giovedì 25 agosto 2011

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ERSTER VORTRAG München, 25. August 1912


#G138-1986-SE000 - Von der Initiation -  Von Ewigkeit und Augenblick - Von Geisteslicht und Lebensdunkel
#TI  
RUDOLF STEINER
Von der Initiation
Von Ewigkeit und Augenblick
Von Geisteslicht und Lebensdunkel
Ein Zyklus von sieben Vorträgen und ein Sondervortrag gehalten in München vom 25. bis 31. August 1912
1986
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach einer vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschrift
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung
Die Herausgabe besorgte Edwin Froböse


1. Auflage (Zyklus 23) Berlin 1913
2. Auflage (Zweitdruck des Zyklus 23) Berlin 1930
3. Auflage, erweitert um den Sondervortrag
vom 30. August 1912
Gesamtausgabe Dornach 1959
4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1986


Bibliographie-Nr. 138
Das Siegel auf dem Einband
hat Rudolf Steiner 1912 für die Buchausgabe des dritten Mysteriendramas
«Der Hüter der Schwelle» entworfen
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung, Dornach/Schweiz
#c 1959 by Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung, Dornach/Schweiz
Satz: Kooperative Dürnau, Dürnau
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-1380-8

#G138-1986-SE011 - Von der Initiation -  Von Ewigkeit und Augenblick - Von Geisteslicht und Lebensdunkel
#TI
ERSTER VORTRAG
München, 25. August 1912
#TX 20110825 17:15
Am Beginne unseres Münchner Vortragszyklus sei es mir auch dies­mal wie in den letzten Jahren gestattet, die erste Vortragsstunde zu einer Art von Einleitung zu benutzen für dasjenige, was an den fol­genden Tagen vorzubringen sein wird.
Der erste Gedanke, der sich Ihnen am Beginne unseres Zyklus aufdrängen mag, wird vielleicht doch mit demjenigen zusammen­hängen, womit wir gerade diesen Münchner Zyklus nun schon seit einigen Jahren einleiten durften: mit unseren theosophisch-künstlerischen Aufführungen. Und wenn ich selbst den Gedanken hier äußern darf, der mir bei dieser Gelegenheit vor die Seele tritt, so ist es der, daß es mich selbst mit der allertiefsten Befriedigung erfüllt, daß wir - sowohl das vorige Jahr wie auch dieses Mal - diese Auffüh­rungen eröffnen durften mit der Rekonstruktion des Mysteriums von Eleusis. Und ich sage es und möchte es ganz besonders deutlich gesagt haben, daß dies mir gelegentlich dieses Münchner Vortrags­zyklus die allergrößte Befriedigung gewährt. Vielleicht, da wir uns in diesem Jahre wieder eines stärkeren Besuches erfreuen dürfen, als das in den verflossenen Jahren der Fall war, wird es auch nicht unnötig sein, einige Worte bei dieser Gelegenheit zu wiederholen, die ich mir schon öfter gerade hier in München auszusprechen gestattete.
Was mit diesem Mysterium von Eleusis verbunden ist, das hängt ja recht innig mit dem Streben zusammen, das wir hier in den mitteleuropäischen Gegenden seit Jahren als theosophisches Streben das unsrige nennen. Wir begannen - vor einem recht kleinen Kreis, von dem jetzt eigentlich nur noch wenige, recht wenige der theosophischen Bewegung treu geblieben sind - in Berlin vor Jahren, gera­de anknüpfend an alles, was für die theosophische Bewegung von unserem hochverehrten Edouard Schuré geleistet worden ist durch die Rekonstruktion des Mysteriums von Eleusis und die Darstellung der Einweihung, der Initiationsprinzipien der verschiedensten Zeiten
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und Völker, mit diesem sozusagen eine Art von Introduktion dieser unserer theosophischen Bewegung. Und jetzt, da wir seit Jah­ren hier in München so manches an Szenischem vorführen durften von dem, was aus Edouard Schurés Seele hervorgegangen ist, dürfen wir das, was wir zu tun vermocht haben, wie eine Art Besiegelung desjenigen auffassen, was für einen kleineren Kreis von uns sich an Gefühlen, an Empfindungen und Gedanken gerade an diesen Aus­gangspunkt unseres Strebens gebunden hat. Und soll ich charakteri­sieren, was sich daran gebunden hat, so möchte ich sagen: Es floß aus der rein spirituellen Art, aus der keusch-spirituellen Art, in wel­cher diese Dinge vor unsere Seele hintraten, eine innere Zuversicht, ein inneres Vertrauen, das dahin ging, daß wir uns sagen konnten: wenn wir diese Empfindungen, diese Gefühle mit dem, was sonst in unserer Seele lebt für das theosophische Streben, in uns einfließen lassen, so dürfen wir hoffen, daß uns einiges wenigstens gelingen wird. Das sagten uns damals, als wir begannen, die Dinge selbst; das sagte uns ihre ernste, ihre tief in das spirituelle Wesen eindringende Art, und das sagten uns die Jahre, die seit jener Zeit verflossen sind.
Welchen Glauben konnten wir damals im Beginne und dann im Verlaufe der letzten Jahre haben?
Die Wichtigkeit des Augenblickes - ich meine des Augenblickes in welthistorischer Beziehung - in der Entwickelung der Mensch­heit konnte einem vor die Seele treten; und vor die Seele treten konnte einem der Gedanke, daß es ganz gesetzmäßig ist in der Evo­lution der Menschheit, daß in unserer Gegenwart neue Kräfte und gerade Kräfte des spirituellen Lebens in die Menschenseelen herein­wollen, wenn diese sich aufrechterhalten wollen gegenüber dem, was die Gegenwart und die allernächste Zukunft von dem Innern dieser Menschenseelen verlangen werden. Ich darf an etwas Persön­liches - das mir aber nichts Persönliches ist - anknüpfen, indem ich diese Gedanken ausspreche. Jahre vorher, bevor wir mit unserer gei­steswissenschaftlichen Bewegung begannen, hatte ich öfter Gelegen­heit, über mancherlei geistige Angelegenheiten mit dem ja inzwi­schen in die höheren Welten eingegangenen deutschen Kunsthistori­ker Herman Grimm zu sprechen. Auf Spaziergängen von Weimar
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nach Erfurt oder auch in Berlin wurde mancher Gedanke aus­gesprochen über die Anforderungen des Geisteslebens unserer Zeit und über die Anforderungen dessen, was notwendig ist für unsere Zeit gemäß der Natur, wie sich die Menschheit im Laufe der euro­päischen Entwickelung ihre Ziele gesucht hat und sich in ihrem Seelenleben hat zurechtfinden wollen. Ein Gedanke kam immer wieder zum Vorschein, wenn man mit diesem an allem Geistesleben des Abendlandes so interessierten Herman Grimm sprach: wie im Grunde genommen die europäische Menschheit zurückblicken kann auf eine Anzahl von Jahrhunderten oder auch auf die letzten zwei Jahrtausende so, daß der europäische Mensch, wenn er in seine Seele schaut, wenn er die Bedürfnisse seiner Seele prüft und sich fragt: Was kann ich verstehen, was ist mir begreiflich von dem Menschlichen, das da vorgeht und das ich brauche für das eigene Seelenleben? - sich sagen kann: Wie unverständlich auch manches sein mag in bezug auf Einzelheiten des Lebens, irgendwo kann ich anknüpfen an das, was ich selber erlebe, wenn ich die neuen Zeiten mir geschichtlich vor die Seele treten lasse. Ja, auch jene Verwick­lungen, die bestanden haben im römischen Kaiserreich, die zur Zeit Cäsars oder auch noch während der republikanischen römischen Zeit vorhanden waren, erscheinen, möchte man sagen, verständlich dem europäischen Bewußtsein der neueren Zeit. Man findet sich zu­recht, wenn man diese Seelen verstehen will, wenn auch das, was sie fühlen und denken, oftmals weit abliegt von dem, was der gegenwär­tige Mensch fühlen und denken kann. Ganz anders aber werden die Dinge, wenn die Seele zurückblickt ins alte Griechenland. Und nur wenn man nicht tief genug geht, wenn man es nicht tief genug nimmt mit dem, was man menschliches Verständnis nennen will, kann man sagen, daß einem als moderner Mensch das Griechentum ebenso verständlich sein kann wie etwa das Römertum und die fol­genden Zeiten. Es beginnt, wenn man rückschreitend ins Griechen­tum hineinkommt und auf seine Seele wirken läßt, was aus den ge­schichtlichen Urkunden überliefen ist, etwas Unverständliches. Und ich möchte das Wort wiederholen als ein durchaus klares und verständliches, das Herman Grimm öfter gebraucht hat: Ein solcher
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Mensch wie Alkibiades ist der reine Märchenfürst, verglichen mit Cäsar oder mit denen, die zur Zeit Cäsars gelebt haben. Ganz anders erscheint da griechisches Leben, erscheint Menschliches und Göttliches miteinander verbunden, ganz anders erscheint das Leben des Alltags und das, was man das Hereinleuchten von Göttlichem in das Leben des Alltages nennen kann; ganz anders erscheint das ganze Seelenleben, das auf dem Boden des alten Griechenlandes lebte. Auffällig werden die Dinge insbesondere, wenn man jene Gestalten auf die Seele wirken läßt, welche im Grunde genom­men viel lebendiger in der modernen Seele als die Gestalten, von denen die Geschichte erzählt, werden können, wenn man die Gestalten eines Homer, eines Äschylos oder eines Sophokles auf sich wirken läßt.
Wenn man von einem solchen Gedanken ausgeht, kann man schon aus alledem, was die gegenwärtige Bildung ergibt, sich sagen:
Je weiter man in der Menschheitsentwickelung zurückgeht, desto mehr erscheint der Mensch unmittelbar angeknüpft an ein Über­sinnliches, das hereinleuchtet in seine Seele, das da wirkt in seiner Seele, denn der Anfang eines ganz neuen Menschentumes offenbart sich schon, wenn man sich nicht oberflächlich, sondern gründlich der griechischen Seele naht. Daher erscheint auch etwas ganz Beson­deres, wenn man die Literaturwerke geschichtlicher Art, die im Lau­fe der europäischen Bildung entstanden sind, auf sich wirken läßt. Wie über etwas, was sie bewältigt haben, schreiben die Geschichts­schreiber über die verschiedenen Zeiten bis zurück in die römische Zeit. Wo Sie einen Geschichtsschreiber aufschlagen, werden Sie fin­den, daß er imstande sein wird, Gefühle und Empfindungen seiner Gegenwart bis ins alte Römertum hinein zu benutzen, um lebendig, gerundet die Gestalten zu machen, die er darstellt. Der bloßen Ge­schichtsschreibung - versuchen Sie einmal von diesem Gedanken ausgehend die Sache wirklich durchzugehen -, auch wo die besten Geschichtsschreiber wirken, werden die griechischen Gestalten, selbst noch der späteren griechischen Zeit, wie Silhouetten, wie Schattenbilder. Sie können nicht lebendig werden. Oder wer, der ein echtes Gefühl hat für einen Menschen, der mit seinen Füßen auf
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dem Boden steht, könnte behaupten, daß es je in Wahrheit einem Geschichtsschreiber gelungen ist, einen Lykurg oder einen Alkibia­des so auf die Beine zu stellen, wie dies zum Beispiel gegenüber dem Cäsar der Fall sein kann? Geheimnisvoll erscheint die griechische Seele, wenn man zurückblickt in die Zeiten des Griechentums. Ge­heimnisvoll erscheint sie dem Blick, der sie nur mit dem gewöhnli­chen Bewußtsein erfassen will. Und nur der empfindet richtig, der dieses Geheimnisvolle empfindet. Da kann man wohl die Frage auf­werfen: Wie würde eine griechische Seele gegenüber so manchem gefühlt haben, was der modernen Seele voll empfindlich, voll ver­ständlich ist?
Nehmen wir eine frühe griechische Seele. Versuchen wir mit mancherlei von dem, was doch jetzt schon die Geisteswissenschaft an die Hand gibt, uns in diese griechische Seele hineinzufühlen. Da fragt man sich dann: Was würde die griechische Seele zu der Gestalt, der Darstellung des Sündenfalles, des Verlaufes und der Darstellung der alten Geschichte gesagt haben, die der späteren europäischen Seele so begreiflich sind? Die Paradiesesgeschichte, alles, was die spä­teren Zeiten als das Alte Testament in sich aufnahmen, es wäre der griechischen Seele recht fremd gewesen, so fremd, wie den bloß mo­dernen Menschen die griechische Seele selber bleibt. Die Versu­chung im Paradies, die Adam- und Eva-Geschichte, wie sie zum Bei­spiel im Mittelalter oder noch in der neuen Zeit lebten, man kann sie sich nicht in die griechische Seele so hineindenken, daß diese grie­chische Seele die Sache voll verstände, so verstände, daß man es, wenn man tiefer in die Sache geht, etwa Verständnis nennen kann. Daher ist es aber auch für uns notwendig, daß wir sozusagen unsere Seele erst zubereiten, um diese ganz andersartige Zeit wieder für uns verständlich zu machen. Wenn man solche Gedanken hegt, dann empfindet man so recht, was im Grunde genommen unsere allerneueste Zeit uns gebracht hat.
Als am letzten Sonntag nach der letzten Szene des «Mysteriums von Eleusis» der Vorhang niederging, mußte ich denken, wie dank­bar wir sein dürfen, daß wir in unserer Gegenwart in der Lage sind, das Auge und die Seele hinrichten zu können auf den Verlauf von
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Vorgängen, welche uns diese griechische Seele in ihrem Fühlen und Erleben zeigen, und außerdem für das Anschauen dieser Vorgänge Seelen im Zuschauerraume zu haben, die sich denken können, daß in der Evolution der Menschheit über die Erde hin die menschliche Seele von Epoche zu Epoche andere Formen angenommen hat, ganz anders die Umgebung und das eigene Leben empfinden gelernt hat. Wir haben uns die Jahre hindurch bemüht, verstehen zu lernen, wie die menschlichen Seelen im Anbeginn der Erdenentwickelung leben mußten, als die äußere Leiblichkeit und damit das innere Seelenle­ben ein ganz anderes waren als später. Wir haben uns bemüht verste­hen zu lernen, wie die Menschenseelen lebten in der atlantischen Zeit und in der nachatlantischen Zeit, und haben dadurch die Mög­lichkeit gewonnen zu sagen: Oh, die Menschenseele, wie mannigfal­tig hat sie sich in uns ausgelebt! Die Seele, die in jedem von uns ist und immer wieder durch Inkarnationen und Inkarnationen hin­durchgegangen ist, nicht um dasselbe zu erleben, sondern um immer wieder und wieder anderes zu erleben - wie mannigfaltig hat sie sich ausgelebt! Und so mag es uns denn gelingen, da unten zu sitzen im Zuschauerraum und einmal zu vergessen, was uns in unserer Zeit unmittelbar bewegen muß, und unbefangen und objektiv aufzuneh­men, was die Seelen eben seelisch in ganz anderen Zeiten ihr eigen nannten. Wir brauchen nicht unseren Verstand in Bewegung zu set­zen, wir brauchen uns nur unserem unmittelbaren Empfinden hin­zugeben, dann zeigt sich uns schon, daß die Vorgänge, die sich da ab­spielen in dem rekonstruierten Mysterium von Eleusis, alles das zwar in sich haben, was die Seelen von den dunkelsten Lebensunter­gründen bis hinauf zu den Geisteslichtern, von den Schmerzen bis zu den Seligkeiten durchlebten, aber dies auf mannigfaltige Art im Laufe der Zeit erlebten. Und dann erhält man vielleicht ganz naiv und unbefangen - aber dafür vielleicht um so sicherer - ein Gefühl davon, was der Grieche empfand, wenn Namen ausgesprochen wur­den, Vorstellungen angeregt wurden wie Demeter, Persephone, Dionysos. Man erhält vielleicht die Möglichkeit, daß ganze Welten aus dem Innern der Seele vor uns hintreten, wenn diese Vorstellun­gen in uns angeregt werden.
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Als Menschen finden wir uns innerhalb der äußeren physischen Welt. Wir lernen sie kennen durch unsere Sinne, durch die Erlebnis­se unserer Seele und durch das, was wir mit unserem Verstande und unserer Vernunft erleben können. In einer ganz bestimmten Weise fühlen wir heute gewissermaßen unabhängig unsere Seele von dem äußeren Leben der uns umgebenden Natur und alles dessen, was sich in der Natur verbirgt. Wie der Mensch demgegenüber heute empfindet, das drückt sich wieder aus in einer Art, wie die griechi­sche Seele nicht hätte empfinden können. Das Entfremdetwerden gegenüber der Natur, das Betonen, daß man die Sinneswelt verlassen müsse, um in die spirituellen Welten hinaufzudringen, wäre dem Griechen noch nicht verständlich gewesen. Aber in seiner Art fühlte er, wie es einen bedeutsamen Unterschied, eine bedeutsame Tren­nung gibt zwischen dem, was man in dem menschlichen Innern nen­nen kann den Geist, und was man nennen kann die Seele. Das sind ja Worte für das menschliche Erleben, zwei verschiedene Gebiete zunächst und hart aneinanderstoßend: Seelisches und Geistiges.
Richten wir den Blick hin auf die Szene gleich im Beginn der Auf­führung: Demeter, in stolzer geistiger Keuschheit vor Persephone stehend, sie mahnend, nicht zu genießen von den Früchten, die Eros geben kann. Wir richten das Auge hin auf diese Demeter. Alles, was der Mensch geistig nennt, wovon er sich sagt, er ist seiner teilhaftig als Geist, das erblickt er in der Demeter. Aber er erblickt auch, wie innerhalb der Erdenwelt dieses Geistige verbunden ist mit dem Sinn­lichsten, mit dem Materiellsten. Demeter, die Göttin, die Hervor-bringerin der Feldfrüchte und Vorsteherin der äußeren Einrichtun­gen und sittlichen Ordnungen der Menschheit - als Menschengeist, keusch und stolz gegenüber vielem, was sonst auch im Menschen lebt, aber innig verbunden mit der äußeren Sinneswelt, diese durch­dringend, so steht Demeter vor uns. Persephone tritt sogleich vor das innere Auge hin als etwas, das uns in unserer Seele wachruft die Vorstellung des menschlich Seelischen, verbunden mit alledem, wo­mit der Mensch in seinem individuellen Dasein dadurch verbunden ist, daß er mit seiner Seele eben in den Erdenleiden und Erdenfreu­den drinnensteht. Verbunden mit all dem, was die Erdenleiden und
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Erdenfreuden durchzuckt, muß sich die Seele fühlen, wenn sie sich vorstellen will, was in Persephone lebt. Ganz Seele - Persephone, ganz Menschengeist - Demeter. Und wenn wir dann den Verlauf des Mysteriums von Eleusis auf uns wirken lassen, wenn die Grund­töne, die gleich beim allerersten Gespräch zwischen Demeter und Persephone angeschlagen werden, weiter in uns klingen und sich verschlingen und sich finden und dann endlich zu der Gestalt des Dionysos herankommen - wie findet sich da der ganze Mensch sel­ber in Dionysos, wie findet sich dasjenige, was in uns lebendig wird gegenüber der Demeter und Persephone, zugleich in Dionysos! Und wir sehen in der letzten Szene ein Streben der Seele der Menschheit nach Harmonisierung ihres Seelischen mit dem Geistigen: das ganze dionysische Spiel - aus dem Lebensdunkel zum Geisteslicht hinauf!
Ich kommentiere nicht und möchte nicht ein künstlerisches Werk zerpflücken, ich möchte nur die Empfindungen, die über intime Seelengeheimnisse im Menschen aufgehen können, in Worte brin­gen, wenn sich der Mensch dem Mysterium von Eleusis gegenüber­gestellt sieht. Niemals wird es mir einfallen zu sagen, in Demeter sei personifiziert oder symbolisiert eine ursprüngliche Form des Men­schengeistes und in Persephone die menschliche Seele. Das hieße dem Plastischen des Kunstwerkes Gewalt antun, steife Verstandes­begriffe anwenden gegenüber dem, was im Kunstwerke lebt, wie Menschen oder sonstige Wesen selber lebendig leben. Aber was man empfinden darf, was man empfinden kann über Seelengeheimnisse, das darf man sagen.
Und jetzt stellen wir einmal vor uns hin zwei Bilder. Stellen wir das spätere europäische Bewußtsein vor unsere Seele hin, das erst jetzt in unserer Gegenwart beginnt sich aufzulösen und lechzen wird nach denjenigen Formen, die ihm in Wahrheit die Theosophie weist, wie es durch die Jahrhunderte gewirkt hat: diese europäische Seele, die Lebensrätsel empfand, wenn ihr vorgestellt wurde, wie der Mensch, der erste Mensch da stand - Mann, Weib - in unendlichem Abstand von seinem Gotte, den er fürchten mußte, hörend die ver­lockende Stimme einer Wesenheit, fremd der eigenen Menschensee­le. Woher kommt diese Wesenheit? Was ist sie?
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Wie ist sie verwandt mit dem eigenen Seelischen? Kaum denkt die europäische Seele, das europäische Bewußtsein daran, sich darüber aufzuklären. Sie nimmt hin die Fremdheit des Luzifer, sie begnügt sich damit zu wissen, daß von ihm die Erkenntnis, aber auch die Verführungsstimme ausge­gangen ist. Und wie tönen dann wie aus Weltenfernen heraus die Worte, die das göttliche Strafgericht verhängt nach der Verführung! Wie sind sie schon durch ihre Fassung geeignet, die Seele gar nicht dazu aufzurufen, sich zu fragen: Wo lebt das, was da draußen im Makrokosmos durch die Räume klingt, in dem eigensten intimsten Seelenleben? Man versuche empfindend das, was als der Paradieses­vorgang vorgestellt werden kann, bildlich darzustellen; man versu­che zu empfinden, wie unnatürlich es wäre, die entsprechenden Ge­stalten, mit denen man es dabei zu tun hat, in rein menschlichen Formen darzustellen. Und jetzt versuche man sich vorzustellen, wie selbstverständlich es ist, daß da, wo von intimsten, tiefsten Seelen­angelegenheiten der Griechen gesprochen wird, die menschliche Ge­stalt der Demeter, die menschliche Gestalt der Persephone, selbst die menschliche Gestalt des Dionysos oder des Zeus vor unseren Augen steht! Man versuche daraus zu empfinden, wie unendlich nahe der griechischen Seele dasjenige lag, was zugleich durch den Makrokosmos geht!
Es braucht nur ein Wort ausgesprochen zu werden, um das zu charakterisieren, worum es sich dabei handelt. Einfach, ganz einfach kann dieses Wort ausgesprochen sein. Man braucht nur zu sagen: Bevor durch unseren hochverehrten Edouard Schuré das Mysterium von Eleusis nicht rekonstruiert war, so wie wir es jetzt sehen kön­nen, war es eben nicht da. Und jetzt haben wir es! Man braucht nur zu empfinden, was in diesen beiden Sätzen liegt, dann ist alles gesagt. Es handelt sich gegenüber dieser Sache um etwas, was meiner Emp­findung nach alles triviale Aussprechen eines Dankgefühles über­ragt. Damit ist aber hingewiesen auf die ganze Bedeutung, welche diese Rekonstruktion des Mysteriums von Eleusis für das moderne spirituelle Leben hat. Dann aber mag sich auch manche Seele geste­hen, daß alles, was mit diesem Mysterium von Eleusis zusammen­hängt und was in bezug auf die historische Wiedererweckung der
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Initiationsprinzipien der verschiedenen Epochen durch denselben Autor geschehen ist, etwas ist, woraufhin bestimmt ist das Tiefste, das Intimste der europäischen Seelennatur. Und eine Verpflichtung liegt vor, eine Verpflichtung heilig ernster Art für jeden, der es auf­richtig und ernst mit dem spirituellen Leben meint, gerade diese Art hineinzutragen in das moderne Seelenleben.
Meine lieben Freunde! Sie können viel den Leuten draußen in der Welt sprechen von allerlei theosophischen Dingen; es kann auch sein, daß die Leute von einem solchen Sprechen befriedigt erschei­nen können. Wenn man aber in die Tiefen der Seelen hineinzublicken vermag, dann weiß man, wessen die Seelen bedürftig sind, wie notwendig es ist, ihnen das zu geben, dessen sie sich vielleicht nicht bewußt sind, was sie aber in ihren tiefsten Herzensgründen wahr­haftig verlangen! Solche Gefühle waren es, die meine Seele durch­drangen, als wir am letzten Sonntag den Vorhang heruntergehen sahen nach der letzten Szene des «Mysteriums von Eleusis». Und wenn man so empfinden möchte dasjenige, was sich abgespielt hat, dann lebt in diesem Empfinden selber so viel, daß man ihm Frucht­barkeit und Wirkenskraft für das Leben zugesteht. Und wenn wir diese Fruchtbarkeit, diese Wirksamkeit in den letzten Jahren an so manchem sahen, dann dürfen wir auch leicht hinwegkommen über manches andere, was heute nicht hierhergehört, was sich aber hem­mend dieser Fruchtbarkeit, dieser Wirksamkeit entgegenstellt und vielleicht noch mehr entgegenstellen wird, als dies in den verflosse­nen Jahren der Fall war. Und daß ich selber etwa nicht allein dastehe mit diesem Empfinden, das konnten mich die Wochen lehren, wel­che unseren Münchner Aufführungen vorangingen. Sie sehen ja in den ersten Tagen, in denen Sie im Beginne unserer Münchner Zeit diesen Mysterienaufführungen gegenüberstehen, eine Anzahl der Freunde von der Bühne herab, und da Sie ja alle wohl diejenigen kennen, die Sie da sehen, so brauche ich, was ich ja wahrhaftig tun würde, hier nicht die Namen aller einzelnen Ihnen anzuführen. Aber das wohl darf ich sagen: daß wir alle, die wir hier sitzen, war­mes Dankgefühl gegenüber denjenigen empfinden dürfen, die sich wochenlang mit Hingebung - denn das ist notwendig, wenn es auch
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oftmals nicht so aussieht -, mit Hingebung aller ihrer Kräfte wid­men dem Studium und dem Durchdringen der Gestalten, die sie dar­zustellen haben. Und in allen denen, die Sie selber auf der Bühne sehen, lebt das Bewußtsein, daß sie Diener sind der spirituellen Welt, daß in unserer Zeit die Notwendigkeit besteht, der allgemei­nen Menschenkultur spirituelle Werte zuzuführen, und daß alles versucht werden muß, um diese spirituellen Werte der allgemeinen Menschenkultur zuzuführen. Verehrung gegenüber den spirituellen Angelegenheiten läßt die Mitspielenden so manches, was die Vorbe­reitungen für die Aufführungen erfordern, gern ertragen. Das darf einmal gesagt werden aus dem Grunde, weil es ja mit unserer ganzen Sache zusammenhängt und weil wahrhaftig die Anstrengungen zu große sind, als daß gerade nur etwa Ehrgeiz oder Eitelkeit, sich von der Bühne herab betrachten zu lassen, die einzelnen dahin führen würde, sich zu Darstellern der betreffenden Gestalten zu machen. Mit besonderem Danke müssen wir aber derer gedenken, die sozusa­gen hinter den Kulissen, aber vielleicht viel sichtbarer noch als die einzelnen Darsteller, in opferwilliger, hingebungsvoller Art nun schon seit Jahren ihr Können und ihr Streben - besonders ihr Kön­nen, was noch mehr ist als ihr Streben - in den Dienst gerade dieser Sache stellen. Wir dürfen es wie eine An inneres Karma gerade unse­rer Bewegung ansehen, daß wir in der Lage sind, eine Persönlichkeit zu haben, welche alles, was das Bühnenbild erfordert in bezug auf -sagen wir Umhüllungen und Kleidungen, in bezug auf die Kostüme der Darsteller, wenn ich dieses triviale, mir abscheulich klingende Wort aus der allgemeinen Bühnensprache gebrauchen will, in einer solchen Weise besorgt, daß es nicht nur den Intentionen, die mir sel­ber am Herzen liegen, entspricht, sondern auch getragen ist von wahrer Spiritualität. Wir dürfen es als ein günstiges Karma unserer Bewegung innerhalb Mitteleuropas betrachten, eine solche Persön­lichkeit unter uns zu haben. Und daß dieses Karma tiefer begründet ist, das zeigt sich auch darin, daß dieselbe Persönlichkeit in so ausge­zeichneter Art mitwirken konnte bei allem, was zum Beispiel für unsern «Kalender» in den letzten Monaten hat geschehen können, der ja wie alle unsere Unternehmungen dem großen Ziele dienen
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soll; so daß gewiß in erster Linie bei denjenigen, die nicht nur als Darsteller, sondern auch in dem Ganzen in hervorragender Weise mitwirken, der Name des Fräulein von Eckardtstein genannt werden darf. Dann darf ich mit innigstem Dankgefühl gedenken und möch­te dieses Dankgefühl in Ihren Herzen mit anregen auch für unsere hingebungsvollen Maler Volckert, Linde, Haß und in diesem Jahre auch Steglich aus Kopenhagen. Ich möchte es anregen in Ihren Her­zen, weil wahrhaftig etwas dazu gehört, aus den spirituellen Tiefen heraus etwas anzustreben, daß für das Auge äußerlich da ist, was uns vor der Seele steht. Und viele müssen, weil es zu viele sind, unge­nannt bleiben. Ja, wenn so ein Bühnenbild dasteht, dann merkt man nicht, daß dafür - vielleicht nur für die letzte Zurichtung außerdem -dasjenige, was der Maler zugerichtet hat in einem Raume, der viel größer ist als dieser Saal hier, ausgespannt sein muß und daß vierzig bis fünfzig Personen auf dem Boden herumkriechen müssen, um überhaupt das alles an Ort und Stelle zu bringen, wohin es gehört. Eine solche Verpflichtung übernehmen gern unsere Freunde; sie kriechen gern auf dem Boden herum, um alles anzunähen, was ange­näht werden muß, und was dann vielleicht nur für wenige Minuten von der Bühne herab sichtbar erscheint. Warum sage ich das alles?
Vielleicht erscheint es manchem höchst unnötig, dies zu sagen. Theosophie aber besteht nicht bloß in Theorien und Prophetien. Theosophie besteht in der hingebungsvollen Opferwilligkeit für das, was unsere Zeit von uns fordert, auch dann, wenn wir unmittel­bar selbst diese Forderungen nur dann erfüllen, wenn wir einmal viele Tage lang auf dem Boden herumrutschen müssen, um das in Ordnung zu bringen, was dann in uns sich beleben kann im An­blick, was lebendig sein soll in unserer Seele, damit diese Seele mit den Anforderungen der modernen Zeit fertig werden kann. Ein Ge­fühl dafür soll erregt werden, daß von wirklicher menschlicher Ar­beit der Kern ausgeht für jenes spirituelle Leben, das der Zukunft der Menschen auch notwendig ist. Dann, wenn man solches fühlt, wird man auch immer mehr und mehr verstehen, wie zusammen­wachsen müssen die Seelen derer, die sich Theosophen nennen wol­len, in gemeinsamen, ernsten und würdigen Zielen im konkreten
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unmittelbaren Arbeiten. Denn wert ist vor allen Dingen das, was der einzelne tut, was der einzelne schafft, was der einzelne bereit ist, an Opfern zu bringen! Und wen ist das, was der einzelne sich er­wirbt an Ertragsamkeit für Enttäuschungen. Hier an diesem Orte und in unserer mitteleuropäischen geisteswissenschaftlichen Bewe­gung darf es gesagt werden: Es haben diejenigen, deren Karma es ist, ein wenig sozusagen zusammenzuhalten die Fäden, die wir brau­chen für die Bildung des spirituellen Kernes, wahrhaftig in den letz­ten Zeiten nicht wenige Enttäuschungen erlebt. Aber mag manches Wort über solche Enttäuschungen gefallen sein, eines ist noch nicht gefallen, und wir möchten es erbitten von den spirituellen Mächten, die hinter unserer Bewegung stehen und sie anfeuern, daß dieses Wort nicht zu fallen braucht, ein Wort: daß unsere lieben Mitarbei­ter erlahmen möchten. Solange sie ihre Hände regen, solange sie ihre Gedanken regen, können wir uns für unsere geistige Bewegung sa­gen: Sie wollen! Und solange sie wollen werden, gleichgültig, ob sich das Gedeihen auf den ersten Tag zeigt oder erst nach Jahrhun­derten, solange sie wollen werden, solange werden sie im rechten Sinne des Wortes Theosophen sein! Fühlen wir uns in diesem Wol­len, das auch Enttäuschungen ertragen kann, in wahrer, arbeitsamer Liebe zusammen, dann werden wir arbeiten können. Dann wird daraus entspringen dasjenige, was der Menschheit in ihrer gegen­wärtigen Entwickelungsstufe notwendig ist. Mögen unsere Kräfte schwach sein, wir können keine stärkeren bringen als wir haben. Eines können wir aber; seit Monaten betonen wir dieses eine, und ich mußte in diesen Tagen dieses einen gedenken. Es gab Zwischen­tage zwischen unseren Aufführungen; viele unserer Freunde waren vom Morgen bis zum Abend bei den Generalproben beschäftigt. Unser lieber Dr. Unger hatte Ihnen in diesen Tagen hier in Mün­chen Vorträge gehalten. Es war für mich etwas tief Erfreuliches, Beseligendes, als unser lieber Freund, der Direktor Sellin, gestern morgen zu mir kam, voller Begeisterung über diese beiden Vorträge des Dr. Unger, und mir hinter den Kulissen das Wort sagte: «Eine Bewegung, die solche begeisterte Vertreter vor der Öffentlichkeit hat, geht nicht zugrunde!» Denn worüber darf ich mich selbergestatten
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Sie mir dieses aufrichtige, ehrliche Wort - am allermeisten freuen, wenn gerade so etwas vorkommen kann? Ich kann mich am meisten freuen über die selbständige Kraft, über die durchaus selb­ständige Art, wie hier eine Menschenpersönlichkeit aus sich heraus, frei, ohne sich unmittelbar nur an dasjenige zu halten, was ich selber aussprechen kann, die Sache aus sich heraus nach ihren eigenen Fä­higkeiten begründet! Wer selbst selbständig wirken will, wird nichts freudiger, aufrichtiger begrüßen, als wenn eine selbständige Persön­lichkeit neben ihm Schulter an Schulter steht und dasjenige gibt, was sie zu geben in der Lage ist, nachdem sie erkannt hat, daß es sich zum Ganzen fügen kann. Eine Festesfreude war es mir, als Direktor Sellin kam und - ich möchte sagen wie aus kindlichem Herzen her­aus, denn es stellte sich so dar - seine volle Begeisterung aussprach über das, was er gehört hatte. Ich darf es Ihnen sagen und weiß, daß es mir doch eine große Anzahl glauben werden, daß ich die innigste Freude habe über solche Selbständigkeit, über ein solches individuel­les Wirken, und daß dies die Wahrheit ist. Wenige Zeiten vorher be­kam ich einen Brief, der ungefähr sagte, daß es notwendig wäre, mancherlei zu tun innerhalb der deutschen theosophischen Bewe­gung, weil ja doch sonst niemand zu Worte komme als der, welcher wortgetreu das nachsprechen mag, was ich selbst sage. So ist oftmals die Darstellung draußen in der Welt von dem, was die Wahrheit ist! Nicht Kritik soll geübt werden an einem solchen Wort, das objektiv eine Unrichtigkeit im straffsten Sinne des Wortes enthält, auch nicht ein Tadel oder eine Strafe soll darin liegen. Man kann nur Mit­leid haben mit einem solchen Wort. Aber das andere, was für uns positiv sein kann, muß immer wieder und wieder betont werden: Fühlen wir uns verpflichtet zur Wahrhaftigkeit, zur Prüfung dessen, was ist! Und fühlen wir es uns verboten, über irgend etwas zu spre­chen, bevor wir es kennengelernt haben, bevor wir auf dasselbe ein­gegangen sind! Sonst gibt es keinen Segen in einer okkulten Ent­wickelung, in einer okkulten Bestrebung. Wahrheit und Wahrhaf­tigkeit - das ist oberstes Gesetz. Was nützen alle Prophetien, was nützen alle Charakteristiken übersinnlicher Tatsachen, wenn sie nicht getaucht sind in das Bad ehrlichster, aufrichtigster Wahrhaftigkeit!
#SE138-025
20:04
Sie mögen manches von dem Orte, von dem ich zu Ihnen spre­chen darf, an diesen oder jenen geisteswissenschaftlichen Wahrhei­ten entgegennehmen; am allerliebsten ist es mir aber, wenn Sie hier dieses Wort entgegennehmen, daß es mein eigenstes, innerstes Be­streben Ihnen gegenüber immer sein wird, über nichts zu sprechen, als worüber ich sprechen darf im Sinne ehrlichster Wahrhaftigkeit, und daß ich den Segen einer okkulten Bewegung in nichts anderem sehen kann als in dem Sich-Verpflichtetfühlen zur Wahrhaftigkeit! Mag es unseren Wünschen zuwider sein, mag es entgegen sein dem, was unser Ehrgeiz, unsere Eitelkeit verlangen, mag es manchem in unserer Seele zuwider sein, mag es uns zuwider sein, irgendeiner Autorität uns zu unterwerfen - das kann richtig sein. Einer Autori­tät sollen wir uns freiwillig und willig unterwerfen: der Autorität der Wahrhaftigkeit, so daß alles, was wir leisten können - nicht nur in dem, was wir sagen, sondern auch in dem, was wir tun, was wir im einzelnen tun - durchdrungen sei von Wahrhaftigkeit. Das suchen Sie auch in dem, was wir in unseren theosophisch-künstlerischen Bestrebungen vor Ihre Augen stellten. Versuchen Sie es zu fin­den, und vielleicht werden Sie sehen, daß wir auch manches nicht er­reichten, aber eines werden Sie sehen: daß es unser Bestreben ist, das, was wir tun, zu tauchen in die Sphäre und in die Atmosphäre der Wahrhaftigkeit, daß wir es uns verbieten, von Toleranz zu spre­chen, wenn diese Toleranz nicht auch wahrhaftig da ist, wenn wir sie nicht auch wahrhaftig üben. Denn das, daß man den andern into­lerant nennt, macht die Toleranz nicht aus; daß man etwas anderes von jemandem erzählt, als er vertritt, das macht die Toleranz nicht aus; daß man immer betont, man sei tolerant, das macht die Tole­ranz nicht aus. Wenn man aber wahrhaftig ist, dann kennt man sei­nen Wert, dann weiß man auch, wie weit man gehen darf. Und ist man ein Diener der Wahrhaftigkeit, dann ist man selbstverständlich tolerant.
In einleitender Weise durften wohl auch solche Worte gespro­chen werden, obwohl es sonst nicht meine Art ist, auf allerlei Mah­nungen und Ermahnungen einzugehen. Aber wie sollten denn nicht gerade bei einer solchen Gelegenheit diese Worte sich dem Herzen
#SE138-026
20:11
loslösen, die aufmerksam machen möchten, wie wir aus innig ver­wandtem Impuls heraus in der Lage waren, diese Rekonstruktion des Mysteriums von Eleusis in gewisser Beziehung immer wieder und wieder zu etwas zu machen, woran wir anknüpfen. Wir wollten zu den europäischen Seelen ehrlich und aufrichtig, wahrhaftig sein und wollten im Sinne der Wahrhaftigkeit suchen, wonach die euro­päische Seele lechzt. Was oftmals das Tiefste ist, erkundet sich zu­letzt in den einfachsten Worten, formuliert sich zuletzt in den ein­fachsten Worten. Lernen wir aus ehrlicher, aufrichtiger Überzeu­gung von dem, was der Zeit not tut, erkennen, was es für eine Tat war, aus den dunklen Geistestiefen heraus, die gerade dann begin­nen, wenn wir vom Römertum ins Griechentum kommen, dieses Mysterium von Eleusis wiederzuerschaffen. Fühlen wir, was es heißt: Bevor das Mysterium von Eleusis durch unsern hochverehr­ten Edouard Schuré nicht geschaffen war, war es nicht da, und jetzt ist es da! Wir haben es und dürfen auf es bauen, und damit auf die alleinige Art, wie wahrhaftiges Griechentum vor unsere Seele hin­treten kann, daß sie darauf hinschauen kann. Wenn wir das empfin­den, fühlen wir die Bedeutung dessen - womit wir diese unsere Münchner Unternehmungen eröffnen dürfen - in diesem Jahre wie im vorigen. Dann dürfen wir es jeder einzelnen hier befindlichen Seele überlassen, mit welcher Herzlichkeit - von der ich sicher bin, daß sie bei vielen eine innige sein wird - sie der Gedanke erfüllt, daß der Schöpfer dieser Rekonstruktion des Mysteriums von Eleusis unter uns gerade während dieser Münchner Zeit weilt.
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