| VIERTER VORTRAG Leipzig, 10. November 1906 |
| #G283-1969-SE037 – Das Wesen des Musikalischen und das Tonerlebnis im Menschen #TI VIERTER VORTRAG Leipzig, 10. November 1906 #TX 20110816 18:44 Man kann über Musik in verschiedenen Richtungen sprechen, wir betreten damit ein weites Gebiet. Heute will ich mich darauf beschränken, zu sagen, welche Rolle die Musik in der menschlichen Entwickelung spielt, vom geistigen Standpunkt aus, welche Stellung sie in der Welt einnimmt und wo sie ihren Ursprung hat. Es gibt die mannigfaltigsten Anschauungen über Musik, und manche haben eine ganz bestimmte Bedeutung. So sieht Schopenhauer in den Künsten etwas, wodurch der Mensch von dem Vergänglichen zu dem Ewigen geführt wird. Urbilder verwirklichen sich nach seiner Anschauung in den Künsten, aber die Musik sagt dem Menschen etwas ganz Besonderes. Schopenhauer sah in der Welt zweierlei: Vorstellung und Wille. 11 Arthur Schopenhauer, 1788-1860. Vgl. für die folgenden Ausführungen sein Hauptwerk «Die Welt als Wille und Vorstellung» 3. Buch; über Musik im besonderen den § 52 (Dritter Band der zwölfbändigen Gotta-Ausgabe, Stuttgart 1894, herausgegeben und eingeleitet von Dr. Rudolf Steiner). Das Leben ist eine mißliche Sache: Bemerkung des jungen Schopenhauer zu Wieland in Weimar 1811; wiedergegeben von W. Gwinner in «A. Schopenhauer aus persönlichem Umgang dargestellt», Leipzsg 1922, S.45. Wörtlich. «Das Leben ist eine mißliche Sache; ich habe mir vorgesetzt, es damit hinzubringen, über dasselbe nachzudenken». Den Willen bezeichnete er als das «Ding an sich», die Vorstellung als Spiegelung des Willens. Der Mensch kann nicht den Willen wahrnehmen, nur das Bild dahinter. Aber Bilder sind nicht gleichwertig. Manche sagen viel, manche wenig. Als Ideen bezeichnete er sie, und aus diesen heraus schafft der Künstler. Wenn wir die Menschen betrachten, so können wir sie häßlich, schön, abstoßend, anziehend finden. Ein Genie bildet nicht einen Menschen ab. Der geniale Künstler greift viele Eigenschaften heraus und schafft daraus ein Bild, ein Ideal. Der Künstler dringt bis zu den Ideen und schafft damit seine Bilder, und die sind dann besonders charakteristisch. Dies gilt für alle Künste, aber nicht für die Musik. In derselben sieht Schopenhauer keine Ideen, sondern das Ding an sich zu uns sprechen. Der Ton, der geformte Ton ist keine Vorstellung für ihn, sondern der Ausdruck des Dinges an sich. Das direkte Sprechen ist das musikalische Sprechen. Es ist für Schopenhauer, als wenn in intimster Weise das Höchste zu seiner Seele spreche. Schopenhauers Ansicht hat Richard Wagner beeinflußt. Wagners Seele suchte in ihrer Art den Sinn des Weltenrätsels zu erkunden. Große Genies suchen nicht Begriffe, sie suchen den Ort, wo sie richtig hinhorchen können, um zu hören, wie die Götter zu ihnen sprechen. #SE283-038 19:53 Richard Wagner war einverstanden mit Goethe, welcher die Künste als Fortsetzung der Natur ansah. In unserer materialistischen Zeit sieht man anders. Goethe sieht in und zwischen den Dingen, was die Natur zum Ausdruck zu bringen bestrebt ist. Goethe schrieb aus Italien: Wie ich so stehe vor den Kunstwerken, in denen die große Kunst lebt, da sehe ich, daß etwas wie Gott aus denselben spricht. - Und 1805 schreibt er in seinem Buch über Winckelmann: Wenn die Natur alle ihre Kräfte vereinigt, Ordnung, Maß und Harmonie, dann erst bekommen wir das Gefühl für die Kunst. - Ein anderes Mal sagt er: Die Dinge in der Natur sind wie nicht ganz fertig, als ob noch ein Geheimnis dahinter wäre. In der großen Natur sind die Absichten der Natur das Bewunderungswerte. Dieses soll der Künstler schaffen. So fühlte auch Richard Wagner im großen. Er wollte vordringen zu den Urbildern der Dinge. Die Absicht sollte über die Bühne schreiten, und darum brauchte er auch eine andere Sprache für diese übermenschlichen Gestalten. Daher greift er zur Musik, das zum Ausdruck zu bringen. Was liegt nun Schopenhauers Ansicht zugrunde und machte Eindruck auf Richard Wagner? Um zu begreifen, was in diesen Menschen lebte, müssen wir versuchen, tief in das Weltwesen einzudringen, denn Schopenhauer war nur Philosoph, kein Okkultist. Wir müssen den Grundsatz des großen Hermes Trismegistos zu verstehen suchen: Es ist oben alles so wie unten. - Solch ein tief Eingeweihter erkannte über-all den physiognomischen Ausdruck des geistigen Wesens. Hinter der Physiognomie, hinter der Geste liegt die Seele, die man durchleuchten sieht. Alles, was in der Seele ist, ist im Leib. Hermes sah in der Seele das Oben, in dem Leib das Unten. Die Natur ist nur die Physiognomie des Geistes. Er sah in der Musik künstlerisch geformten Ton. Plastische Kunst beurteilt man nach der Ähnlichkeit mit dem Vorbild, Malerei ebenso. Die Helden, die über die Bühne schreiten, haben ihre Vorbilder. Von der Musik kann man das nicht sagen. Das Rauschen des Wasserfalls, das Zwitschern der Vögel kann man nicht naturgetreu wiedergeben. Schelling und Schlegel, auch andere, hatten die Anschauung: Architektur, Baukunst sei erstarrte Musik. Wenn die Gebilde fließend gemacht #SE283-039 22:26 werden könnten, würden sie ähnlich wie Musik wirken. Sie hätten keine Ähnlichkeit mit dem Vorbild. Alle Kunst geht über etwas hinaus. Ein Unterschied aber besteht: Die Musik spricht in viel elementarerer und unmittelbarerer Weise zu den Menschen. Sie ergreift den Menschen und reißt ihn mit sich fort, ob er will oder nicht. Bei anderen Künsten läßt sich die Aufmerksamkeit abwenden, bei der Musik ist das nicht so leicht. Was aber sind die Vorbilder der Musik in der geistigen Welt? Hier müssen wir wieder uns mit der menschlichen Entwickelung beschäftigen, im okkulten Sinne. Wie das geschieht, deutete ich schon früher an, ausführen kann ich es heute nicht. So fragen wir gleich: Was sind die Errungenschaften desjenigen, der sich in die höheren Welten erhebt? Er dringt in die astralische Welt ein. Wenn er anfängt, die astralische Welt zu sehen und steht vor einer Pflanze, sieht sich diese an, ohne sich im einzelnen mit ihr zu beschäftigen; wenn er klar ist, daß seine physischen Organe nicht mehr beteiligt sind, dann sieht er, wie sich eine Flamme bildet, die sich loslöst und sich über die Pflanze erhebt. So kann der Mensch in der astralischen Welt sehen, wie von den Dingen eine Eigenschaft sich abhebt. Der fortgeschrittene, aufmerksame Schüler merkt im Schlaf, daß er in einer ganz merkwürdigen Traumwelt aufwacht. Farben fluten durcheinander und aus diesem Farbenmeer hebt sich der Mensch heraus. Unter Anleitung des Lehrers sieht er Formen sich herausbilden, die nicht aus dieser Welt stammen. Später nimmt er diese Farbengebilde in der Wirklichkeit neben den anderen Dingen wahr. Für solche Menschen ist ein Teil der Nacht etwas ganz anderes geworden. Es ist ein Zwischenzustand zwischen Wachen und Traum. Ein Traum, aus dem sich höhere Wahrheiten offenbaren. Das ist die astralische Welt. Nun gibt es noch Höheres. Es tritt innerhalb dieser Farbengebilde etwas Besonderes auf. Aus dem Farbengebilde spricht der Ton, ein Durchtönen nimmt man wahr. In diesem Moment hat der Mensch das Devachan betreten, er befindet sich in der eigentlich geistigen Welt. Das ist der reale Hintergrund der beiden höheren Welten, die die Menschen betreten. Ist er in der Astralwelt, hört er nicht die Geräusche dieser Welt. Hier ist eine große Stille, alles spricht da durch Farbe und Licht. #SE283-040 22:29 Und dann erklingt leise und lauter und immer lauter eine tönende Welt aus dieser Farbenwelt. Ist der Mensch dort, dann erlebt er den Geist der Welt. Da lernt er verstehen, was große Geister meinen, wenn sie wie Pythagoras von Sphärenmusik sprechen. Die Sphärenmusik der kreisenden Sonnen hat man sinnbildlich deuten wollen, sie ist aber so nicht zu deuten. Die durch den Weltenraum tönende Sonne ist eine tönende Wirklichkeit. Ein okkultes Bild ist: Die Sonne um Mitternacht sehen. In dem Augenblick, wo der Chela oder Schüler helisehend wird, sieht er durch die Erde durch, sieht er die Sonne. Aber noch größer ist es, wenn er die Sonne tönen hört. Goethes Worte im Prolog zum «Faust» sind keine Phrase: «Die Sonne tönt nach alter Weise.» Die Posaunen, die Johannes in der Offenbarung erwähnt, kennt der Okkultist als eine Wirklichkeit. In theosophischen Schriften kommen Irrtümer vor. Leadbeater zum Beispiel schildert den Astralplan richtig geschaut, aber seine Beschreibung des Devachanplanes ist seine Erfindung. Allerdings beschreibt er diesen feiner als den Astralplan, aber sonst nicht richtig. Hinter unserer sinnlichen und astralischen Welt haben wir eine Welt des Tones, die devachanische Welt. Alle Ihre Organe sind aus der geistigen Welt heraus geschaffen. Niemals hätte es ein Herz, eine Milz gegeben, wenn wir nicht einen Ätherleib hätten. Denken Sie sich ein Gefäß mit Wasser: Sie erregen einen Wirbel darin, und könnten Sie diesen schnell festhalten, so würden Sie ein Gebilde erhalten. Aus dem Astralorganismus entstanden Leber und Gehirn. Hier finden Sie wieder das Oben und Unten. Scheinbar entfernt liegende Dinge hängen ganz merkwürdig zusammen. Ein Beispiel: Das Herz ist ein unwillkürlicher Muskel, und wir glauben physikalisch, daß das Herz das Treibende sei. Andere Muskeln, zum Beispiel die der Hand, unterliegen dem Willen. Daß das Herz der treibende Motor des Blutes sei, hat der Okkultist nie behauptet. Er sieht in der Blutbewegung die Ursache der Herzbewegung. Er sieht das Herz als ein Organ an, welches erst in der Zukunft seine Vervollkommnung erlebt. In Zukunft wird die Blutbewegung in der Willkür des Menschen liegen. Deshalb schaut der Herzmuskel so aus und entspricht der Bau des Herzens dem des willkürlichen Muskels. Erst später wird der Mensch wie einen Handmuskel #SE283-041 22:46 willkürlich sein Herz in Tätigkeit setzen. Das Herz ist auf einem besonderen Wege der Entwickelung, das hat schon Hegel einmal angedeutet. Dies alles hängt mit der menschlichen Entwickelung zusammen. Nehmen Sie an die drei Grundteile und das Ich. Zunächst arbeitet der Mensch unbewußt in seinen Astral-, Äther- und physischen Leib hinein und gliedert ihnen etwas von Manas, Buddhi und Atma an. Nun gibt es aber außerdem etwas Bewußtes. Der Ätherleib besteht aus zwei Teilen, aus dem einen, den er mitgebracht hat, und dem, den das Ich hineingearbeitet hat, als der Mensch noch auf der Tierstufe, Fischstufe war. Das Herz ist gestaltet durch die Umgestaltung des Ätherleibes. Alles auf dieser Welt ist wie der Siegelabdruck des Geistigen. So auch ist es mit jeder Kulturerscheinung. Das, was der Mensch alles geistig um sich hat, kann er nicht wahrnehmen, aber etwas von diesem Siegel-abdruck der astralischen Welt erlebt ein Künstler. Ich will Ihnen ein Beispiel nennen, wie eine spirituelle Wahrheit auf die Leinwand gezaubert werden kann. Von Leonardo da Vinci hängen zwei Bilder im Louvre in Paris. Sie stellen dar Johannes den Täufer und Dionysos Bacchus. Bei beiden scheint dasselbe Modell gedient zu haben. Der Bacchus zeigt einen eigentümlich rötlich-bläulichen Ton des menschlichen Leibes, während vom Johannes-Leib ein gelb-goldiger Ton entgegenzudringen scheint. Der Maler hat das so geschaut. Der Dionysos scheint das Licht einzusaugen und schickt es mit seiner eigenen Färbung zurück. An Johannes tritt auch das Licht heran, es wird aber von seinem Leib zurückgeworfen, keusch drängt er es zurück, es durchmischt sich nicht mit dem Leibe, es bleibt in seiner ätherischen Reinheit. Das hat der Maler nur geahnt. Der Maler malt astralische Farben. Beim Musiker aber, da tönt die devachanische Welt in unsere irdische herein. Musik ist der Ausdruck des Tones im Devachan. In den Harmonien der Sphären schreitet in der Tat ein devachanischer Geist. Nur ist dort kein sinnlich tönender Ton, dort ist das Urbild. Im Ätherleib des Menschen ist das Abbild des devachanischen Tones. Dieser Ätherleib, den der Mensch so in sich selbst ausgebildet hat, ist durchsetzt mit den Schwingungen der devachanischen Welt. #SE283-042 23:00 Denken Sie einmal, daß dieser umgestaltete Ätherleib des Menschen eingebettet ist in den niederen Leib. Und dieser neue Ätherleib schwingt und schwingt, es entsteht das Gefühl des Sieges des höheren über den unteren Ätherleib. Wenn das Gefühl des Sieges des höheren Ätherleibes über den niederen entsteht, ertönt Dur-Tonart. Wenn der höhere Ätherleib nicht Herr über den ungeläuterten werden kann, wird das Gefühl hervorgerufen, wie wenn von außen Moll-Tonart ertönt. Der Mensch wird sich durch die Dur-Tonart seiner Gefühlsherrschaft bewußt. Fühlt er, wie die hohe Schwingung nicht durchdringen kann, so spürt er Moll-Tonart. Wenn dieses musikalische Element sich in die kosmische Welt einreihen will, da ist der Augenblick, wo sich das Buddhi-Element regt, und da erst kann der Mensch die künstlerischen Töne in Harmonien formen. Ein Ansatz zu neuer Entwickelung liegt in der Musik. Es ist für die anderen Künste ein nicht ganz Erreichtes. In der Musik liegt etwas Prophetisches für die Zukunftsentwickelung. Der neue Ätherleib kommt durch Musik in Schwingung, und nun fängt auch der äußere Ätherleib an zu schwingen. Bei Mozarts, namentlich aber bei Rossinis Werken setzen sich auch die Schwingungen im alten Ätherleib fort, aber in ganz geringem Maße. Würden Sie aber die Zuhörer des «Lohengrin» beobachten können, so würden Sie sehen, wie die Wirkung noch eine ganz andere ist. Wagnerische Musik erregt den Buddhi-Leib so stark, daß die direkte Wirkung auf den Ätherleib da ist. So wird durch Wagnerische Musik eine Änderung des Temperamentes und der Neigungen im Ätherleib erzielt, und damit können Sie ahnen, was Wagner ahnte, und was auch zum Ausdruck kam in seinen Schriften über Musik. Der Okkultist sagt: Wenn der Mensch eine Entwickelung durchmacht und Sphärenmusik hört, so hört er himmlische Musik. Aber der Alltagsmensch kann nicht bis dahin durchdringen. So hat der Mensch die Aufgabe, die höhere Welt einzusiegeln in die physische Welt. In dem, was der Mensch hervorbringt, schafft er einen Abdruck der geistigen Welt. Das haben Schopenhauer und Wagner gespürt, und daher haben sie der Musik eine so wichtige Rolle zugeschrieben. Für die Geisteswissenschaft ist die Zeit gekommen, den Menschen zu helfen, nicht mehr traumhaft, sondern bewußt zum Schaffen zu #SE283-043 23:01 kommen. Ich wollte Ihnen deutlich zu machen suchen, warum die Musik so elementar wirkt: Im Devachan sind wir heimisch, da lebt etwas Ewiges, und wenn dem Menschen hier unten etwas gegeben wird aus der Urheimat, da ist es kein Wunder, daß er ergriffen wird. Und deshalb ist der Einfluß der Musik so groß, selbst auf den einfachsten Menschen, der nichts ahnt von dem, was in den Tönen der Musik zu ihm spricht: Ich bin du, und du bist von meiner Art. Fragenbeantwortung (die gestellte Frage ist nicht erhalten) Es wird durch die Kunst das Bett geschaffen für den astralischen und devachanischen Einfluß. Das Eigenartige ist bei Wagner, daß seine Musik eine enorme Wirkung auf den Ätherleib ausübt. Selbst unmusikalische Menschen spüren das. Die Musik wirkt durch den Umweg über den Ätherleib auf den Astralleib. Bach war viel abstrakter, er hatte nicht das Unmittelbare von Wagner. Der große Musiker, jeder Musiker hat sich seine Begabung in früheren Inkarnationen erworben. Nun muß man aber in Betracht ziehen, daß, wenn auch in musikalischer Beziehung einer fortgeschritten ist, er in anderen Dingen es noch nicht zu sein braucht, zum Beispiel in moralischer Beziehung. Der Mensch ist ja so mannigfaltig. Man muß ihn beurteilen nach dem, was er hat, und nicht nach dem, was er nicht hat. Das ist mir so oft bei meinen Goethe-Vorträgen aufgefallen, wie die Menschen so gern das Negative statt das Positive aufsuchen, das, was der Mensch nicht hat, statt dessen, was er hat. Ich bin wohl hundertmal gefragt worden, was an dem Verhältnis mit Frau von Stein gewesen sei und anderem. Ich konnte nur immer sagen: Aus dem Verhältnis entstand so viel Großes, daß das mich allein beschäftigte. - Es kommt mir so vor, als wenn ein Sammler edle Steine zwischen den Kieselsteinen sucht. Er greift eben nur nach den edlen, die anderen läßt er außer acht. |
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