giovedì 4 agosto 2011

URSPRUNGSIMPULSE DER GEISTESWISSENSCHAFT Berlin, 29. Januar 1906


#G096-1974-SE013 - Grundimpulse der Geisteswissenschaft
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URSPRUNGSIMPULSE DER GEISTESWISSENSCHAFT
Berlin, 29. Januar 1906
#TX 20110804 17:17
Es zeigt sich immer wieder, wie schwer es unseren Zeitgenossen ist, theosophisches Leben zu verstehen. Deshalb seien einige Gedanken im allgemeinen darüber ausgesprochen. Theosophie ist etwas, von dem sich jeder, der sich zu ihr hingezogen fühlt, die Vorstellung macht, daß sie in bezug auf das geistige Leben seine tiefste Sehnsucht befriedigen müsse. Wollen wir uns aber die theosophische Grund-idee, wie sie in der Gegenwart richtig ist, vor die Seele halten, unser ganzes Bewußtsein erfüllen mit dem Gedanken, daß das Geistige etwas Wirkliches ist, dann müssen wir es endlich dazu bringen, daß wir die Würde der Person unseres Nächsten anerkennen. Das Per­sönliche lassen wir gelten, denn wir würden es uns als Mensch, der eine empfindende Seele im Leibe hat, nicht gestatten, das äußere Per­sönliche unseres Mitmenschen in absichtlicher Weise zu verletzen, wir würden es uns nicht gestatten, ihn anzugreifen in seiner persön­lichen Freiheit. Aber so weit sind wir noch nicht, noch lange nicht, daß wir diese Toleranz ausdehnen auf das Allerinnerste des Menschen, weil wir noch lange nicht - höchstens theoretisch, aber noch nicht praktisch - wissen, daß Empfindung und Gedanke, das Geistige überhaupt, ein Wirkliches ist. Das ist Ihnen allen doch klar. Und auch das ist heute schon allen Menschen klar, daß es etwas höchst Wirkliches, höchst Reales ist, wenn ich jemandem mit meiner Hand einen Schlag versetze. Aber nicht so leicht glauben die Menschen, daß es etwas Wirkliches ist, wenn ich jemandem einen schlechten Gedanken zusende. Das müssen wir uns bewußt machen, daß der schlechte Gedanke, mit dem ich meinem Mitmenschen entgegentrete, der Gedanke der Antipathie, des Hasses, für seine Seele ebenso ist wie ein Schlag für das Gesicht des Menschen. Und eine abträgliche Empfindung, eine Empfindung des Hasses und der Unliebe, mit der ich dem Mitmenschen gegenüberstehe, sie sind wirklich wie die gewöhnliche äußere Verletzung, die man einem Menschen zufügt. Erst wenn man sich dessen bewußt ist, wird man Theosoph.
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Durchdringen wir uns ganz mit diesem Bewußtsein, sind wir uns klar darüber, daß der Geist in uns selbst eine Wirklichkeit ist, dann haben wir den theosophischen Gedanken erfaßt, und dann folgt für uns etwas, was die eigentliche Konsequenz, die wichtige Folge einer solchen geistigen Auffassung ist. Zunächst werden sich die Menschen einer gebildeten Gesellschaft nicht schlagen, sie werden sich nicht äu­ßerliche Verletzungen zufügen. Aber mit welchen Gedanken, mit wel­chen Meinungen die Menschen unserer gebildeten Gesellschaft neben-einander sitzen, davon brauche ich Ihnen nicht zu erzählen. Sie wissen es. Die Theosophische Gesellschaft hat die Aufgabe, Sympathie und Unverletzlichkeit der Person zum Bewußtsein zu bringen. Wenn in unserer Zeit, wo es den Leuten vorzugsweise darauf ankommt, Meinungen, Ansichten zu haben, sieben Mitmenschen zusammensitzen, dann haben sie dreizehn Meinungen, und infolge der dreizehn Meinungen wollen sie sich am liebsten in dreizehn Parteien spalten. Das ist die Folge der Meinungsverschledenheit, und an die Stelle dieser Meinungsverschiedenheit hat die theosophische Bewegung im tiefsten Inneren die Bruderschaftsidee zu setzen. Wir begreifen die Theosophie, diese Bruderschaftsidee, erst dann vollständig, wenn wir imstande sind, zusammenzusitzen in einer Bruderschaft bei der größtmöglichen Verschiedenheit der weiteren Gedanken. Wir wollen nicht bloß die Person unseres Nächsten achten und schätzen und ihr so gegenübertreten, daß wir sie in ihrer vollsten Menschenwürde anerkennen, sondern wir wollen ins tiefste Innere der Seele hinein unseren Mitbruder als Seele anerkennen. Dann müssen wir aber mit ihm zusammensitzen und zusammenbleiben, auch wenn die größte Verschiedenheit der Meinungen vorhanden ist. Niemand darf wegen Meinungsverschledenheit aus der theosophischen Gemeinschaft, aus der theosophischen Bruderschaft austreten. Das gerade ist der Vorzug der Theosophen, daß sie brüderlich zusammenbleiben, auch wenn sie nicht einer Meinung sind. Ehe wir uns nicht brüderlich zusammenfinden, sind wir nicht in der Lage, einen theosophischen Grundgedanken durchzuführen. Dadurch wird es uns erst möglich, heraufzuholen aus den Seelen die tiefsten Geheimnisse, die in ihnen schlummern, die tiefsten Fähigkeiten, die wie schlafend auf dem Grunde
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unserer Seele leben, wenn wir uns klar darüber sind, daß wir zusam­men wirken können mit unseren Mitmenschen, auch dann, wenn wir nicht so wirken, wie sie wirken.
Nicht umsonst ist, wie ich öfter gesagt habe, im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die Theosophische Gesellschaft begründet worden. Die Art und Weise, wie sie das Geistige sucht, unterscheidet sich doch wesentlich von anderen Bestrebungen, die ebenfalls anstreben, Be­weise für die Unsterblichkeit des Menschen zu erlangen. Es ist eine große Verschiedenheit in dem Suchen nach dem Ewigen, wie es in der Theosophischen Gesellschaft gefunden wird, und dem Suchen nach dem Ewigen in anderen auf den Geist gerichteten Strömungen. In Wahrheit ist die theosophische Bewegung nichts anderes als die populäre Ausgestaltung der die Welt im geheimen umspannenden okkulten Bruderschaften der verflossenen Jahrtausende. Ich habe schon erwähnt, daß die hervorragendste, die größte Bruderschaft Europas im 14. Jahrhundert begründet worden ist als die Rosen-kreuzer-Bruderschaft. Diese Rosenkreuzer-Bruderschaft ist eigentlich die Quelle, die Ausgangsstätte für alle sonstigen Bruderschaften, wel­che die Kultur Europas erhalten hat. In diesen Bruderschaften wurde streng geheim die okkulte Weisheit gepflegt. Wenn ich Ihnen charak­terisieren soll, was die in diesen verschiedenen Bruderschaften ver­einigten Menschen erlangen wollten, so müßte ich Ihnen sagen: jene hohen und erhabenen Weisheitslehren und jene Weisheitsarbeit, wel­che in diesen okkulten Bruderschaften, von denen die Rosenkreuzer­Bruderschaft die hervorragendste war, gepflegt wurden. Die Lehren und Arbeiten, die da gepflegt wurden, brachten den Menschen dahin, daß er sich seines ewigen Wesenskernes bewußt wurde. Sie brachten den Menschen dahin, daß er den Zusammenhang fand mit der höhe-ren Welt, mit den Welten, die über uns liegen, und hinblickte zu der Führung unserer älteren Brüder, zu der Führung derjenigen, die unter uns leben und die eine Stufe erlangt haben, die Sie alle zu einer späteren Zeit erlangen werden. Wir nennen jene die älteren Brüder aus dem Grunde, weil sie, vorauseilend der allgemeinen Entwicke­lung, diesen hohen Standpunkt früher erlangt haben: also die Gewiß­heit des ewigen Wesenskernes, die Erweckung desselben, so daß der
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Mensch das Ewige erschauen kann wie der gewöhnliche Mensch die Sinnenwelt. Um dies zu erreichen, muß er den älteren Brüdern, die überall unter uns leben, nacheifern. Diese älteren Brüder oder Meister, die großen Führer der Menschheit, sind selbst immer die obersten Leiter und obersten Vorsteher der okkulten erhabenen Weisheit ge­wesen, durch die der Mensch seines ewigen Wesenskernes bewußt wird. Diejenigen, welche sich in eine solche okkulte Bruderschaft aufnehmen lassen wollten, bis in die Mitte des verflossenen 19. Jahr­hunderts, wurden strengen Prüfungen und Proben unterworfen. Nur derjenige konnte in einer solchen Bruderschaft Aufnahme finden, von dem man sich klar war, daß er durch seinen Charakter eine Garantie abgab, daß die hohe Weisheitslehre niemals zu niedrigen Zwecken mißbraucht werden kann. Ferner mußte er durch seine Intelligenz die Gewähr leisten, daß er das, was ihm in den okkulten Bruderschaften gegeben wurde, in der richtigen Weise und im richtigen Sinne ver­stand. Nur wenn jemand diese Bedingungen erfüllte, wenn er eine vollständige Garantie abgab, daß er in der Lage und in der notwendi­gen Stimmung war, um die höchsten Lehren des Lebens entgegen-zunehmen, konnte er in eine solche Bruderschaft aufgenommen wer­den.
So wenig die Menschen es auch glauben wollen: alles wirklich Große, was geschehen ist bis zur Französischen Revolution und bis ins 19. Jahrhundert hinein, ist von diesen okkulten Bruderschaften ausgegangen. Die Menschen wußten gar nicht, wie sie von den Strö­men, die von den okkulten Bruderschaften ausgingen, beeinflußt wurden. Soll ich Ihnen eine Szene schildern, wie diese Bruderschaften auf okkulte Weise in der Welt wirkten? Nehmen wir folgende Szene. Ein hochbegabter, wichtiger Mann bekommt etwas unvermittelt den Besuch eines scheinbar unbekannten Menschen. Dieser unbekannte Mensch weiß es dahin zu bringen, daß sich zwischen ihm und jener wichtigen Persönlichkeit, vielleicht einem Staatsmann, ein Gespräch entspinnt. Alles das auf die natürlichste Weise und ganz «zufällig», wobei zufällig unter Anführungszeichen zu setzen ist. Das Gespräch enthält nicht bloß eine beliebige Sache, denn im Laufe des Gespräches werden Dinge gesagt, die sich ganz unvermerkt einleben
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in das Gemüt, in den Intellekt des Betreffenden, der besucht wird. Von einer solchen Unterredung, die vielleicht nur drei Stunden dauert, geht dann eine völlige Umwandlung des Betreffenden vor sich. So sind - Sie mögen es glauben oder nicht - manche große, bedeutsam auf die Welt wirkende Ideen in die Gemüter hineinverpflanzt worden. So sind in Voltaire die großen Ideen angeregt worden, ohne daß er vielleicht eine Ahnung davon hatte, wem er gegenüberstand als einer scheinbar höchst unbedeutenden Erscheinung, die ihm aber Wichtiges zu sagen hatte. So wurden in Rousseau einige so empfangene Grundgedanken niedergelegt; auch in Lessing.
Diese Art und Weise von Wirkungen, die von okkulten Bruder­schaften ausgingen, verlöschen im Laufe des 19. Jahrhunderts immer mehr und mehr. Das 19. Jahrhundert war notwendigerweise das Jahr­hundert des Materialismus. Die okkulten Bruderschaften hatten sich zurückgezogen. Die großen Meister der Weisheit und des Zusammen-klanges der Empfindungen zogen sich, wie man das mit einem tech­nischen Ausdruck bezeichnet, nach dem Orient zurück. Sie hörten auf, auf das Abendland zu wirken. Nun geschah im Abendlande etwas ganz besonders Wichtiges. Halten wir uns das vor, um uns über die Bedeutung der theosophischen Weltbewegung klar zu werden.
Es war im Jahre 1841, da erkannten die, welche Mitglieder der verborgensten Gesellschaft waren, daß in Europa Wichtiges vor sich gehen sollte. Es war notwendig, um die Sturmflut des Materialismus einzudämmen, daß man einen Strom von geistigem Leben in die Menschheit hineinleitete. Damals war es, als zunächst unter den Ok­kultisten selbst eine gewisse Meinungsverschiedenheit sich geltend machte. Die einen sagten: Die Menschheit ist noch nicht reif, geistige Tatsachen und Erfahrungen jetzt schon zu empfangen, wir wollen das System des Schweigens einhalten. - Das waren die konservativen Okkultisten. Dieses System hat viel für sich, denn die Verbreitung okkulter Wahrheiten hat große Gefahren. Die anderen sagten: Die Gefahr des Materialismus ist zu groß, es muß etwas dagegen getan werden -, so daß wenigstens die elementarsten Dinge der Menschheit mitgeteilt werden. Aber - in welcher Form? Die Menschheit hatte vollständig verlernt, den Geist in der wahren Gestalt zu erfassen, verlernt,
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wirklich sich hinaufzuheben zu den höheren Welten, vollständig verlernt den Begriff davon, so daß es eine solche Welt überhaupt nicht mehr für sie gibt.
Wie soll man einer solchen Menschheit, die nur einen Sinn für das Materielle hat, beibringen, daß es etwas Geistiges gibt?
Warum war es so notwendig, der Menschheit ein Bewußtsein von der geistigen Welt beizubringen?
Da berühren wir eines der wichtigen Geheimnisse, die in unserer Gegenwart schlummern. Ich habe schon hier und da darauf hin­gewiesen, warum es eigentlich eine theosophische Bewegung gibt, wozu sie notwendig ist. Wer hineinschauen kann in die geistige Welt, der weiß, daß alles, was äußerlich materiell existiert, seinen geistigen Ursprung hat, aus dem Geistigen stammt. Es gibt nichts Stoffliches, das nicht aus dem Geistigen stammte. So kommt denn auch das, was die Menschen äußerlich als Gesundheit und Krankheit haben, von ihrer Gesinnung, von ihren Gedanken. Es ist durchaus wahr das Sprichwort: Was du heute denkst, das bist du morgen. - Sie müssen sich klar sein, daß, wenn ein Zeitalter schlechte, verdorbene Gedan­ken hat, die nächste Generation und das nächste Zeitalter dies phy­sisch zu büßen hat. Es ist die Wahrheit des Spruches: Es werden die Sünden der Väter im so und so vielten Gliede sich rächen. Nicht ungestraft haben die Menschen des 19. Jahrhunderts angefangen, so derb materiell zu denken, so wegzuwenden ihren Verstand von jeg-lichem Geistigen. Was dazumal die Menschen gedacht haben, das wird sich erfüllen. Und wir sind nicht so weit davon entfernt, daß merkwürdige Krankheiten und Epidemien in unserer Menschheit auftreten werden! Was wir Nervosität nennen, wird spätestens in einem halben Jahrhundert schlimme Formen annehmen. So wie es einst Pest und Cholera und im Mittelalter Aussatz gegeben hat, so wird es Epidemien des Seelenlebens geben, Erkrankungen des Nervensystems in epidemischer Form. Das sind die wirklichen Folgen des Umstandes, daß es den Menschen an dem geistigen Lebenskern fehlt. Wo ein Bewußtsein von diesem Lebenskern als Mittelpunkt vorhanden ist, da wird der Mensch gesund unter dem Einfluß einer gesunden, einer wahren, weisen Weltanschauung. Aber der Materialismus leugnet die Seele, leugnet den Geist, höhlt den Menschen aus, weist ihn hin auf
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seine Peripherie, auf seinen Umkreis. Gesundheit gibt es nur, wenn des Menschen tiefinnerster Wesenskern geistig und wahr ist. Die wirkliche Krankheit, die auf die Aushöhlung des Inneren folgt, das ist die geistige Epidemie, vor der wir stehen.
Um den Menschen nun ein Bewußtsein von ihrem geistigen We­senskern zu geben, haben wir eine Theosophische Gesellschaft. Zur Gesundung der Menschheit ist sie vor allen Dingen berufen, und nicht dazu, daß der eine oder der andere dieses oder jenes weiß. Ob Sie wissen, daß es Reinkarnation und Karma gibt - ich meine, ob Sie das bloß wissen -, darauf kommt es nicht an, sondern darauf, daß diese Gedanken ganz und gar zum Blut der Seele, zum geistigen Wesenskern werden, denn sie sind gesund. Ob wir sie beweisen oder nicht beweisen, ob wir eine Wissenschaft begründen können, welche strikt in mathematischer Weise Reinkarnation und Karma darlegt, darauf kommt es nicht an. Es gibt nur einen Beweis für die geistes-wissenschaftlichen Lehren, und das ist das Leben. Die geisteswissen­schaftlichen Lehren werden sich als wahr erweisen, wenn ein gesundes Leben unter ihrem Einfluß entstehen wird. Dies wird der wahre Beweis für die theosophischen Lehren sein. Wer einen Beweis für die Theosophie haben will, muß das Theosophische erleben; dann eweist es sich als wahr. Jeder Schritt und jeder Tag muß uns nach und nach den Beweis für die geisteswissenschaftlichen Lehren brin­en.
Aus diesem Grunde entstand also eine Theosophische Gesellschaft. Aber wie soll man einer materialistischen Menschheit des 19. Jahr­hunderts beibringen, daß es einen Geist gibt? Da entstand zunächst die spiritistische Bewegung. Sie entstand gerade deshalb, weil man nicht glaubte, der Menschheit beibringen zu können, daß es etwas Geistiges gibt; man mußte den Geist zeigen, mit Augen sehen. In Stuttgart fragte einer, warum die Theosophie nicht dazu kommen könne, Haeckel handgreiflich den Beweis zu liefern, daß es Geist gibt. Sie sehen, handgreiflich soll man zeigen, was Geist ist! Das versuchte man zunächst durch den Spiritismus. Jahrzehntelang wurde es versucht, bis in die sechziger, siebziger Jahre hinein. Nun ergab sich aber doch eine sehr fatale Tatsache. Diese Tatsache wollen wir
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uns einmal vor die Seele führen. Sie können daran ersehen, welches der Unterschied ist zwischen der theosophischen Art, sich in die höhe­ren Welten zu erheben, und einer jeden anderen. Wir sprechen hier nicht einen Augenblick über Wahrheit oder Unwahrheit der Erschei­nungen des Spiritismus. Es ist klar, daß es Erscheinungen gibt, welche Wesenheiten aus anderen Welten in unsere Welt hineinrufen, so daß auch für diejenigen, welche nur Sinnliches zugeben, ein tatsächlicher Beweis geschaffen werden kann. Über die Torheit sind wir hinaus, daß jemand sagt, es sei viel Schwindel im Spiritismus. Es gibt ja auch falsches Geld, es gibt aber auch richtiges Geld.
Über die Wahrheitsfrage wollen wir uns aber nicht weiter unterhalten. Was hat aber ein Mensch, der an einer spiritistischen Séance teilnahm, erfahren? Wir nehmen an - alles andere ist ausgeschlossen -, daß wir es mit wahren Offenbarungen zu tun haben. Wenn man ihm die Erscheinung eines Verstorbenen vorgeführt hat, so hat er einen klaren Beweis von der Unsterblichkeit der Menschenseele erlangt. Er hat einen materiellen Beweis gehabt, er konnte sich überzeugen, daß die Toten noch da sind in irgendeiner Welt und daß sie sogar hin-eingerufen werden können in unsere Welt. Aber daran zeigt es sich eben, daß es auf das Wissen nicht ankommt, daß das Wissen die Hauptsache nicht ausmacht. Nehmen wir einmal an, Sie alle würden auf diese Weise überzeugt, daß wir einen Verstorbenen durch eine spiritistische Séance hineinbringen in diese Gesellschaft. Sie wüßten dann, daß die menschliche Seele unsterblich ist Nun ist aber die Frage diese: Hat ein solches Wissen eine wirkliche Bedeutung im höheren Sinne für das wahre höhere menschliche Leben? Das hat man zunächst geglaubt. Man hat geglaubt, man bringe die Leute eine Stufe höher, wenn sie wissen, daß es eine Unsterblichkeit gibt. Aber hier ist der Punkt, wo die geisteswissenschaftliche Weltauffassung ganz bestimmt abweicht von einer solchen, die nur einen klaren, sichtbaren Beweis für die Unsterblichkeit liefert.
Hier eine Art Vergleich: Ich habe ja schon öfter erzählt von allen möglichen höheren Welten, ich habe geschildert, wie es ausschaut in der Astralwelt und wie im Devachan, und Sie wissen, daß der Mensch nach dem Tode zunächst in die Astralwelt und dann in die Devachanwelt
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einzutreten hat. Nehmen wir nun an, es könnten hier viele sitzen, die sagen: Was uns der erzählt, das können wir nicht glauben, das ist uns zu unwahrscheinlich! - Diejenigen, welche das nicht glauben, weggehen und nicht wiederkommen, würden eigentlich ganz allein ihre Meinung zu beweisen haben. Diejenigen aber, die, trotzdem sie das nicht glauben, wiederkommen, bei denen macht es nichts. Bei denen, die wiederkommen, würde ich sagen: Glaubt mir gar nichts, ihr braucht nichts zu glauben, es kommt nicht darauf an! Ihr könnt es sogar für Schwindel halten, oder glauben, daß ich euch etwas er-zähle, was aus einem möglichst phantastischen Reiche stammt - hört es aber an und nehmt es auf! - Das ist es, worauf es ankommt. Denken Sie sich, ich würde Ihnen die Karte von Kleinasien aufzeichnen. Da könnte einer kommen und erklären: Was der da aufzeichnet an Flüs­sen und Gebirgen, das ist Unsinn. - Da würde ich ihm sagen: Ich mache mir gar nichts daraus, daß du mir nichts glaubst. Nimm es aber auf, schaue es dir an und behalte es im Gedächtnis. Wenn du dann nach Kleinasien kommst, dann wirst du finden, daß es richtig ist, und du wirst dich dann auskennen. - Das ist die Hauptsache -auch beim Astronomen -, mit der Landkarte in der Hand in die höheren Gebiete zu gehen; das ist das Wesentliche, worauf es ankommt. So verhält es sich auch mit dem Wissen von einer höheren Welt: Wir können nur dann in diese höhere Welt hineinkommen, wenn wir etwas von der Natur dieser höheren Welt in uns aufnehmen. Wenn hier das Astrale geschildert wird, dann müssen Sie etwas aufnehmen von der Art und Weise jener schwingenden und bewegten Welt des Astralen, und wenn von Devachan die Rede ist, so müssen Sie etwas aufnehmen von der Eigenart dieser, der unsrigen so entgegengesetzten Welt. Wenn Sie sich nur verbinden mit diesen Gedanken und sich hinaufleben in diese höheren Gebiete, dann werden Sie ein Gefühl bekommen von dem Zustande des Bewußtseins, den wir haben, wenn die astrale Welt um uns herum ist, von dem Zustande des Bewußtseins, wenn die devachanische Welt um uns herum ist. Wenn Sie nachleben die Zustände, welche der Seher hat, wenn er sich in diese Welten erhebt, dann haben Sie noch etwas anderes, als wenn Sie einen handgreiflichen Beweis davon haben, daß Sie irgend
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etwas erleben können. Das ist der Unterschied zwischen der geistes-wissenschaftlichen Methode und allen anderen Arten, sich Gewißheit vom Geistigen zu verschaffen.
Durch die Theosophie versuchen wir uns hinaufzuheben in die höheren Welten, uns fähig zu machen, das Geistige unmittelbar zu empfinden, so daß wir in der physischen Welt schon einen Hauch der höheren Welten empfinden. Die spiritistische Anschauung, die ich vorhin geschildert habe, sucht die geistige Welt herunterzutragen in die physische, sie vor uns hinzustellen, wie wenn sie materiell wäre. Der Theosoph sucht die menschliche Welt hinaufzuheben in die gei­stige Sphäre. Der Spiritist sagt: Sollen mir die Geister bewiesen wer­den, so müssen sie zu mir herunterkommen. Sie müssen mich sozu­sagen kitzeln, dann werden sie mir wahrnehmbar für den Tastsinn. -Der Theosoph geht zu ihnen hinauf, er sucht sich ihnen zu nähern; er sucht sich in der Seele so zu bilden, daß er das Geistige verstehen kann.
Sie können sich einen Begriff davon machen, wenn Sie einen ein­fachen Vergleich nehmen. Schon bei einigen höheren geistigen Wesenheiten, die im Fleische inkarniert sind, ist es unter den jetzigen Umständen schwer, sich zu ihnen hinaufzuheben. Versetzen Sie sich einmal in die Lage, wenn der Christus Jesus heute in der Gegenwart erschiene! Was glauben Sie, wie viele es gäbe, welche ihn gelten ließen? Ich will gar nicht sagen, daß manche nach der Polizei laufen würden, wenn einer aufträte mit der Prätention, mit der einstmals der Christus Jesus aufgetreten ist. Es hängt aber davon ab, ob die Menschen reif dafür sind, das, was neben ihnen lebt, zu sehen.
Ein Vergleich: Eine Sängerin war zum Abendessen eingeladen, sie kam aber etwas zu spät. Ihr Stuhl stand leer zwischen zwei Herren. Der eine war Mendelssohn, der andere war ein Herr, den sie nicht kannte. Mit Mendelssohn unterhielt sie sich, der andere aber zur Linken war sehr artig, erwies ihr allerlei Höflichkeiten. Als das Essen zu Ende war, sagte sie zu Mendelssohn: Wer ist denn der dumme Kerl, der neben mir saß? - Das ist Hegel, der berühmte Philosoph -, antwortete Mendelssohn. Wenn sie vielleicht eingeladen worden wäre, um Hegel zu sehen, dann wäre sie wohl sicher hingegangen.
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So aber, da sie ahnungslos neben ihm saß, meinte sie, er wäre ein dummer Kerl.
So ist es auch bei den höheren Individualitäten. Die Persönlichkeiten, die im Fleisch inkarniert sind, kann der Mensch nur erkennen, wenn er sich selbst entwickelt. Das ist es, was die Theosophie bewirkt: Sie will den Menschen entwickeln, umwandeln, und nicht von den Geistern verlangen, daß sie zu uns herabsteigen. Will Christus Jesus der Christus Jesus sein, so muß er sich so zeigen, wie die Leute sich ihn vorstellen, wie nach ihrer Meinung ein großer Mann sein soll; er darf nicht als Dummkopf in Gesellschaft sitzen.
Sie sehen, es ist für unser heutiges Kulturbewußtsein eine Schwie­rigkeit vorhanden. Aber es kommt darauf an, daß das, was in der höheren Welt lebt, nicht zu uns heruntersteigen soll, sondern daß wir zu ihm hinaufsteigen. Wir sollen uns fähig machen, zu den höheren Welten hinaufzusteigen. Das gibt uns allein die Fähigkeit, wenn wir hier mit dem Tode abgehen, in einer würdigen Weise die höheren Welten zu erreichen. Derjenige kann sich wirklich in Kleinasien aus­kennen, der die Karte hat, die Karte, die aus dem Leben heraus gebildet ist. Wer hier die Dinge schon kennengelernt hat, die seiner dort warten, der tritt in eine bekannte Welt ein, der weiß, was es da gibt.
Das bloße Wissen, daß es eine solche Welt gibt, macht aber gar nicht so viel aus. Hier stehen wir am Rande eines großen Geheimnisses und einer anderen Tatsache von großer Wichtigkeit, und aus dieser Tatsache heraus haben die europäischen und die amerikanischen Okkultisten beschlossen, von der spiritistischen Taktik abzugehen und die theosophische Bewegung in die Wege zu leiten. Die große Okkultistenkonferenz, die damals in Wien abgehalten wurde, hat den wichtigen Anstoß zur Änderung der Taktik gegeben.
Um die spiritistische Bewegung einzuleiten, war es notwendig, daß man bestimmte Prozeduren machte. Diese Prozeduren, die in den gebildeten Ländern gemacht wurden, waren von amerikanischen Okkultisten oder Logen ausgegangen. In diesen Logen beschloß man den spiritistischen Weg. Er bestand darin, daß man bestimmten Zir-keln die Möglichkeit bot, durch eine Art Galvanisation bestimmter
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Toter, handgreifliche Beweise für die Unsterblichkeit zu geben. Das heißt, es wurden auf dem astralen Plan zunächst die astralen Leich-name bestimmter Toter automatisiert und hineingeschickt in die spiritistischen Zirkel, in die physische Welt. Sie sollten die Unsterb­lichkeit beweisen. Man kann nun fragen: Kommt es den Okkultisten der Erde zu, die Toten erscheinen zu lassen? - Gewiß, für den, welcher okkult arbeitet, gibt es die Grenze zwischen tot und lebendig nicht. Er kann die Verstorbenen aufsuchen in der astralen Welt und im Devachan. Wenn er will, so kann er auch wirklich - was ich ja erzählt habe - in spiritistischen Zirkeln den Beweis für die Unsterblichkeit führen. Diese Tatsache bitte ich zu merken und zu beachten. Wer nicht bewandert ist in diesen Dingen, für den konnte es nicht ganz verständlich sein. Für die Okkultisten war es aber anders. Es zeigte sich, daß diese Art, sich von der Unsterblichkeit zu überzeugen, nicht nur wertlos, sondern in gewisser Beziehung außerordentlich schädlich war. Diese Art, ohne daß der Mensch besser wurde, einen handgreiflichen Beweis für die Unsterblichkeit in der Sinneswelt zu erhalten, war nicht allein wertlos, sondern sogar recht schädlich, und zwar aus folgenden Gründen.
Denken Sie sich, daß die Menschen, die auf diese Art den Beweis von der Unsterblichkeit erlangt haben, abkommen von der Sehnsucht, in die geistige Welt hinaufzuleben; sie waren Materialisten auch in bezug auf die geistige Welt geworden. Ihrem Wissen nach waren sie Spiritualisten, ihren Denkgewohnheiten nach waren sie nichts weiter als Materialisten. Sie glaubten an eine geistige Welt, meinten aber, daß sie mit sinnlichen Mitteln gesehen werden solle und nicht mit geistigen. So erwies es sich, daß die, welche mit solchen materialisti­schen Denkgewohnheiten nach Kamaloka kamen, noch ungewohnter waren, die Dinge drüben zu erkennen als die Materialisten. Die Materialisten glauben gewöhnlich in einer Traumwelt zu sein; das ist das Gewöhnliche, wenn man herüberkommt. Der Materialist glaubt zu träumen, und er glaubt jeden Moment, er müsse aufwachen. In Kamaloka sieht sich der Mensch: er träumt, er schläft, er will auf­wachen.
Bei dem, der sich umständlich eine Überzeugung von der geistigen
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Welt verschafft hat, und der nun bemerkt, daß die geistige Welt doch ganz anders aussieht, ist es nicht bloß so, daß er sich in einer Traum­welt befindet, sondern der Unterschied zwischen dem, was er geglaubt hat, daß die geistige Welt sei, und dem, wie sie ihm jetzt erscheint, wirkt auf ihn wie ein Bleigewicht. Und wenn die Menschen herüberkommen nach Kamaloka, wo sie ohnehin schon genug auszustehen haben, besonders wenn sie nicht die Befriedigung ihrer Lüste haben -wie zum Beispiel Feinschmecker, denen diese Befriedigung nur möglich ist, wenn sie ihre Zunge oder ihre Sinne haben, und die haben sie ja nicht mehr -, dann ist es ähnlich, wie wenn sie einen brennenden Durst hätten, oder wenn sie in einem kochenden Ofen wären. Das ist ein etwas anderes Gefühl als das Gefühl des brennenden Durstes, aber doch so ähnlich. Wenn Sie das alles bedenken, was der Mensch drüben zu erleben hat und was durchgemacht werden muß, so kann man es in die Worte zusammenfassen: Er muß sich angewöhnen, ohne Körper leben zu können. - Das ist für den, der stark am Sinnlichen hängt, schwer. Für den, der sich aus dem Sinnlichen herausgerissen hat, ist es gar nicht so schwierig. Wer nichts getan hat, um seine Seele emporzubringen, nichts getan hat, um seine Seele höher zu entwickeln, der empfindet diesen Unterschied zwischen dem, was geistig ist, und dem, was sinnlich ist, wie einen Gewichtsunterschied, wie ein Bleigewicht, das an ihm hängt. Es ist wirklich wie ein Gewichtsunterschied. Das Geistige bedingt eine ganz andere Art und Weise von Wahrnehmung als das Sinnliche, und nun erwartet der Betreffende, daß das Geistige wieder materiell und konkret sein soll; und dort in der geistigen Welt findet er, daß das Astrale ganz andersgeartet ist. Dann kommt ihm der Unterschied wie ein Gewicht vor, das ihn wieder hineinzieht in die physische Welt. Und das ist das schlimmste.
Aus diesem Grunde sind die eigentlichen Meister der Weisheit ab­gekommen von jener Art und Weise, wie in den fünfziger, sechziger und Anfang der siebziger Jahre die höhere Welt zur Gewißheit erho­ben werden sollte. Die bisherige Art wurde aufgegeben und man ent­schied sich für den theosophischen Entwickelungsweg als Zugang zur geistigen Welt. Im wesentlichen führt er zurück auf zwei Grundtatsachen.
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Die eine ist diese, daß es im eminentesten Sinne notwendig ist, einen geistigen Kern zu bilden, um die Menschheit vor den geistigen Epidemien zu bewahren. Die andere ist die, ihr die Möglichkeit zu geben, sich in eine höhere Welt hineinzuleben, sich hinaufzuentwickeln, und nicht die höhere Welt zu sich herunterziehen zu wollen. Nicht die höhere Welt soll zu uns heruntergezerrt werden, sondern wir sollen in die höhere Welt hinaufgehoben werden. Dies im richtigen Sinne erfaßt, gibt eine Idee, eine Empfindung von der eigentlichen Aufgabe der theosophischen Bewegung. In diesem Sinne stellt uns die theosophische Bewegung die Aufgabe, daß wir uns immer höher entwickeln sollen, um in die geistige Welt hinein­zuwachsen. Dann, glaube ich, wird uns von selbst die Bruderschafts­idee im eminentesten Sinne zufließen. Wir werden dann nicht mehr auseinanderstreben. Nur so lange gehen die Menschen auseinander, als sie materialistisch auf diesem physischen Plane ganz allein sein wollen. In Wahrheit sind wir nur getrennt, so lange wir auf dem physischen Plane sind. Sobald wir uns hinaufleben in die höhere Welt, merken wir schon die geistige Bruderschaft; die geistige Einheit kommt uns zum Bewußtsein.
Ich habe diese geistige Bruderschaft öfter, wenigstens in Ver­standesideen, vor Sie hinzustellen versucht. Sie drückt sich so schön aus in den Worten: Das bist du. - Stellen wir sie uns einmal vor die Seele. Ich habe schon einmal gesagt: Wenn Sie meine Hand ab-hacken, sie ist in kurzer Zeit nicht mehr meine Hand. Sie kann nur meine Hand sein, wenn sie an meinem Organismus ist, sonst ist sie keine Hand mehr, sie verdorrt. Eine solche Hand sind Sie auch am Erdenorganismus. Denken Sie sich einige Meilen von der Erde er­hoben: Sie können da nicht als physischer Mensch leben, Sie hören auf als Mensch zu leben. Sie sind bloß ein Glied unserer Erde, wie meine Hand ein Glied meines Körpers ist. Die Illusion, daß Sie selb­ständige Wesen sind, entsteht nur dadurch, daß Sie herumspazieren auf der Erde, während die Hand angewachsen ist. Das tut aber nichts. Goethe meinte etwas ganz Wirkliches, wenn er vom Erdgeist spricht. Er meint, daß die Erde eine Seele hat, deren Glieder wir sind. Er spricht von etwas Wirklichem, wenn er den Erdgeist sprechen läßt:
#SE096-027  23:06
In Lebensfluten, im Tatensturin
Wall ich auf und ab,
Webe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein glühend Leben,
So schaff ich am sausenden Webstuhl der Zeit
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.

So ist schon der physische Mensch ein Glied des Erdenorganismus und Teil eines Ganzen. Und nun bedenken Sie es geistig und seelisch: da ist es genau so. Wie oft habe ich betont, daß die Menschheit nicht leben könnte, wenn sie sich nicht auf Grund der anderen Reiche weiter entwickelt hätte. Ebenso kann der höher entwickelte Mensch nicht sein ohne den niedriger entwickelten. Ein Geistiges kann nicht sein ohne diejenigen, die zurückgeblieben sind, wie ein Mensch nicht sein kann, ohne daß Tiere zurückgeblieben sind, wie ein Tier nicht ohne Pflanze, eine Pflanze nicht ohne Mineral sein kann. Am schönsten ist dies ausgedrückt im Johannes-Evangelium nach der Fußwaschung: Ich könnte nicht sein ohne euch . . . - Die Jünger sind eine Notwendigkeit für Jesus, sie sind sein Mutterboden. Das ist eine große Wahrheit. Wenn Sie in eine Gerichtsstube hineinsehen - ein Richter sitzt am Richtertisch und fühlt sich erhaben über den An­geklagten. Der Richter könnte aber auch nachdenken und sich sagen, daß er vielleicht in einem früheren Leben mit ihm zusammen war und seine Pflicht ihm gegenüber versäumt hat, weshalb der Angeklagte so geworden ist. Wenn sein Karma vielleicht untersucht würde, so würde sich ergeben, daß der Richter eigentlich derjenige sein sollte, der auf der Anklagebank sitzt. Die ganze Menschheit ist ja ein Organismus. Reißen Sie eine einzelne Seele heraus, so kann sie nicht bestehen, sie verdorrt. Ein einheitliches Band schlingt sich um uns alle. Das wird uns klar werden, wenn wir versuchen, uns in diese höhere Welt hineinzuleben, uns wirklich zu erheben und in uns den geistigen Wesenskern zu erleben. Wenn in uns ein geistiger Wesenskern
#SE096-028 23:14
lebt, wird er uns zur Bruderschaft führen. Sie ist schon da auf den höheren Planen. Auf der Erde ist davon nur ein Abbild; ein Bild dessen, was auf den höheren Planen vorhanden ist, ist die Bruder­schaft auf unserer Erde. Wir verleugnen das, was schon in uns ist, wenn wir auf der Erde nicht die Bruderschaft unter uns pflegen.
Das ist die tiefere Bedeutung der Bruderschaftsidee. Daher müssen wir immer mehr und mehr versuchen, die theosophischen Gedanken so zu verwirklichen, daß wir bis in die tiefste Seele hinein unseren Mitmenschen verstehen, daß wir bei der größten Verschiedenheit der Meinungen brüderlich miteinander weilen. Das ist die richtige Zu­sammengehörigkeit, die richtige Bruderschaft, wenn wir nicht ver­langen, daß der andere sich mit uns deshalb vertragen soll, weil er dieselbe Meinung hat, sondern wenn wir jedem Menschen das Recht zugestehen, seine eigene Meinung zu haben. Dann wird in dem Zu­sammenwirken der Gipfel der Weisheit errungen werden. Das ist eine tiefere Auffassung unseres ersten theosophischen Grundsatzes. Fassen wir unsere Idee der Bruderschaft so, daß wir uns sagen: Wir gehören unter allen Umständen zusammen, und wenn jemandes Meinungen auch noch so verschieden von den unseren sind - Meinungsverschiedenheiten können nie ein Grund sein, uns zu trennen. Erst dann verstehen wir uns ganz, wenn wir uns ganz gelten lassen. Freilich sind wir noch weit von dieser Auffassung der theosophischen Bruderschaft entfernt, und nicht früher kann sie wirken, bis in diesem Sinne, in diesem Stile der theosophische Gedanke Wurzel gefaßt hat.

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