aus dem Grunde dürfen wir es noch, da wir in diesem Jahre selber vor der Geburt desjenigen stehen, das uns, wenn wir es in der richtigen Weise verstehen, gar sehr am Herzen liegen muß: vor der Geburt unserer Anthroposophischen Ge­sellschaft. Wenn wir das große Ideal, das wir durch die Anthroposo­phische Gesellschaft zum Ausdruck bringen wollen, in der richtigen Weise gelebt haben, und wenn wir geneigt sind, unsere Kräfte in der entsprechenden Weise für dieses große Ideal der Menschheit einzu­setzen, so muß es uns nahe liegen, von diesem unserem geistigen Lichte oder Lichtesmittel die Gedanken schweifen zu lassen zu dem Aufgange des großen Lichtes der Menschheitsevolution auf der Erde, der durch diese Nacht der Liebe und des Friedens gefeiert wird, in welcher wir ja wirklich dasjenige, geistig oder seelisch, vor uns haben, was man
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17:44
nennen kann die Geburt des Erdenlichtes, des Lichtes, das aus der Finsternis der Weihenacht herausgeboren werden soll, das aber leuch­ten soll den Menschenseelen und den Menschenherzen für alles, was diese Menschenseelen und Menschenherzen nötig haben, um den Weg zu den geistigen Höhen hinauf zu finden, die durch die Erdenmission erstiegen werden sollen.
Wenn wir uns ins Herz hineinschreiben wollen, was wir in dieser Weihenacht empfinden können, was ist es denn eigentlich?
Es sollte sich in dieser Weihenacht in unsere Seele gießen die mensch­liche Grundempfindung von Liebe, die Grundempfindung davon, daß gegenüber allen anderen Kräften und Mächten und Gütern der Welt das Gut und die Kraft und die Macht der Liebe das Größte, das Inten­sivste, das Wirksamste ist. Ins Herz, in die Seele sollte sich die Empfin­dung davon ergießen, daß Weisheit etwas Großes ist - etwas Größeres noch die Liebe; daß Macht etwas Großes ist - etwas Größeres noch die Liebe. Aber so stark sollte sich die Empfindung von der Macht und der Kraft und der Stärke der Liebe in unsere Herzen gießen, daß von dieser Weihenacht etwas überströmen könnte in alle unsere Empfin­dungen des übrigen Jahres, so etwas überströmen, von dem wir sagen können, daß es etwa das ausdrückte, was wir immer fühlen: Wir müs­sen uns eigentlich schämen, wenn wir in irgendeiner Stunde des Jahres etwas tun, was nicht bestehen kann vor dem geistigen Hinblicke zu jener Nacht, in welcher wir die Allkraft der Liebe in unsere Herzen gießen wollen. Möchten die Tage, möchten die Stunden des Jahres so verlaufen können, daß wir uns nicht zu schämen brauchen vor der Empfindung, die wir in der Weihenacht in unsere Seelen hineingie­ßen wollen!
Wenn wir so empfinden und fühlen können, dann fühlen wir mit allen den Wesen, welche der Menschheit die Bedeutung der Weihenacht nahebringen wollten, die Bedeutung der Beziehung der Weihenacht zu dem ganzen Christus-Impuls innerhalb der Erdenevolution.
Vor uns steht ja dieser Christus-Impuls, man kann sagen, in drei­facher Gestalt. Und bedeutungsvoll kann an dem Fest des Christus heute in dreifacher Gestalt der Christus-Impuls vor uns stehen. Die eine Gestalt gibt uns der Hinblick auf das Matthäus-Evangelium. Die
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17:49
Wesenheit, die geboren wird, oder deren Geburt wir in dieser Weihe-nacht feiern, sie tritt in die Menschheitsentwickelung so hinein, daß drei Spitzen der Menschheit,
drei Vertreter der hohen Magie herbei-kommen, um dem königlichen Wesen zu huldigen, das in die Mensch­heitsentwickelung eintritt. «Könige» im geistigen Sinne des Wortes, magische Könige kommen, dem großen Geistkönige zu huldigen, der da erscheint in der Gestalt, die er erlangen konnte dadurch, daß ein so hohes Wesen, wie es einst der Zarathustra war, seine Entwickelungsstadien durchmachte, um zu der Höhe jenes Geisteskönigs zu gelangen, dem die magischen Könige huldigen wollten. Und so steht der Geistkö­nig des Matthäus-Evangeliums vor unserem geistigen Blicke, daß er in die Menschheitsentwickelung hereinbringt einen unendlichen Quell der Güte und einen unendlichen Quell mächtiger Liebe, jener Güte und je­ner Liebe, vor der menschliche Bosheit sich zum Kampfe aufgerufen fühlt. Daher sehen wir in zweiter Weise den Geistkönig so in die Mensch­heitsentwickelung hereintreten, daß dasjenige, was die Feindschaft ge­genüber dem Geisteskönig sein muß, sich aufgerufen fühlt in der Ge­stalt des Herodes, und daß der Geistkönig fliehen muß vor dem, was Feind ist der Geisteskönigschaft. So steht er vor unserem geisti­gen Blicke in majestätischer, magischer Glorie. Und vor unserer Seele taucht das wunderbare Bild des Geisteskönigs auf, des wiederver­körperten Zarathustra, der edelsten Blüte der Menschheitsentwicke­lung - wie sie durchgegangen ist von Inkarnation zu Inkarnation auf dem physischen Plan und die Weisheit eine Vollendung hat erreichen lassen -, umgeben von den drei magischen Geistkönigen, selber Blüten und Spitzen der Menschheitsentwickelung.
Noch in anderer Gestalt kann der Christus-Impuls vor unsere Seele treten: wie er uns im
Markus-Evangelium, im Johannes-Evangelium erscheint, wo wir gleichsam hingeführt werden zu dem kosmischen Christus-Impuls, der ausdrückt, wie der Mensch seinen ewigen Zu­sammenhang mit den großen kosmischen Kräften dadurch hat, daß wir durch das Verständnis des kosmischen Christus gewahr werden, wie in die Erdenentwickelung selber ein kosmischer Impuls durch das Mysterium von Golgatha hereingenommen wird. Noch als etwas un­endlich Größeres und Gewaltigeres als der Geistkönig, der von den
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17:51
Magiern umgeben vor unserem geistigen Auge steht, tritt vor uns hin die mächtige kosmische Wesenheit, welche Besitz ergreifen will von dem Träger jenes Menschen, der da ist der Geisteskönig, die Blüte und Spitze der Erdentwickelung selber. Es ist im Grunde genommen nur der heutigen Menschen Kurzsichtigkeit, wenn nicht die ganze Größe und Macht des Einschnittes gefühlt wird, der in der Menschheitsent­wickelung dadurch gegeben war, daß der Zarathustra zum Träger des kosmischen Christus-Geistes wurde, wenn nicht gefühlt wird die ganze Bedeutung desjenigen, was als «
Christus-Träger» in jenem Momente der Menschheitsentwickelung vorbereitet wurde, den wir durch die christliche Weihenacht feiern. Ein etwas tieferes Hineingehen in die Menschheitsentwickelung zeigt uns überall, wie tief einschneidend in die ganze Erdevolution das Christus-Ereignis ist. Fühlen wir es durch eine einschlägige Betrachtung an diesem Abend, damit von dieser Be­trachtung etwas ausstrahlen kann in unsere übrige anthroposophische Vertiefung und Versenkung.
Vieles könnte dazu angeführt werden. Es könnte gezeigt werden, wie vor die Menschheit hintrat in Zeiten, die dem Spirituellen noch näher standen, ein ganz neuer Geist gegenüber dem, der in der vor-christlichen Zeit in der Erdenentwickelung gewaltet und gewirkt hat. Eine Gestalt wurde zum Beispiel geschaffen, eine Gestalt, die aber ge­lebt hat, und die uns ausdrückt, wie es auf eine Seele der ersten christ­lichen Jahrhunderte gewirkt hat, wenn diese Seele sich erst noch ganz hineingestellt empfand in die alten heidnischen Geisteserkenntnisse, und dann empfand, wie sich alles in der Seele änderte, wenn sie mit den alten heidnischen Geisteserkenntnissen unbefangen und vorurteilsfrei sich dem Christus-Impuls entgegenstellte. - Wir verstehen heute im­mer mehr und mehr eine solche Gestalt wie
die des Faust. Wir fühlen in dieser Gestalt, die ein neuerer Dichter, Goethe, sozusagen wieder-erweckt hat, das Höchste von menschlichem Streben ausgedrückt, empfinden aber auch, wie die Möglichkeit tiefster Schuld in ihr aus­gedrückt werden soll. Aber wenn man von allem absieht, was neuere dichterische Kraft an Künstlerischem geben kann, so kann man sa­gen: Tiefes und Bedeutungsvolles, das in einer Seele lebte, kann man Fühlen, wenn man zum Beispiel sich vertieft in die Dichtung der griechischen
#SE143-219
18:17
Kaiserin Eudokia, die eine Wiederbelebung der alten Legende von Cyprianus geschaffen hat, welche einen Menschen schildert, der ganz in der alten heidnischen Götterwelt lebte und in sie verstrickt werden konnte, einen Menschen, der noch nach dem Mysterium von Golgatha ganz den alten heidnischen Geheimnissen, Kräften und Mäch­ten hingegeben war. Schön ist jene Szene, in der geschildert wird, wie
Cyprianus die Justina kennenlernt, die schon von dem Christus-Im­puls berührt ist, die hingegeben ist jenen Mächten, die durch das Chri­stentum dargestellt werden. Die Versuchung tritt an ihn heran, sie von ihrem Wege abzubringen, die Versuchung, sich zu diesem Zwecke der alten heidnischen Zaubermittel zu bedienen. Alles, was zwischen Faust und Gretchen spielt, spielt in dieser Atmosphäre des Kampfes alter heidnischer Impulse gegen den Christus-Impuls. Es nimmt sich, wenn wir von dem Spirituellen absehen, grandios noch aus in der Erzählung von dem alten Cyprianus und in der Versuchung, der er ausgesetzt war gegenüber der Christin Justina. Und wenn die Dichtung der Eudokia auch nicht besonders gut ist, so muß man doch sagen: Da steht das Erschütternde des Zusammenpralles der alten vorchristlichen Welt mit der christlichen Welt; da steht in Cyprianus ein Mensch, der sich noch fernstehend dem Christentum fühlt, der sich noch ganz hinge­geben fühlt den alten heidnischen Götterkräften: es ist eine gewisse Ge­walt in der Schilderung. Einige Stellen nur seien heute vorgeführt, wie Cyprianus sich fühlt gegenüber den Zauberkräften der vorchristlichen Geistesmächte. So hören wir von ihm in der Dichtung der Eudokia:

Bekenner Christi, die ihr treu und warm
Im Herzen hegt den viel gepries' nen Heiland,
Seht meiner Tränen frischen Strom, und dann
Vernehmet, aus welchem Quell mein Kummer stammt.
Und ihr, die noch der finstre Wahn umstrickt
Der Götzenbilder, merkt auf das, was ich
Von ihrem Lug und Trug erzählen werde.
Denn nimmer hat ein Mensch gelebt, der so wie
Ich den falschen Göttern war ergeben
Und der Dämonen Art so gründlich kannte.
#SE143-220
10:47
Ja, Cyprianus bin ich, den als Kind
Die Eltern dem Apollo dargebracht.
Es war des zarten Säuglings Wiegenlied
Gelärm der Orgien, wenn man das Fest
Des grausen Drachen feiert'. Siebenjährig
Ward ich geweiht dem Sonnengotte Mithras.
Ich wohnt' in der erhab'nen Stadt Athen
Und ward ihr Bürger auch. Denn so gefiel's
Den Eltern. Als ich zehn der Jahre zählte,
Hab ich Demeters Fackeln angezündet
Und mich versenkt in Koras Trauerklage.
Ich hegt' der Pallas Schlange auf der Burg
Als Tempelknabe.

Dann zum Waldgebirg
Olympos stieg ich auf, wo Toren sich
Den lichten Wohnsitz sel'ger Götter denken.
Die Horen sah ich und den Schwarm der Winde,
Der Tage Chor, die phantasiebeflügelt
Mit Gaukelbildern durch das Leben ziehn.
Ich sah Gewühl von Geistern kampfentbrannt,
Und Hinterhalte voller List; von Spott
Und Lachen berstend die, und jene ganz
Von Schreck erstarrt. Die Reihen sah ich all'
Der Göttinnen und Götter. Denn wohl vierzig
Und noch mehr Tage hab ich dort verweilt.
Es war mein Mahl, wenn Helios niedersank,
Der dichtbelaubten Wipfel Frucht. Wie
Als wären sie aus hoher Königsburg
Entsandt, durchziehn die Luft die Geisterboten,
Um dann zur Welt hinab zu steigen, wo
Die Menschheit sie mit tausend Übeln plagen.
Ich zählte
fünfzehn Jahr' und kannte schon
Die Wirkenskraft der Götter und der Geister,
Denn mich belehrten sieben Oberpriester.
#SE143-221
18:37 10:50
Der Eltern Wille war's daß ich gewönne
Vor allem Wissenschaft, was ist auf Erden,
Im Reich der Lüfte und im tiefen Meer.
Ich hab' durchforscht, was in der Menschenbrust
Verderben brütet, was im Kraute gärt,
Im Saft der Blume, was um müde Leiber
Als Siechtum schleicht, und was die bunte Schlange,
Der Fürst der Welt voll arger List erschafft,
Um Gottes ew'gen Ratschluß zu bestreiten.

Ins schöne Land von Argos zog ich hin,
Das rossenährende. Das Fest der Eos,
Der weißgewand'gen Gattin des Tithonos,
Beging man grad, und dort ward ich ihr Priester.
Ich lernte kennen, was geschwisterlich
Die Luft und dieses Poles Rund durchzieht,
Was Wasser macht der Ackerflur verwandt,
Und was den Himmel trübt als Regenschauer.

So hatte
Cyprianus alles kennengelernt, was man kennenlernen konnte, wenn man sozusagen eingeweiht wurde in die vorchristlichen Myste­rien. Oh, er schildert sie genau, diese Mächte, zu denen diejenigen auf-blicken konnten, die mit den alten Einweihungsurkunden nur betraut waren in der Zeit, als diese alten Urkunden nicht mehr galten; er schildert sie hinreißend in ihrer nicht mehr in die Zeit hineingehören­den Furchtbarkeit.

Ich sah den Dämon selbst von Angesicht,
Nachdem ich ihn mit Opfern mir gewonnen;
Ich sprach zu ihm, und er erwidert' mir
Mit Schmeichelworten. Meine Jugendschöne
Und mein Geschick zu seinen Werken rühmend,
Verhieß er mir die Herrschaft dieser Welt
Und gab mir Macht, den Geistern zu gebieten.
Er grüßte mich mit meinem Namen, als
#SE143-222
18:39 10:51
Ich schied, und staunend sahn es seine Großen.
Sein Antlitz gleicht der Blume reinen Goldes;
Er trägt ein Diadem von Funkelsteinen
Und flammendes Gewand. Die Erde bebt,
Wenn er sich rührt. In dichten Reih'n umstehn
Speerträger seinen Thron, den Blick gesenkt.
So dünkt er sich ein Gott, so äfft er nach
Des Ew'gen Werke, den er frech bestreitet.
Doch machtlos schafft er nicht'ge Schemen nur;
Denn der Dämonen Wesenheit ist Schein.

Und wie die Versuchung ihm naht, wie das alles auf ihn wirkt, bevor er kennenlernt den Christus-Impuls, auch das wird uns geschildert.

Ich zog vom Land der Perser fort und kam
Nach Antiochia, der großen Stadt
Der Syrer; hier verübt' ich Wunders viel
Von Zauberei und höllischer Magie
Ein Jüngling sucht mich auf, Aglaidas,
Von Lieb' entbrannt, und mit ihm viel Gefährten.
Ein Mädchen war's,
Justina ist ihr Name,
Für das er glüht', und meine Knie umschlingend
Beschwor er mich, in seine Arme sie
Durch Zauberkunst zu ziehn. Und da zuerst
Ward mir des Dämons Ohnmacht offenbar.
Denn so viel Geisterscharen er beherrscht,
So viel entsandt er wider jene Jungfrau,
Und alle kehrten sie beschämt zurück.
Auch mich, Aglaidas' Beförd'rer, machte
Justinas fromme Glaubenskraft zu Schanden;
Sie zeigte mir, wie eitel meine Kunst.
Manch schlummerlose Nacht durchwacht' ich da
Und quälte mich mit Zaubereien ab.
Zehn Wochen lang bestürmt' der Fürst der Geister
Das Herz der Jungfrau. Eros hatte, ach!
#SE143-223
18:56 10:53
Nicht den Aglaidas allein verwundet,
Auch mich ergriff der Liebe Raserei.

Und aus dieser Verwirrung, in die ihn die alte Welt gebracht hatte, wird
Cyprianus geheilt durch den Christus-Impuls - es ist etwas wie eine Abschattung, nur in eine größere dichterische Gewalt getaucht, was wir dann in der Faust-Dichtung vor uns haben -, indem er den alten Zauber von sich wirft, um den Christus-Impuls in seiner ganzen Größe zu verstehen. - An einer solchen Gestalt zeigt sich uns so recht, wie in den ersten christlichen Jahrhunderten gefühlt wurde, was wir uns in zweifacher Gestalt, manches wiederholend, jetzt vor die Seele geführt haben.
Eine dritte Gestalt, gleichsam ein dritter Aspekt des Christus-Impulses ist der, welcher uns so recht zeigen kann, wie wir durch das, was wir im ganzen Sinne des Wortes «Theosophie» nennen kön­nen, uns verbunden fühlen können mit allem, was menschlich ist. Das ist jener Aspekt, den in einzigartiger Weise das Lukas-Evangelium schildert, und der fortgewirkt hat in der Darstellung des Christus-Impulses, wie er vorbereitet wird durch
das «Kind». In jener Liebe und Einfalt und zugleich Ohnmacht, wie uns das Kind Jesus im Lukas-Evangelium entgegentritt, war der Christus-Impuls geeignet, hinge-stellt zu werden vor alle Herzen. Alle konnten sich verwandt fühlen mit dem, was so einfach, so eben als Kind kindlich und doch so groß und gewaltig zu den Menschen sprach aus dem Kinde des Lukas-Evangeliums, das nicht dargestellt wird den magischen Königen, das dargestellt wird den armen Hirten des Feldes. Jenes Wesen des Mat­thäus-Evangeliums steht an der Spitze des Menschheitswerdens, und huldigend kommen geistige Könige, magische Könige. Das Kind des Lukas-Evangeliums steht in Einfachheit da, ausgeschlossen von der Menschheitsentwickelung, als Kind zunächst, von keinen Großen emp­fangen, aber empfangen von den Hirten des Feldes. Nicht so steht es drinnen im Menschheitswerden, das Kind des Lukas-Evangeliums, daß wir etwa im Lukas-Evangelium gleichsam selber darauf aufmerksam gemacht würden, wie die Bosheit der Welt sich aufgerufen fühlt gegen seine königliche Geistesmacht. Nein. Das aber tritt uns klar entgegen -
#SE143-224
18:58 12:05
wenn auch nicht gleich des
Herodes Gewalt und Bosheit uns entgegen­tritt -, daß das, was in diesem Kinde gegeben ist, so groß, so edel, so bedeutend ist, daß die Menschheit selber es nicht in ihre Reihen auf­nehmen kann, daß es arm und verlassen von der Menschheitsentwicke­lung, wie in die Ecke geworfen erscheint und dadurch auf eine merk­würdige Weise seinen außermenschlichen, seinen göttlichen oder, was dasselbe ist, seinen kosmischen Ursprung uns zeigt. Und wie war dann dieses Lukas-Evangelium inspirierend für alle die, welche in zahlrei­chen künstlerischen und anderen Darstellungen Szenen, die eben durch das Lukas-Evangelium angeregt waren, immer wieder und wieder ge­geben haben! Fühlen wir nicht gegenüber den anderen künstlerischen Darstellungen, daß jene künstlerischen Darstellungen, die Jahrhun­derte hindurch durch das Lukas-Evangelium angeregt waren, uns den Jesus darstellen als ein Wesen, mit dem jeder Mensch, selbst der ein­fachste, sich verwandt fühlen könnte? Der einfachste Mensch lernte durch das, was durch den Lukas-Jesus-Knaben fortwirkte, das ganze Ereignis von Palästina wie ein Familienereignis fühlen, das ihn sel­ber anging wie das Ereignis eines unmittelbar nahen Verwandten. Kein Evangelium hat so fortgewirkt wie das Lukas-Evangelium in sei­ner holdseligen Stimmung und Strömung, indem es der Menschenseele die Jesus-Wesenheit intim gemacht hat. Und doch, alles ist drinnen in dieser kindlichen Darstellung, alles, was drinnen sein soll in einem gewissen Aspekt des Christus-Impulses: daß das Höchste in der Welt, in der ganzen Welt, die Liebe ist; daß die Weisheit Großes ist, erstre­benswert ist, daß ohne Weisheit die Wesen nicht bestehen können, daß die Liebe aber etwas Größeres ist; daß die Macht und die Kraft, durch welche die Welt gezimmert ist, etwas Großes ist, ohne das die Welt nicht bestehen kann, daß die Liebe aber etwas Größeres ist. Derjenige fühlt nur den Christus-Impuls richtig, der auch das Höhere der Liebe gegenüber der Macht und der Stärke und der Weisheit fühlen kann. Weisheit müssen wir erstreben, vor allem als menschliche Geistindi­vidualitäten, denn Weisheit gehört zu den göttlichen Impulsen der Welt. Und daß wir Weisheit erstreben müssen, daß Weisheit das hei­lige Gut sein muß, das uns vorwärtsbringt, das sollte ja gerade in der ersten Szene der «Prüfung der Seele» dargestellt werden: daß wir die
#SE143-225
19:01 12:07
Weisheit nicht versiegen lassen dürfen, daß wir sie pflegen müssen, um auf der Leiter der Menschheitsentwickelung durch die Weisheit aufzusteigen. Aber überall, wo Weisheit ist, da ist ein Zweifaches:
Weisheit der Götter, Weisheit der luziferischen Gewalten. Nahe kommt das Wesen, das nach Weisheit strebt, unter allen Bedingungen auch den Gegnern der Götter, der Schar des Lichtträgers, der Schar des Luzifer. Daher gibt es keine göttliche Allweisheit, weil der Weisheit immer gegenübersteht ein Opponent: der Luzifer.
Und
die Macht und die Kraft! Durch die Weisheit wird die Welt begriffen, durch die Weisheit wird sie erschaut, wird sie erleuchtet; durch die Macht und die Kraft wird die Welt gezimmert. Alles, was zustande kommt, es kommt zustande durch die Macht und die Kraft, welche in den Wesen ist, und wir würden uns ausschließen von der Welt, wenn wir nicht unseren Anteil suchten an der Macht und der Kraft der Welt. Wir sehen diese Macht und Kraft der Welt, wenn der Blitz durch die Wolken zuckt, wir nehmen sie wahr, wenn der Donner rollt, wenn der Regen sich aus den Himmelsräumen herunterergießt auf die Erde, um sie zu befruchten, oder wenn die Sonnenstrahlen nie­derschießen, um die in der Erde schlummernden Pflanzenkeime her­vorzuzaubern. In den Naturkräften, die auf die Erde niederwirken, sehen wir diese Macht und Kraft heilbringend als Sonnenschein, als Regen- und Wolkenkräfte; aber auf der anderen Seite sehen wir diese Macht und Kraft zum Beispiel in den Vulkanen, wie gegen die Erde selbst sich erhebend: Himmelskraft gegen Himmelskraft. Und wir schauen hinein in diese Welt, und wir wissen: Wenn wir selber Wesen des Weltalls sein wollen, so muß etwas von ihnen auch in uns wirken, wir müssen unseren Anteil an der Macht und der Kraft haben. Da­durch stehen wir in der Welt drinnen: die göttlichen und die ahrimani­schen Gewalten durchleben und durchzucken uns. Die Allmacht ist nicht allmächtig, denn immer hat sie ihren Gegner Ahriman gegen sich.
Zwischen ihnen - zwischen der Macht und der Weisheit - steht die Liebe, und wir fühlen, wenn sie richtige Liebe ist, daß sie einzig und allein göttlich ist. Von Allmacht, Allstärke können wir reden wie von einem Ideal; aber ihr steht gegenüber
Ahriman. Von Allweisheit kann man sprechen wie von einem Ideal; aber ihr gegenüber steht die Kraft
#SE143-226
13:03
des
Luzifer. «All-Liebe» zu sagen, erscheint absurd, denn sie ist keiner Steigerung fähig, wenn wir sie richtig üben. Weisheit kann klein sein -sie kann vergrößert werden; Macht kann klein sein - sie kann ver­größert werden. Daher kann als Ideal gelten Allweisheit und Allmacht. Weltenliebe - wir fühlen, daß der Begriff der All-Liebe von ihr ausge­schlossen sein muß; denn Liebe ist etwas Einziges.
Geradeso wie im
Lukas-Evangelium das Jesus-Kind vor uns hinge-stellt wird, so erscheint es uns als die Personifikation der Liebe; aber es erscheint uns als Personifikation der Liebe zwischen der Weisheit oder Allweisheit und Allmacht. Und im Grunde genommen erscheint es uns so, weil es eben Kind ist. Die Steigerung liegt nur darin, daß das Kind zu allem, was das Kind sonst hat, noch die Eigenschaft der Ver­lassenheit, des Hinausgeworfenseins in eine Menschheitsecke hat. Den Wunderbau des Menschen, wir sehen ihn schon im kindlichen Orga­nismus veranlagt. Wo wir im weiten Weltenall das Auge hinwenden, es gibt nichts, das so sehr nur durch Weisheit zustande kommt wie dieser Wunderbau, der uns, noch dazu unverdorben, im kindlichen Organismus vor Augen tritt. Und so, wie im Kinde erscheint, was Allweisheit im physischen Leibe ist, so erscheint sie dann auch an sei­nem Ätherleibe, wo die Weisheit von kosmischen Mächten sich aus­drückt, so im Astralleibe, und so im Ich. Wie ein Extrakt der Weisheit, so liegt das Kind da. Und wenn es gleichsam in eine Ecke geworfen ist, wie das Kind Jesus, dann fühlen wir: Abgesondert liegt ein Bild von Vollkommenheit da: die konzentrierte Weltenweisheit.
Aber auch
die Allmacht erscheint uns personifiziert, wenn das Kind so daliegt, wie es uns im Lukas-Evangelium geschildert wird. Wie es mit der Allmacht im Verhältnisse zu dem Kindesleib und dem Kindeswesen beschaffen ist, das fühlt der, der die ganze Kraft dessen in seiner Seele sich vergegenwärtigt, was göttliche Mächte und Natur­kräfte vollbringen können. Man vergegenwärtige sich die Gewalt der Naturmächte und -kräfte nahe der Erde, wenn die Wetter walten; man vergegenwärtige sich die Naturmächte, die drunten in der Erde walten, stürmisch und bewegt; man denke sich das ganze Brodeln der Weltenmächte und Weltenkräfte, alles dessen, was von den guten Mächten und den ahrimanischen Mächten zusammenstürmt; man
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denke sich, wie es wütet und wühlt. Und nun denke man sich, daß alles, was so durcheinanderstürmt, von einem kleinen Plätzchen der Welt hinweggeschoben wird, damit an diesem kleinen Plätzchen der Wun­derbau des Kinderkörpers liegen kann, um einen kleinen Körper aus­zusondern: denn geschützt muß der Kindeskörper sein; wäre er nur einen Augenblick der Gewalt der Naturmächte ausgesetzt, er würde hinweggefegt! Da fühlt man das Hineingestelltsein in die Allmacht. Und man fühlt jetzt, wie die Menschenseele empfinden kann, wenn sie unbefangen auf das hinschaut, was das Lukas-Evangelium also ausdrückt: Man gehe mit Weisheit heran an diese konzentrierte Weis­heit des Kindes, man gehe mit der größten Menschenweisheit an sie heran: Spott und Torheit ist diese Weisheit! Denn so groß kann sie doch nie sein, wie die aufgewendete Weisheit war, damit der Kindes-leib vor uns liegen kann. Die höchste Weisheit bleibt Torheit und muß scheu stehen vor diesem Kindesleib und verehren himmlische Weis­heit, aber sie weiß, daß sie an jene nicht herankommen kann: Spott nur ist diese Weisheit, zurückgestoßen muß sie sich fühlen in ihrer eigenen Torheit.
Nein, mit Weisheit kommen wir nicht an das heran, was uns als das Jesus-Wesen im Lukas-Evangelium hingestellt wird.
Kommen wir mit Macht heran?
Wir kommen nicht mit Macht heran. Denn Macht anzuwenden, hat nur einen Sinn, wo Gegenmacht sich geltend macht. Das Kind aber begegnet uns - ob wir viel, ob wir wenig Macht anwenden wol­len - mit seiner Ohnmacht und
spottet in seiner Ohnmacht unserer Macht! Denn es hätte keine Bedeutung, mit der Macht an das Kind heranzukommen, da es uns nichts als Ohnmacht entgegenstellt.
Das ist das Wunderbare, daß uns der Christus-Impuls, indem er uns in seiner Vorbereitung in dem Kind Jesus hingestellt wird, gerade in dieser Weise im Lukas-Evangelium entgegentritt, daß wir, und wären wir noch so weise, mit unserer Weisheit nicht herankommen können, mit unserer Macht ebensowenig herankommen können. Alles, was uns sonst mit der Welt verbindet, es kann nicht herankommen an das Kind Jesus, wie es im Lukas-Evangelium geschildert wird. Eines kann nur herankommen -
nicht Weisheit, nicht Macht: Liebe. Und diese in unbegrenzter
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Art dem kindlichen Wesen entgegenzubringen, das ist das einzig mögliche.
Die Macht der Liebe, und die alleinige Rechtfertigung und die alleinige Bedeutung der Liebe, das ist es, was wir so tief fühlen können, wenn wir das Lukas-Evangelium auf unsere Seele wirken lassen.
Wir leben in der Welt, und keiner darf der Impulse der Welt spot­ten. Es hieße seine Menschheit verleugnen und die Götter betrügen, wollte man nicht nach Weisheit streben. Jeder Tag und jede Stunde des Jahres ist gut angewendet, wo wir uns klar werden, daß es unsere Menschheitspflicht ist, nach Weisheit zu streben.
Jeder Tag und jede Stunde des Jahres zwingen uns aber auch, daß wir gewahr werden, wie wir in die Welt hineingestellt sind und ein Spiel der Kräfte und Mächte der Welt sind, der die Welt durchpulsenden Allmacht. Aber einen Augenblick gibt es, wo wir es vergessen dürfen und uns dessen erinnern, was das Lukas-Evangelium vor uns hinstellt: wo wir des Kindes ge­denken, das noch ohnmächtiger ist und noch weisheitsvoller als andere Menschenkinder, und dem gegenüber die höchste Liebe in ihrer Be­rechtigung sich darstellt, dem gegenüber die Weisheit stillestehen muß, dem gegenüber die Macht stillestehen muß.
So können wir so recht fühlen, welche Bedeutung es hat, daß gerade dieses von den
einfachen Hirten empfangene Christus-Kind als der dritte Aspekt des Christus-Impulses vor uns hingestellt wird: neben dem großen kosmischen Aspekt, neben dem geistköniglichen Aspekt der kindliche Aspekt. Der geistkönigliche Aspekt tritt an uns so her­an, daß wir an die höchste Weisheit erinnert werden, und daß das Ideal höchster Weisheit vor uns hingestellt wird. Der kosmische As­pekt tritt so vor uns hin, daß wir wissen, daß durch ihn die ganze Richtung der Erdenentwickelung neu gestaltet wird. Höchste Macht durch den kosmischen Impuls zeigt sich vor uns, höchste Macht so groß, daß sie selbst den Tod besiegt. Was als Drittes hinzukommen muß zu Weisheit und Macht und sich in unsere Seele senken muß als das über die beiden Hinausgehende, es wird uns als das dargestellt, von dem die Menschheitsentwickelung auf der Erde, auf dem physi­schen Plane ausgeht. Und das hat genügt, um der Menschheit durch die immer wiederkehrende Darstellung der Jesus-Geburt in der Weihenacht
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die ganze Bedeutung der Liebe in der Welt- und Menschheits­entwickelung nahezubringen. So ist es in der Weihenacht, daß vor uns hingestellt wird die Geburt des Jesus-Kindes, daß aber
geboren werden kann in jeder Weihenacht durch den Anblick dieser Geburt des Jesus-Kindes in unserer Seele das Verständnis echter, wahrer, alles übertö­nender Liebe. Und wenn in der rechten Weise in der Weihenacht Ver­ständnis der Empfindung der Liebe in unserer Seele erwacht, wenn wir diese Christus-Geburt feiern: das Erwachen der Liebe-, dann kann von jenem Augenblicke, den wir erleben, das ausstrahlen, was wir für die übrigen Tage und Stunden des Jahres brauchen, auf daß gesegnet und damit durchtränkt werde das, was wir an jedem Tage und in jeder Stunde des Jahres an Weisheit anstreben können.
In einer merkwürdigen Weise hat gerade durch diese Betonung des Liebe-Impulses das Christentum sich schon in der Römerzeit in die Menschheitsentwickelung hineingestellt: daß etwas gefunden werden kann in den Menschenseelen, wo sich die Seelen einander nahekommen, indem sie nicht berühren, was die Welt den Menschen gibt, sondern was die Menschenseelen durch sich selber haben. Man hatte immer das Bedürfnis, ein solches Nahekommen der Menschheit in Liebe zu haben. Aber als das Mysterium von Golgatha herankam, wozu war es da in der römischen Welt geworden? Zu den Saturnalien war es geworden
. In den Dezembertagen, vom siebzehnten ab, begannen die Saturnalien, wo die Rang- und Ständeunterschiede aufgehoben waren. Da stand nur der Mensch dem Menschen gegenüber, hoch und niedrig hörte auf, alles redete sich mit Du an. Was von der äußeren Welt kam, das war hinweggefegt. Aber zum Scherz und Spaß schenkte man dann auch den Kindern die «Saturnaliengeschenke», die dann später zu un­seren Weihnachtsgeschenken wurden. Daß man zum Scherz, zum Spaß, seine Zuflucht nehmen muß, wenn man über die sonst herrschenden Unterscheidungen hinauskommen will, dazu war das alte Römertum gekommen.
Mitten hinein stellte sich um diese Zeit das Neue, wo die Menschen nicht den Scherz und den Spaß, sondern das Höchste in ihrer Seele, das Geistige aufrufen. So stellte sich das Gleichfühlen von Mensch zu Mensch in das Christentum hinein zu jener Zeit, in welcher es in Rom
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die ausgelassene Gestalt der Saturnalien angenommen hat. Das aber bezeugt uns auch
den Aspekt der Liebe, der allgemeinen Menschen-liebe, die von Mensch zu Mensch walten kann, wenn wir den Men­schen in seinem Tiefsten erfassen. Wir erfassen ihn zum Beispiel in seinem Tiefsten, wenn das Kind am Weihnachtsabend wartet des Kom­mens des Weihnachtskindes oder des Weihnachtsengels. Wie wartet denn das Kind dann? Es wartet so auf das Kommen des Weihnachts-kindes oder des Weihnachtsengels, daß es weiß: Der kommt nicht aus Menschenlanden her; der kommt aus der geistigen Welt her! Es ist eine Art von Verständnis der geistigen Welt, in dem sich das Kind ähnlich erweist mit den Erwachsenen. Denn auch die wissen dasselbe, was das Kind weiß: daß der Christus-Impuls aus höheren Welten in die Erden-entwickelung hineingekommen ist! Und so tritt nicht nur das Kind des Lukas-Evangeliums vor unsere Seele geistig in der Weihenacht, sondern es tritt das, was die Weihenacht an das menschliche Herz her­anbringen soll - in schönster Weise auch vor jede Kindesseele - und vereinigt Kindesverständnis mit Erwachsenenverständnis. Alles, was das Kind fühlen kann, wenn es nur anfängt, überhaupt etwas denken zu können, das ist der eine Pol. Und der andere Pol ist das, was wir fühlen können in unseren höchsten geistigen Angelegenheiten, was wir fühlen können, wenn wir treu hingegeben sind jenem Impuls, der im Ausgangspunkte unserer heutigen Betrachtung erwähnt worden ist, wo wir den Willen entwickeln zu dem, was wir in der nun zu schaffen­den Anthroposophischen Gesellschaft als ein geistiges Licht erstreben. Denn auch da wollen wir, daß dasjenige, was in die Menschheitsent­wickelung hereinkommen soll, von etwas getragen werde, was aus gei­stigen Reichen als ein Impuls zu uns hereinkommt. Und ebenso wie das Kind fühlt gegenüber dem Weihnachtsengel, der ihm seine Weih­nachtsgeschenke bringt - es fühlt sich verbunden mit dem Spirituellen, in seiner naiven Art -, so dürfen wir uns verbinden mit dem Spiri­tuellen, das wir in der Weihenacht ersehnen als den Impuls, der das bringen kann, was wir als ein so hohes Ideal erstreben. Und finden wir uns in diesem Kreise in solcher Liebe vereinigt, wie sie hereinströmen kann aus dem richtigen Verständnis der Weihenacht, dann werden wir erreichen können, was erreicht werden sollte durch unsere Anthroposophische
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Gesellschaft, durch unser anthroposophisches Ideal. Wir werden das, was erreicht werden soll, in vereinigter Arbeit erreichen, wenn ein Strahl jener Liebe von Mensch zu Mensch uns erfassen kann, über den wir belehrt werden können, wenn wir uns in richtiger Weise dem Verständnis der Weihenacht hingeben.
So ist es für diejenigen der lieben Freunde, die heute abend mit uns vereinigt sind, gewissermaßen ein Vorzug des Gefühls, den sie haben dürfen. Wenn sie auch nicht da oder dort, verbunden mit dem oder jenem, in der im gegenwärtigen Zeitenzyklus üblichen Weise unter dem Weihnachtsbaume sitzen, so sitzen diese unsere lieben Freunde doch unter dem Weihnachtsbaume. Und Sie alle, meine lieben Freunde, die Sie heute hier mit uns unter dem Weihnachtsbaume die Weihenacht be­gehen, versuchen Sie in Ihren Seelen etwas von der Empfindung wach-zurufen, die uns beschleichen kann, wenn wir fühlen, wie wir gerade aus dem Grunde hier versammelt sind, damit wir jetzt schon lernen jene Impulse der Liebe in unserer Seele zu verwirklichen, die einst in fernerer und immer fernerer Zukunft immer mehr kommen müssen, wenn der Christus-Impuls, an den uns so schön die Weihenacht ge­mahnt, mit immer größerer und größerer Stärke, mit immer größerer und größerer Macht und mit immer tieferem und tieferem Verständ­nis in die Menschheitsentwickelung eingreift. Er wird ja nur eingrei­fen, wenn sich Seelen finden, die ihn in seiner ganzen Bedeutung ver­stehen. Zum Verständnis gehört auf diesem Gebiete aber die Liebe, die wir als das Schönste in der Menschheitsentwickelung gerade dann in unseren Seelen ausgebären können, wenn wir an diesem Abend oder in dieser Nacht unsere Herzen durchdringen mit dem geistigen Hin­blick auf das Jesus-Kind, das von der übrigen Menschheit ausgestoßen und in die Ecke geworfen, geboren in einem Stalle, uns bildlich vor­geführt wird: so gleichsam «von außen» zu der Menschheitsentwicke­lung hinzukommend, aufgenommen von den Einfachsten an Geistig­keit, von den armen Hirten. Wenn wir das, was von diesem Bilde an Liebesimpuls in unsere Seele sich ergießen kann, heute versuchen in unseren Seelen auszugebären, dann wird es die Kraft haben bei dem, was wir vollbringen wollen und was wir vollbringen sollen, beizutra­gen zu der Förderung der Aufgaben, die wir uns auf theosophischem
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Felde gesteckt haben, und die uns auf anthroposophischem Felde das Karma als tiefe und berechtigte Aufgaben gezeitigt hat.
Nehmen wir es aus der heutigen Betrachtung der Weihenacht mit, daß wir uns sagen: wir seien versammelt gewesen, um diesen Impuls der Liebe mit hinauszunehmen nicht nur für kurze Zeit, sondern für all unser Streben, das wir uns vorgesetzt haben, so wie wir es verstehen können aus dem Geiste unserer Weltanschauung heraus.

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die Dichtung der griechischen Kaiserin Eudokia ... Bekenner Christi...: Siehe
«Cyprianus und Justina», zweiter Gesang: Das Bekenntnis des Cyprianus; ins
Deutsche übertragen von Ferdinand Gregorovius in seiner Schrift «Athenais.
Geschichte einer byzantinischen Kaiserin
», 3. Aufl. Leipzig 1892, S. 267ff.

http://gutenberg.spiegel.de/buch/2410/35

Kaiserin Eudokia, 400-460. Die geistreiche und schöne Tochter des Atheners
Leontios wurde 421 Christin und unter dem Namen Eudokia Gemahlin des Kaisers
Theodosius II. Sie wurde jedoch aufgrund von Verleumdungen vom Hofe verwiesen
und starb 460 in Jerusalem. Von ihren Dichtungen ist nur die Lebensbeschreibung
der Märtyrer «Cyprianus und Justina» erhalten

Cyprianus und Justina.

Dichtung der Kaiserin Eudokia.

ZWEITER GESANG:

Das Bekenntniß des Cyprianus.

Bekenner Christi, die ihr treu und warm
Im Herzen hegt den vielgepriesenen Heiland,
Seht meiner Tränen frischen Strom, und dann
Vernehmt, aus welchem Quell mein Kummer stammt.
Und Ihr, die noch der finstre Wahn umstrickt
Der Götzenbilder, merkt auf das, was ich
Von ihrem Lug und Trug erzählen werde.
Denn nimmer hat ein Mensch gelebt, der so
Wie ich den falschen Göttern war ergeben,
Und der Dämonen Art so gründlich kannte.

Ja, Cyprianus bin ich, den als Kind
Die Eltern dem Apollo dargebracht.
Es war des zarten Säuglings Wiegenlied
Gelärm der Orgien, wenn man das Fest
Des grausen Drachen feiert'.
Siebenjährig
Ward ich geweiht dem Sonnengotte Mithras. [Fußnote]
Ich wohnt' in der erhabnen Stadt
Athen,
Und ward ihr Bürger auch. Denn so gefiel's
Den Eltern. Als ich
zehn der Jahre zählte,
Hab' ich Demeters Fackeln angezündet,
Und mich versenkt in Koras Trauerklage.
Ich hegt' der Pallas Schlange auf der Burg
Als Tempelknabe.

Dann zum Waldgebirg
Olympos stieg ich auf, wo Toren sich
Den lichten Wohnsitz sel'ger Götter denken.
Die Horen sah ich und den Schwarm der Winde,
Der Tage Chor, die phantasiebeflügelt
Mit Gankelbildern durch das Leben ziehn.
Ich sah Gewühl von Geistern kampfentbrannt,
Und Hinterhalte voller List; von Spott
Und Lachen berstend die, und jene ganz
Von Schreck erstarrt. Die Reihen sah ich all
Der Göttinnen und Götter. Denn wol
vierzig
Und noch mehr Tage hab' ich dort verweilt.
Es war mein Mal, wenn Helios niedersank,
Der dichtbelaubten Wipfel Frucht. Wie
Als wären sie aus hoher Königsburg
Entsandt, durchziehn die Luft die Geisterboten,
Um dann zur Welt hinabzusteigen, wo
Die Menschheit sie mit tausend Uebeln plagen.

Ich zählte fünfzehn Jahr' und kannte schon
Die Wirkenskraft der Götter und der Geister,
Denn mich belehrten sieben Oberpriester.
Der Eltern Wille war's, daß ich gewönne
Von allem Wissenschaft, was ist auf Erden,
Im Reich der Lüfte und im tiefen Meer.
Ich hab' durchforscht, was in der Menschenbrust
Verderben brütet, was im Kraute gährt,
Im Saft der Blume, was um müde Leiber
Als Siechtum schleicht, und was die bunte Schlange,
Der Fürst der Welt, voll arger List erschafft,
Um Gottes ew'gen Ratschluß zu bestreiten.

Ins schöne Land von Argos zog ich hin,
Das rossenährende. Das Fest der Eos,
Der weißgewand'gen Gattin des Tithonos,
Beging man grad, und dort ward ich ihr
Priester. [Fußnote]

’Ένθεν ες ιππόβοτον θαλερὸν γενόμην κατὰ ’Άργος,
’Η̃ν δὲ Τιθωνιάδος εροτὴ λευχείμονος ’Ηου̃ς.


Ich lernte kennen, was geschwisterlich
Die Luft und dieses Poles Rund durchzieht,
Was Wasser macht der Ackerflur verwandt,
Und was den Himmel trübt als Regenschauer.

Nach Elis kam ich, und ich sah in Sparta
Das ungefüge Götterbild von Holz
Der Tauropolos Artemis. [Fußnote] Und so
Lernt' ich verstehn die mannigfache
Natur der Stoffe, der Metalle Art
Und Steine, die geheime Schrift der Welt,
Des Kosmos Mythen all und Charaktere. [Fußnote]

Doch als ich drauf ins Land der Phrygen kam,
Da ward zu eigen mir des Sehers Kunst,
Der aus der Leber und dem Eingeweide
Die Vorbedeutung schaut. Dann haben Scythen
Aeolischer Stimmen Sprache mich gelehrt,
Wenn Vögel hoch die luft'gen Kreise ziehn,
Und, den sie sehn, mit Schicksalslauten grüßen.
Der Bretter Summen und der Steine Klang
Verstand ich, und was jene reden, die
In Gräbern längst verstorben ruhn. Das Schrilln
Von Thür und Angel, selbst der Fiber Zittern
Im bangen Leib, des Blutes Hämmern, wenn's
Mit Brand die Glieder schwärzt; die Rätsel lernt' ich
Der Menschensprache, und der Worte Zahl,
Der Körper schweres Müh'n, den Grund, worauf
Natur sich stellt: die Eide, ob sie treu
Geschworen oder falsch; Entschlüsse, die
In ihres Wunsches Gegenteil sich kehren:
Was vielgeformt die Phantasie geboren,
Und was erfinderische Kunst erdacht,
Nichts konnte meinem Forscherblick entgehn.

Und zwanzig Jahre war ich alt, als ich
Ins Land der dunkeln Männer kam,
Aegyptus.
Nach
Memphis zog ich, wo ich Dinge lernte
Weit über alles Maß des Irdischen.
Die Erdenkräfte, wie sie sich verbinden,
Der unnahbaren Geister Sinn und Namen,
Und welch' Gestirn sie anzieht, welch' Gesetz,
Und was ihr Thun; wie sie das Dunkel fliehn,
Und dennoch in den Finsternissen wohnen;
Mit welchen Mächten sie im Streit; wie viel
Der Fürsten sind im düstern Land des Styx,
Halbgötter auch; wie sie an Leib und Seele
Landthieren ähneln oder Wasserwesen,
Was sie betreiben, was besorgen müssen.
Den raschen Lauf, die Wissenskraft, Gedächtniß,
Die Kunst der Täuschung, Furcht, Vergessenheit,
Des Schwarms Gebahren merkt' ich, und noch mehr:
Der Erde Beben, Sintflut, ihr Entstehn,
Das dumpfe Brausen und den Donnerhall
Des Festlands und des Meers. Sie äffen nach
Die Formen ew'ger Weisheit, die nie stirbt.

Dort sah ich schreckenvolle Riesenleiber
Von dem Gewicht der grausen Nacht bedrückt,
Phantome, die auf ihren Schultern schienen
Den Weltenball zu tragen, Männern gleich,
Die stöhnen unter ihrer Last.
Dämonen
Erblickt' ich, rasende, gesellt einander,
Gewundner Schlangen Knäul. Ein bittrer Wind
Trug Unheil fort, zu schäd'gen Menschenkinder.
Von hier ziehn Myriaden Geister aus,
Den Stoff der Welt mit Uebeln zu vergiften.

Drauf kam ich zu dem Ort, wo Geister sich
Verwandeln [Fußnote]; denn die Schlange baute ihn,
Der Erde Laster sichtbar auszuprägen.
Geschäft'ge Schemen mühn sich ab, den Mengen,
Die ihnen ähnlich sind, im Bild zu zeigen
Verworfenheit. Ich sah den
Schuldbewußten,
Wie jählings er den Guten überfiel,
Den Dummen, wie dem Klugen, den Verruchten,
Wie dem Gerechten er den Weg vertrat.
Gesetzlos ist hier alles, ohne Richter.

Die Lüge sah ich dort, die vielgewandte,
Die
Wollust, schmachbedeckt und dreigestaltig;
Den jähen
Zorn – auf Flügeln stürmt' er hin,
Voll
Hast und thierisch – Arglist, die so süß
Mit Worten schmeichelt;
Haß erbarmungslos,
Ohn' Herz und Eingeweide;
Eifersucht
Und
Neid, mit einer Zunge sichelartig;
Die
Rachlust, ganz von hohler Wut verzehrt –
Aus vielen Augen schießt sie Flammenpfeile,
Nach Sättigung schmachtend, die ihr niemals wird;
Die Völlerei mit Mäulern vorn und rückwärts –
Sie schlingen Kiesel ein und harte Erde –
Die räuberische
Habsucht, lang und dürr –
Ob ihren Augen hangen matt und schlaff
Die Lider – dann den filzigen Krämergeist,
Der ruhelos erhofften Reichtums Trugbild
Als
Last auf seinem müden Rücken schleppt [Fußnote];
Den Leichtsinn fröhlichen Gemüts, doch fett
Von Leib, und innen fehlt die Knochenbildung;
Die Götzendienerei, mit Flügeln dicht
Und breit, als könnte sie die Welt beschatten [Fußnote];
Die
Heuchelei, von innerm Siechtum krank,
Und stückweis raffen Wind' ihr fort die Glieder;
Die höllische Verläumdung, lang von Zunge;
Die
Dummheit ganz gelähmt; das träge Haupt
Von Schlafsucht schwer, und alles schwatzt sie aus.

Wie leer ist Ruhm, wenn Tugend nur ein Schein,
Wie nichtig jenes Wortgepräng', mit welchem
Die Griechenweisheit Menschen hintergeht;
Den Wahn umarmen sie, und fliehn die Wahrheit.
Doch unermeßlich ist der Stoff, von dem
Ich endlos reden könnte; es genügt
In Wenigem die Summe meiner Frevel
Euch kund zu thun. Nur dieses sag' ich noch:

Ich war ein Mann von dreißig Jahren nun,
Als ich vom Land der dunkeln Männer schied,
Und meine Schritte lenkt' zu der uralten
Chaldäerstadt. [Fußnote] Ergründen wollt' ich hier
Des Himmels Lauf und seine feste Ordnung.
Da lernt' ich
die Natur der Sterne kennen,
Die scheinbar feindlich sich entgegenstehe
Und ihre Sympathie, das Haus von jedem [Fußnote],
Die Nahrung und den Trank der Genien,
Und wie aus Liebe die Intelligenzen
Im Licht sich gatten, lehrten Weise mich.
Vergleichbar sind der irdischen Natur
Auch jene Wesen, denn auch sie gehorchen
Geboten eines Führers, sorgen auch,
Wie seinen Willen reifend sie vollziehn.
Nur Duft von Opfern dient zu ihrer Labe,
Doch andre trotzen und verschmähen dies,
Um froh im weiten Raum des Lichts zu schweifen.

Ich mußte staunen, daß auch diese Geister
Um irdisch Gut sich müh'n, denn ich erkannte
Gesetze und Verträge, die sie binden,
Und liebevolles Sehnen nach Vereinung,
Wenn's ihr Gebieter will. Haucht er sie an
Mit Odem aus der Luft, so werden sie
Höchst kundig und gewitzt: mit Atemzügen
Vom Fruchtgefild der Erde, sehr beredt:
Mit Hauch der Unterwelt, dann werden sie
Geschickt zur List; und so durchbricht der Böse
Die Satzungen der Welt, die Creatur
Verführend, ihres Gottes zu vergessen.

Ich sah den Dämon selbst von Angesicht,
Nachdem ich ihn mit Opfern mir gewonnen;
Ich sprach zu ihm, und er erwidert' mir
Mit Schmeichelworten. Meine Jugendschöne
Und mein Geschick zu seinen Werken rühmend,
Verhieß er mir die Herrschaft dieser Welt,
Und
gab mir Macht, den Geistern zu gebieten.
Er grüßte mich mit meinem Namen, als
Ich schied, und staunend sah'n es seine Großen.
Sein Antlitz gleicht der Blume reinen Goldes [Fußnote];
Er trägt ein Diadem von Funkelsteinen,
Und flammendes Gewand. Die Erde bebt,
Wenn er sich rührt. In dichten Reihn umstehn
Speerträger seinen Tron, den Blick gesenkt.
So dünkt er sich ein Gott, so äfft er nach
Des Ew'gen Werke, den er frech bestreitet.
Doch machtlos schafft er nicht'ge Schemen nur,
Denn
der Dämonen Wesenheit ist Schein.
Sich sichtbar machen, das ist ihr Bemüh'n,
Und körperliche Thaten zu verrichten.
Zu eines Leibes Trugbild hilft den Geistern
Nur Rauch von Opfern, den sie an sich ziehn.
Sie hüllen sich darein, wie in ein Kleid
Von feinem Linnen oder Wolle.
So
Aus Luft geformt erschafft der Dämon
Nur täuschende Gebilde und Phantome
.
Er gießet Regen aus, der nimmer naß macht,
Entzündet Feuer, kalt wie Winterschnee,
Läßt Fische sehn, die nicht genießbar sind,
Schafft glänzend Gold, das jeden macht zum Bettler;
Und Göttertempel, Meergestad' und Städte,
Und Wälder läßt er sehn, das Vaterhaus
Der süßen Heimat, duft'ge Brautgemächer –
Schlaftrunkne Wandrer sehn das wol bei Nacht.
So wirkt der Dämon, und so lehrt er's jene,
Die Menschen zwar, doch ihm ergeben sind.

Doch mich, der seines Truges Zeuge war,
Und der mit innerstem Erbeben schon
Zum wahren Gott des Himmels sich gewendet,
Was hält mich noch der finstre Abgrund fest?

Ich zog vom Land der Perser fort, und kam
Nach Antiochia, der großen Stadt
Der Syrer
; hier verübt' ich Wunders viel
Von Zauberei und höllischer Magie. [Fußnote]
Ein Jüngling sucht' mich aus,
Aglaïdas,
Von Lieb' entbrannt, und mit ihm viel Gefährten.
Eine Mädchen war's,
Justina ist ihr Name,
Für das er glüht', und meine Knie umschlingend
Beschwor er mich, in seine Arme sie
Durch Zauberkunst zu ziehn. Und da zuerst
Ward mir des Dämons Ohnmacht offenbar.
Denn so viel Geisterscharen er beherrscht,
So viel entsandt' er wider jene Jungfrau,
Und alle kehrten sie beschämt zurück.
Auch mich,
Aglaïdas Befördrer, machte
Justinas fromme Glaubenskraft zu Schanden
;
Sie zeigte mir, wie eitel meine Kunst.
Manch' schlummerlose Nacht durchwacht' ich da,
Und quälte mich mit Zaubereien ab.
Zehn Wochen lang bestürmt'
der Fürst der Geister
Das Herz der Jungfrau.
Eros hatte, ach!
Nicht den Aglaïdas allein verwundet,
Auch mich ergriff der Liebe Raserei.
Ein Wunder war's, wie das Gebet Justinas
Der ganzen Hölle Wut besiegen konnte.
Denn
Belial, so viel er sann und that,
Vermochte nimmer jenen Brand zu löschen,
Der unsre Brust verzehrte. [Fußnote] Wenn, so sprach ich,
Du solcher großen Macht dich kannst berühmen,
Wolan, so still' in uns die Sehnsuchtsflamme,
Damit wir solche Qual nicht fruchtlos leiden.
Jetzt gab dem Unzuchtsteufel er Befehle [Fußnote],
Doch fruchtlos blieb sein höllisches Bemühn,
Und heftig schmäht' ich den verlognen Dämon.
Er schwieg, der eignen Schwäche sich bewußt.

Hierauf Aglaïdas zu täuschen, sandte
Dem Jüngling er ein holdes Frauenbild,
Doch gleich erklärte sich der Trug; es glich
In nichts
Justinas himmlischer Gebärde.
Ich flucht' dem Dämon, als ich das ersah.
Und jetzt rief er einen Geist, und schuf
Ihm solche Bildung an, daß er an Schönheit
Der zücht'gen Jungfrau glich. Als nun das Bild
Zum Liebekranken trat, rief der entzückt
Justinas Namen aus, und allsogleich
Zerrann in Nichts die luftige Erscheinung,
Und leblos stürzt'
Aglaïdas zu Boden.

Obschon ich jetzt des Dämons Trug erkannte,
Versucht' ich weiter meine dunkle Kunst;
Bald legt' ich eines Weibes Bildung an,
Bald ward ich Vogel. Doch sobald ich mich
Aufs Haus des Mädchens schwang, zerfiel der Zauber,
Und wieder war ein Mensch ich,
Cyprianus.
Ich machte auch Aglaïdas zum Sperling [Fußnote];
Er flog und setzte sich aufs höchste Dach
Des Hauses nieder. Jene sah ihn dort,
Und nur von ihrem Blicke würd' er da
Im jähen Sturz den Tod gefunden haben,
Wenn sich Justina seiner nicht erbarmte.
Die stille Heimkehr in sein eignes Haus
Gebot sie ihm, und sich vor Gott zu fürchten.
Nicht Not und Krankheit beugten ihren Mut,
Sie wehrte mit dem Kreuzesbild allein
Des list'gen Feinds Geschosse siegreich ab.

Jetzt trafen wir die Eltern selbst mit Plagen,
Die Heerden würgend, ihr gesammtes Gut.
Sie tröstet' jene, drob sich nicht zu härmen,
Vielmehr mit Wenigem begnügt zu sein,
Bis Gottes Segen dies vermehren würde.
Indeß erbangend um Justinas Schicksal
Verlangten ihre Freunde, daß dem Jüngling
Zu echtem Ehebund die Hand sie reiche.
Die Eltern schwankten, bis die Jungfrau ihnen
Durch Christi Glauben neue Stärke gab.

Nun schlug mit Pest das ganze Volk der Dämon,
Und ein Orakel that er kund, es werde
Die Seuche nimmer enden, bis
Justina
Im Brautgemach
Aglaïdas umarmt;
Dies sei Gebot. Doch beides stillte bald,
Der Bürger Aufruhr und die Wut der Pest,
Die Fromme, die um Christi Beistand flehte.
Da pries das Volk den Heiland, mich verwünschend
Als den Verwüster seiner Stadt; mit Haß
Beladen mied ich Bürger und Verwandte.

Und jetzt, wenn spät auch, von der Macht durchdrungen
Des Kreuzes, das so Großes wirken konnte,
Faßt' ich ein Herz mir, und ich sprach zum Dämon:
Verrucht' Geschöpf, der Bosheit tiefster Abgrund,
Verderbenbringer, was belogst du mich,
Da deine Nichtigkeit du kennst? Wenn schon
Ein Schatten nur von Gottes heil'ger Allmacht
Dich ganz zerbrach
, was wirst du thun erst, wenn
Er selber kommt? Wenn schon der Name Christi
Dich zittern macht, was wird mit dir geschehn,
Wenn Er erscheint, zu strafen deine Frevel?
Dich schlug in jähe Flucht ein Zeichen schon,
Und jener starken Hand, wie darfst du ihr
Den zu entreißen hoffen, den sie schützt?
Ich weiß es jetzt, was deine Lügen wert:
Mein Herz verdarbst du, meine Hoffnung auch;
Gedankenvolle Sorge schwärmt in mir.
Dein Trug zerstörte meines Lebens Grund,
Und brach die Pfeiler der Natur entzwei.
Ich gab dir gottlos meine Seele hin.
Nicht brachte mir Gewinn die Wissenschaft,
Noch jene Weisheit, der in alten Büchern
Ich nachgeforscht. [Fußnote] Mein väterliches Erbe
Vergeudet' ich an dich und deine Lüge.
O hätten meinen Reichtum Darbende
Und Arme aufgezehrt, dann würde mir
Vielleicht ein Tropfen noch der Gnade fließen.
Weh mir, und meiner Pein, die rettungslos!
Gestorben war ich, und ich glaubt' zu leben;
Mit meinem Golde grub ich mir das Grab.
Ich sah den Abgrund nicht, nein gab mir selbst
Den Tod. Doch jetzo geh' ich, anzurufen
Die frommen Diener Gottes, ob ich noch
Erbarmen finden möge. Auch der teuern
Justina Knie' will ich umfahn und flehn,
Daß meine Seele sie in Obhut nehme.

Da stürzt' er sich in wildem Grimm auf mich,
Mit aller Macht mich an der Kehle fassend.
Jetzt schwebte meinem Geist das Kreuzbild vor,
Mit dem
Justina ihren Sieg errungen;
Ich fleht' zu Gott, bekreuzend meinen Leib,
Und wie ein Pfeil schoß fort der grause Dämon;
Dann wandt' er sich im Fliehn und sandte mir
Noch seiner Drohungen Geschosse nach.

Nicht wird, so schrie er, Christus, den du riefst,
Aus meiner Hand dich retten, wenn er auch
Dir jetzt zu helfen scheint; er täuscht dich nur
Voll List, um desto ärger dich zu strafen.
Und hat er dich verlassen, dann wirst du
Erfahren, wie ich den behandle, der
Mißachtet meine Macht. Die mir gedient
Nimmt Christus nimmer auf, und so verlierst du
Erst meine Gunst und dann auch seine Gnade.

Entsetzen faßte mich, als ich dies Wort
Des grimmen Feinds vernahm. Da, teure Männer,
Die Ihr mein Elend kennt, erzählt' ich Euch
Von meines Lebens Qual, auf daß Ihr sie
Erwägend mitleidsvoll mir sagtet, ob
Ich jemals Christus mir versöhnen könne,
Und Er, wenn mein Bekenntniß er gehört,
Mir helf', die nächt'gen Wege zu verlassen,
Die ich bisher gegangen bin. – Still schwieg
Das Volk, dann nach geraumer Zeit erhob
Sich Einer, der mit lauter Stimme sprach:

Hier endet die griechische Handschrift, in welcher dieses Gedicht Eudokias aufbewahrt ist. Der Schlug des Gesanges fehlt, aber er kann aus der »Confession des Cyprianus« ergänzt werden. Weil nun die letzten Blätter derselben auch Dinge enthalten, welche die Dichterin schon im ersten Gesange behandelt hatte, so ist sie in die Gefahr gekommen, sich selbst zu wiederholen.

Der Schluß der Confession schildert mit den lebhaftesten Farben die Verzweiflung des Magiers an sich selbst, und noch einmal läßt ihn der Dichter dieses wunderbaren Dramas ein summarisches Bekenntniß seiner Frevel ablegen, um in der Person des Cyprianus die Nichtswürdigkeit der Zauberei und des Götzendienstes darzustellen.

Der Reumütige bekennt, daß er Jünglinge ermordet, Männer dem Pluto vergraben, zu Ehren der Hekate Fremdlinge erwürgt, das Blut von Jungfrauen der Athene dargebracht, und dem Saturn und Mars Greise geopfert habe. Durch diese Spenden habe er sich viele böse Geister verpflichtet, und so den Zugang zum Satan selbst gefunden. Er habe ihm das Blut aller Thiere in einer goldenen Schale dargebracht; mit diesem habe dann der Teufel seine Krone und seine Geister besprengt, und ihm selbst die Macht verliehen, über jede vernunftlose und vernunftbegabte Seele zu gebieten.

Cyprianus fährt fort, sich der schrecklichsten Verbrechen, auch wider Christus und seine heilige Kirche, anzuklagen. Er verzweifelt an der Rettung seiner Seele, worauf Eusebius sich erhebt und ihn mit der unerschöpflichen Barmherzigkeit Gottes tröstet. Er verweist ihn auf das Beispiel des Paulus, der zuerst, wenn auch nicht ein Zauberer, so doch ein wütender Verfolger der Gläubigen gewesen, dann aber ein glühender Christ geworden sei. Die Rede des alten Christenpriesters ist wahrhaft großartig und vom höchsten Stil.

Nun wirft sich Cyprianus in die Arme dieses milden Greises, den er seinen Vater und Rettungsengel nennt. Eusebius und sein Sohn, einst der Mitschüler des Magiers in der Schule der Wissenschaften, führen ihn in ihr Haus, wo sie ihm ein bescheidenes Mal vorsetzen. Am folgenden Tage gehen sie mit ihm in die Kirche. Dem zerknirschten Cyprianus erscheinen hier die frommen Priester und die das Halleluja singenden Gläubigen wie Chöre von himmlischen Engeln. Mit Verwunderung sehen die Christen unter sich den großen Magier. Am nächsten Tage verbrennt er seine Zauberbücher (τὰς βίβλους του̃ διαβόλου).

Am Schluß erzählt Cyprianus Folgendes: »Als die heilige Justina dies vernommen hatte, schnitt sie ihre Haare ab; sie verkaufte ihren Brautschatz, und schenkte dessen Erlös den Armen. Meine Reue aber achtete sie für ein zwiefaches Heil. Denn auch Aglaïdas hatte den Teufel, von dem er ins Verderben gestürzt worden war, von sich gestoßen und den Flammen übergeben. [Fußnote] So verlieh uns Christus durch Justina eine doppelte Rettung. Nachdem nun auch ich mein Hab und Gut verteilt hatte, blieb ich beim Vater Eusebius, welcher Presbyter der Kirche war. Ich empfing die christliche Taufe. Ich wage jetzt öffentlich zu predigen, und ich habe durch meine Ermahnungen viele Menschen zu Gott bekehrt 12:05

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