lunedì 21 novembre 2011

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DIE WEGE DER ÜBERSINNLICHEN ERKENNTNIS Berlin, 21.November 1912

ÖIffentliche Vorträge - GA 62 Ergebnisse der Geistesforschung

#G062-1969-SE117 - Ergebnisse der Geistesforschung
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DIE WEGE DER ÜBERSINNLICHEN ERKENNTNIS
Berlin, 21.November 1912
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Schon in den einleitenden Vorträgen zu dem diesjährigen Winterzyklus wurde des öfteren darauf hingewiesen, wel­ches die Quellen der übersinnlichen Erkenntnisse des Men­schen sind, jener Erkenntnisse, von denen - und auch von ihrer Beziehung zu der Welt, in der wir leben - dieser ganze Vortragszyklus handeln soll. Es wurde darauf hingewiesen, wie diese Quellen übersinnlicher Erkenntnisse in der Men­schenseele, in jeder Menschenseele selber liegen, in ihr als schlummernde Kräfte und Fähigkeiten liegen, welche durch geeignete Mittel im intimen inneren Erleben hervorgebracht werden können, so daß
der Mensch fähig werden kann, in die geistigen Welten hineinzuschauen. Die Entwicklung die­ser in der Seele schlummernden Fähigkeiten soll am heu­tigen Abend mit einigen Strichen gezeichnet werden. Weitere Ausführungen zu dem heute Darzustellenden werden sich dann in den nächsten Vorträgen ergeben.
Wenn es sich darum handelt, zunächst begreiflich zu ma­chen, wie die in der Seele schlummernden übersinnlichen Erkenntniskräfte hervorgeholt werden, so kann man immer auf eine Erscheinung, auf eine Tatsache hinweisen, die sich mit jedem Menschen im Verlaufe von vierundzwanzig Stunden abspielt:
auf den Wechsel von Schlaf und Wachen. Der Mensch geht ja gewöhnlich gerade an denjenigen Lebens-rätseln vorbei, die täglich als etwas Gewohntes in das Le­ben hereinspielen, und das Seltene und durch seine Seltenheit
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Bedrückende wird in den meisten Fällen leicht die Sehnsucht hervorrufen, als Rätselfrage gelöst zu werden. Über solche bedrückende Lebensrätsel soll im nächsten Vortrage hier gesprochen werden. Heute aber soll von einem Rätsel ausgegangen werden, das sich allerdings in seiner Rätselhaftigkeit nur deshalb dem Menschen entzieht, weil er die betreffende Erscheinung eben so gewohnt ist, nämlich der Wechsel von Schlaf und Wachen.
Wir müssen zur Aufrechterhaltung unseres Lebens mit jedem Tage aus dem Zustande der Bewußtheit in den­jenigen der Unbewußtheit übergehen. Was ist denn ge­schehen - wir brauchen es nur populär
anzudeuten -, wenn der Mensch in den unbewußten Zustand des Schlafes über­geht? Die Aufnahmefähigkeit der Sinne hört auf, die Be­wegungsfähigkeit der organischen Glieder hört auf, das Denken, das ja an die Tätigkeit des Gehirns gebunden ist, insofern es sich in der äußeren Welt betätigt, hört auf. Wir fühlen im Einschlafen alle die Tätigkeiten und alle Bewußt­seinserfüllung, welche uns den Tag über ausfüllt, versin­ken. Es wäre für jeden unbefangen Urteilenden schon eine logische Unmöglichkeit, zu denken, daß dasjenige, was im bewußten Zustande vom Morgen bis zum Abend in un­serer Seele auf und ab wogt als unsere Vorstellungen, unsere Gefühle, Empfindungen, Affekte, Leidenschaften, ja, als unsere Ideale und Ideen, mit dem Einschlafen seiner eigent­lichen Wesenheit nach jedesmal ins «Nichts» überginge -und am nächsten Morgen wieder entstehen würde. Nur eine logische Befangenheit kann leugnen, daß des Men­schen geistig-seelischer Wesenskern auch vorhanden ist, wäh­rend der Mensch in der Bewußtlosigkeit des Schlafes ist.
Wenn wir heute zunächst einmal hypothetisch voraus­setzen - die folgenden Vorträge sollen diese Voraussetzung rechtfertigen-, daß der Mensch, während er in der Bewußtlosigkeit
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des Schlafes ist, sich mit seinem eigentlich geistig­seelischen Wesenskerne gewissermaßen herausgezogen hat aus dem physischen Leib und den diesen physischen Leib belebenden Kräften, und daß er dann in einer geistigen Welt lebt, so liegt es zunächst als Annahme, als Vermutung nicht fern, daß im Menschen der Grund zu suchen ist, wenn er mit seinem geistig-seelischen Wesenskerne aus seinem Leibe herausgezogen, nicht ebenso seine Umgebung wahr­nehmen kann, wie er sie wahrnimmt, wenn er in der phy­sischen Welt sich seiner Augen, seiner anderen Sinneswerk­zeuge und des Instrumentes des Gehirnes bedient. Es liegt, sage ich, nicht fern, zu denken, daß des Menschen geistig-seelische Kräfte zunächst darauf angewiesen sind, sich im gewöhnlichen Leben der Sinne und des Gehirnes zu be­dienen, um eine Welt um sich zu haben, und daß sie, wenn sich der Mensch, wie im Schlafe, der Möglichkeit entledigt, durch diese Instrumente wahrzunehmen, zu gering, zu schwach sind, um das wirklich zu schauen, wirklich zu emp­finden und zu denken, was sie dann wahrnehmen könnten.
Als richtig erweisen könnte sich eine solche Vermutung nur dann, wenn wirklich die Möglichkeit vorhanden wäre, die Kräfte, welche man da als schwache vermutet, tatsächlich aus ihrer Verborgenheit hervorzuholen, etwa wenn man imstande wäre, die seelischen Kräfte, die im gewöhnlichen normalen Leben gewissermaßen «dünn» sind, in sich zu verdichten, in sich zu konzentrieren, so daß dann nicht das eintreten müßte, was der Mensch im Schlafe erlebt, wenn er aufhört, sich seiner Sinne oder seines Gehirnes zu bedienen, sondern daß es auch einen Zustand geben könnte, der dem Schlafe ähnlich ist, und doch wieder in einer gewissen Be­ziehung ihm vollständig entgegengesetzt ist. Ähnlich müßte dieser Zustand dem Schlafe darin sein, daß der Mensch nicht gezwungen, wie beim Einschlafen, sondern willkürlich,
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durch seine inneren Kräfte, durch seinen Willen das Sich-zurückziehen aus den Sinnen oder aus dem Gehirn hervor­rufen würde; so daß er es bewirken könnte, daß er zwar vollständig wach ist, aber nicht durch seine Augen seine Umgebung sieht, auch durch die anderen Sinne nichts wahr­nimmt, sondern die Augen und die anderen Sinne zum vollständigen Schweigen bringt. Mit anderen Worten, daß er alle Sinnestätigkeit durch seinen Willen vollständig un­terdrücken kann, daß er ebenso das gewöhnliche Denken unterdrücken kann, jenes Denken, das sich im alltäglichen Leben durch die Vorstellungen über die äußere physisch-sinnliche Welt betätigt. Ferner müßte der Mensch, wenn er so durch seine Willkür unterdrücken könnte, was ihn sonst zum Wahrnehmen bringt, imstande sein, in seinem geistig-seelischen Wesenskerne nun nicht zu der Bewußtlosigkeit des Schlafes zu kommen, sondern Kräfte zu konzentrieren, die sonst schwach, dünn sind, so daß er sich auch ohne seinen Leib, außerhalb seines Leibes, richtig betätigen kann.
Es entsteht die Frage, ob das, was jetzt eben ausgespro­chen worden ist, sich irgendwie verwirklichen läßt. Das kann natürlich nur durch die Tatsachen beantwortet wer­den, welche der Mensch an sich selber hervorruft, nämlich einfach durch die Tatsache, daß er in die Lage kommt, auf seine Seele Mittel anzuwenden, durch welche das eben Cha­rakterisierte eintritt. Durch die Anwendung solcher Mittel auf die Seele kommt man zu übersinnlichen Erkenntnissen. Der Weg zur übersinnlichen Erkenntnis ist keiner, der durch äußere Mittel führt, der etwa allerlei bloß in der äußeren Welt vorhandene Machinationen erfordert, sondern er ist ein intimer Seelenweg, und alles, was für ihn vorgenommen werden muß, spielt sich in den Tiefen des seelischen Lebens selber ab. Nun gibt es, wenn wir in die Welten hinaufsteigen wollen,
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welche uns die äußere Welt, in der wir leben, erklären sollen, wenn wir also in die übersinnlichen Welten hinauf­steigen wollen,
drei Stufen, die wir übersteigen müssen. Eine eingehendere Darstellung dieser drei Stufen befindet sich in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hö­heren Welten?» Hier sollen sie aber mit einigen kurzen Strichen nur angedeutet werden. Bei der Bezeichnung dieser drei Stufen bitte ich Sie, sich nicht an Worten zu stoßen. Die Worte sind zum Teil so, daß sie heute in der gebräuch­lichen Sprache für etwas ganz anderes angewendet werden, als hier gemeint ist, und zum Teil haben diese Worte keinen guten Klang in den Denkgewohnheiten der Gegenwart, weil sie für alle möglichen Dinge angewendet werden, die man ungenau oder unklar erkennt, oder auch für solche, die man mit Recht abweist. Dadurch wird zuweilen schon eine Art Gefühlsbetonung hervorgerufen, wenn man diese Worte hört. Allein es ist leicht einzusehen, daß es für die Dinge, die hier zu besprechen sind, in einem gewissen Grade so sein muß, denn unsere Sprache ist einmal für die äußere Welt da. Daher müssen die Worte für die Bezeichnungen ent­lehnt werden aus der äußeren Welt und können deshalb nie genau für das passen, was außerhalb der äußeren Sinnes-welt liegt, für welche die Sprache geschaffen ist.
Die erste Stufe der höheren, der übersinnlichen Erkennt­nis ist die sogenannte Imagination, die imaginative Er­kenntnis, wobei ich Sie eben bitte, damit der Irrtum nicht entsteht, von dem eben gesprochen worden ist, unter diese? Imagination für heute nur das zu verstehen, was ich sogleich charakterisieren werde. Die zweite Stufe der übersinnlichen Erkenntnis ist die Inspiration, und die dritte Stufe ist das, was man, wenn man das Wort so gebraucht, wie wir es nachher charakterisieren werden, und nicht so, wie es im gewöhnlichen Leben oft ungenau gebraucht wird, die wahre Intuition nennen kann.
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Zu diesen drei Stufen übersinnlicher Erkenntnis verhält sich die äußere Sinnes- und Verstandes-erkenntnis, die wir im gewöhnlichen Leben und auch in der Wissenschaft von der äußeren Welt anwenden, wie eine Art Vorstufe, so daß man im ganzen, wenn man die übersinnlichen Erkenntnisstufen hinzuzählt,
von vier menschlichen Erkenntnisstufen sprechen kann.
Nun gibt es viele Mittel, und viele Mittel müssen auch angewendet werden, wenn es sich darum handelt, aus der gewöhnlichen Sinnes- und Verstandeserkenntnis heraus sich zu der ersten Stufe der übersinnlichen Erkenntnis, der Ima­gination, zu erheben, und ich will, weil zu einer ausführ­licheren Darstellung nicht die Zeit vorhanden sein würde, mit aller Konkretheit hervorheben, wie es gewissermaßen die Seele mit einem der Mittel machen muß - andere finden Sie in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Wel­ten?» angegeben -, um die in ihr schlummernden übersinn­lichen Erkenntnisfähigkeiten zu wecken. Eines der Mittel ist die sogenannte Meditation.
Wenn wir uns die Frage vorlegen:
Was ist diese Medi­tation im geisteswissenschaftlichen Sinne? so müssen wir sagen: Diese Meditation ist die Hingabe an eine Vorstel­lung, an eine Gedankenempfindung oder einen Willens-inhalt in einer so intensiven Weise und in einer solchen Art, wie es im gewöhnlichen Leben nicht geschieht, wie sie aber geeignet ist, um Kräfte, die sonst gleichsam verdünnt in unserem Seelenleben vorhanden sind, zu konzentrieren, zu verdichten. Dabei ist es gut, obwohl auch der andere Fall möglich ist, zu einer solchen Erkenntnis der Seele nicht Vor­stellungen zu verwenden, die man sonst im gewöhnlichen Leben oder in der gewöhnlichen Wissenschaft gewinnt. Diese Vorstellungen sind wohl auch verwendbar, aber sie sind nicht so gut zu verwenden. Die verwendbarsten Vorstellungen
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zur Meditation sind sinnbildliche, symbolische Vorstellungen. Ich will eine solche symbolische Vorstellung einmal hier entwickeln, die für einen Teil der Zuhörer in anderen Zusammenhängen bereits angeführt worden ist.
Zunächst mag es grotesk, paradox aussehen, daß jeman­dem zugemutet würde, das in seiner Seele wirken zu lassen, was jetzt besprochen wird, aber warum es geschehen soll, werden wir nachher charakterisieren. Nehmen wir an, je­mand bilde sich die Vorstellung, er habe
zwei Gläser vor sich, ein leeres Glas und ein teilweise mit Wasser gefülltes. Nun schütte er das Wasser aus dem gefüllten Glase in das leere hinein und stelle sich vor, dadurch, daß er das Wasser aus dem gefüllten Glase in das leere gießt, würde das gefüllte Glas nicht, wie es in der Außenwelt geschieht, im­mer leerer und leerer, sondern immer voller und voller. Das ist wohl zunächst eine paradoxe Vorstellung, aber diese Vorstellung soll ein Sinnbild sein, und daß sie Sinnbild ist, soll im Bewußtsein des geistigen Forschers leben. Sie soll gleichsam sinnbildlich für unsere Seele die Natur und das Wesen menschlicher Liebe charakterisieren. Mit der mensch­lichen Liebe und mit alledem, was überhaupt unter die Idee der Liebe fällt, ist es gewiß so, daß diese Quelle der Liebe so unendlich tief und so unendlich reichhaltig ist, daß, wenn wir uns der Tatsache der Liebe in der Welt gegenübergestellt sehen, wir bescheiden jederzeit zugestehen müssen: Dieses Rätsel der Liebe ist in seiner wahren Wesenheit ganz gewiß für jede Seele unergründlich. Und je mehr wir dieses Gefühl der Unergründlichkeit haben, desto besser ist es für den Inhalt und für die Intensität unseres Lebens. Aber eine Eigenschaft können wir mit aller Klarheit von der wirk­lichen Liebe wissen und hervorheben: das ist die Eigen­schaft, die uns sinnbildlich durch das Bild dargestellt wird, von dem wir eben gesprochen haben.
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Der Mensch, der dem anderen Menschen Liebe, Taten der Liebe zuwendet, wird durch das, was er aus Liebe tut, niemals ärmer, niemals leerer, sondern er wird immer voller und voller, immer reicher und reicher in seinem Seelenleben. Diese Eigenschaft der Liebe, herausgehoben, haben wir gleichsam übersichtlich vor uns, wenn wir uns das Bild der zwei Gläser vorstellen und das Übergießen des Wassers vom einen ins andere.
Wir machen es da gewissermaßen ähnlich, wie man es auf einem anderen Gebiete des Erkennens macht und dabei für die äußere Sinneswelt zu wichtigen Resultaten kommt. Nehmen wir an, wir haben von irgendeiner uns unbekann­ten Substanz eine kreisförmige Platte. Wir können, wenn wir zunächst diese kreisförmige Platte ansehen, sagen: Was das als Substanz ist, wie die Stoffe zusammengeschweißt sind, das ist uns zunächst unergründlich. Aber eines können wir tun, wenn wir etwas von dieser Scheibe richtig wissen wollen: wir können einen Kreis vor uns hinzeichnen. Dann haben wir etwas von dieser Scheibe herausgehoben, nämlich daß sie kreisförmig ist, und dieses Herausgehobene ist ganz gewiß wahr, so wenig wir auch sonst von der Scheibe wissen. Wenn wir mathematisch denken, machen wir es auch so - und die ganze Mathematik ist in dieser Beziehung Symbolik-, daß wir einiges symbolisch herausheben. Dieser Vorgang, sinnenfällige und dann von der Seele festgehal-tene Bilder zu nschaffen' ist für seelisch-geistige Taten, für seelisch-geistige Erlebnisse die Vorbereitung zur imagina­tiven Erkenntnis.
Wenn jemand sagen würde: Dann geht ja der Geistes-forscher darauf aus, in seiner Seele Bilder, Sinnbilder leben zu lassen, die gar keiner Wahrheit entsprechen, er geht also von vornherein darauf aus, Unwahrheit zu denken und Unwahrheit in seiner Seele leben zu lassen -, dann müßte
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geantwortet werden: Aber selbstverständlich hat der wahre Geistesforscher ein Bewußtsein davon, daß dies, was er so als Sinnbilder in seiner Seele leben läßt, keiner äußeren Wirklichkeit entspricht! Würde er einen einzigen Augen­blick das Sinnbild mit irgendeiner Wirklichkeit verwechseln können, so wäre er kein Mensch, der auf dem Wege zur übersinnlichen Erkenntnis ist, sondern auf dem Wege zur Illusion. Diese Sinnbilder sind eben nicht dazu da, äußere Wirklichkeiten abzubilden, sondern dazu, daß sie in un­serer Seele leben, daß wir sie mit unserem Seelenleben ver­binden und verquicken und unser Seelenleben darauf kon­zentrieren.
Sind wir nun imstande, ein solches Sinnbild so stark ins Auge zu fassen, daß wir unsere ganze Seelenkraft verwen­den, um nur dieses Sinnbild in unserer Seele leben zu lassen und alles beiseite zu schaffen, was von den äußeren Eindrücken auf uns eindringen könnte, auch alle übrigen Ge­danken beiseite zu schaffen, so daß wir einzig und allein ein solches Bild in den Mittelpunkt unseres Bewußtseins bringen, dann ist ein solches Bild schon deshalb besser als ein unmittelbarer Abdruck einer äußeren Wirklichkeit, weil ein solcher uns doch immer wieder mit unseren Seelenkräften zu der äußeren Wirklichkeit hinzieht, uns gleichsam aus uns selber herauslenkt. Wenn wir aber mit dem vollen Be­wußtsein, daß wir etwas rein Konstruiertes haben, eine bildliche, willkürliche Vorstellung gebildet haben, der wir uns jetzt hingeben, so ist das etwas, was nur insofern die Wirklichkeit behält, als es aus dieser entlehnt ist. Was wir auch für Bilder ausbilden: wir haben ja die Bestandteile dazu der äußeren Wirklichkeit entnommen. Diese Bilder sind in Farben, Formen und so weiter vorgestellt, sie sind der äußeren Wirklichkeit entlehnt, aber sie beziehen sich nicht auf die äußere Wirklichkeit. Denn das geschieht nicht in der äußeren Wirklichkeit, daß ein Glas voller wird, wenn man den Inhalt ausschüttet.
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Eine solche Übung hat zur Folge, daß die Seele in einer ganz anderen Weise ihre Kräfte konzentrieren muß, als wenn sie zu ihrer Hilfe das nimmt, was sie sonst erlebt hat. Wenn nun der, welcher den Weg in die übersinnlichen Wel­ten gehen will,
Geduld und Ausdauer hat, um immer wie­der und wieder solche Konzentrationen seines Seelenlebens zu üben, so wird er eine ganz bestimmte innere Erfahrung machen können. Diese Erfahrung zu haben, ist der erste Schritt zur imaginativen Erkenntnis. Er wird die Erfah­rung machen, daß er dadurch sein Seelenleben innerlich geändert hat, und daß er nach einiger Zeit gewahr werden kann, wie aus seiner Seele selbst, ohne daß er das erst her­beiführt, solche Sinnbilder, solche Bilder auftauchen, so auftauchen, daß sie sich vor ihn hinstellen mit allem Schein von Realität, wie sich sonst nur Bilder hinstellen, wenn wir äußere Wahrnehmungen gemacht haben und uns Vorstel­lungen von ihnen gebildet haben.
Während im gewöhnlichen äußeren Leben die Vorstel­lungen aus der Seele sich gleichsam erheben als Spiegel­bilder der äußeren Wirklichkeit, erheben sich durch die genannten Übungen aus den Tiefen des Seelenlebens herauf Vorstellungen, die nur Bilder sind zunächst, selbstverständ­lich. Aber darin besteht die Erhöhung des Seelenlebens, daß die Seele sich nun innerlich stark fühlt und daß sie gleichsam in einen Zustand kommen kann, der ähnlich und doch entgegengesetzt ist dem Schlafzustande. Im Schlafe abstrahieren wir von allen äußeren Wahrnehmungen und auch von dem an das Gehirn gebundenen Denken, aber wir verfallen in die Bewußtlosigkeit. Im imaginativen Erkennen sehen wir auch ab von allen äußeren Wahrnehmungen und von allem Gehirndenken, denn wir unterdrücken das alles.
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Aber trotzdem wird die Seele nicht leer, wird nicht bewußtlos sondern aus ihren Tiefen steigen Bilder auf, Bilder, die immer reicher und reicher, immer umfänglicher und um­fänglicher werden, und die sich dann vor die Seele hinstellen wie eine neue Welt. Das ist eben die Welt, von der in diesen Vorträgen schon angedeutet worden ist, daß sie von dem Laien, der in solchen Dingen nicht bewandert ist, verwechselt werden kann, auch in ihrem Werte verwechselt werden kann mit der Welt krankhafter Illusionen, Hallu­zinationen, Wahnideen und dergleichen. Aber nur wer die Wirklichkeit auf diesem Gebiete doch nicht kennt, sondern eben nur nach dem krankhaften Seelenleben urteilt, kann eine solche Verwechslung begehen; denn es besteht ein ge­waltiger Unterschied zwischen den krankhaften, irgendwie auch nur im geringsten krankhaften Vorstellungen solcher Art, und den im rechten Sinne durch methodische Seelenerziehung gewonnenen.
Wer nur ein weniges über das erfahren hat, was man krankhafte Seelenerscheinungen nennt, Halluzinationen, Illusionen oder Wahnvorstellungen, der weiß eines: daß diejenigen Personen, welche von solchen Vorstellungen be­fallen sind, an die Realität derselben zuletzt so felsenfest glauben, daß der Glaube, den sie selbst den Erfahrungen der äußeren Sinneswelt entgegenbringen, gar nichts da­gegen ist. Das ist das Charakteristische der Wahnvorstel­lungen, der Illusionen, daß die von ihnen Befallenen zu­gleich einen überwältigenden Glauben an sie ausbilden. Es ist ja nichts schwieriger, als einem Menschen, der Illusionen hat - sie brauchen sich nicht einmal bis zum Grade der Hallu­zinationen zu gestalten, sondern nur gewöhnliche Wahn­vorstellungen, paradoxe Ideen zu sein -, solche Vorstel­lungen auszureden. Wenn zum Beispiel ein Mensch beginnt, in krankhafter Weise die Idee in sich auszubilden, daß er
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von anderen Menschen verfolgt werde, so ist es ungeheuer schwierig, etwa durch bloße Überredung diese Idee von ihm wegzubringen, und es kommt vor, daß ein solcher die wun­derbarsten logischen Gedankengebäude ausbildet, um zu beweisen, wie richtig das alles ist, was er als solche Wahn­vorstellungen hat. Besessen kann der Mensch von dem wer­den, was so über ihn kommt, und felsenfest glaubt er an die objektive Realität solcher Vorstellungen.
Wenn Sie nun nur in einigem das berücksichtigen, was in dem Buche «
Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» gesagt wird, so werden Sie sehen, daß, während der Mensch sich dazu bringt, solche Bilder, Bildvorstellungen in der Seele auf sich wirken zu lassen, von der richtigen Geistesschulung zugleich alles getan wird, damit in dem­selben Maße, wie diese Bilderwelt in der Seele erblüht, das Gefangenwerden durch diese Bilder, der Glaube an sie als an eine objektive Realität aus der Seele ausgetrieben wird, so daß in keinem Augenblick der geistig sich Schulende jemals zu der Idee kommen kann, es sei das, was sich ihm so als Imaginationen ergibt, eine objektive Wirklichkeit. Alle Geistesschulung ist unrichtig, die nicht zugleich in der Seele die Klarheit hervorrufen würde: Was da hereintritt zu­weilen an Wunderwerken wie neue Welten, das hat so, wie es über dich kommt, keine objektive Realität. Es ist alles zunächst nur da, um die Seele innerlich zu beleben, um sie in sich selber reicher und, wenn wir den paradoxen Aus­druck gebrauchen wollen, innerlich wirklicher zu machen, mehr erfüllt zu machen von Realem. Und das ist die beste, ja, die einzig richtige Errungenschaft des Schülers, daß er weiß: die Imaginationen, welche auftauchen, sind nichts anderes als ein Spiegelbild des eigenen Wesens.
Wenn der Geistesschüler in der Lage ist, allen Glauben an die Realität, an die Objektivität dieser seiner Imaginationen
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in demselben Augenblicke zu überwinden, wo er sie bekommt, dann ist die Geistesschulung die richtige. Im all­gemeinen ist es für manchen Menschen schwierig, das eine mit dem anderen hinzunehmen, denn der Mensch wird ja dadurch, daß er entsprechende Übungen in seiner Seele an­wendet, sozusagen mit einer neuen Welt beschenkt, mit einer Welt von zuweilen großartigen Vorstellungen. Das aber ist für viele Menschen eine außerordentliche Befrie­digung, eine außerordentliche Annehmlichkeit, etwas, was sie mit tiefer Sympathie erfüllt. Und der, welcher ihnen auch nur im geringsten den Glauben beibringen wollte, daß dies alles keine objektive Realität sei, sondern nur ein Spie­gelbild des eigenen Wesens, daß da nur das eigene Wesen sich inhaltvoller ausdrückt als früher, der würde von ihnen als ein Feind, als ein Verpfuscher der schönsten Seelen-hoffnungen angesehen werden. Aber verstanden muß es werden, daß solche Imaginationen, wie sie zunächst auf­treten, gar nicht geeignet sind, wirkliche Erkenntnisse der höheren Welten zu geben, sondern daß sie nur eine Brücke für die Seele sind. Denn jetzt beginnt für die Seele eine ganz andere Aufgabe, jene Aufgabe, welche allmählich hinüber-führt von der Imagination zur Inspiration. Es beginnt ge­wissermaßen jetzt ein Kampf zwischen der Seele und dem, was so auftritt als ihre Imaginationen. Soll ich charakteri­sieren, wie dieser Kampf beschaffen ist, so muß ich ein Gleichnis aus dem gewöhnlichen Leben gebrauchen.
Wir erfahren es im gewöhnlichen Leben immer wieder, daß wir nicht unseren gesamten Seeleninhalt im Bewußt­sein haben. Denken Sie, wie es wäre, wenn Sie alles, was Sie jemals vorgestellt haben, auf einmal im Bewußtsein hätten! Sie könnten sich an Vorstellungen erinnern, die Sie vielleicht vor Jahrzehnten gehabt haben. Die ruhen in den Untergründen Ihrer Seele, und bei irgendeiner Gelegenheit
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werden sie heraufgerufen. Das heißt, man hat im gewöhn­lichen Leben die Möglichkeit, zu vergessen, und das Ver­gessene wieder aus der Seele hervorzubringen. Man hat also die Möglichkeit, aus dem Bewußtsein herauszubringen, was das Bewußtsein als Vorstellungen erlebt, und es von un­serem bewußten Leben abzusondern, so daß es unabhängig von diesem irgendwo in unserer Seele ist. Es kann also der Bewußtseinsinhalt irgendwohin hinuntergesenkt werden, so daß er dann aus dem Bewußtsein heraus ist.
Dasselbe muß uns gelingen - wenn es auch auf diesem Gebiete etwas anderes ist - mit allen unseren Imaginationen, wenn wir Geistesforscher werden. Wir müssen willkürlich jede Imagination, die auftritt, aus unserer Seele heraus-tilgen können, müssen sie willkürlich auslöschen und in einen Zustand bringen können, wo sie so aus unserem Be­wußtsein herausgeworfen ist, wie eine vergessene Vorstel­lung aus unserem Bewußtsein herausgeworfen ist, die wir später wieder heraufholen können. Das ist notwendig. Wir müssen in dem ganzen Gebiete unserer Imaginationen Herr sein über jede einzelne Imagination, müssen jede einzelne von uns unabhängig machen können.
Wer ein gewissenhafter Geistesforscher ist, der solche gei­stige Forschungen anstellen will, die er dann gewissenhaft der Welt mitteilen will, der vollzieht das oft und oft, immer wieder und wieder, daß er dies, was so vor seine Seele als ein Bild tritt, das zunächst aufgetaucht ist, immer wieder und wieder hinunterstößt, es unbewußt macht, austilgt. Dann kommt es wieder, und zwar jetzt nicht nur durch Willkür, sondern durch etwas ganz anderes: durch eine innere Kraft, deren wir uns sogar erst in diesem Augen­blicke bewußt werden, wenn wir auf der entsprechenden Stufe stehen. Und nicht alle
Imaginationen kommen herauf, sondern wir haben das deutliche Bewußtsein, es gibt Imaginationen,
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die da unten bleiben in einem Unbekannten, die nicht wieder heraufzubringen sind, oder wenn sie wie­der heraufkommen, zeigen sie sich als solche, die wir ab­lehnen.
Die
Imaginationen ändern sich, wenn sie uns wieder zu­rückkommen; sie sind dann auch etwas ganz anderes. Sie dringen so zu uns, auch auf dieselbe Art, wie äußerlich in der Welt die Wahrnehmungen von den Dingen der phy­sischen Welt zu uns dringen. Aus denselben Untergründen heraus, warum wir, wenn wir gesunden Menschenverstand haben, äußerlich etwas Erträumtes, etwas Nichtvorhan­denes unterscheiden können von etwas Wirklichem, Vor­handenem, aus denselben Gründen können wir das, was als Imagination wieder auftaucht, in seiner Wirklichkeit, in seiner geistigen Wesenheit erkennen.
Es wurde einmal gefragt, als solche Dinge auseinander­gesetzt wurden: Wodurch kann denn der Mensch sicher sein, wenn ihm so die Imaginationen zurückkommen, die er erst aus seiner Subjektivität herausgeworfen und der Objektivität übergeben hat, um sie sich dann wiedergeben zu lassen, wodurch kann er überzeugt sein, daß sie Wirk­lichkeiten oder Unwirklichkeiten darstellen? Wissen wir doch, daß es Suggestionen, Einbildungen gibt, die so stark sind, daß sie den Menschen überwältigen, so daß er doch als Wirklichkeit empfindet, was gar nicht da ist. Man hatte ein anschauliches Beispiel angeführt: wenn jemand so sensi­tiv ist, daß er, ohne Limonade zu trinken, schon bei der bloßen Vorstellung derselben den Limonadengeschmack im Munde hat, so sei das ein Beispiel dafür, daß etwas da ist, was in Wirklichkeit nicht vorhanden ist. Man könne also auch bei dem, was die wiedergeborenen Imaginationen sind, einer ähnlichen Täuschung unterliegen.
Einen solchen Einwand kann man immer machen. Er
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kann auch bei einer bloßen Dialektik, bei einem bloßen Spiel mit Worten aufrecht erhalten werden, nicht aber der Wirklichkeit gegenüber. Denn wer seine Seele in der ge­schilderten Weise entwickelt, kommt zu derselben Möglich­keit, Wahrheit und Irrtum zu unterscheiden, wie man in der Außenwelt Wahrheit und Irrtum unterscheidet, wo man ja auch nichts anderes hat als die gesunde Seele, um Wahrheit und Irrtum zu unterscheiden. Davon kann sich jeder einen Begriff bilden, wenn er zum Beispiel an die Schopenhauerische Philosophie denkt mit dem Satz:
Die Welt um mich herum ist meine Vorstellung.
Ich unterschätze nicht die Philosophie Schopenhauers, sonst hätte ich sie nicht selbst herausgegeben und eine Ein­leitung dazu geschrieben. Aber große Geister machen oft die einfachsten Irrtümer. Denn tatsächlich ist der Satz «Die Welt ist meine Vorstellung» dadurch widerlegt, daß man jemanden auf die ganz triviale Tatsache aufmerksam macht: wenn er sich die Vorstellung eines 900 Grad heißen Stück Stahles bildet und seine Finger damit verbunden denkt, so verbrennt er sich nicht. Er wird sich niemals durch eine solche Vorstellung verbrennen, und wenn sie noch so sehr gesättigt ist. Hat er aber den wirklichen Stahl vor sich, so wird er sich verbrennen. So wird er, nicht durch Begriffe oder durch Philosophien, wohl aber durch Erfahrung die Wirklichkeit schon von der Vorstellung unterscheiden kön­nen. Eine andere Unterscheidung aber gibt es nicht. Und eine andere Unterscheidung gibt es auch auf übersinnlichem Gebiete nicht, als daß man sich durch Schulung das richtige Zusammensein mit der übersinnlichen Wirklichkeit erwor­ben hat.
Daher ist eben für unser Bewußtsein notwendig, daß wir wissen: Wie die
Imaginationen zunächst auftreten, hat sie unsere Seele selber gemacht, und so sind sie nur ein Spiegelbild unseres eigenen Wesens.
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Der Mensch kann die schönsten
Imaginationen haben - er tut am besten, sie zunächst so auszulegen, daß er sich sagt: Was ist in mir für ein ver­borgener Gemütszustand, was ist in mir für eine verborgene Leidenschaft, was für ein Glaube oder Aberglaube, daß mir gerade diese oder jene Bilder vor die Seele treten? -Wenn er zunächst in den Bildern nichts anderes sieht als das Spiegelbild seiner selbst, dann hat er sich den richtigen Be­wußtseinszustand angeeignet, um die Wege in die übersinn­liche Welt hinauf zu gehen. Er muß dann imstande sein, aus den inneren starken Kräften seiner Seele ein Kämpfer gegen sich selbst zu sein. Er muß das, woran er oft am stärk­sten zu glauben versucht ist, was er am meisten liebt, was für viele Menschen schon Seligkeit bedeuten könnte, mit der Wurzel ausreißen und in eine Sphäre vergessener Vorstellungen hinuntertauchen lassen können. Wenn er dann das, was seine Seele erst gemacht hat, so selbstlos von sich losgerissen hat und der Welt außer sich übergeben hat, dann kommt es ihm wieder zurück als Inspiration. Dann ist er daran, mit denjenigen Wesenheiten, wirklichen Wesenheiten und Tatsachen der übersinnlichen Welt, zu denen solche Vorstellungen gehören, leben zu können.
Zunächst sind solche
Imaginationen so, daß sie uns recht bekannt erscheinen, weil wir erforschen können, wie sie sich nicht anders gestalten, als wir selber in der Seele sind, wie sie nur ein Spiegelbild der Seele sind. Man kann von der Welt der Imaginationen immer nachweisen, daß diese Imaginationen so und so sind, je nachdem wir selber sind und je nach unserem Gemütszustande. Wenn sie aber zu­rückkommen, dann ist es allerdings anders. Dieselben Bil­der kommen nicht zurück, andere kommen zurück, Neues, dem wir früher überhaupt nicht gegenübergestanden haben, und das sich ebenso als eine Realität ankündigt, wie sich äußere Realitäten für uns als solche ankündigen. Nur hat man dem gegenüber ein ganz anderes Gefühl. äußere Realitäten für uns als solche ankündigen. Nur hat man dem gegenüber ein ganz anderes Gefühl.
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Den Dingen der äußeren Welt stehen wir so gegenüber, daß wir außer ihnen stehen. Ein Tisch, den wir anschauen, ist außer uns. Er ist da, und wir kommen in die Dinge nicht hinein. Bei den Tatsachen und Dingen der höheren Welten, die uns dann entgegentreten, haben wir, wenn wir uns in der geschilderten Weise dazu vorbereitet haben, sogleich als inneres Erlebnis das Bewußtsein: wir konnten überhaupt nur dadurch zu ihnen kommen, daß wir etwas, was wir in uns selber aus den Tiefen der Seele erst hervorgeholt haben, an sie abgegeben haben. Es ist wahrhaftig so, wie wenn ein Gegenstand vor mir liegt, und ich will ihn ergreifen: wie ich meine Hand ausstrecken muß und seiner Realität ge­wahr werde, so muß ich durch dasjenige, was ich erst durch die geschilderte Methode erreiche, das was mir dann als Imagination entgegentritt, von meiner eigenen Ichheit ab­sondern, in die Vergessenheit versenken. Damit aber strecke ich mein eigenes Wesen aus nach einer Welt, die ich dann ergreifen kann.
Man erlebt in der Welt viele Widerlegungen auch dessen, was jetzt eben gesagt worden ist. Aber so viel man auch herumsieht, so viel man sich auch mit diesen Widerlegungen gutwillig, noch so gutwillig bekannt machen will, eines tritt einem immer entgegen: die Menschen, die das wider­legen, was jetzt gesagt worden ist, haben es noch nicht ver­standen. Das zeigt die Art und Weise, wie sie darüber spre­chen. Und wer es verstanden hat, dem fällt es gar nicht ein, es widerlegen zu wollen. So trifft man namentlich sehr häufig diese vermeintliche Widerlegung, daß man sagen hört: Aber diese übersinnlichen Vorstellungen, die du dann hast, und die du für Eindrücke von Wesen hältst, die dich inspirieren sollen, unterscheiden sich dann doch nicht von
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ganz gewöhnlichen Illusionen oder Wahnvorstellungen! - Sie unterscheiden sich eben ganz gewaltig dadurch, daß der wirk­liche Geistesforscher ein anderes Bewußtsein zu ihnen hat, ein Bewußtsein, welches ihn ebenso seinen gesunden Men­schenverstand diesen Dingen gegenüber bewahren läßt, wie den Dingen der äußeren Welt gegenüber. Daher eignen sich auch zum wirklichen Geistesforscher am allerwenigsten aber­gläubische oder leichtgläubige Personen, solche, die man mit dem gebräuchlichen Ausdrucke als Schwärmer bezeichnet.
Wer leicht eine Wahrheit annimmt, wird ganz gewiß nicht im Geistigen sachgemäß forschen können. Phantasie und Glaube sind die größten Feinde wirklicher Geistes-forschung, trotzdem das, was zum Beispiel Phantasie in der Kunst ist und was Glauben an die Realität ist, doch wieder zuletzt die herrlichsten Geschenke der Geistesforschung sein können. Denn was im Geistigen erforscht werden kann, kann sich umgestalten zur Phantasie und zum Kunstwerke werden. Ebenso muß, wenn gesagt wird: Was die Geistesforscher verkünden, ist etwas, was doch nur zum Glauben spricht -, der Satz gelten: Gewiß glaubt der Geistesforscher das, was er weiß. Er wäre aber auch wahrhaftig ein Tor, wenn er das nicht glauben würde, was er weiß; doch nichts anderes glaubt er, als was er weiß.
Es ist eben gesagt worden, daß wir das, was wir uns zunächst erworben haben, wie aus der Seele herausreißen müssen, daß wir dadurch gleichsam geistige Organe aus­strecken müssen und durch sie die geistige Wirklichkeit zu­rückbekommen. Wenn wir uns immer mehr und mehr in ein solches Seelenleben hineinleben, so wachsen wir auch immer mehr und mehr mit den Wesenheiten und Dingen der geistigen Welt zusammen. Dann tritt das ein, was in unserem Bewußtsein so auftritt, daß wir nicht so mit diesen Wesen verkehren, wie ein Mensch mit dem anderen durch
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äußere Organe verkehrt, sondern durch das, was wie un­mittelbar von Wesen zu Wesen spricht, was wie unmittelbar von den Wesen wahrgenommen wird, indem unsere Seele unmittelbar bei dem Wesen ist, das sie wahrnimmt, so daß sie sozusagen nicht außer ihm, sondern in ihm ist. Dann tritt die Intuition ein, die eigentlich erst der Abschluß der übersinnlichen Erkenntnis ist, jener übersinnlichen Erkennt­nis, die uns nicht in ein verschwommenes, nebuloses Geistes­leben hineinführt, sondern in ein konkretes, wesengestal­tetes, wirklichkeitserfülltes Leben. Es gibt keine andere Art, um wirklich mit dem Geiste und seinem Dasein zusammen­zukommen, als gewissermaßen, wie es jetzt geschildert worden ist, mit ihm zu verschmelzen. Alles aber, womit wir nicht verschmelzen, kann nie als ein Beweis für den Geist gelten, denn einen anderen Beweis gibt es nicht, als das eigene Erleben mit dem Erleben des Geistes zusammen­fallend zu finden. Wer ein Geistwesen erfahren will, muß seine Seele so weit bringen, daß er sein eigenes Erleben zusammenfallen lassen kann mit dem Erleben dieses gei­stigen Wesens.
Der ganze Gang des geistigen Erlebens, wie er geschildert worden ist, kann es erklärlich machen - es würde ja nichts nützen, die Dinge zu verschleiern, sondern man muß sie offen aussprechen -, daß der Mensch am leichtesten schon durch die imaginative Erkenntnis, wenn ich so sagen darf, «reine» Geister erkennen kann, deren Dasein nur ein gei­stiges ist, die nicht mit einer anderen Hülle umkleidet sind als nur mit einer geistig-seelischen. Geistige Wesenheiten, die nicht zur Verkörperung kommen, die sich nicht in äußeren Naturwirkungen ausdrücken, können schon auf der Stufe der
Imagination erkannt werden, wenn wir noch nicht die Fähigkeit haben, zur Inspiration durchzudringen. Das ge­schieht dann so, daß die Imaginationen, die wir ins Vergessen
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hinuntergesenkt haben, uns in einer veränderten Form zurückkommen, und wir erkennen sie dann als Bilder für geistige Wesenheiten, die so geistig sind, wie unser ohne einen Körper gedachtes Geistig-Seelisches.
Dagegen muß man schon zur
Inspiration aufsteigen, wenn man Wesenheiten erkennen will, die zum Beispiel mit den Naturelementen, mit dem Leuchten in der Natur, mit den Wärmeverhältnissen in der Natur und so weiter zusammenhängen, kurz, die hinter der Sinneswelt schöp­ferischen Mächte und Wesenheiten Kräfte zu erkennen, die sich im äußeren Dasein ausdrücken und nur in ihren äußeren Ausdrücken dort erkannt werden können. Das ist nur durch Inspiration möglich. Dazu muß das, was wir in der Seele haben, schon intensiver herausgerissen werden, damit es hinuntertaucht, als bei den Wesen, die ein bloß geistiges Dasein haben. Und die stärksten Seherkräfte müssen auf­gewendet werden, wenn man jene schöpferischen Kräfte erkennen will, die das äußere Verstandesbewußtsein nur als die materialistischen Naturkräfte anspricht, die aber in Wahrheit schöpferische Wesenheiten sind.
Wenn wir diese schöpferischen Wesenheiten erkennen wollen, die hinter allem äußeren Dasein verborgen liegen, dann müssen wir unser inneres Seelenleben so stark aus uns herausreißen können, wie es der Fall ist, wenn wir eben zur Intuition aufgestiegen sind. Das heißt, es gehört mit zu dem allerschwierigsten, durch übersinnliche Erkenntnis im konkreten Falle die vorhergehende Inkarnation eines Menschen zu erkennen, denn bei einem Menschen, wie er uns in der Sinneswelt entgegentritt, hat man es auch mit etwas zu tun, was sich in Naturwirkungen, in körperlichen Wirkungen darstellt.
Hinter diesen körperlichen Wirkungen liegt etwas wie Schöpfergewalten. Aber das verbirgt sich für den geistigen
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Seher hinter dem Äußeren des Körperlichen genau so, wie die geistigen Wesenheiten, welche im Blitz und Donner und hinter aller Natur vorhanden sind, sich hinter diesen ver­bergen; und das eine ist kaum leichter zu finden als das andere. Daher wird man es immer wieder erfahren können, daß Menschen, die zur
Intuition kommen, alles Mögliche, wirkliche Illusionen von früheren Inkarnationen erzählen. Daher ist es gut, wenn man dann möglichst wenig darauf gibt. Der wirkliche Geistesforscher weiß, daß dies zu dem allerschwierigsten gehört, was auch der entwickelten Seele nur in diesem oder jenem Momente möglich ist.
Was bisher gesagt worden ist, bezieht sich auf die Er­forschung des Übersinnlichen, des geistigen Lebens und We­bens. Wer seine Seele in einer solchen geschilderten Weise zubereitet, macht dadurch diese Seele selber zu einem Werk­zeug, um in die übersinnlichen Welten hineinzudringen. Für den Geistesforscher, der die geistige Erkenntnis der Welt mitteilen will, kommt aber dann erst die allerbedeutsamste Aufgabe. Denn dieses Hineinschauen in die geistigen Welten wird von den Menschen, die es nicht in der richtigen Weise kennen, zumeist mißverstanden, verkannt. Und auch das gehört zu der richtigen Abschätzung der Wege übersinn­licher Erkenntnis, daß sich der Mensch ein Urteil zu bilden vermag, was wirkliche Geisteserkenntnis ist und was nur entweder Unfug, Scharlatanerie oder Selbsttäuschung ist.
Da muß immer wieder und wieder gesagt werden: Zum Forschen in der geistigen Welt, zum Aufsuchen übersinn­licher Tatsachen und Wesenheiten gehört, daß sich die Seele selbst dazu erziehe. Wenn aber von dem Geistesforscher, der in der richtigen Art in die übersinnlichen Welten ein­gedrungen ist, seine Beobachtungen richtig geschildert werden mit den Begriffen, welche der gesunde Menschenverstand hat und die einem richtigen Wahrheitsgefühle entsprechen,
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dann kann das, was der Geistesforscher schildert, von jedem Menschen. der sich nicht befangen machen läßt, auch in der richtigen Weise verstanden werden. Zum Erforschen über­sinnlicher Tatsachen und Wesenheiten gehört die zubereitete Seele, zum Begreifen niemals. Das ist gewissermaßen das Geheimnis der Darstellung geistiger Dinge, daß sie, nach­dem sie durch die übersinnlichen Erkenntniskräfte erforscht worden sind, so dargestellt werden können, daß sie von jeder Seele verstanden werden können.
Nun gibt es ein Eigentümliches: die Menschenseele braucht zum Verständnis jener Dinge, von denen wir zum Beispiel beim nächsten Vortrage über «
Lebensfragen und das Todes­rätsel» sprechen werden, die Ergebnisse der Geistesforschung. Die Menschenseele dürstet danach, Ideen und Begriffe zu haben über das, was über den Tod hinausgeht, Ideen und Begriffe, um das Wesen der Seele wirklich zu erfassen. Und wer es ablehnen wollte, dieses Wesen der Seele zu begreifen, der könnte wohl eine Weile das unterdrücken, was man Sehnsucht der Seele nach der Lösung der Weltenrätsel nen­nen kann. Aber es zeigt sich dann um so mehr, daß wir wohl der Seele die geistige Nahrung verweigern, ihr aber nicht den Hunger unterdrücken können, der hervorkommt und die Seele nicht nur in Verzweiflung, sondern in Un­gesundung hineintreiben kann. Der Mensch braucht gewis­sermaßen zu seinem Heile und zu seiner Sicherheit im Leben die Ergebnisse der Geistesforschung, und um die Seele in der richtigen Weise mit den Ergebnissen der Geistesforschung glücklich zu machen, dazu ist nur notwendig ge­sunder Menschenverstand. Es genügt der natürliche Wahr­heitssinn, um das zu begreifen, was der Geistesforscher mit­teilt. Solange es nicht erforscht ist, kann es nicht gesagt werden. Wenn es aber erforscht und in der richtigen Weise formuliert ist, kann es verstanden werden.
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Wie sehr dies wahr ist, das kann am besten daraus her­vorleuchten, daß der Geistesforscher selber für sein Seelenglück, für alles, was er im allgemeinen für seine Seele braucht, von seinem «Schauen» gar nichts hat. Er hat eine neue Welt. Aber diese neue Welt nutzt ihm gar nichts, so­lange er sie nicht so weit gebracht hat, daß sie zum Urteil über das Seelenleben geworden ist, das wir im Alltag führen, und das sich im Alltage sehnt nach der Lösung der Welten-rätsel. Was der Geistesforscher von seiner Forschung haben kann, das hat er ganz gleich und gemein mit dem anderen, dem sie nur erzählt wird, und der sie mit natürlichem Wahr­heitssinn und gesundem Menschenverstande begreift. Aber in Bezug auf das, was die Seele zum Leben braucht, hat der Geistesforscher durch seine Forschung nichts, sondern einzig und allein durch das, was dann durch das Forschen heraus­kommt und jedem mitgeteilt werden kann. Auch der gan­zen Menschheit kann der Geistesforscher nur etwas sein, wenn er imstande ist, die Ergebnisse seines Forschens in solche Begriffe und Vorstellungen hineinzugießen, daß die Vorstellungen eines Zeitalters sie begreifen können, wenn diese nur vorurteilslos und unbefangen genug sind. Diese Vorurteilslosigkeit fehlt in der Gegenwart gewiß im wei­testen Umfange noch, weil man glaubt, daß andere Vor­stellungen, zum Beispiel die der Naturwissenschaft, diesen Ergebnissen der Geisteswissenschaft widersprechen. Wenn man aber genauer auf die Ergebnisse geisteswissenschaft-licher Forchung eingeht, wird man überall sehen, daß es nicht der Fall ist.
Aber noch ein anderes stellt sich zwischen den Geistes-forscher und sein Publikum. Gerade das, was der Geistesforscher dadurch ist, daß er in die geistige Welt hinein­schauen kann, wird im weitesten Umfange eigentlich ver­kannt. Man gibt sich über den Geistesforscher als solchen
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gerade dort argen Irrtümern hin, wo man an die Geistesforschung herantreten will oder Sehnsucht nach ihr hat. Um nicht zu lang zu reden, will ich nur bemerken, daß der größte Irrtum gerade bei den Gutmeinenden der ist, daß man den Geistesforscher, weil er seine Seele zubereitet hat, um in die geistige Welt hineinzuschauen, als eine Art «
hö­heres Tier» ansieht, daß er gegenüber den anderen Menschen etwas voraus hat. Aber durch eine solche Anschauung ver­legt sich der, welcher zur übersinnlichen Erkenntnis kom­men möchte, am allermeisten die Wege zu ihr. Es bildet sich sehr häufig aus einem gewissen guten Willen heraus die Ansicht, daß der Geistes forscher, weil er in die geistige Welt hineinsehen kann, deshalb über andere Menschen hinausragt, mehr wert sei als sie, daß es etwas besonders Erstre­benswertes für die Menschenseele und ihren Wert sei, in die geistige Welt hineinschauen zu können. Daß in unserer Zeit dieses Streben in den weitesten Kreisen auftritt, rührt von einer Tatsache her, die kurz in folgender Weise charakteri­siert werden kann.
In älteren Zeiten finden wir auch Mitteilungen aus der Geistesforschung, die den Menschen gemacht worden sind. Aber es wurden zumeist nur die Ergebnisse mitgeteilt. Über die Methoden wurde nicht so gesprochen, wie zum Beispiel heute gesprochen werden kann, oder wie es heute in einem öffentlichen Buche verbreitet werden kann, wie jenes ist «
Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» oder meine «Geheimwissenschaft im Umriß». Es wurde über die Methoden, aus gewissen Gründen, nur vor einzelnen wenigen gesprochen, deren man in Bezug auf bestimmte Eigenschaften ganz sicher war. Das war für ältere Zeiten deshalb richtig, weil für ein größeres Publikum zwar Ge­fühl und Sinn und auch Wahrheitssinnn vorhanden waren, um die Ergebnisse auf die Seele wirken zu lassen und auch
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die Seele glücklich werden zu lassen, aber nicht genug, um die Schwierigkeiten zu überwinden, damit die Seele in die geistige Welt hineinkommen kann.
Heute leben die Seelen anders. Heute gibt es die Mög­lichkeit eines ganz anderen Denkens. Vergleichen wir nur, wie heute die Menschen ganz anders denken können, nicht nur durch die fortgebildete Naturwissenschaft, sondern wie schon durch die immer fortschreitende Bildung die Men­schen ganz anders denken lernen, als dies früher der Fall war. Dadurch hat sich das Zeitalter die Möglichkeit er­worben, die Dinge besser zu beurteilen. Daher können die Dinge mitgeteilt werden. Aber das ist eben erst im An­fange. Daher kann es nicht fehlen, daß Irrtümer entstehen.
Ein solcher Irrtum ist es, wenn man den Geistesforscher als etwas Besonderes ansieht. Aber der Mensch ist niemals dadurch, daß er seine Erkenntnis erhöht, wie es geschildert worden ist, etwas, was über die Menschheit, die keine solche Erkenntnis haben kann, hinausragt. Ebenso, wie der Che­miker dadurch nicht etwas anderes ist als die übrigen Men­schen, daß er die Chemie kennt, eben so wenig ist der Geistesforscher etwas anderes als die anderen Menschen. Nicht durch solche Dinge wird der Wert des Menschen bestimmt, sondern er wird in gewissen engeren Grenzen bestimmt durch die Intellektualität, durch die Kraft des gesunden Denkens
. Ein Mensch ist mehr wert, wenn er gut denken kann, als ein anderer, der schlecht denken kann. Und im umfassenden Sinne ist der Wert des Menschen bestimmt durch seine Moralität, dadurch, daß er moralische Hand­lungen vollbringt und eine moralische Seelenverfassung hat. Nicht durch eine besondere Ausbildung der Seele hat er etwas voraus, sondern allein durch seine intellektuellen und moralischen Qualitäten. Aus diesem Grunde sollte die üble Gewohnheit, die so
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sehr die Wege zur übersinnlichen Erkenntnis verlegt, ganz und gar bei denen ausgetilgt werden, welche an solche Er­kenntnis herantreten wollen: daß man den Geistesforscher, der in die geistige Welt hineinzuschauen vermag, deshalb, weil er dies kann, für eine besondere Autorität, für etwas Besonderes hält. Dadurch wird Autoritätsglaube und eine blinde Anhängerschaft hervorgerufen, die schon schlimm genug sind auf anderen Gebieten, die aber am allerschlimm­sten sind auf dem Gebiete geisteswissenschaftlicher For­schung, denn die Erfahrung zeigt für den Betrieb der Gei­stesforschung das Folgende.
Wer sich innerhalb des gewöhnlichen Lebens, so wie an­dere Menschen, die im gewöhnlichen Leben stehen, ein ge­sundes, ein gerades, ein logisches Denken erworben hat, der trägt dieses logische, gesunde Denken auch in die übersinn­liche Welt hinein und vermag dadurch zu beurteilen, was wirklich, was richtig und was wahr ist, und der allein kann dann aus dem, was er erkennt, richtige Urteile seiner Mit­welt überliefern. Nicht dadurch, daß man in die übersinn­liche Welt hineinschaut, prägt man richtige Urteile, sondern dadurch, daß man mit richtigem Intellekt, mit guter Logik hineingeht. Ein Tor, der noch so viel in der geistigen Welt schauen kann, der eine ganze Unsumme von allem mög­lichen Geistigen schaut, weil er auf irgendeine Weise seine Seele dazu gebildet hat, wird auch lauter unsinniges Zeug erzählen, wie es in der geistigen Welt ist. Ob man zur Wahrheit kommt, das hängt davon ab, wie man urteilen kann. Deshalb ist der Mensch mit gutem Verstande, wenn er auch gar nicht in die geistige Welt hineinschauen kann, jederzeit in der Lage, sich ein Urteil darüber zu bilden, ob das, was einer erzählt, und wenn er es noch so sehr in der geistigen Welt «gesehen» hat, ein Unsinn ist, oder ob es Hand und Fuß hat. Wenn jemand zeigt, daß er nicht gut
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denken kann, daß er die Dinge nicht richtig verknüpfen kann, dann sollte er, statt dem Geistesforscher aufzuhor­chen, lieber bei dem gesunden Menschenverstande Wache stehen, denn dann wird er jederzeit wissen, ob etwas aus einem klugen oder einem törichten Sinne kommt.
Noch bedeutender ist in dieser Beziehung die moralische Seelenverfassung. Wer mit schlechten Leidenschaften, mit schlechten Gefühlen und Empfindungen, namentlich aber mit Eitelkeit und Ehrsucht an die geistige Welt herantritt, der wird das, was sich ihm dann bietet, nur verzerrt und unwahr schauen. Er wird die schlechtesten Partien des Gei­stigen schauen, und diese werden sich ihm noch so darstellen, daß sie ihm nicht Wahrheit künden, sondern Illu­sionen aufbinden. Seine moralische Verfassung entscheidet bei dem geistigen Seher über das, was er in der geistigen Welt schauen kann. So sehr ist das geistige Schauen selbst nicht dazu geeignet, den Menschen irgendwie zu einer Au­torität zu machen. Vielmehr haben wir auf die Art zu achten, wie Geistesforschung vorbereitet wird, und müssen wissen, daß wir das größte Unheil anrichten, wenn wir nicht mit unserem gesunden Menschenverstand Wache hal­ten und nur auf das objektiv zu Beurteilende sehen.
Das ist der Weg zur Beurteilung übersinnlicher Erkennt­nisse von Seiten derjenigen, die solche Erkenntnisse für das Heil und das Glück ihrer Seele ersehnen. Wenn sich der Mensch in dieser Weise zu dem Geistesforscher verhält, dann ist wahrhaftig dieses Verhältnis der Welt dem Geistesforscher gegenüber nicht anders als das Verhältnis der Welt zu anderen Wissenschaften. Wie nicht jeder auf die Stern-warte oder ins Laboratorium gehen kann, um dort Unter­suchungen zu machen, so können auch, obwohl heute immer schon eine gewisse Vertiefung in die geistige Welt möglich ist, verhältnismäßig wenige in dieselbe hineinschauen. Das
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ist aber auch nicht notwendig, denn das, was die Früchte einer geistigen Erkenntnis sind, das kann, wenn es mitge­teilt wird, durch unbefangenes Begreifen verstanden wer­den. Dies kann das richtige Verhältnis des Geistesforschers zu seinem Publikum werden, und dies ist auch immer das richtige im Zusammenleben der Menschen.
Je mehr man es dahin bringt, den Geistesforscher nicht als Autorität zu nehmen, sondern sich auf seinen gesunden Menschenverstand zu verlassen, alles zu prüfen, und je mehr man alles, was der Geistesforscher sagt, daran bemißt, wie man es einsieht, wenn man es mit dem Leben vergleicht, wenn man, mit anderen Worten, seinen gesunden Menschen­verstand anwendet - je mehr man das tut, desto mehr steht man auf einem gesunden Boden. Wir dürfen durch­aus sagen, daß Geisteswissenschaft, soweit sie die Welt braucht, heute jedem Menschen zugänglich ist aus dem Um­stande, weil sie begreifbar ist, auch wenn man nicht in die geistigen Welten hineinschauen kann.
Wir sind heute schon auf dem Standpunkte, daß es eigentlich keiner Seele mehr versagt ist, den Weg in die geistige Welt zu gehen. Das erfordert unser Zeitalter, daß sich die Menschen immer mehr und mehr überzeugen, daß der Weg in die übersinn­lichen Welten hinein auch gemacht werden kann. Das ist das Richtige, im Gegensatze zu dem, was den Menschen zu einem blinden Autoritätsglauben bringt. Das aber allein, was richtig ist, hat für das Glück und das Heil der Seele einen Wert.
Das sollten einige Andeutungen sein über die Wege zur übersinnlichen Erkenntnis, zu jener Erkenntnis, die uns wirklich in eine geistige Welt hineinführt, welche hinter unserer Sinneswelt liegt, und die uns auch dazu bringt, diese geistige Welt zu begreifen. Der Geistesforscher selber hat für seine Persönlichkeit, für seine Wesenheit erst dann
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etwas von der geistigen Welt, wenn er nicht bloß schauen kann, sondern das Geschaute auch begreifen kann. Denn alles Geschaute ist, ohne daß es begriffen wird, noch nichts wert. Wenn es aber begriffen ist, begriffen ist von dem charakterisierten gesunden Menschenverstande und dem natürlichen Wahrheitsgefühl, dann gräbt es sich ein in un­sere Seele, verbindet sich mit ihr, und unsere Seele fühlt unmittelbar, was da drinnen ist, wie die Seele, wenn sie vor ein Bild tritt, unmittelbar fühlt, was in dem Bilde ist, wenn sie dieses Bild auch nicht selber machen kann.
Wie es nicht notwendig ist, um von einem Bilde etwas zu haben, daß man ein Maler sein muß, ebensowenig ist es notwendig, um in eine für die Seele auch im höchsten Maße notwen­dige Erkenntnis, zum Beispiel der Unsterblichkeit oder des Durchganges durch wiederholte Erdenleben, einzudringen, oder um diese Erkenntnis genügend zu durchdringen, daß man selber diese Erkenntnisse im geistigen Schauen formen kann - obwohl es gut wäre, wenn immer mehr und mehr Menschen in das geistige Schauen eindringen würden. Das erobert sich aber die Zeit, und das werden auch immer mehr Menschen tun, weil das notwendige, gar nicht zu über-windende Bedürfnis auftreten wird, sich in die übersinn­liche Welt hineinzuleben. Die Seelen werden immer mehr und mehr gezwungen werden, auch sozusagen zum Seher zu werden, wirklich mit der geistigen Welt zusammenzu­wachsen.
Das aber gibt - sei es begriffenes Selbstschauen, sei es begriffenes Schauen des andern - der Besitz der übersinn­lichen Wahrheiten, der übersinnlichen Erkenntnisse, daß unsere Seele weiß, wie wir durch die äußere Wissenschaft erkennen, wie alle die äußeren Stoffe, die in unserem Leibe sich finden, in dem ganzen Universum vorhanden sind, so daß wir wie eingebettet sind in dem Gleichen, das in dem
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ganzen Universum ausgebreitet ist - Untersuchungen, die erst durch die Spektral-Analyse möglich gemacht worden sind -, wie der Mensch aus dem Universum heraus gestaltet ist. So lernt er durch die geistbegreifende Forschung auch erkennen, daß er in allem, was in seinem Bewußtsein oder in seinem Unterbewußtsein auf- und abwogt, mit einer Welt von geistigen Wesenheiten zusammenhängt, die wahr­haftig wirklicher sind als die Stoffe, mit denen der Leib zusammenhängt.
So fühlt der Mensch nach und nach die Früchte der Gei­stesforschung an seiner
Seelenruhe, und fühlt auch die Kraft, zu arbeiten und tätig zu sein im geistigen All, im gott- und geistdurchtränkten All. Das aber macht es erst, daß der Mensch weiß, was er ist und die für ihn notwendige Er­kenntnis hat: daß er ruhend und tätig, denkend, fühlend und wollend im geistdurchtränkten All lebt und sich mit ihm verbunden fühlt und weiß. Und das macht das aus, was die Seele nicht entbehren kann, was sie sucht, wenn sie es für eine gewisse Zeitdauer nicht hat. Das braucht die Seele, wenn sie nicht in sich veröden soll und durch die Ver­ödung nicht unfähig werden soll, mitzuarbeiten an der Menschheit, so daß sie nicht nur zur Verzweiflung an dem Göttlichen, sondern auch in die Dekadenz kommen würde. Das Bewußtsein aber der Zusammengehörigkeit mit den übersinnlichen Welten liegt dem zugrunde, was wie instink­tiv fühlend in Goethe lebte, wenn er sagt:

Wär nicht das Auge sonnenhaft,
Die Sonne könnt es nie erblicken;
Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt uns Göttliches entzücken?


Wohl, das Auge ist sonnenhaft! Dieselbe Kraft, die in der Sonne ist, ist im Auge. Dadurch kann Gleiches von
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Gleichem, wie schon die alten Philosophen sagten, erkannt werden. In dem Menschen ist ein Göttliches, die ganze Welt ist durchtränkt von Göttlichem: dadurch kann das innere Göttliche das äußere Göttliche erfassen. Aber
Goethe er­kannte auch, daß das Gegenteil davon eine Wahrheit ist.
Schopenhauer vermag, obwohl er die ganze Welt zu einer Willenserscheinung macht, nicht einzusehen, daß das, was in uns ist, nicht bloß notwendig ist für die Erkenntnis des Äußeren um uns, sondern daß umgekehrt auch das Äußere notwendig ist für das Dasein des Inneren. Im schopenhauerschen Sinne wäre es, daß die Sonne nur da­durch vorhanden ist, daß wir ein Auge haben. Dadurch ist ja die sonderbare Philosophie entstanden, welche die Welt als tonlos, als wärmelos und so weiter betrachtet und alles dieses erst beginnen läßt, indem die menschlichen Organe in die Welt treten. Aber Goethe wußte das Richtige: daß nicht nur, indem wir Augen haben, wir die Dinge sehen, indem wir Ohren haben, wir die Töne hören, sondern daß ein Auge erst dadurch auftreten kann, daß die Sonne da ist. Aus einer einstmals augenlosen Wesenheit hat sich der Mensch zu einem sehenden Wesen dadurch gemacht, daß das Licht den Raum erfüllte und aus dem Organismus, der noch kein Auge hatte, das Auge herausholte. Die Sonnen-kraft hat das Auge geschaffen durch das von ihr verbreitete Licht. So kommt es nicht darauf an, daß wir das Göttliche in uns tragen und zum Beispiel in Feuerbachs Sinne das Göttliche, das wir erst in uns geschaffen haben, nur hin-ausprojizieren in die Welt, sondern wir müssen wissen, daß wir gar nicht diesen «Gottessinn» in uns hätten, wenn nicht das Göttlich-Geistige die Welt erfüllte und in uns ein Geistorgan geschaffen hätte, wie die äußere Sonne das äußere Auge geschaffen hat.
Deshalb können wir sagen: Das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit
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von Seele und Welt, das der Seele Stärke und Kraft gibt und sie ruhen und tätig sein läßt im geistigen All, das setzt sich aus zwei Dingen zusammen, zwei Din­gen, von denen wir das eine mit dem schönen Goetheschen Ausspruche charakterisieren können:

Wär nicht das Auge sonnenhaft,
Die Sonne könnt es nie erblicken;
Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt uns Göttliches entzücken?

Aber es ist ganz im goetheschen Sinne, wenn wir, diese einseitige Wahrheit durch das andere ergänzend, was sie erst zur vollen Wahrheit macht, den anderen Spruch hin­zufügen, der da heißen mag:

Wäre die Welt nicht Sonne-begabt,
Wie könnten Augen den Wesen erblühen?
Wäre das Dasein nicht Gottes Enthüllung,
Wie kämen Menschen zur Gottes-Erfüllung?

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NOTE 18:34

111 Francesco Redi, 1626-1698, Gesammelte Werke in 7 Bänden,
1664-1690.
132 Schopenhauer: vgl. Hinweis zu Seite 75.
147 Goethe: Der Spruch steht im «Entwurf einer Farbenlehre», Didak­
tischer Teil, Einleitung.
148 in Feuerbachs Sinne: Ludwig Feuerbach, 1804-1872.
151 Franz Brentano, 1838-1917.
152 Thomas Henry Huxley, 1825-1895.

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