| III – 23 Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten im rosenkreuzerischen Sinne? München, 11. Dezember 1906 |
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| GA 97 – Das christliche Mysterium Seite 206 20111204 18:02 Wie erlangt man Erkenntnisse der HÖHEREN Welten im rosenkreuzerischen Sinne? München, 11. Dezember 1906 Weniger bekannt als andere Gedichte von Goethe ist sein Gedicht «Die Geheimnisse.. Dieses Gedicht ist Fragment geblieben. Goethe erzählt uns von einem Pilger, Bruder Markus, der uns in seinen Wanderungen an das Schicksal des Parzival erinnert. Nach langer Wanderung gelangt er an ein einsames Haus, ein klosterartiges Gebäude. Innerhalb desselben findet er einen Bund, eine Versammlung von zwölf Persönlichkeiten. Er lernt endlich die Natur, den Charakter der Zwölf und des Dreizehnten kennen, der ihr Oberhaupt darstellt. Jeder dieser Zwölf hat etwas außerordentlich Wichtiges zu tun und eine Art Lebensbeschreibung von dem Dreizehnten zu geben. Dieser Dreizehnte hat sich hindurchgearbeitet durch Wirrnisse und Hemmungen aller Art. Es wird von ihm gesagt: Von der Gewalt, die alle Wesen bindet, Befreit der Mensch sich, der sich überwindet, – das heißt, der den höheren Menschen in sich ausbildet. Dieser Dreizehnte, Humanus genannt, ist ganz über sich hinausgewachsen. Die Größe, der Einfluß dieses Weisen, den wir fühlen und ahnen, wird noch dadurch erhöht, daß er, wie wir gleich hören, im Sterben liegt, daß er das Letzte, das Schönste und das Größte den Zwölfen vor dem Eintritt in die höheren geistigen Welten zu geben hat. Und dazu soll nun der «reine Tor» hindurchdringen. Er soll den Dreizehnten ersetzen. Es schwebt etwas wie Karfreitagszauber über diesem Fragment. In der Tat hätte das ganze in dem Milieu des Karfreitags dargestellt werden sollen. Goethe selbst erklärt sein Gedicht etwa so, daß er sagt: Es gibt in der Welt viele Bekenntnisse, aber in allen haben wir den gleichen Kern Wahrheit zu sehen. – Das deutet Goethe dadurch an, daß er von zwölf Weltreligionen eine hinstellen GA 97 – Das christliche Mysterium Seite 207 18:30 wollte, die den gemeinsamen Wahrheitskern der Zwölf darstellt. Und der Dreizehnte ist der Repräsentant dieser Urwahrheit selbst. Das Gedicht umschreibt eigentlich die theosophische Weltanschauung. Goethe will in einem dichterischen Bild zum Ausdruck bringen, auf welche Weise eine Synthese aller Religionen zum Frieden führen kann. Als Bruder Markus an die Pforte des Klosters tritt, leuchtet ihm ein mit Rosen umwundenes Kreuz entgegen. Goethe kannte die tiefe Bedeutung dieses Symbols, was auch in seinen Versen angedeutet wird: Doch von ganz neuem Sinn wird er durchdrungen, Wie sich das Bild ihm hier vor Augen stellt: Es steht das Kreuz mit Rosen dicht umschlungen. Wer hat dem Kreuze Rosen zugesellt? Das sind Worte von wahrem esoterischem Sinn. Heute soll uns nun die Frage beschäftigen: Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten im Sinne der Rosenkreuzer? Wir wollen einiges über die Rosenkreuzermethode besprechen. Sie ist einer der Erkenntnispfade, die in übersinnliche Welten hineinführen. Das Wort Rosenkreuzer mag für manchen ungewohnt und merkwürdig klingen. Man hat von den Rosenkreuzern als einer geheimen Bruderschaft gehört, die etwa im 14. Jahrhundert unter dieser Bezeichnung auftaucht. Was im Konversationslexikon und sonst in der Tagesliteratur über die Rosenkreuzer zu finden ist, ist belanglos. Die Rosenkreuzer haben eine ganz bestimmte Geistesrichtung durch eine Anzahl sehr einflußreicher Persönlichkeiten vertreten. Wie leicht man den schwersten Irrtümern unterliegen kann, wo man höchste Wahrheiten zu finden glaubt, beweisen viele Veröffentlichungen, die über die Rosenkreuzer erschienen sind. Die Rosenkreuzer waren eine der intimsten Geheimbrüderschaften und hatten strenge Proben und schwere Prüfungen zu bestehen. Durch vieles mußten diejenigen hindurchgehen, die in den Rosenkreuzerorden aufgenommen werden wollten. Eine ganz bestimmte okkulte Schulung mußte der Anwärter durchmachen, um zur Selbstschau geführt zu werden. Aber Unkenntnis kann dazu verleiten, im Erha- GA 97 – Das christliche Mysterium Seite 208 17:30 bensten eine Karikatur zu sehen. So wurde auch das Rosenkreuzertum völlig verkannt und zur Karikatur verzerrt. Was über die Rosenkreuzer geschrieben worden ist, ist schlechthin Scharlatanerie. Wer das Rosenkreuzertum richtig beurteilen kann, der sieht den wahren Kern darin. Wie schwer es aber von jeher war, das Rosenkreuzertum kennenzulernen, das sehen Sie daraus, daß Helmont, Leibniz und andere nichts von den Rosenkreuzern erfahren konnten. Die Rosenkreuzereinweihung wird historisch zurückgeführt auf ein Buch vom Anfang des 17. Jahrhunderts, in dem es unter anderem heißt, daß die Rosenkreuzer sich mit alchimistischen Dingen beschäftigt hätten, auch mit anderen, zum Beispiel mit der höheren Erziehung und so weiter. So steht es zu lesen in der «Fama Fraternitatis». Über das, was wirklich Rosenkreuzerei ist, ist auch darin nichts zu finden, weil die Geheimnisse der Rosenkreuzer nur durch mündliche Tradition überliefert worden sind. Was sich äußerlich den Namen Rosenkreuzer beigelegt hat, ist recht wenig dazu geeignet, das Wesen der Rosenkreuzer zu ergründen. Wir wollen uns nun heute mit den Methoden der echten Rosenkreuzer beschäftigen, soweit dies in der Öffentlichkeit möglich ist. Die theosophische Bewegung ging anfangs vom orientalischen Weg aus. Die Wahrheit ist, wenn man sie zu suchen weiß und reif dazu ist, überall zu finden. Eine andere Denkungsweise, ein anderes Fühlen und Wollen, ein anderes Schauen und Wahrnehmen gab es einstmals in der Menschheit, als die alten Inder die Lehren der heiligen Rishis empfingen. Was damals getan wurde, läßt sich heute nicht mehr durchführen. Die Methoden, die früher möglich waren, sind heute nicht mehr gangbar. Es gibt nichts Absolutes in der Welt; die Menschheit ist in einer fortwährenden Entwickelung begriffen. Die jetzigen Menschen haben eine ganz andere, feinere Gehirnstruktur, sogar eine ganz andere Blutbildung als die damaligen Menschen. Darum muß heute alle Wahrheit so umgeformt werden und müssen die Einweihungsmethoden so angeordnet werden, daß sie für die heutigen Europäer geeignet sind. Das sind die Gründe, warum es ein Rosenkreuzertum geben mußte, warum man eine andere Form der Einweihung GA 97 – Das christliche Mysterium Seite 209 18:30 brauchte. Die Strömung der Rosenkreuzer ist getragen von den großen Lehrern, die sich immer im Hintergrunde hielten. Das Rosenkreuzertum umfaßt sieben Stufen der Einweihung. Diese sieben Stufen bilden eine einheitliche Methode, durch die der Europäer in der Lage ist, all die Proben abzulegen, durch die er hindurchgehen muß. Man macht diese Stufen nicht unbedingt nacheinander durch, sondern der Lehrer nimmt je nach der Individualität des einzelnen Schülers dasjenige heraus, was am geeignetsten für den Betreffenden ist. Die sieben Stufen sind 1. das Studium, 2. die Imagination, 3. die inspirierte Erkenntnis oder das Lesen der okkulten Schrift, 4. das Bereiten des Steines der Weisen, 5. die Entsprechung von Mikrokosmos und Makrokosmos, 6. das Hineinleben in den Makrokosmos 7. sowie als siebente und höchste Stufe die Gottseligkeit. Unter dem Studium versteht man die Aneignung solcher Begriffe und Ideen, die den Menschen geeignet machen, ein gesundes, umfassendes Urteil über wesentliche Zusammenhänge fällen zu können. Das Studium enthielt bei den Rosenkreuzern alles das, was wir nach Abziehen des orientalischen Gewandes heute in der Theosophie haben. Was heute die Theosophie bringt, das ist Rosenkreuzerweisheit. Auch in öffentlichen Vorträgen habe ich über die Elementarlehre der Rosenkreuzer gesprochen. Das Wesentliche davon ist, sich eine Summe von Begriffen über die Welt anzueignen, die in sich geschlossen ist, die einen streng gefestigten Gedankenbau darstellt. Ein Denksystem wird hier aufgestellt, das vernünftig ist. Ein denkender, nüchterner Mensch muß der Rosenkreuzer sein. Diese Lehren sind Wahrheiten, die für die schlichtesten Herzen wie für die geistvollsten Gemüter verständlich sind. Was ist Zweck des Studiums? Es führt zum Hineinblicken in die übersinnlichen Welten, in die astralische Welt, dann in die geistige oder devachanische Welt, in jene Welten, die uns alle unsichtbar umgeben. So viele Welten um den Menschen herum sind, so viele Fähigkeiten hat er, sie wahrzunehmen. Freilich sind diese Fähigkeiten zunächst unentwickelt. Eine Neugeburt bedeutet für den Blindgeborenen das Sehendwerden. Ebenso ist das Auftauchen jeder neuen GA 97 – Das christliche Mysterium Seite 210 18:50 Welt für den Menschen eine Neugeburt. Die astralische Welt, die wir aus gewissen Gründen so nennen, ist um uns herum, ebenso die geistige oder devachanische Welt. Es ist unbescheiden von einem, der nichts von den höheren Welten weiß, zu behaupten, sie seien nicht da. Die astralische Welt und die devachanische Welt unterscheiden sich beide gewaltig von dem, was in der physischen Welt sichtbar um uns herum ist. Ganz neue Eindrücke erleben wir in der astralischen wie in der devachanischen Welt. Wenn nun auch die Wahrnehmungen in diesen Welten ganz verschieden sind von denen in der physischen Welt, so bleibt die Logik die gleiche. Das Denken in allen drei Welten ist das gleiche; erst in noch höheren Welten ändert sich dieses ebenfalls. Hat man in einer dieser drei Welten denken gelernt, so sind die Gesetze dafür in den höheren Welten dieselben. Allerdings korrigiert sich ein Irrtum in der physischen Welt für den Menschen durch die Erfahrung. In jenen andern Welten gibt es diese bequeme Korrektur nicht, daher muß man dort einen festen Maßstab von Objektivität haben. Stützelos bist du dort, trittst du ohne diese Objektivität ein! Bei der alten Einweihung war daher der Guru notwendig. Der Guru mußte gleichsam als höchste Autorität in die Seele desjenigen einziehen, der in die indische Jogaweisheit eingeweiht wurde. In der Rosenkreuzerschulung wird dieses Verhältnis zwischen Guru und Schüler ersetzt durch die Stütze eines geschulten Denkens. Es muß der Schüler selbst der Führer sein. Deshalb ist das Studium ein so wichtiger Bestandteil der Schulung. Grundlegende Wahrheiten der Theosophie sind für die schlichtesten Herzen wie für die höher aufstrebenden Menschen in den Schriften «Wahrheit und Wissenschaft» und .Philosophie der Freiheit» niedergelegt. Man muß beim Lesen dieser Bücher innerlich ganz mitarbeiten, einen Gedanken aus dem andern herausarbeiten. Die zweite Stufe des Rosenkreuzerpfades ist die Imagination. Sie führt durch eine umfassende Methode schon den ersten Schritt in die höheren Welten hinein. Das Erleben der Imagination erschließt den tieferen Sinn des Goethe-Wortes: «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis». GA 97 – Das christliche Mysterium Seite 211 18:53 Betrachten wir eine Pflanze, so können wir an ihrer Gestalt, an ihrem Wesen erleben, wie wahr es ist, daß sich gleichsam der Geist der Erde in seiner Trauer, in seiner Heiterkeit durch sie offenbart. Es ist eine große Wahrheit, daß der Mensch im gleichen Maße zur Erde gehört wie ein Finger zum menschlichen Leibe. Der Mensch ist nur ein Glied des Ganzen, aber er gibt sich der Illusion hin, losgelöst zu leben. Der Finger ist geschützt vor dieser Illusion, weil er auf dem Leibe des Menschen nicht herumspazieren kann. Fühlt man sich als ein Glied der Erde, dann verspürt man etwas nicht nur von der Poesie, sondern auch von der Wahrheit der Goetheschen Worte vom Erdgeist. Geht der Mensch über zu dem, was der Erdgeist an seiner Oberfläche hervorbringt, so werden ihm manche Pflanzen zu den Tränen, manche zum Lächeln des Erdgeistes werden. Eines noch wurde mit allen Mitteln der Schulung dem Schüler zum Bewußtsein gebracht. Ihm wurde gesagt: Sieh dir den Pflanzenkelch mit seinen Befruchtungsorganen an, die er keusch der Sonne zuwendet. Der Sonnenstrahl küßt das Innere des Pflanzenkelches. Die Pflanze streckt ihre Befruchtungsorgane unschuldig in den Weltenraum hinaus. Denke dir dies in seiner Umwandlung auf einer höheren Stufe. Betrachte zunächst das Tier und den Menschen und siehe, wie der Mensch das verhüllt, was die Pflanze der Sonne entgegenhält. Und dann sage dir: Eine künftige Stufe soll der Mensch einstmals erreichen, auf der alles Niedrige von seinen Organen gewichen ist. Auf dieser höheren Stufe wird er der Sonne das entgegenbringen, was heute bei der Pflanze der Kelch ist. Dann ist alles Triebhafte geläutert, die menschliche Individualität hat die Begierdennatur überwunden. Diese Umwandlung nannte man in der Weisheit der Rosenkreuzer den Gral, die heilige Schale. Hat man in solchen Vorstellungen eine Zeitlang gelebt, dann ist man reif, zu noch höheren Erlebnissen aufzusteigen. Das physische Auge sieht in der Pflanze nur den Samen. Durch die Vorbereitung ist die Seele so weit, daß sie dann zu dem Bild vordringen kann, das sich ihr am Samenkorn ergibt und in dem sich das darstellt, wodurch die Pflanze wächst. Es tritt vor die Seele das Bild einer Flammenbildung, die sich aus dem Samenkorn heraushebt. Man lernt so GA 97 – Das christliche Mysterium Seite 212 18:55 das Geistige hinter den Dingen sehen, man lernt erkennen, wie alles Physische herausgeboren ist aus einer Welt des Geistigen. Die dritte Stufe wird in der Rosenkreuzerschulung das Lesen der okkulten Schrift genannt. Die kosmischen Kräfte, die in der Welt wirken, offenbaren sich durch bestimmte Strömungen und Zusammenstellungen von Farben und Tönen. Diese okkulte Schrift ist in ihrer Struktur in die Welt hineingeschrieben. Ein Beispiel dafür ist die Spirale, die wir im äußeren Kosmos in der Gestalt von zwei ineinandergeschlungenen Wirbeln im Orionnebel erblicken. Mikrokosmisch geschieht die erste Eingliederung des Menschenkeims in einer entsprechenden Form. Das Bild zweier ineinandergeschlungener Wirbel ist das Tierkreiszeichen des Krebses. In der okkulten Schrift zeigt es den Übergang von einem Entwickelungsstadium in das nächste an. In der Tat lag der Frühlingspunkt der Sonne im Zeichen des Krebses, als im alten Indien nach dem Untergang der Atlantis eine neue Menschheitsepoche eingeleitet wurde. Ein anderes Zeichen der okkulten Schrift ist das Dreieck, das ebenfalls in den Makrokosmos eingezeichnet ist. Mikrokosmisch ist die Figur des gleichseitigen Dreiecks mit dem eingezeichneten Mittelpunkt das Symbol für das erlangte Gleichgewicht zwischen den drei Seelenkräften. Aus der Harmonisierung von Denken, Fühlen und Wollen erwächst die höhere Liebekraft. Dieser dritten Stufe, auf der das Bewußtsein der Inspiration errungen wird, folgt die Rhythmisierung des Lebens und Atmens. Sie wird in der Sprache der Rosenkreuzer auch als Bereitung des Steins der Weisen bezeichnet. Damit wird wiederum eine spätere allgemeine Entwickelungsstufe der Menschheit vorausgenommen. Heute braucht der Mensch den Sauerstoff bei der Einatmung. Die Kohlensäure atmet er als Giftstoff aus. Umgekehrt verhält es sich bei der Pflanze, die gerade die Kohlensäure einatmet und den Sauerstoff abgibt. In einer fernen Zukunft wird der Mensch den Kohlenstoff, den er heute mit der Nahrung aufnimmt, bewußt zum Aufbau seiner Leiblichkeit verwenden und nicht mehr ausatmen. Dann wird die menschliche Leiblichkeit aus einer ganz andern Sub- GA 97 – Das christliche Mysterium Seite 213 stanz bestehen, als dies heute der Fall ist. Diese wird ein durchsichtiger, weicher Kohlenstoff sein. Der Leib des Menschen selber ist dann der Stein der Weisen. Das Symbol dafür ist der kristallhelle Diamant, der aus Kohlenstoff besteht. Vorbereitet wird dieser ganze Prozeß durch eine Rhythmisierung der Atmung wie überhaupt aller Lebensvorgänge. Bei der Pflanze und beim Tier sind diese von außen her geregelt. Beim heutigen Menschen geschieht dies nicht mehr, sondern er muß sich den Rhythmus, der in der Natur ohne Dazutun der darin lebenden Wesen herrscht, selbst schaffen. Die strenge Einhaltung eines solchen Rhythmus stellt einen wichtigen Bestandteil der Rosenkreuzerschulung dar. Die fünfte Stufe der Rosenkreuzerschulung ist es, auf welcher die Entsprechung von Mikrokosmos und Makrokosmos erlebt wird. Paracelsus sagt: Alles, was um uns im Raume ist, ist mit uns verwandt. – In der Welt sind die einzelnen Buchstaben, und der Mensch ist das Wort. Ein Sich-Einleben in sein Inneres ist auf dieser Stufe möglich. Der Mensch hat alles im Kleinen, in der Essenz in sich, was draußen in der Welt ist. Sich selbst erkennen, um die Welt zu erkennen, ist die Aufgabe, die auf dieser Stufe gestellt ist. Das Hinausleben in den Makrokosmos wird auf der folgenden, sechsten Stufe gefordert. Hier hat der Mensch sich seiner selbst zu entäußern und alles Eigene zurückzulassen. Er lernt nun den Makrokosmos wahrhaft erkennen. Die höchste Stufe, die der Rosenkreuzer erreichen kann, ist die Gottseligkeit. Hier wächst der Eingeweihte mit dem ganzen Universum zusammen, er erlebt den Gipfel der menschlichen Evolution, wie sie der Menschheit für eine ferne Zukunft vorgezeichnet ist. Der Rosenkreuzerschüler richtet sein ganzes Streben darauf, diese Evolution vorzubereiten. Im Menschen lebt eine niedere passive Natur und ein aktives Element. Entwickelt er sich in der geschilderten Weise, so überwindet er die niedere Natur und wird durch den Geist wiedergeboren. Dieser Sinn der menschlichen Evolution ist in den Worten Goethes beschlossen: GA 97 – Das christliche Mysterium Seite 214 19:01 Und solang du das nicht hast, Dieses: Stirb und Werde! Bist du nur ein trüber Gast Auf der dunklen Erde. Das Symbol für das «Stirb» ist das Kreuz, das Symbol für das «Werde» sind die Rosen. Der physische Leib des Menschen stellt das Kreuz dar. Alles, was mit den Wachstumskräften zusammenhängt, bildet das passive Element im Menschen. Dazu gehört insbesondere die Milch. Im Blut dagegen entwickelt der aufwärtsstrebende Mensch ein aktives Element. Das ist das Geheimnis der weißen und der roten Rose. Die höhere Menschennatur ist es, welche den Ausgleich zwischen der weißen und der roten Rose sucht. In Goethes Gedicht .Die Geheimnisse» gibt uns der Dreizehnte ein Bild jenes Menschen, der diese hohe Stufe erreicht hat. Als Leitspruch für alles Rosenkreuzerstreben können wir daher die Worte auffassen, die von diesem Dreizehnten gesagt werden: Denn alle Kraft dringt vorwärts in die Weite, Zu leben und zu wirken hier und dort; Dagegen engt und hemmt von jeder Seite Der Strom der Welt und reißt uns mit sich fort, In diesem innern Sturm und äußern Streite Vernimmt der Geist ein schwer verstanden Wort: Von der Gewalt, die alle Wesen bindet, Befreit der Mensch sich, der sich überwindet. |
5.345 parole
Die Geheimnisse
(Ein Fragment)
Eine wunderbares Lied ist euch bereitet;
Vernehmt es gern und jeden ruft herbei!
Durch Berg' und Täler ist der Weg geleitet;
Hier ist der Blick beschränkt, dort wieder frei,
Und wenn der Pfad sacht in die Büsche gleitet,
So denket nicht, daß es ein Irrtum sei;
Wir wollen doch, wenn wir genug geklommen,
Zur rechten Zeit dem Ziele näher kommen.
Doch glaube keiner, daß mit allem Sinnen
Das ganze Lied er je enträtseln werde:
Gar viele müssen vieles hier gewinnen,
Gar manche Blüten bringt die Mutter Erde;
Der eine flieht mit düsterm Blick von hinnen,
Der andre weilt mit fröhlicher Gebärde:
Ein jeder soll nach seiner Lust genießen,
Für manchen Wandrer soll die Quelle fließen.
Ermüdet von des Tages langer Reise,
Die auf erhabnen Antrieb er getan,
An einem Stab nach frommer Wandrer Weise
Kam Bruder Markus, außer Steg und Bahn,
Verlangend nach geringem Trank und Speise,
In einem Tal am schönen Abend an,
Voll Hoffnung, in den waldbewachs'nen Gründen
Ein gastfrei Dach für diese Nacht zu finden.
Am steilen Berge, der nun vor ihm stehet,
Glaubt er die Spuren eines Wegs zu sehn,
Er folgt dem Pfade, der in Krümmen gehet,
Und muß sich steigend um die Felsen drehen;
Bald sieht er sich hoch über's Tal erhöhet,
Die Sonne scheint ihm wieder freundlich schön,
Und bald sieht er mit innigem Vergnügen
Den Gipfel nah vor seinen Augen liegen.
Und neben hin die Sonne, die im Neigen
Noch prachtvoll zwischen dunklen Wolken thront;
Er sammelt Kraft die Höhe zu ersteigen,
Dort hofft er seine Mühe bald belohnt.
Nun, spricht er zu sich selbst, nun muß sich zeigen,
Ob etwas Menschlichs in der Nähe wohnt!
Er steigt und horcht und ist wie neugeboren:
Ein Glockenklang erschallt in seine Ohren.
Und wie er nun den Gipfel ganz erstiegen,
Sieht er ein nahes, sanft geschwungenes Tal.
Sein stilles Auge leuchtet vor Vergnügen;
Denn vor dem Walde sieht er auf einmal
In grüner Au ein schön Gebäude liegen,
Soeben trifft's der letzte Sonnenstrahl:
Er eilt durch Wiesen, die der Tau befeuchtet,
Dem Kloster zu, das ihm entgegenleuchtet.
Schon sieht er dicht sich vor dem stillen Orte,
Der seinen Geist mit Ruh und Hoffnung füllt,
Und auf dem Bogen der geschloss'nen Pforte
Erblickt er ein geheimnisvolles Bild.
Er steht und sinnt und lispelt leise Worte
Der Andacht, die in seinem Herzen quillt,
Er steht und sinnt, was hat das zu bedeuten?
Die Sonne sinkt und es verklingt das Läuten!
Das Zeichen sieht er prächtig aufgerichtet,
Das aller Welt zu Trost und Hoffnung steht,
Zu dem viel tausend Geister sich verpflichtet,
Zu dem viel tausend Herzen warm gefleht,
Das die Gewalt des bittern Tods vernichtet,
Das in so mancher Siegesfahne weht:
Ein Labequell durchdringt die matten Glieder,
Er sieht das Kreuz und schlägt die Augen nieder.
Er fühlet neu, was dort für Heil entsprungen,
Den Glauben fühlt er einer halben Welt;
Doch von ganz neuem Sinn wird er durchdrungen,
Wie sich das Bild ihm hier vor Augen stellt:
Er sieht das Kreuz mit Rosen dicht umschlungen.
Wer hat dem Kreuze Rosen zugesellt?
Es schwillt der Kranz, um recht von allen Seiten
Das schroffe Holz mit Weichheit zu begleiten.
Und leichte Silber-Himmelswolken schweben,
Mit Kreuz und Rosen sich empor zu schwingen,
Und aus der Mitte quillt ein heilig Leben
Dreifacher Strahlen, die aus Einem Punkte dringen;
Von feinen Worten ist das Bild umgeben,
Die dem Geheimnis Sinn und Klarheit bringen.
Im Dämmerschein, der immer tiefer grauet,
Steht er und sinnt und fühlet sich erbauet.
Er klopft zuletzt, als schon die hohen Sterne
Ihr helles Auge zu ihm nieder wenden.
Das Tor geht auf und man empfängt ihn gerne
Mit offnen Armen, mit bereiten Händen.
Er sagt, woher er sei, von welcher Ferne
Ihn die Befehle höh'rer Wesen senden.
Man horcht und staunt. Wie man den Unbekannten
Als Gast geehrt, ehrt man nun den Gesandten.
Ein jeder drängt sich zu, um auch zu hören,
Und ist bewegt von heimlicher Gewalt,
Kein Odem wagt den seltnen Gast zu stören,
Da jedes Wort im Herzen widerhallt.
Was wer erzählet, wirkt wie tiefe Lehren
Der Weisheit, die von Kinderlippen schallt:
An Offenheit, an Unschuld der Gebärde
Scheint er ein Mensch von einer anderen Erde.
Willkommen, ruft zuletzt ein Greis, willkommen,
Wenn deine Sendung Trost und Hoffnung trägt!
Du siehst uns an; wir alle sthen beklommen,
Obgleich dein Anblick unsre Seele regt:
Das schönste Glück, ach! wird uns weggenommen,
Von Sorgen sind wir und von Furcht bewegt.
Zur wicht'gen Stunde nehmen unsre Mauern
Dich Fremden auf, um auch mit uns zu trauern:
Denn ach, der Mann, der alle hier verbündet,
Den wir als Vater, Freund und Führer kennen,
Der Licht und Mut dem Leben angezündet,
In wenig Zeit wird er sich von uns trennen,
Er hat es erst vor kurzem selbst verkündet;
Doch will er weder Art noch Stunde nennen:
Und so ist uns sein ganz gewisses Scheiden
Geheimnisvoll und voller bittren Leiden.
Du siehest alle hier mit grauen Haaren,
Wie die Natur uns selbst zur Ruhe wies:
Wir nahmen keinen auf, den jung an Jahren,
Sein Herz der Welt zu früh entsagen hieß.
Nachdem wir Lebens Lust und Last erfahren,
Der Wind nicht mehr in unsre Segel blies,
War uns erlaubt, mit Ehren hier zu landen,
Getrost, daß wir den sichern Hafen fanden.
Dem edlen Manne, der uns hergeleitet,
Wohnt Friede Gottes in der Brust;
Ich hab' ihn auf des Lebens Pfad begleitet,
Und bin mir alter Zeiten wohl bewußt;
Die Stunden, da er einsam sich bereitet,
Verkünden uns den nahenden Verlust.
Was ist der Mensch, warum kann er sein Leben
Umsonst, und nicht für einen Bessern geben?
Dies wäre nun mein einziges Verlangen:
Warum muß ich des Wunsches mich entschlagen?
Wie viele sind schon vor mir hingegangen!
Nur ihn muß ich am bittersten beklagen.
Wie hätt' er sonst so freundlich dich empfangen!
Allein er hat das Haus uns übertragen;
Zwar keinen noch zum Folger sich ernennet,
Doch lebt er schon im Geist von uns getrennet.
Und kommt nur täglich eine kleine Stunde,
Erzählet, und ist mehr als sonst gerührt:
Wir hören dann aus seinem eignen Munde,
Wie wunderbar die Vorsicht ihn geführt;
Wir merken auf, damit die sichre Kunde
Im Kleinsten auch die Nachwelt nicht verliert;
Auch sorgen wir, daß einer fleißig schreibe,
Und sein Gedächtnis rein und wahrhaft bleibe.
Zwar vieles wollt' ich lieber selbst erzählen,
Als ich jetzt nur zu hören stille bin;
Der kleinste Umstand sollte mir nicht fehlen,
Noch hab' ich alles lebhaft in dem Sinn;
Ich höre zu und kann es kaum verhehlen,
Daß ich nicht stets damit zufrieden bin:
Sprech' ich einmal von allen diesen Dingen,
Sie sollen prächtiger aus meinem Munde klingen.
Als dritter Mann erzählt' ich mehr und freier,
Wie ihn ein Geist der Mutter früh verhieß,
Und wie ein Stern bei seiner Taufe-Feier
Sich glänzender am Abend-Himmel wies,
Und wie mit weiten Fittichen ein Geier
Im Hofe sich bei Tauben niederließ;
Nicht grimmigstoßend und wie sonst zu schaden,
Er schien sie sanft zur Einigkeit zu laden.
Dann hat er uns bescheidentlich verschwiegen,
Wie er als Kind die Otter überwand,
Die er um seiner Schwester Arm sich schmiegen,
Um die entschlafne fest gewunden fand.
Die Amme floh und ließ den Säugling liegen;
Er drosselte den Wurm mit sichrer Hand:
Die Mutter kam und sah mit Freudebeben
Des Sohnes Taten und der Tochter Leben.
Und so verschwieg er auch, daß eine Quelle
Vor seinem Schwert aus trocknem Felsen sprang,
Stark wie ein Bach, sich mit bewegter Welle
Den Berg hinab bis in die Tiefe schlang:
Noch quillt sie fort so rasch, so silberhelle,
Als sie zuerst sich ihm entgegen drang,
Und die Gefährten, die das Wunder schauten,
Den heißen Durst zu stillen kaum getrauten.
Wenn es einen Menschen die Natur erhoben,
ist es kein Wunder, wenn ihm viel gelingt;
Man muß in ihm die Macht des Schöpfers loben,
Der schwachen Ton zu solcher Ehre bringt:
Doch wenn ein Mann von allen Lebensproben
Die sauerste besteht, sich selbst bezwingt,
Dann kann man ihn mit Freuden andern zeigen,
Und sagen: Das ist er, das ist sein eigen!
Denn alle Kraft dringt vorwärts in die Weite,
Zu leben und zu wirken hier und dort;
Dagegen engt und hemmt von jeder Seite
Der Strom der Welt und reißt uns mit sich fort:
In diesem innern Sturm und äußern Streite
Vernimmt der Geist ein schwer verstanden Wort:
Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.
Wie frühe war es, daß sein Herz ihn lehrte,
Was ich bei ihm kaum Tugend nennen darf;
Daß er des Vaters strenges Wort verehrte,
Und willig war, wenn jener rauh und scharf
Der Jugend freie Zeit mit Dienst beschwerte,
Dem sich der Sohn mit Freuden unterwarf,
Wie, elternlos und irrend, wohl ein Knabe
Aus Not es tut um eine kleine Gabe.
Die Streiter mußt' er in das Feld begleiten,
Zuerst zu Fuß bei Sturm und Sonnenschein,
Die Pferde warten, und den Tisch bereiten,
Und jedem alten Krieger dienstbar sein.
Gern und geschwind lief er zu allen Zeiten
Bei Tag und Nacht als Bote durch den Hain;
Und so gewohnt für andre nur zu leben,
Schien Mühe nur ihm Fröhlichkeit zu geben.
Wie er im Streit mit kühnem munterm Wesen
Die Pfleile las, die er am Boden fand,
Eilt' er hernach, die Kräuter selbst zu lesen,
Mit denen er Verwundete verband:
Was er berührte, mußte gleich genesen,
Es freute sich der Kranke seiner Hand:
Wer wollt' ihn nicht mit Fröhlichkeit betrachten!
Und nur der Vater schien nicht sein zu achten.
Leicht wie ein segelnd Schiff, das keine Schwere
Der Ladung fühlt und eilt von Port zu Port,
Trug er die Last der elterlichen Lehre;
Gehorsam war ihr erst- und letztes Wort;
Und wie den Knaben Lust, den Jüngling Ehre,
So zog ihn nur der fremde Wille fort;
Der Vater sann umsonst auf neue Proben,
Und wenn er fordern wollte, mußt' er loben.
Zuletzt gab sich auch dieser überwunden,
Bekannte tätig seines Sohnes Wert;
Die Rauhigkeit des Alten war verschwunden,
Er schenkt' auf einmal ihm ein köstlich Pferd;
Der Jüngling ward vom kleinen Dienst entbunden,
Erführte statt des kurzen Dolchs ein Schwert:
Und so trat er geprüft in einen Orden,
Zu dem er durch Geburt berechtigt worden.
So könnt' ich dir noch tagelang berichten,
Was jeden Hörer in Erstaunen setzt;
Sein Leben wird den köstlichen Geschichten
Gewiß dereinst von Enkeln gleich gesetzt;
Was dem Gemüt in Fabeln und Gedichten
Unglaublich scheint und es doch hoch ergetzt,
Vernimmt es hier und mag sich gern bequemen,
Zwiefach erfreut für wahr es anzunehmen.
Und fragst du mich, wie der Erwählte heiße,
Den sich das Aug' der Vorsicht ausersah?
Den ich zwar oft, doch nie genugsam preise,
An dem so viel Unglaubliches geschah?
H u m a n u s heißt der Heilige, der Weise,
Der Beste Mann, den ich mit Augen sah:
Und sein Geschlecht, wie es die Fürsten nennen,
Sollst du zugleich mit seinen Ahnen kennen.
Der Alte sprachs's und hätte mehr gesprochen,
Denn er war ganz der Wunderdinge voll,
Und wir ergetzen uns noch manche Wochen
An allem, was er uns erzählen soll;
Doch eben ward sein Reden unterbrochen,
Als gegen seinen Gast das Herz am stärksten quoll.
Die andern Brüder gingen bald und kamen,
Bis sie das Wort ihm von dem Munde nahmen.
Und da nun Markus noch genoss'nem Mahle
Dem Herrn und seinen Wirten sich geneigt,
Erbat er sich noch eine reine Schale
Voll Wasser, und auch die ward ihm gereicht.
Dann führten sie ihn zu dem großen Saale,
Worin sich ihm ein seltner Anblick zeigt.
Was er dort sah, soll nicht verborgen bleiben,
Ich will es euch gewissenhaft beschreiben.
Kein Schmuck war hier, die Augen zu verblenden,
Ein kühnes Kreuzgewölbe stieg empor,
Und dreizehn Stühle sah er an den Wänden
Umher geordnet, wie um frommen Chor,
Gar zierlich ausgeschnitzt von klugen Händen;
Es stand ein kleiner Punkt an jedem vor.
Man fühlte hier der Andacht sich ergeben,
Und Lebensruh' und ein gesellig Leben.
Zu Häupten sah er dreizehn Schilde hangen,
Denn jedem Stuhl war eines zugezählt.
Sie schienen hier nicht ahnenstolz zu prangen,
Ein jedes schien bedeutend und gewählt,
Und Bruder Markus brannte vor Verlangen
Zu wissen, was so manches Bild verhehlt;
Im mittelsten erblickt er jenes Zeichen
Zum zweitenmal, ein Kreuz mit Rosenzweigen.
Die Seele kann sich hier gar vieles bilden,
Ein Gegenstand zieht von dem andern fort;
Und Helme hängen über manchen Schilden,
Auch Schwert und Lanze sieht man hier und dort;
Die Waffen, wie man sie von Schlachtgefilden
Auflesen kann, verzieren diesen Ort:
Hier Fahnen und Gewehre fremder Lande,
Und, seh' ich recht, auch Ketten dort und Bande.
Ein jeder sinkt vor seinem Stuhle nieder,
Schlägt auf die Brust in still Gebet gekehrt;
Von ihren Lippen tönen kurze Lieder,
In denen sich andächt'ge Freude nährt;
Dann segnen sich die treu verbundnen Brüder
Zum kurzen Schlaf, den Phantasie nicht stört:
Nur Markus bleibt, indem die andern gehen,
Mit einigen im Saale schauend stehen.
So müd' er ist, wünscht er noch fort zu wachen,
Denn kräftig reizt ihn manch und manches Bild:
Hier sieht er einen feuerfarbnen Drachen,
Der seinen Durst in wilden Flammen stillt;
Hier einen Arm in eines Bären Rachen,
Von dem das Blut in heißen Strömen quillt;
Die beiden Schilder hingen, gleicher Weite,
Beim Rosenkreuz zur recht- und linken Seite.
Du kommst hierher auf wunderbaren Pfaden,
Spricht ihn de Alte wieder freundlich an;
Laß diese Bilder dich zu bleiben laden,
Bis du erfährst, was mancher Held getan;
Was hier verborgen, ist nicht zu erraten,
Man zeige denn es dir vertraulich an;
Du ahnest wohl, wie manches hier gelitten,
Gelebt, verloren ward, und was erstritten.
Doch glaube nicht, daß nur von alten Zeiten,
Der Greis erzählt, hier geht noch manches vor;
Das, was du siehst, will mehr und mehr bedeuten;
Ein Teppich deckt es bald und bald ein Flor,
Beliebt es dir, so magst du dich bereiten:
Du kamst, o Freund, nur erst durchs erste Tor;
Im Vorhof bist du freundlich aufgenommen,
Und scheinst mir wert, ins Innerste zu kommen.
Nach kurzem Schlaf in einer stillen Zelle
Weckt unsern Freund ein dumpfer Glockenton.
Er rafft sich auf mit unverdross'ner Schnelle,
Dem Ruf der Andacht folgt der Himmelssohn.
Geschwind bekleidet eilt er nach der Schwelle,
Es eilt sein Herz voraus der Kirche schon,
Gehorsam, ruhig, durch Gebet beflügelt;
Er klinkt am Schloß und findet es verriegelt.
Und wie er horcht, so wird in gleichen Zeiten
Dreimal ein Schlag auf hohles Erz erneut,
Nicht Schlag der Uhr und auch nicht Glockenläuten,
Ein Flötenton mischt sich von Zeit zu Zeit;
Der Schall, der seltsam ist und schwer zu deuten,
Bewegt sich so, daß er das Herz erfreut,
Einladend ernst, als wenn sich mit Gesängen
Zufried'ne Paare durcheinander schlängen.
Er eilt ans Fenster, dort vielleicht zu schauen,
Was ihn verwirrt und wunderbar ergreift;
Er sieht den Tag im fernen Osten grauen,
Den Horizont mit leichtem Duft gestreift.
Und - soll er wirklich seinen Augen trauen?
Ein seltsam Licht, das durch den Garten schweift:
Drei Jünglinge mit Fackeln in den Händen
Sieht er sich eilend durch die Gänge wenden.
Er sieht genau die weißen Kleider glänzen,
Die ihnen knapp und wohl am Leibe stehn,
Ihr lockig Haupt kann er mit Blumenkränzen,
Mit Rosen ihren Gurt umwunden sehn;
Es scheint, als kämen sie von nächt'gen Tänzen,
Von froher Mühe recht erquickt und schön.
Sie eilen nun und löschen, wie die Sterne,
Die Fackeln aus, und schwinden in die Ferne.
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