| DRITTER VORTRAG Berlin, 26. November 1906 |
| #G283-1969-SE030 – Das Wesen des Musikalischen und das Tonerlebnis im Menschen #TI DRITTER VORTRAG Berlin, 26. November 1906 #TX 20110913 22:46 Um das Thema unseres heutigen Vortrages zu charakterisieren, wollen wir ausgehen von einer Tatsache, die wir bereits im vorigen Vortrag erwähnt haben. Wir haben dargelegt, daß in demselben Verhältnis, wie sein Schattenbild an der Wand zum Menschen steht, ebenso ein Schattenbild des Devachanlebens sich uns gibt im Musikalischen, überhaupt im Tonleben auf dem physischen Plan. Wir haben erwähnt, daß in der Familie Bach im Laufe von zweihundertfünfzig Jahren neunundzwanzig Musiker von mehr oder weniger großer Begabung geboren worden sind, daß also das musikalische Talent sich durch Generationen vererbt hat, ebenso wie in der Familie Bernoulli das mathematische Talent. Wir wollen heute diese Tatsachen vom okkulten Standpunkt aus beleuchten, und wir werden von diesem Standpunkte aus mannigfaltige Antworten erhalten auf wichtige karmische Fragen. Etwas, das manchem als Frage auf der Seele liegt, ist dieses: Wie verhält sich die physische Vererbung zu dem, was wir durchgehendes Karma nennen? In der Familie Bach ist der Ururgroßvater eine bestimmte Individualität, die vor tausendfünfhundert oder tausendsechshundert Jahren auf der Erde gelebt hat und einer anderen Form angehörte. Im Großvater ist eine andere Individualität verkörpert gewesen. Gegen den Großvater ist der Vater wieder eine andere Individualität; im Sohn verkörperte sich wieder eine andere Individualität. Diese drei Individualitäten haben mit der Vererbung des musikalischen Talentes unmittelbar gar nichts zu tun. Rein innerhalb der physischen Vererbung ist die Übertragung des musikalischen Talentes. Diese Frage der physischen Vererbung beantwortet sich oberflächlich, wenn wir uns klarmachen, daß des Menschen Begabung für die Musik abhängig ist von einer Einrichtung des Ohres. Alle musikalische Begabung würde nichts bedeuten, wenn der Betreffende nicht ein musikalisches Ohr hätte; das Ohr muß für diese Begabung besonders eingerichtet sein. Und diese rein körperliche Grundlage für das musikalische Talent ist es, die sich vererbt von Generation zu Generation. Wir haben so einen musikalischen #SE283-031 22:56 Sohn und Vater und Großvater, die alle musikalische Ohren hatten. Wie sich die physischen Formen des Körpers, zum Beispiel die der Nase, von einer Generation zur anderen vererben, so auch die Strukturverhältnisse des Ohres. Nehmen wir an, wir hätten es mit einer Reihe von Individualitäten zu tun, die sich eben in der geistigen Welt befinden und die mit sich bringen aus der vorhergehenden Inkarnation die Anlage zur Musik, die sich nun auf dem physischen Plane ausleben will. Was würde die Anlage bedeuten, wenn die Individualitäten sich nicht in Körpern inkarnieren könnten, die ein musikalisches Ohr haben? Es würden dann diese Individualitäten durch das Leben hindurchgehen, und diese Fähigkeit müßte stumm, unausgebildet bleiben. Es ist also selbstverständlich, daß diese Individualitäten sich hingezogen fühlen werden zu einer Familie mit musikalischem Ohr, mit einer körperlichen Anlage, die es der Individualität ermöglicht, sich auszuleben. Die Familie unten auf dem physischen Plane übt eine Anziehungskraft aus für die Individualität oben im Devachan. Vielleicht würde die Individualität noch zweihundert Jahre oder länger im Devachan verbleiben; vielleicht ist ihre Devachanzeit noch nicht ganz abgelaufen. Aber weil auf dem physischen Plan ein geeigneter physischer Leib ist, wird sich die Individualität jetzt verkörpern, wo sie noch hätte zweihundert Jahre im Devachan bleiben können, und sie wird vielleicht bei der nächsten Devachanzeit diese Zeit nachholen und dann um so viel länger in der geistigen Welt verweilen. Solche Regeln liegen der Verkörperung zugrunde. Sie hängt nicht allein davon ab, ob die Individualität oben zur Verkörperung drängt, sondern auch davon, was für eine Anziehungskraft von unten ausgeübt wird. Als das deutsche Land einen Bismarck nötig hatte, mußte sich eine passende Individualität verkörpern, weil die Verhältnisse sie auf den physischen Plan herab-zogen. 23:00 So kann die Zeit oben in der geistigen Welt verkürzt oder verlängert werden, je nach den Verhältnissen, die unten auf der Erde sind, und die zur Wiederverkörperung drängen oder nicht. Wir müssen uns nun klarmachen, wie dieser Mensch gegliedert ist und wollen daher intimer auf die Natur des Menschen eingehen. Einen #SE283-032 20:44 physischen, einen Äther- und einen Astralleib hat der Mensch. Der physische Leib ist ihm gemeinsam mit allen Wesen, die man leblose nennt, der Ätherleib gemeinsam mit allen Pflanzen. Dann kommt der Astralleib, der ist schon an sich eine sehr komplizierte Wesenheit; dann das Ich. Wenn wir uns den Astralleib genauer ansehen, haben wir zuerst den sogenannten Empfindungsleib. Diesen hat der Mensch gemeinschaftlich mit der ganzen Tierwelt, so daß alle höheren Tiere ebenso wie der Mensch einen physischen Leib, einen Ätherleib und einen Empfindungsleib hier unten auf dem physischen Plan besitzen. Dagegen hat der Mensch hier unten eine individuelle Seele, das Tier aber eine Gruppenseele. Viele Tiere haben zusammen eine Gruppenseele, so daß wir, wenn wir die Seele der Tiere betrachten wollen, hinaufsteigen müssen auf den astralen Plan. Beim Menschen aber ist die Seele hier unten auf dem physischen Plane. Beim Menschen ist der Empfindungsleib nur ein Teil des astralischen Leibes. Der vierte Teil des Menschen, das Ich, ist dasjenige, was von innen heraus arbeitet. Versetzen wir uns nun einen längeren Zeitraum zurück, in die lemurische Zeit. Es ist damals ein ganz Bedeutsames eingetreten. Jene Vorfahren, die vor Millionen und Millionen von Jahren auf der Erde ihr Dasein hatten, waren ganz anders als die Menschen jetzt. Es gab damals auf dem physischen Erdenplan eine Art höherer Tiere, Tiere, von denen heute nichts mehr auf der Erde vorhanden ist, die längst ausgestorben sind. Sie waren ganz eigenartig gestaltet. Das, was heute hier die höheren Tiere sind, sind Nachkommen dieser ganz anders gestalteten Wesen, aber verkommene Nachkommen. Diese Wesen sind die Vorfahren der heutigen physischen Menschennatur. Sie hatten nur einen physischen Leib, einen Ätherleib und einen Empfindungsleib. Und damals verband sich nach und nach das Ich mit diesen Wesen; es senkte sich von der höheren Welt herab. Die Tierheit also wuchs der Seele des Menschen entgegen, die Seele begab sich von oben herunter. Von unten herauf entwickelte sich die Tierheit, von oben senkte sich die Seele herab. Wie eine Wirbelwolke von Staub unten auf der Erde aufwirbelt und von oben eine Wasserwolke ihr entgegenkommt, so verbanden #SE283-033 20:47 sich Tierleib und Menschenseele. Der Empfindungsleib des unten auf der Erde lebenden Tieres, jenes Vorfahren des Menschen, hatte sich so weit entwickelt, daß er das Ich aufnehmen konnte. Dieses Ich bestand nun auch aus Gliedern, und zwar aus Empfindungsseele, Verstandesseele und Bewußtseinsseele. Dieser für die äußeren Sinne unwahrnehmbare Leib, der Ich-Leib, sank herab. Hinauf entwickelte sich ihm entgegen ein physischer, ein Ätherleib und ein Empfindungsleib. Hätte es eine Million Jahre früher auch Wesen gegeben, die den physischen Leib, den Ätherleib und den Empfindungsleib besaßen, sie hätten diese oben schwebenden Iche fühlen können. Aber sie hätten sagen müssen, eine Verbindung ist unmöglich, denn diese oben schwebenden Empfindungsseelen sind noch so fein geistig, daß sie sich mit dem groben Leibe nicht vereinigen können. Nun aber hat sich die Seele oben vergröbert, der Empfindungsleib unten verfeinert. Es ist jetzt eine Verwandtschaft dadurch zwischen beiden eingetreten, und nun senkt sich die Seele herab. Tatsächlich, wie der Säbel in einer Scheide steckt, so steckt die Empfindungsseele im Empfindungsleibe. In diesem Sinne ist das Wort der Bibel zu verstehen: «Gott blies dem Menschen den Odem ein, und er ward eine lebendige Seele.» Wenn man aber dieses Wort ganz verstehen will, muß man sich klar sein über die verschiedenen Stoffgattungen, die es auf der Erde gibt. Wir haben da zuerst das Feste. Okkult wird das «Erde» genannt. Doch was der Okkultist damit bezeichnet, ist nicht Ackererde, sondern der Zustand des Festen überhaupt. Alle festen Bestandteile des physischen Körpers werden auch Erde genannt, zum Beispiel die Knochen, die Muskeln und so weiter. Dann kommt zweitens das Flüssige; okkult nennt man das «Wasser». Wasser wird alles genannt, was flüssig ist, zum Beispiel auch das Blut. Drittens haben wir den luftförmigen Zustand, okkult «Luft» genannt. Dann geht der Okkultist zu höheren, feineren Körpern hinauf; über die Luft steigt er zu feineren Zuständen hinauf. Wollen wir uns das klarmachen, dann müssen wir zum Beispiel irgendein Erz, sagen wir das Blei, betrachten. Das ist okkult Erde. Wird es stark erhitzt, also geschmolzen, dann wird es okkult zu Wasser; verdunstet es jetzt, so wird #SE283-034 21:02 es im okkulten Sinne Luft. Luft ist das, was zuletzt auf diese Art aus jedem Körper entstehen kann. Dehnt sich die Luft immer weiter aus, wird sie immer feiner, dann tritt ein neuer Zustand ein. Den nennt der Okkultist «Feuer». Das ist der erste Ätherzustand. Feuer ist, was sich zu Luft verhält wie Wasser zum Festen. Was noch feiner ist als Feuer, nennt der Okkultist «Lichtäther». Noch höher hinauf kommen wir zu demjenigen, was im Okkultismus «Chemischer Äther» genannt wird. Die Kraft, die bewirkt, daß zum Beispiel der Sauerstoff an Wasserstoff sich ketten kann, ist der Chemische Äther. Noch feiner als der Chemische Äther ist der «Lebensäther». Wir haben so sieben verschiedene Zustände im Okkultismus. Daß in irgendeiner Substanz Leben ist, ist zurückzuführen auf den Lebens-äther. Das, was im physischen Leibe lebt, besteht aus Erde, Wasser und Luft, in okkulter Sprache. Das was im Ätherleibe lebt, besteht aus Feuer, Lichtäther, Chemischem Äther und Lebensäther. Wir haben so zu gleicher Zeit den physischen und den Ätherleib geeint und getrennt. Der ganze Ätherleib durchdringt den physischen Leib; ebenso durchdringt der Astralleib den Ätherleib. Das Astrale kann gerade bis zum Feuer heruntersteigen, es kann nicht mehr durchsetzen Wasser, Erde, Luft. Das Physische dagegen kann nur bis zum Feuer hinauf. Machen wir uns klar, wie das Physische bis zum Feuer hinaufgeht im Dampf, also okkult Luft. Im Dampf spüren wir das auseinandertreibende Feuer. Das Physische geht hinauf zum Feuer, das Astrale hinunter bis zum Feuer, in der Mitte steht der Ätherleib. In der lemurischen Zeit nun, zu einem Zeitpunkt, lange ehe sich die sieben Glieder des Menschen vereinigt hatten, haben wir Wesen, die unten waren und die noch nicht den physischen Leib bis zum Feuer hinauf gebracht hatten. Sie waren noch nicht imstande, warmes Blut zu entwickeln. Und erst ein physischer Leib, der imstande ist, warmes Blut zu entwickeln, kettet an sich die Seele. Sobald jene Wesen so weit waren, daß sie sich zum Feueräther hinanentwickelt hatten, war die Ich-Seele bereit, sich mit dem physischen Leibe zu verbinden. Alle jene Tiere, die als die Nachzügler zurückgeblieben sind, die Amphibien, haben wechselwarmes Blut. Wir müssen diesen Zeitpunkt in der lemurischen Zeit festhalten. Es #SE283-035 21:05 war das ein Moment von höchster Wichtigkeit, als das Wesen, welches aus physischem Leib, Ätherleib und Empfindungsleib bestand, durch das warme Blut befruchtet werden konnte mit der Menschenseele. Nun geht die weitere Entwickelung von der lemurischen Zeit zur atlantischen über. Innerhalb der lemurischen Zeit war es nur das Element der Wärme, in dem sich Seele und Leib berührten. Zu Anfang der atlantischen Zeit trat etwas Neues ein. Das seelische Element drang nun tiefer in den physischen Leib ein, und zwar bis zur Luft hinunter. In der lemurischen Zeit war es nur bis zum Feuer gekommen; jetzt konnte es bis zur Luft vordringen. Dies ist für die Menschenentwickelung sehr wichtig, denn es ist der Beginn für die Fähigkeit, im Elemente der Luft leben zu können. Ebenso wie es in der lemurischen Zeit zuerst nur Kaltblüter gegeben hat, so gab es bis hierhin nur stumme, tonlose Geschöpfe. Sie mußten sich der Luft bemächtigen, bevor sie tönen konnten. Die ersten, elementarsten Anfänge des Singens und Sprechens finden jetzt statt. Die nächste Stufe wird es mit sich bringen, daß die Seele hinunter-steigt ins Flüssige. Dann kann sie bewußt zum Beispiel das Blut in den Adern leiten. Diese Stufe der Entwickelung steht uns in einer noch fernen Zeit bevor. Man könnte einwerfen, daß das kaltblütige Insekt auch tönt; doch ist dies nicht der Fall in dem Sinne, wie hier vom Tönen der Seele von innen nach außen die Rede ist. Die Töne, die das Insekt hervorbringt, sind physikalischer Natur. Das Zirpen der Grille, das Schwirren der Flügel sind äußerliche Töne, es ist nicht die Seele, die tönt. Es handelt sich für uns um den tönenden Ausdruck der Seele. Der Mensch war zu dem eben beschriebenen Zeitpunkt imstande, die Seele tönend nach außen zu ergießen. Er konnte jetzt von innen heraus dasselbe schicken, was von außen zu ihm hineingeht. Den Ton empfängt der Mensch von außen durch das Ohr und gibt ihn als solchen der Umwelt zurück. Das Ohr ist als solches eines der ältesten Organe und der Kehlkopf eines der jüngsten. Ohr und Kehlkopf stehen ganz anders zueinander als alle anderen Organe. Das Ohr schwingt selber mit, es ist wie eine Art Klavier. In ihm sind eine Anzahl Fäserchen, von denen jedes auf einen gewissen Ton stimmt. Es verändert #SE283-036 21:08 das, was draußen vorgeht, was zu ihm von außen hereinkommt, nicht oder doch nur sehr wenig. Alle anderen Sinnesorgane, zum Beispiel das Auge, verändern die Eindrücke der Umwelt. Und alle anderen Sinne müssen sich zu der Stufe des Ohres erst in der Zukunft entwickeln, denn wir haben im Ohr ein physisches Organ, das auf der höchsten Stufe der Entwickelung steht. Das Ohr steht im Zusammenhang mit einem Sinn, der noch älter ist. Das ist der Sinn für die Raumorientierung, das heißt für die Fähigkeit, die drei Richtungen des Raumes zu spüren. Der Mensch hat nicht mehr das Bewußtsein, daß dieser Sinn in ihm steckt. Dieser Sinn steht in inniger Verbindung mit dem Ohr. Wir finden tief im Inneren des Ohres merkwürdige Bögen, drei halbzirkelförmige Kanäle, die senkrecht aufeinander stehen. Die Wissenschaft weiß nichts mit ihnen anzufangen. Doch wenn diese verletzt sind, hört bei den Menschen das Orientierungsvermögen auf. Dies sind Überbleibsel des Raum-sinnes, der viel älter ist als der Gehörsinn. Früher nahm der Mensch den Raum so wahr, wie heute den Ton. Jetzt ist der Raumsinn ganz in ihn übergegangen und unbewußt geworden. Der Raumsinn nahm den Raum wahr, das Ohr nimmt den Ton wahr, das heißt das, was übergeht vom Raum in die Zeit. Man wird jetzt verstehen, daß eine gewisse Verwandtschaft bestehen kann in bezug auf den musikalischen und den mathematischen Sinn. Der letztere ist gebunden an diese drei Halbbögen. Die musikalische Familie zeigt als Merkmal das musikalische Ohr, die mathematische Familie eine besondere Ausbildung der drei Halbbögen im Ohr, an die das Raumtalent gebunden ist. Und diese waren bei der Familie Bernoulli besonders ausgebildet und vererbten sich von einem Mitglied zum anderen wie das musikalische Ohr in der Familie Bach. Und die zur Verkörperung herabsteigenden Individualitäten mußten sich, um ihre Anlagen ausleben zu können, die Familie suchen, wo diese Erbschaft bestand. Dies sind die intimen Zusammenhänge zwischen physischer Vererbung und der Seele, die nach Hunderten und aber Hunderten von Jahren sich aufsuchen, und wir sehen, wie in dieser Weise das Äußere des Menschen mit seinem Inneren zusammenhängt. |
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