giovedì 30 giugno 2011

19100515 - 20110629

PFINGSTEN, DAS FEST DER FREIEN INDIVIDUALITÄT Hamburg, Pfingstsonntag, 15. Mai 1910 Da Piero 20110629


#G118-1984-SE168 - Das Ereignis der Christuserscheinung in der ätherischen Welt
#TI
PFINGSTEN, DAS FEST DER FREIEN INDIVIDUALITÄT
Hamburg, Pfingstsonntag, 15. Mai 1910
#TX 20:48
Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. Feste lenken als Erinnerungszeichen der Zeit unsere Gedanken und Gefühle nach der Vergangenheit. Durch dasjenige, was sie bedeuten, erwecken sie in uns Vorstellungen, die uns verbinden mit allem dem, was unseren Seelen selber in Zeiten der Vergangenheit heilig war. Durch das Verständnis dessen, was in solchen Festen liegt, werden in uns aber auch andere Vorstellungen erregt, solche die unseren Blick hinlenken nach der Zukunft der Menschheit, das heißt für uns: nach der Zukunft unserer eigenen Seele. Gefühle werden wachgerufen, die Uns Begeisterung verleihen, um uns hineinzuleben in die Zeiten der Zukunft, und Ideale begeistern unseren Willen, die uns Kraft geben, um so zu wirken, daß wir unseren Aufgaben für die Zukunft immer mehr gerecht werden können.
Im tieferen Sinne des Wortes darf so, mit einem geistigen Gesicht nach vorn und nach rückwärts weisend, das Pfingstfest gekennzeichnet werden. Was dieses Pfingstfest für die Menschen des Abendlandes bedeutet, das stellt sich vor uns hin in einem gewaltigen, in einem tief ins Gemüt sprechenden Bilde. Dieses Bild kennt ja wohl ein jeder der hier Anwesenden. Der Begründer, der Stifter des Christentums weilt noch eine Weile, nachdem er das Mysterium von Golgatha vollzogen hat, unter denen, die ihn zu sehen vermögen in jener Leiblichkeit, die er nach dem Mysterium von Golgatha angenommen hat. Und dann wird uns die weitere Folge der Ereignisse in einer bedeutungsvollen Bilderreihe vor die Seele gerückt. Es löst sich auf, sichtbar in einer gewaltigen Vision für seine nächsten Bekenner, die Leiblichkeit, die der Begründer des Christentums nach dem Mysterium von Golgatha angenommen hat, in der sogenannten Himmelfahrt.
Und dann folgt nach zehn Tagen das, was uns nun gekennzeichnet wird durch ein Bild, das eine eindringliche Sprache führt für alle Herzen, die es verstehen wollen. Versammelt sind die Bekenner des
#SE118-169 20:51
Christus, versammelt die, welche ihn zuerst verstanden haben. Tief fühlen sie den gewaltigen Impuls, der durch ihn eingezogen ist in die Menschheitsentwickelung, und erwartungsvoll harrt ihre Seele nach der Verheißung, die ihnen geworden ist, der Ereignisse, die sich in diesen Seelen selbst vollziehen sollen. Versammelt sind sie mit tiefer Inbrunst, diese ersten Bekenner und Versteher des Christus-Impulses, an dem Tage des in ihren Gegenden altehrwürdigen Pingstfestes. Und erhoben werden ihre Seelen zu höherer Anschauung, gerufen werden sie gleichsam durch das, was uns dargestellt wird als «gewaltiges Brausen», um ihr Betrachtungsvermögen nach dem hinzulenken, was da werden soll, was ihnen bevorsteht, wenn sie in immer neuen Wiederverkörperungen mit dem Feuerimpuls, den sie in ihre Herzen empfangen haben, auf dieser unserer Erde leben werden.
Und hingemalt wird vor unsere Seele das Bild der «feurigen Zungen», die sich niederlassen auf das Haupt eines jeglichen Bekenners, und eine gewaltige Vision sagt den Teilnehmenden, wie die Zukunft dieses Impulses sein wird. Denn die also versammelten und die geistige Welt im Geiste schauenden ersten Versteher des Christus fühlen sich so, als ob sie nicht sprechen würden zu denen, die in ihrer unmittelbaren Raumesnähe, in ihrer unmittelbaren Zeitennähe sind: sie fühlen ihre Herzen weit, weit hinausversetzt zu den verschiedensten Völkern des Erdkreises, und sie fühlen, wie wenn in ihren Herzen etwas lebt, was übersetzbar ist in alle Sprachen, in das Verstehen der Herzen aller Menschen. Wie umringt fühlen sich die ersten Bekenner in dieser gewaltigen Vision, die ihnen aufgeht von der Zukunft des Christentums, wie umringt von den zukünftigen Verstehern aus allen Völkern der Erde. Und sie fühlen es so, als ob sie einmal die Macht haben würden, die christlichen Verkündigungen in solche Worte zu Meiden, die nicht nur denen verständlich sind, die gerade in ihrer unmittelbaren Raumes- und Zeitennähe sind, sondern allen Menschen auf Erden, die ihnen in der Zukunft begegnen werden.
Das war es, was als ein innerer Gefühls- und Gemütsinhalt sich ergab für die ersten Bekenner des Christentums am ersten christlichen Pfingstfeste. Die Erklärungen aber, die im Sinne des wahrhaft esoterischen Christentums gegeben werden und in Bilder gekleidet wurden,
#SE118-170 20:53
sie sagen: Der Geist, der auch wohl genannt wird der Heilige Geist, der da ist der seine Kraft zur Erde herniederschickte in der Zeit, als der Christus Jesus in die Erde hinein seinen Geist sandte, der zunächst wiedererschien, als der Jesus getauft wurde von Johannes dem Täufer, derselbe Geist in einer andern Form, in Form vieler einzelner, leuchtend feuriger Zungen, senkte sich nieder zu den einzelnen Individualitäten der ersten christlichen Versteher. - Von diesem Heiligen Geiste wird uns im Pfingstfeste noch in einer ganz besonderen Form gesprochen. Stellen wir einmal die Bedeutung des Wortes «Heiliger Geist», wie es in den Evangelien gemeint ist, vor unsere Seele hin. Wie sprach man denn überhaupt in alten Zeiten, auch in den der christlichen Verkündigung vorangegangenen, von dem Geist?
Man sprach in alten Zeiten in vieler Beziehung vom «Geist», insbesondere aber in einer Beziehung. Man hatte ja die durch unsere heutige geisteswissenschaftliche Erkenntnis wieder sich rechtfertigende Anschauung: Wenn ein Mensch durch die Geburt ins Dasein tritt, das zwischen Geburt und Tod verfließt, dann wird der Leib, in den diese Individualität sich hineinverkörpert, in zweifacher Weise bestimmt. Diese menschliche Leiblichkeit hat ja im Grunde zweierlei Aufgaben zu erfüllen. Wir sind mit unserer Leiblichkeit Menschen im allgemeinen; wir sind aber auch mit unserer Leiblichkeit vor allen Dingen Menschen dieses oder jenes Volkes, dieser oder jener Rasse oder Familie. In jenen alten Zeiten, die der christlichen Verkündigung vorangegangen waren, verspürte man noch wenig von dem, was man nennen kann «allgemeine Menschheit», von jenem Zusammengehörigkeitsgefühl, das immer mehr und mehr seit der christlichen Verkündigung in dem Menschenherzen gegenwärtig ist, und das uns sagt: Du bist Mensch mit allen Menschen der Erde! - Dagegen hatte man um so mehr von jenem Gefühl, das den einzelnen Menschen zum Angehörigen eines einzelnen Volkes oder Stammes machte.
Das haben wir ja selbst in der altehrwürdigen Hindureligion ausgedrückt in dem Glauben, daß ein wahrer Hindu nur der sein könne, der durch Blutsgemeinschaft ein Hindu ist. In vieler Beziehung hielten daran auch fest - obwohl sie dieses Prinzip vielfach durchbrochen hatten - die Angehörigen des althebräischen Volkes vor der Ankunft
#SE118-171 20:56 – interruzione 21:05
des Christus Jesus. Ein Angehöriger seines Volkes war der Mensch nach ihrer Anschauung erst dadurch, daß ein Elternpaar, das diesem Volke angehörte, das heißt blutsverwandt war, ihn hineingestellt hatte in dieses Volk.
Aber auch etwas anderes wußte man immer zu fühlen. Man war zwar in alten Zeiten bei allen Völkern immer mehr oder weniger sich fühlend wie ein Glied eines Stammes, wie ein Glied des Volkes, doch je weiter wir zurückgehen in urferne Vergangenheit, desto intensiver ist dieses Gefühl vorhanden, sich gar nicht als eine einzelne Individualität zu fühlen, sondern als Glied eines Volkes. Aber man lernte aIImähiich doch auch als einzelner Mensch sich fühlen, als eine einzelmenschiiche Individualität mit individuellen menschlichen Eigenschaften. Das fühlte man gleichsam als die zwei Prinzipien, welche in unserer äußeren Menschlichkeit wirken: die Zugehörigkeit zum Volke und die Individualisierung als einzelner Mensch.
Nun schrieb man die Kräfte, die zu diesen zwei Prinzipien gehörten, in verschiedener Weise den beiden Eltern zu. Das Prinzip, durch das man mehr seinem Volk angehörte, durch das man sich mehr der Allgemeinheit eingliederte, schrieb man der Vererbung durch die Mutter zu. Wenn man im Sinne dieser alten Anschauungen fühlte, sagte man von der Mutter, in ihr walte der Geist des Volkes. Sie war erfüllt von dem Geist des Volkes und hat das allgemein volksmäßig Menschliche vererbt an ihr Kind. Und von dem Vater sagte man, daß er Träger und Vererber jenes Prinzipes sei, das dem Menschen mehr die individuellen, persönlichen Eigenschaften gäbe. Wenn also - auch noch im Sinne des althebräischen Volkes der vorchristlichen Zeit - ein Mensch durch die Geburt ins Dasein trat, konnte man sagen: Er ist eine Persönlichkeit, er ist eine Individualität durch die Kräfte seines Vaters. Erfüllt aber war seine Mutter durch ihre ganze Wesenheit mit dem Geist, der im Volke waltet und den sie auf das Kind übertragen hat. Von der Mutter sprach man, daß in ihr der Geist des Volkes wohne. Und in diesem Zusammenhange sprach man vorzugsweise von dem Geist, der seine Kräfte heruntersendet aus den geistigen Reichen in die Menschheit, indem er auf dem Umwege durch die Mütter in die physische Welt seine Kräfte hineinströmen läßt in die Menschheit.
#SE118-172 21:09
Nun war aber durch den Christus-Impuls eine neue Anschauung gekommen, eine Anschauung, daß dieser Geist, von dem man früher gesprochen hat, dieser Volksgeist abgelöst werden sollte von einem ihm zwar verwandten, aber viel höher wirkenden Geist, von einem solchen Geiste, der sich verhält zu der ganzen Menschheit, wie sich der alte Geist verhalten hat zu den einzelnen Völkern. Dieser Geist sollte der Menschheit mitgeteilt werden und sie erfüllen mit der inneren Kraft, die da sagt: Ich fühle mich nicht mehr bloß angehörig einem Teile der Menschheit, sondern der ganzen Menschheit; ich bin ein Glied der ganzen Menschheit, und werde immer mehr ein Glied dieser ganzen Menschheit sein! - Diese Kraft, die also ausgoß das allgemein Menschliche über die ganze Menschheit, schrieb man dem Heiligen Geist zu. So erhöhte sich der Geist, der sich aussprach in der Kraft, welche vom Volksgeist in die Mütter floß, vom Geist zum Heiligen Geist.
Derjenige, der den Menschen die Kraft bringen sollte, das allgemein Menschliche immer mehr und mehr im Erdendasein auszubilden, der konnte nur wohnen, als der Erste, in einem Leibe, der vererbt war im Sinne der Kraft des Heiligen Geistes. Dies aber empfing als Verkündigung die Mutter des Jesus. Und im Sinne des Matthäus Evangeliums hören wir, wie bestürzt Joseph ist - von dem uns gesagt wird, er sei ein frommer Mann, das heißt aber im Sinne des alten Sprachgebrauches ein solcher, der nur glauben konnte, wenn er einmal ein Kind haben werde, dann werde es herausgeboren sein aus dem Geiste seines Volkes -, als er erfährt: die Mutter seines Kindes ist erfüllt, ist «durchdrungen», denn so hat das Wort seine richtige Bedeutung in unserem Sprachgeb»~wauch, von der Kraft eines Geistes, der nicht bloß Volksgeist ist, sondern der Geist der allgemeinen Menschheit! Und er glaubt nicht, daß er mit einer Frau Gemeinschaft haben könnte, die ihm ein Kind gebären könnte, das in sich trägt den Geist der ganzen Menschheit und nicht den Geist, zu dem er in seiner Frömmigkeit gehalten hat. Da wollte er sie denn, wie gesagt wird, «heimlich verlassen». Und erst nachdem ihm auch aus den geistigen Welten eine Mitteilung gegeben worden war, die ihm Kraft gab, konnte er sich entschließen, einen Sohn zu haben von jener Frau, die durchdrungen und erfüllt war von der Kraft des Heiligen Geistes.
#SE118-173 21:12
Dieser Geist ist also schöpferisch betätigt, indem er mit der Geburt des Jesus von Nazareth seine Kräfte einfließen läßt in die Menschheitsentwickelung. Und er ist weiter betätigt bei jenem gewaltigen Akt der Johannestaufe am Jordan. Nun verstehen wir, was die Kraft des Heiligen Geistes ist: Es ist die Kraft, welche den Menschen immer mehr und mehr erheben soll von allem, was ihn differenziert und absondert, zu dem, was ihn zu einem Glied der ganzen, die Erde erfüllenden Menschheit macht, was als Seelenband wirkt von einer jeglichen Seele zu einer jeden andern Seele, ganz gleichgültig, in welchem Leibe sie wohnt.
Von diesem selben Heiligen Geist aber wird uns gesagt, daß er es ist, der nun durch eine andere Offenbarung am Pfingstfeste einströmt in die Individualitäten der ersten Versteher (seguaci) des Christentums. Bei der Johannestaufe steht vor uns das Bild des Geistes in der Taube. Jetzt aber tritt ein anderes Bild auf: das Bild der feurigen Zungen. Eine Taube ist es> eine einheitliche Gest, alt, in der sich der Heilige Geist bei der Johannestaufe manifestiert; in vielen einzelnen Zungen manifestiert er sich am Pfingstfest! Und jede der einzelnen Zungen ist inspirierend für die Individualitäten, für eine jegliche Individualität der ersten Bekenner des Christentums. Als was steht denn also dieses Pfingstsymbol vor unserer Seele?
Nachdem der Träger des menschlichen Allgemeingeistes auf der Erde gewirkt hat, nachdem der Christus die letzten Hüllen hat zerfließen lassen ins Allgemeine, nachdem als Einheit aufgegangen ist die einheitliche Hüllennatur des Christus im geistigen Erdendasein, da ist erst die MÖglichkeit gegeben, daß aus den Herzen der Versteher (coloro che lo avevano compreso) des Christus-Impulses hervorgeht die Möglichkeit, zu sprechen von diesem Christus-Impuls, zu wirken im Sinne dieses Christus-Impulses. Untergegangen ist der Christus-Impuls, insofern er sich in äußeren Hüllen manifestiert hat, in der einheitlichen geistigen Welt durch die Himmelfahrt; wieder aufgetaucht ist er zehn Tage danach aus den Herzen heraus der einzelnen Individualitäten, der ersten Versteher. Und dadurch, daß derselbe Geist, der gewirkt hat in der Kraft des Christus-Impulses, in vielfacher Gestalt wiedererschienen ist, dadurch wurden die ersten Bekenner des Christentums die Träger und Verkünder der Christus-Botschaft, damit an den Beginn der christlichen
#SE118-174 21:15
Entwickelung das gewaltige Wahrzeichen setzend, das uns sagen kann: So wie die ersten Bekenner - ein jeder - den Christus-Impuls aufgenommen haben, aufnehmen durften als die ihre eigenen Seelen inspirierenden feurigen Zungen, so könnt ihr Menschen alle, wenn ihr euch bemüht, den Christus-Impuls zu verstehen, die Kräfte individualisieren, den Christus-Impuls aufnehmen in eure Herzen, Kräfte aufnehmen, die euch wirken lassen im Sinne dieses Impulses immer vollkommener und vollkommener.
Eine umfassende Hoffnung kann uns erquellen aus diesem Wahrzeichen, das damals an den Ausgangspunkt des Christentums gesetzt worden ist. Und der Mensch kann fühlen, je mehr er sich vervollkommnet, daß der Heilige Geist aus seinem eigenen Innern in dem Maße spricht, als das Denken, Fühlen und Wollen des Menschen durchdrungen ist von diesem Heiligen Geist, der durch seine Spaltung, seine Vermannigfaltigung ein individueller Geist auch ist in jeder einzelnen Menschenindividualität. Dadurch ist dieser Heilige Geist für uns Menschen in bezug auf unsere Zukunftsentwickelung der Geist der Entwickelung zum freien Menschen, zur freien Menschenseele. Der Geist der Freiheit waltet in dem Geist, der sich ausgegossen hat über die ersten Versteher des Christentums am ersten christlichen Pfingstfest, der Geist, dessen bedeutsamste Eigenschaft von dem Christus Jesus selber angedeutet wird: «Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen!»
Frei werden kann der Mensch nur im Geiste. Solange er abhängig ist von dem, worin sein Geist als in seiner Leiblichkeit wohnt, so lange bleibt er ein Sklave dieser Leiblichkeit. Frei werden kann er nur, wenn er sich im Geiste wiederfindet und aus dem Geiste heraus Herr wird über das, was in ihm ist. «Frei werden» setzt voraus: sich als Geist finden in sich selber. Der wahre Geist, in dem wir uns finden können, ist der allgemeine Menschengeist, den wir als die in uns pfingstlich einziehende Kraft des Heiligen Geistes erkennen, den wir in uns selber gebären müssen, zur Erscheinung kommen lassen müssen. So verwandelt sich für uns das Pfingstsymbol in unser gewaltigstes Ideal der freien Entwickelung der Menschenseele zu einer in sich geschlossenen freien Individualität.
#SE118-175 21:17
Das haben selbst diejenigen mehr oder weniger dunkel gefühlt, die gar nicht einmal aus ihrem deutlichen Bewußtsein heraus, sondern aus einer Inspiration heraus etwas zu tun gehabt haben mit der Einsetzung des Pfingstfestes an einem bestimmten Tag des Jahres. Merkwürdig tief ist doch selbst diese äußere Festsetzung der Festtage; und der versteht wenig von der Welt, der nicht spüren kann die waltende Weisheit selbst in der Festsetzung solcher Festtage. Nehmen wir die drei Feste: das Weihnachtsfest, das Osterfest und das Pfingstfest. Weihnachten fällt als ein christliches Fest auf einen ganz bestimmten Tag des Jahres. Es ist festgesetzt ein für allemal auf den bestimmten Tag des Dezembers. In jedem Jahre feiern wir das Weihnachtsfest an diesem selben Tage. Anders ist das beim Osterfest. Ostern ist ein bewegliches Fest, welches bestimmt wird durch die Konstellationen am Himmel: am ersten Sonntag nach dem Vollmond, der auf die Frühlings-Tagundnachtgleiche folgt, ist Ostern. Dazu muß der Mensch den Blick hinausrichten in Himmeisweiten, wo die Sterne ihre Bahn gehen und uns aus Himmelsweiten hereinverkünden die Gesetze der Welt. Ein bewegliches Fest ist Ostern, wie in der einzelnen Menschenindividualität beweglich ist der Zeitpunkt, an dem aufwacht die Kraft des höheren Menschen mit einem höheren Bewußtsein, um frei zu werden von der gewöhnlichen niederen Menschiichkeit. So wie in dem einen Jahre das Osterfest an diesem Tage, in einem andern Jahr an jenem Tage stattfindet, so wird bei dem einzelnen Menschen, je nach seiner Vergangenheit und der Kraft seines Strebens, der Zeitpunkt früher oder später kommen, wo er sich bewußt wird: Ich kann in mir die Kraft finden, einen höheren Menschen aus mir erstehen zu lassen!
Das Weihnachtsfest aber ist ein unbewegliches Fest. Das ist jenes Fest, da der Mensch über seinen Jahreslauf hat hingehen lassen Auf- blühen und Verblühen der Natur, alle Freuden der quellenden und strömenden Naturkräfte. Da sieht der Mensch das Erdendasein im Schiafzustande, wo es in sich hinuntergenommen hat die Kraft der Keime; zurückgezogen hat sich die äußere Natur mit allem, was in ihr an Quellkräften liegt. Wo die äußere Sinnenwelt am wenigsten sieht an Offenbarungen dieser Quellkräfte, wo die Erde selber zeigt, wie sich in einer bestimmten Zeit die geistigen Kräfte zurückziehen, um
#SE118-176 21:19
sich zu sammeln für ein nächstes Jahresdasein, wo die äußere Natur am meisten schweigt, da soll der Mensch am Weihnachtsfest in sich den Gedanken rege werden lassen, daß es für ihn eine Hoffnung gibt: daß er nicht nur vereint ist mit den Kräften der Erde, die jetzt in der Weihnachtszeit schweigen, sondern daß er mit denjenigen Kräften vereint ist, welche niemals schweigen, mit Kräften, die nicht bloß auf der Erde, sondern in geistigen Reichen wohnen. Diese Hoffnung soll in seiner Seele aufgehen, da er die Erde gleichsam hat einschlafen sehen. Aus dem tiefsten Innern der Seele selber soll diese Hoffnung quellen, und geistig Licht soll es werden, wo es am finstersten ist in der äußeren physischen Natur. Da soll sich der Mensch durch das Wahrzeichen des Weihnachtsfestes erinnern, daß er an seinen Erdenleib mit seinen Ich-Kräften zunächst ebenso gebunden ist, wie das, was an Offenbarungen um ihn herum ist, gebunden ist an den Erden- lauf während des Jahres. Mit dem Einschlafen der Erde, das jedes Jahr zum selben Zeitpunkt erfolgt, ist das Weihnachtsfest auf den gleichen Zeitpunkt angesetzt: an denjenigen, wo der Mensch sich erinnern soll, daß er an einen Leib gebunden, aber nicht dazu verurteilt ist, mit diesem Leib allein vereinigt zu sein, sondern daß er in sich die Hoffnung schöpfen darf, die Kraft zu finden, um in sich selber eine freie Seele zu werden. Was wir in der Bedeutung des Weihnachtsfestes erkennen, soll uns so erinnern an unsere Verbindung mit dem Leib und an unsere Anwartschaft, uns zu befreien von diesem Leib.
Von unserem Streben aber hängt es ab, ob wir früher oder später die Kräfte zur Entfaltung bringen, auf die wir hoffen dürfen, und die uns wieder hinauflenken zum Geistigen, zu den Himmeln. Das zu denken, soll uns das Wahrzeichen des Osterfestes bringen.
Das Osterfest soll uns erinnern, daß wir nicht nur die Kräfte zur Verfügung haben, die uns aus unserem Leib werden, und die ja auch göttlich-geistige Kräfte sind, sondern es soll uns erinnern, daß wir
uns als Menschen erheben können über die Erde. Daher ist es das Osterfest, das uns erinnert an jene Kraft, die früher oder später in uns zum Erwachen gebracht wird. Das Osterfest ist beweglich festgesetzt worden nach den Konstellationen am Himmel. Der Mensch muß die
#SE118-177
Erinnerung an das, was er sein kann, dadurch wachrufen, daß er den Blick hinaufrichtet an den Himmel, um zu sehen, wie er befreit werden kann von allem Erdendasein und sich über alles Erdendasein erheben kann.
In dem, was uns als solche Kraft zukommt, liegt die Möglichkeit unserer inneren Freiheit, unserer inneren Befreiung. Wenn wir in uns fühlen, daß wir über uns selber uns erheben können, dann werden wir streben, diese Erhebung wirklich zu erreichen. Dann werden wir unseren inneren Menschen frei machen wollen, gleichsam losreißen von seiner Gebundenheit an den äußeren Menschen. Dann werden wir in unserem äußeren Menschen zwar wohnen, aber uns voll bewußt werden der innerlichen geistigen Kraft des inneren Menschen. Und von dem Zeitpunkt, wo wir gewahr geworden sind, daß wir uns befreien können, von diesem innerlichen Osterfest hängt es dann ab, ob wir auch die Pfingstzeit erreichen, wenn wir den Geist, der sich in sich selber gefunden hat, jetzt erfüllen mit einem Inhalt, der nicht von dieser Welt ist, sondern der aus den geistigen Welten ist. Dieser Inhalt aus den geistigen Welten allein kann uns frei machen. Er ist die geistige Wahrheit, von der Christus sagt: «Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen!»
Darum ist das Pfingstfest abhängig von dem Osterfest. Es ist eine Folge des Osterfestes: das Osterfest, festgesetzt nach den Konstellationen am Himmel, das Pfingstfest etwas, was wie eine notwendige Wirkung nach einer bestimmten Anzahl von Wochen auf das Osterfest folgen muß.
So sehen wir hei tieferem Nachdenken selbst in der Festsetzung der Zeiten für diese Feste waltende Weisheit. Wir sehen, daß mit Notwendigkeit diese Feste gerade so im Jahreslauf festgesetzt sind, und daß sie uns mit jedem neuen Jahr vorführen, was wir als Menschen gewesen sind, sind und werden können. Wenn wir in dieser Weise zu denken verstehen über diese Feste, dann werden sie uns als Feste, die uns mit allem Vergangenen verbinden, etwas, was als Impuls in die Menschheit gelegt ist, damit wir vorwärtskommen. Besonders das Pfingstfest, wenn wir es so verstehen, stattet uns mit Zuversicht, mit Kraft und Hoffnung aus, wenn wir wissen, was wir werden können
#SE118-178 21:24
in unseren Seelen, indem wir Nachfolger derjenigen werden, die durch ihr erstes Verstehen des Christus-Impulses sich würdig gemacht haben, die feurigen Zungen über sich ergießen zu lassen. Die Anwartschaft auf Empfängnis des Heiligen Geistes zaubert sich vor unser geistiges Auge hin, wenn wir das Pfingstfest als ein Zukunftsfest zugleich verstehen. Aber dann müssen wir auch dieses Pfingsrfest in wahrhaft christlichem Sinne verstehen lernen. Dann müssen wir verstehen- lernen, was zunächst die gewaltigen Zungen, die gewaltigen Pfingstinspirationen sprachen. Was entrang sich als eherne Töne dem «Brausen», das vor sich ging nach jenem Bilde, das uns als das Pfingstbild des ersten christlichen Pfingstfestes vor die Seele gestellt wird? Was waren das für Stimmen, die in einer wunderbaren Sphärenharmonie sagten: Empfunden habt ihr die Kraft des Christus-Impulses, ihr ersten Versteher! Und die Kraft des Christus ist so in euch eine Kraft der eigenen Seele geworden, daß jede einzelne Seele fähig geworden ist, nach dem Ereignis von Golgatha den Christus in Gegenwart zu schauen. So stark hat auf jeden einzelnen von euch der ChristusImpuls gewirkt! Der Christus-Impuls ist aber ein Impuls der Freiheit. Was er wirkt im wahrsten Sinne des Wortes, das zeigt sich nicht, wenn er wirkt außerhalb der menschlichen Seele. Die wahre Wirkung des ChristusImpulses tritt erst auf, wenn er in der individuellen Menschenseele selber wirksam wird. Und die ersten Versteher des Christus fühlten sich durch das Pflngstereignis berufen, zu verkündigen, was in ihrer eigenen Seele war, was sich ihnen offenbarte in ihren Offenbarungen und Inspirationen der eigenen Seele als der Inhalt der Christus-Lehre. Christus gab diese Kraft, in der eigenen Seele aufgehen zu lassen das Wort, das sie als christliche Botschaft verkündigen sollten. Indem sie sich bewußt wurden: der Christus-Impuls hat gewirkt in jener heiligen Vorbereitung, die sie gepflogen haben vor dem Pflngstfest, fühlten sie sich berufen durch die Kraft des in ihnen wirksamen ChristusImpulses, die feurigen Zungen, den individualisierten Heiligen Geist in sich selber sprechen zu lassen und hinzugehen und zu verkündigen die Botschaft des Christus.
Nicht etwa bloß das, was der Christus ihnen gesagt hat, nicht allein
#SE118-179
diejenigen Worte, welche der Christus gesprochen hatte, erkannten sie an, die so den Sinn des Pflngstereignisses verstanden, sondern das erkannten sie an als Christus-Worte, was aus der Kraft einer Seele kommt, die den Christus-Impuls in sich fühit. Darum ergießt sich der Heilige Geist als ein individualisierter in jede einzelne Menschenseele, die in sich die Kraft entwickelt, den Christus-Impuls zu fühlen. Und dann wird das Wort neu für eine solche Seele: «Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt!»
Dann dürfen diejenigen, welche sich ernstliche Mühe geben, den Christus-Impuls zu verstehen, sich auch berufen fühlen, durch die Anregungen, die der Christus-Impuls in ihren Herzen wirkt, das Wort des Christus zu verkünden, und klänge es auch immer neu, klänge es auch immer anders in jeglicher Epoche der Menschheit. Nicht, damit wir festhalten an den wenigen Worten der Evangelien, die in dem ersten Jahrzehnt der Begründung des Christentums gesprochen worden sind, ist der Heilige Geist herniedergeg9ssen worden, sondern darum ist er ergossen worden, daß immer Neues und Neues die Botschaft des Christus erzählen kann. Je nachdem die Menschenseelen von Epoche zu Epoche, von Inkarnation zu Inkarnation vorschreiten, muß immer Neues für die Menschenseele gesagt werden. Oder sollten die Seelen, die fortschreiten von Inkarnation zu Inkarnation, darauf angewiesen sein, immer dieselben Worte als Christus-Verkündigung zu hören, welche damals gesprochen worden sind, als diese Seelen in Leibern verkörpert waren, die Zeitgenossen der zeitlichen Erscheinung des Christus auf der Erde waren? Dem Christus-Impuls wohnt die Kraft inne, zu allen Menschen bis ans Ende des Erdenzyklus zu sprechen. Dazu mußte aber kommen, was es möglich machte, daß die Botschaft des Christus in jeder Epoche in einer entsprechenden Weise für die wieder vorgerückten Menschenseelen verkündet werden kann.
Und wenn wir die ganze Kraft und Gewalt des Pflngstimpulses fühlen, dann sollen wir fühlen, daß wir verpflichtet sind, hinzuhören auf das Wort: «Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Erdenentwickelung!» Wenn ihr euch erfüllt mit dem Christus-Impuls, könnt ihr das Wort, das angeregt worden ist durch den Stifter bei der Begründung des Christentums, forthören durch alle Epochen, das Wort, das der
#SE118-180
Christus spricht zu allen Zeiten, weil er bei den Menschen ist zu allen Zeiten, hörbar für die,welche ihn hören wollen.
So fassen wir die Kraft des Pflngstimpulses auf als etwas, was uns ein Recht gibt, das Christentum als ein immer wachsendes anzusehen, das uns immer neue Offenbarungen gibt. Wir, die wir uns bewußt sind, mit der heutigen Geisteswissenschaft die aus den geistigen Chören zu uns dringenden Christus-Worte selber zu verkünden, wir sagen denen, die das Christentum in seiner ursprünglichen Form konservieren wollen: Wir sind diejenigen, welche den Christus in Wahrheit verstehen, denn wir verstehen den eigentlichen Sinn des Pflngstfestes.
Wenn wir uns so berufen fühlen, aus dem Christentum immer neue Weistümer zu holen, dann holen wir eben jene Weistümer hervor, welche der sich von Inkarnation zu Inkarnation fortentwickelnden Seele gemäß sind.
Das Christentum ist von unendlicher Fülle und von unendlichem Reichtum; aber die Menschen waren nicht immer von unendlicher Fülle und Reichtum in den Jahrhunderten, in denen das Christentum zuerst verkündet werden mußte. Welche Vermessenheit wäre es, heute zu sagen: Die Menschheit ist schon reif, das Christentum zu verstehen in seiner unendlichen Fülle und seiner unendlichen Größe! - Einzig und allein das ist die wahre christliche Demut, welche sagt Der Umfang der christlichen Weisheit ist ein unendlicher, aber die Aufnahme- fähigkeit der Menschen für diese Weisheit war zunächst eine beschränkte, aber sie wird immer vollkommener und reifer werden.
Schauen wir hin auf die ersten christlichen Jahrhunderte, ja bis sogar in unsere Zeit hinauf. Ein großer, gewaltiger Impuls, der größte, der während der Erdenentwickelung der Menschheit gegeben worden ist, ist mit dem Christus-Impuls gegeben worden. Das kann sich jeder, der die Erdenevolution in ihren Grundgesetzen erkennen lernt, zum Bewußtsein bringen. Aber eines sollte dabei nicht vergessen werden: Das wenigste von dem, was der Christus-Impuls enthält, ist heute schon verstanden. In den fast zwei Jahrtausenden der christlichen Entwickelung konnte das, was in dem esoterischen Christentum gegeben ist - was aber nur für diejenigen, denen das Christentum gebracht
#SE118-181
worden ist, eine verborgene Lehre werden konnte -, nicht dem äußeren exoterischen Leben einverleibt werden. Einverleibt werden konnte beispielsweise das nicht, was in der heutigen Epoche als eine christliche Wahrheit verkÜndet werden kann: die Wiederverkörperung des Menschen oder die Reinkarnation. Und wenn wir heute die Reinkarnation verkünden, sind wir uns eben in dem Sinne, wie wir heute den Sinn des Pflngstfestes charakterisiert haben, dessen bewußt, daß die Reinkarnation eine christliche Wahrheit ist, die heute den reifer gewordenen Menschenseelen auch exoterisch verkündet werden kann, aber nicht verkÜndet werden konnte den unreifen Seelen in den ersten Jahrhunderten der christlichen Verkündigung.
Damit ist noch wenig getan, daß wir an einzelnen Stellen zeigen: im Christentum ist der Gedanke der Reinkarnation auch enthalten. Von allen Gegnern der Geisteswissenschaft, die sich Christen nennen, kann man lernen, wie wenig man in dem exoterischen Christentum von der Reinkarnation weiß. Das einzige, was man weiß: Die Geistes- wissenschaft lehrt so etwas wie eine Wiederverkörperung! - Das genügt den Leuten, um zu sagen, das ist eine indische oder buddhistische Lehre. Man weiß nicht, daß heute der lebendige Christus aus den geistigen Welten heraus der lebendige Lehrer der Reinkarnation ist. Man glaubt, daß nur alte, konservierte Lehren der Menschheit mitgeteilt werden sollen. Reinkarnation und auch die Lehre vom Karma - die uns in den nächsten Tagen beschäftigen werden - sind etwas, was ins exoterische Christentum bisher nicht hat eindringen können. Stück- weise, in einzelnen Teilen, mußte der Menschheit erst nach und nach die Fülle der Wahrheit beigebracht werden, die im Christentum liegt.
Aber mit dem Christus-Impuls selber, der nicht eine Lehre oder eine Doktrin ist, sondern eine Kraft, die im Innersten der Seele erlebt werden muß, mit diesem Impuls selber ist etwas gegeben. Gerade wenn wir den Christus-Impuls in Zusammenhang bringen mit der Lehre von der Reinkarnation, können wir verstehen, was in ihm gegehen ist. Wir wissen, daß nur wenige Jahrhunderte vor der Entstehung des Christentums mehr im Osten eine eigentliche Lehre gegeben worden ist: die Lehre des großen Buddha. Und während die Kraft und der Impuls des Christentums sich ausgebreitet hat von
#SE118-182
Vorderasien nach dem Westen, hat der Osten gesehen eine weitgehende Ausbreitung des Buddhismus. Von diesem aber wissen wir, daß er in sich birgt die Lehre von der Reinkarnation. Aber wie birgt er sie in sich?
Der Buddhismus stellt sich dar für den, der die Tatsachen kennt, als ein letztes Produkt von Lehren und Offenbarungen, die ihm vorangegangen sind. Daher enthält er alle Größe der Urzeit in sich. Den- noch stellt er etwas dar wie eine letzte Konsequenz der Urweisheit der Menschheit, in der auch enthalten war die Lehre von Reinkarnation. Aber wie kleidet der Buddhismus sie in seine Offenbamngen? So, daß der Mensch hinsieht auf Inkarnationen, die er durchgemacht hat, hinsieht auf Inkarnationen, die er noch durchzumachen hat. Es ist eine ganz exoterische Lehre für den Buddhismus, daß der Mensch sich durch Inkarnationen hindurchlebt. Man rede nicht von einer abstrakten Gleichheit aller Religionen! In Wahrheit sind hohe, gewaltige Unterscheidungen doch gegeben, wie zum Beispiel zwischen dem Christentum, das durch Jahrhunderte hindurch keinen Gedanken an Reinkarnation hegte, und dem exoterischen Buddhismus, der lebte und webte in diesen Gedanken. Da darf man nicht abstrakt Dinge zusammenstellen, sondern man muß anerkennen die Welt der Wirklichkeit. Eine Gewißheit ist es für den Buddhismus, daß der Mensch immer wiederkehren wird auf die Erde. Aber der Buddhist sieht so darauf hin, daß er sich sagt: Bekämpfe den Drang, in diese Inkarnationen zu kommen, denn deine Aufgabe ist, dich sobald als möglich freizumachen von dem Durst nach Durchgang in den Inkarnationen und zu leben in der Befreiung von allen irdischen Inkarnationen in einem geistigen Reiche!
So sieht der Buddhismus auf die menschlichen Inkarnationen hin, die aufeinanderfolgen werden; aber er ist bestrebt, sich so viel als möglich Kräfte anzueignen, um sich diesen Inkarnationen sobald als möglich zu entziehen. Etwas hat der Buddhismus nicht, und das zeigt die exoterische Lehre. Er hat das nicht in sich, was man einen Impuls nennen kann, der so stark ist, daß er immer vollkommener in uns werden kann, so daß der Buddhist sich sagen könnte: Es mögen nur die Inkarnationen kommen! Wir können durch den Christus-Impuls
#SE118-183
uns so gestalten, daß wir immer mehr aus den Erfahrungen und Erlebnissen innerhalb dieser Inkarnationen heraussaugen. Wir erhalten durch den Christus-Impuls eine Kraft, die diesen Inkarnationen einen immer erhöhten Inhalt geben kann. Durchdringt den Buddhismus - oder was in ihm die wahre Lehre der Reinkarnation ist - mit dem Christus-Impuls, und ihr habt ein neues Element, das der Erde einen neuen Sinn gibt in der Menschheitsentwickelung!
Auf der andern Seite das Christentum: den Christus-Impuls hat das Christentum auch als etwas Exoterisches. Aber wie hat es in den verflossenen Jahrhunderten diesen Impuls gehabt? Gewiß sieht der exotetische Christ darin etwas unendlich Vollkommenes, was in ihm selber leben soll als das große Ideal, dem er sich immer mehr und mehr annähert. Aber welche Vermessenheit wäre es für den Christen, zu denken, daß er in einer Inkarnation irgendwelche Kräfte haben kann, um den Keim zur Entwickelung zu bringen, der angefeuert werden kann durch den Christus-Impuls! Welche Vermessenheit wäre es für den exoterischen Christen> zu glauben, daß wir imstande wären, etwas Ausreichendes zu tun, um den Christus-Impuls in einem Leben zur Entfaltung zu bringen! Daher wird der exoterische Christ sagen: Wir gehen eben durch die Todespforte; dann werden wir im geistigen Reiche die Gelegenheit haben, uns weiterzuentwickeln und dort den Christus-Impuls weiter zur Entfaltung zu bringen. - So schließt der exoterische Christ an den Tod ein geistiges Leben an, von dem er nicht wieder zurückkehrt zur Erde. Versteht ein exoterischer Christ, der da glaubt> daß sich ein Dasein in einem geistigen Reiche anschließt dem Leben anf der Erde, versteht er den Christus-Impuls? Er versteht ihn nicht! Denn würde er ihn verstehen, so würde er niemals glauben, daß er dasjenige, was der Christus-Impuls ihm geben soll, sich in einem geistigen Leben erringen kann, das an den Tod - ohne eine Wiederkehr zur Erde - sich anschiießt.
Damit die Tat auf Golgatha geschehen konnte, damit dieser Sieg über den Tod erreicht werden konnte, mußte der Christus selber in dieses Erdenleben herabsteigen, und zwar mußte er es, um etwas zu vollbringen, was nur auf unserer Erde erfahren und erlebt werden kann. Deshalb ist der Christus auf die Erde herabgekommen, weil die
#SE118-184
Kraft der Tat des Mysteriums von Golgatha wirken mußte auf die Menschen im physischen Leibe. Daher kann auch nur auf Menschen im physischen Leibe zunächst die Christus-Kraft wirken. Und wenn der Mensch im physischen Leibe die Kraft des MysteMums von Golgatha empfangen hat, dann kann dieser Impuls weiterwirken, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht. Aber nur so viel, als der Mensch im Leben zwischen Geburt und Tod von dem ChristusImpuls aufgenommen hat, wird sich durch diesen Impuls bei ihm vervollkommnen. Eine Vervollkommnung des Aufgenommenen muß sich der Mensch erringen, wenn er wieder auf die Erde zurückkehrt. Und nur in den aufeinanderfolgenden späteren Erdenleben kann der Mensch verstehen lernen, was im Christus-Impuls lebt. Nimmermehr könnte der Mensch den Christus-Impuls verstehen, wenn er nur einmal lebte; sondern dieser Impuls muß uns durch wiederholte Erden- leben führen, weil die Erde die Stätte ist zum Verständnis und zum Erleben des Mysteriums von Golgatha.
So ist das Christentum nur verständlich, wenn man den vermessenen Gedanken, man könnte den Christus-Impuls in einer Inkarnation ausleben, ersetzt durch den andern: daß nur durch die wiederholten Erdenleben der Mensch sich so vervollkommnen kann, daß er in sich das Christus-Ideal auszuleben vermag. Dann kann er das, was er daran erlebt hat, hinaufbringen in die geistige Welt. Aber nur so viel kann er hinaufbringen, als er auf der Erde von jenem Impuls begriffen hat, der gerade auf der Erde selber vollbracht werden mußte als der wichtigste Inhalt alles Erdengeschehens.
So sehen wir, daß das nächste Stück, das aus den geistigen Offenbarungen zu dem Christentum hinzugefügt werden muß, ein aus dem Christentum herausgeborener Gedanke der Wiederverkörperung ist. Wenn wir dies verstehen, werden wir einsehen, was für uns auf dem Gebiet der Geisteswissenschaft heute das Bewußtsein bedeutet, das wir uns aus der Pfingstoffenbamng heraus bilden. Es bedeutet für uns die Rechtfertigung dessen, daß wir auf die Offenbarung hören dürfen, daß wir empfinden können eine Erneuerung der Offenbarung jener Kraft, die in den feurigen Zungen lag, die sich auf die ersten Versteher des Christus niederließen.
#SE118-185
Manches von dem, was in den letzten Zeiten in unserer Bewegung gesagt worden ist, kann heute erneut vor unsere Seele treten. Es nimmt sich aus wie ein Zusammenbringen von Orient und Okzident, von den zwei gewaltigen Offenbarungen des Christentums und des Buddhismus. Wir sehen sie zusammenfließen im Geistigen. Und das richtige Verständnis des christlichen Pflngstgedankens gibt uns die Möglichkeit, das Zusammenfließen dieser zwei größten Religionen zu rechtfertigen, die gegenwärtig auf dem Erdenrund sind. Aber nicht bloß durch äußere Impulse kann man zwei solche Offenbarungen zusammenbringen; das bliebe nur Theorie. Wer etwa nehmen wollte, was das Christentum bis jetzt geboten hat, und was der Buddhismus bis jetzt geboten hat, und beides zusammenschweißen wollte zu einer neuen Religion, der brächte nicht einen neuen Seeleninhalt für die Menschheit zustande, sondern nur eine abstrakte Theorie, die keines Menschen Seele erwärmen könnte. Wenn so etwas geschehen soll, müssen neue Offenbarungen geschehen. Und das ist für uns das, was als die Verkündigung der Geist-Erkenntnis ertönt, heute zwar nur erst vernehmbar für die, die in geisteswissenschaftlicher Schulung sich reif gemacht haben, den Christus in sich sprechen zu lassen, der bei uns ist bis ans Ende der Erde. Aber hingedeutet ist worden, daß wir in einer wichtigen Zeit der Menschheitsentwickelung sind: daß noch vor dem Ablauf dieses Jahrhunderts neue Kräfte` sich in der Menschenseele entwickeln, welche den Menschen dazu führen werden, eine Art ätherischen Hellsehens zu entwickeln, wodurch sich für gewisse Menschen wie durch eine natürliche Entwickelung das Ereignis, das Paulus vor Damaskus erlebt hat, erneuern wird. So daß der Christus für die erhöhten geistigen Kräfte des Menschen wiederkommen wird in einem ätherischen Gewande. Dessen, was Paulus sah vor Damaskus, werden immer mehr und mehr Seelen teilhaftig werden. Und dann wird rnan wahrnehmen in der Welt, daß Geisteswissenschaft etwas ist, was wie die vorherverkündigte Offenbarung einer erneuerten und metamorphosierten Wahrheit des Christus-Impulses da sein wird. Verstehen werden nur diejenigen diese neue Offenbarung, welche da glauben, daß der frische Strom des geistigen Lebens, in das sich einmal - untrennbar für alle Zeiten - der Christus hineinergossen hat,
#SE118-186
lebendig bleiben wird für alle Zeiten. Wer das nicht glauben will, mag verkündigen ein altgewordenes Christentum. Wer aber an das wirkliche Pflngstereignis glaubt und es versteht, der wird sich auch zum Bewußtsein bringen, daß das, was mit der christlichen Verkündigung begonnen hat, immer weiter und weiter sich entwickeln wird, in immer neuen und neuen Tönen zur Menschheit sprechen wird, daß immer da sein werden die individualisierten Seelenwelten des Heiligen Geistes, die feurigen Zungen, und daß in immer erneutem Feuer und Impuls die menschliche Seele den Christus-Impuls wird erleben und ausleben können.
An die Zukunft des Christentums können wir glauben, wenn wir den Pflngstgedanken in Wahrheit verstehen. Und dann tritt vor uns mit einer Kraft, die wie eine in der Seele gegenwärtige Kraft selber wirkt, das gewaltige Bild! Dann fühlen wir die Zukunft, wie die ersten Versteher unter der Inspiration des Heiligen Geistes die Zukunft gefühlt haben, wenn wir willens sind, etwas in unseren Seelen lebendig zu machen, was keine Grenzen kennt, die einzelnen menschlichen Teilen gezogen sind, und was eine Sprache führt, die über die ganze Erde hin alle Seelen verstehen können. Wir fühlen den Friedens-, den Liebes-, den Harmoniegedanken, der in dem Pflngstgedanken liegt. Und wir fühlen diesen Pflngstgedanken belebend unser Pflngstfest. Wir fühlen, daß er ein Unterpfand ist für unsere Hoffnung auf Freiheit und Ewigkeit.
Weil wir den Geist individualisiert erwachen fühlen in unserer Seele, erwacht in uns die bedeutendste Eigenschaft des Geistes: die Unendlichkeit des Geistigen. In der Teilnahme am Geistigen kann der Mensch sich bewußt werden seiner Unsterblichkeit und seiner Ewigkeit. Und wir fühlen im Pfingstgedanken so recht die Gewalt jener uralten Worte, die Eingeweihter auf Eingeweihter in den verschiedenen Sprachen weiter verpflanzt haben, und die uns den Sinn von Weisheit und Ewigkeit offenbaren. Wir fühlen sie wie einen Pfingstgedanken, der von Epoche zu Epoche überliefert worden ist, in den Worten, die erst heute exoterisch erklingen können, um von der ganzen Menschheit verstanden zu werden:
#SE118-187
Wesen reiht sich an Wesen in Raumesweiten,
Wesen folgt auf Wesen in Zeitenläufen.
Verbleibst du in Raumesweiten, im Zeitenlaufe,
 So bist du, o Mensch, im Reiche der Vergänglichkeiten.
 Über sie aber erhebt deine Seele sich gewaltiglich,
Wenn sie ahnend oder wissend schaut das Unvergängliche,
Jenseits der Raumesweiten, jenseits der Zeitenläufe.

21:31  Questa riunione da fastidio a QUALCUNO, è molto ostacolata.
Due soli punti. Se c’è qualcuno che vuole aggiungere qualcosa e vuole aggiungere qualcosa che gli ha provocato questa lettura.
Con il Natale abbiamo una festa fissa. La Pasqua ci ricorda che abbiamo anche una parte spirituale.
Con la Pasqua portiamo la nostra richiesta verso i Mondi Spirituali. Questo è il primo punto.
Festa dell’avvenire dell’uomo e di ogni singolo uomo.
La seconda cosa che volevo … (interruzione) dire è che questa visione del Cristianesimo come qualcosa che si deve continuamente rinnovare è la stessa istanza che noi viviamo nei confronti dell’antroposofia. E questo va contro le abitudini dell’essere umano che tende a cristallizzarla a congelarla. Ha dei riferimenti, senza capire che la verità è sempre movimento. Solo l’esperienza spirituale deve rendere liberi. La tradizione consumata diventa esperienza spirituale. Ci rendiamo conto che differenza c’è tra il Cristianesimo esoterico e il cristianesimo cristallizzato nella Chiesa. I riti vengono continuati per tradizione, senza nessun motivo. È eclatante. Il fatto che dobbiamo aspettarci un incontro su un altro piano con questa entità.
Il cattolicesimo ha un rapporto diverso con la Pentecoste. Il Calvinismo ha dato un peso diverso a questa festa. Anche nei Paesi Anglosassone è più considerata.
Orazio: la Chiesa Cattolica si è fermata all’immagine dell’uomo del dolore, sofferente.
Maria: Hai detto del Christo che possiamo incontrarlo solo nell’eterico. Un pensiero che per me è così importante. Può orientare per il resto della vita. Ci sono dei pensieri chiave. È una fortuna aver potuto incontrare questo pensiero nella vita. Senza essersi accontentati. Ne provo una grande gioia e sicurezza di sentire questo pensiero.
Piero: ci sono dei sensi dell’anima, che si aprono, che siamo in grado di toccare il mondo.

mercoledì 22 giugno 2011

21. Juni 1907 20110622

I-06_Sechster Vortrag, Kassel, 21.06.1907



GA 100 – Menschheitsentwickelung und Christus-Erkenntnis
Seite 068
Sechster VORTRAG
Kassel, 21. Juni 1907 20110622 22:15
Wenn der Mensch innerhalb jenes geistigen Gebietes, das wir gestern besprochen haben, so weit ist, daß er sozusagen alles das, was er an Fähigkeiten und Talenten hatte, die er sich während des Erdenlebens erwarb, umgewandelt hat, dann kommt die Zeit, wo er sich anschickt zu einer neuen Verkörperung. Wir müssen uns darüber klar sein, daß wir in dem, was uns am Menschen entgegentritt, zweierlei vor uns haben. Das eine ist das, was sich im Laufe der physischen Vererbung fortpflanzt, das andere ist das, was er aus seinen früheren Lebensläufen mitbringt in diese Welt.
Wir werden zu beschreiben haben den Herunterstieg des Menschen in diese Welt, wobei Sie sich an dem Wort «Herunterstieg» nicht stoßen dürfen, denn es ist nicht ein räumliches Heruntersteigen, sondern ein Sich-Herausbilden aus der Welt um uns herum. Wir haben gestern gesehen, wie diese geistige Welt nicht etwa in einem jenseits zu suchen ist, sondern wie sie auch hier rings um uns herum ist, nur daß dem heutigen Menschen die Möglichkeit fehlt, diese geistige Welt wahrzunehmen. Aus dieser geistigen Welt heraus entwickelt sich das, was man eine neue Verkörperung nennt. Wir haben gesehen, daß der Mensch sowohl von seinem Äther als auch vom Astralleib eine Essenz zurückbehalten hat aus seinem früheren Leben, eine Übersicht seiner Erlebnisse; und was er innerhalb seines Astralleibes bereits veredelt hat, das alles hat er mitgenommen in die geistige Welt. Nur das Unveredelte ist abgefallen.
Wir werden eine leichtere Vorstellung gewinnen über die Wiederverkörperung, wenn wir uns noch einiges vom Leben nach dem Tode klarmachen. Wir haben gesehen, daß der Mensch direkt nach dem Eintritt des physischen Todes noch etwa dreieinhalb Tage in seinem Ätherleib lebt, daß in diesen dreieinhalb Tagen das verflossene Leben wie in einer Art von Tableau vor ihm aufsteigt. Dann löst sich der Ätherleib auf, und daran schließt sich dann die Kamalokazeit: das ist die Zeit der Läuterung und Reinigung von aller läuterungsbedürftigen und reinigungsbedürftigen Astralität.

GA 100 – Menschheitsentwickelung und Christus-Erkenntnis
Seite 069 22:20
Nun muß ich aber noch ein Erlebnis anführen. In dem Moment, wo dies Erinnerungsbild unmittelbar nach dem Tode auftritt, hat der Mensch ein bedeutsames Erlebnis. Der Mensch hat da die Empfindung, wie wenn er plötzlich größer würde, wie wenn er rasch durchbrechen würde seine Oberfläche und hinauswachsen würde in den Raum. Dieses Gefühl schwindet nicht wieder bis zur neuen Geburt. Der Mensch fühlt sich so groß wie die Welt, zu der er gehört, so groß wie der ganze Weltenraum. Daher können Sie auch eine Vorstellung davon gewinnen, wie es möglich ist, daß der Mensch seinen Leib wie etwas Fremdes sieht und empfindet, denn er sieht seine Leidenschaften gleichsam außerhalb seines Körpers. Es ist ein eigenartiges Gefühl, dieses Ausgebreitetsein durch den Weltenraum.
Dann kommt etwas noch schwerer zu Verstehendes hinzu. Während dieser ganzen Kamalokazeit fühlt sich der Mensch so, wie wenn er richtig im Raume aufgeteilt wäre. Sie werden das besser so begreifen: Wenn der Mensch während der Kamalokazeit, wie ich Ihnen geschildert habe, sein Leben zurücklebt bis zur Kindheit, fühlt er alles, was er erlebt hatte, wie im Spiegelbild. So fühlt der Mensch richtig die Ohrfeige, die er damals jemandem gegeben hat; er fühlt sich richtig als Stück von dem Ort, den der andere eingenommen hat. Wenn Sie zum Beispiel hier in Kassel gestorben sind und der andere Mensch, dem Sie damals die Ohrfeige gegeben haben, in Paris lebt, dann fühlen Sie sich wie mit einem Stück von Ihnen dort. Und so fühlen Sie sich wie aufgeteilt im Weltenraum; Sie fühlen sich stückweise überall da, wo Sie sozusagen etwas zu suchen haben. Das ist nun so zu verstehen, daß Sie in dem Zwischenraum von Paris und Kassel nichts fühlen. So daß, wenn Sie alle Ereignisse Ihres Lebens in dieser Weise in Betracht ziehen, Sie sich während des ganzen Durchgehens durch den Zeitraum nach dem Tode förmlich zerstückelt fühlen.
Als Gleichnis möge folgendes dienen: Eine Wespe besteht aus zwei Teilen, einem Vorderteil und einem durch einen ganz dünnen Spannfaden verbundenen Hinterteil. Denken Sie sich diesen Hinterteil ganz abgetrennt, und trotzdem schleppe die Wespe diesen Teil mit sich. So etwa können Sie sich von der obigen Schilderung eine Vorstellung machen: Sie fühlen sich bestehend aus einzelnen Stücken, und es findet

GA 100 – Menschheitsentwickelung und Christus-Erkenntnis
Seite 070 22:40
sich keine Verbindung zwischen diesen Stücken. Wenn der Mensch aber in das Devachan kommt, fühlt er sich wieder so wie unmittelbar nach dem Tode, als ob er den ganzen Weltenraum einnähme.
Wenn aber nun der Mensch im Devachan all seine Veranlagungen zu Talenten und Fähigkeiten umgewandelt hat, dann fühlt das Ich wieder eine Anziehung zur physischen Erde, strebt danach, wieder herunterzusteigen auf die Erde zu einer physischen Verkörperung. Zuerst umgibt sich das Ich mit einem Astralleib. Das geht so vor sich, daß es alles Astrale an sich heranzieht: es ist wie ein Zusammenschießen. Es ist, als ob Sie zu Eisenfeilspänen einen Magneten halten: wie sich da die Eisenfeilspäne in bestimmten Figuren anziehen, so zieht das Ich das Astrale an sich. Es hat aber Eindrücke erhalten von all den Erlebnissen, die es gehabt hat beim Durchgang durch das Seelen- und Geisterland, und alles das bildet die Grundkräfte, die mitwirken beim Aufbau des neuen Astralleibes. So nimmt also dieser neue Astralleib alles mit, was der Mensch in früheren Leben und im Kamaloka durchgemacht hat. Alle Eindrücke, die er da gehabt hat, wirken bestimmend auf seine Eingliederung in seinen neuen Astralleib.
Jetzt hat der Mensch erst den Astralleib; er muß nun aber auch die übrigen Glieder haben. Der Astralleib ist lediglich durch die eigenen Anziehungskräfte gebildet worden. Vor der Empfängnis ist der Mensch nur mit diesem Astralleib umkleidet. Der Seher sieht daher fortwährend diese astralen Menschenkeime, die auf ihre Geburt beziehungsweise ihre Empfängnis warten. Er sieht sie mit einer riesigen Geschwindigkeit herumfliegen: glockenförmige Gebilde bewegen sich mit riesiger Geschwindigkeit durch den Raum. Entfernungen spielen gar keine Rolle; sie bewegen sich so schnell, daß eben Entfernungen keine Rolle spielen.
Nun kommt die Umkleidung mit einem Ätherleib; das ist aber etwas, womit der Mensch nicht mehr durch seine eigenen Kräfte allein umkleidet wird. Für den Ätherleib können nicht mehr die in ihm liegenden eigenen Kräfte sorgen, sondern dazu bedarf der Mensch der Mithilfe gewisser geistiger Wesenheiten, die dabei mitwirken müssen. Sie bekommen eine Vorstellung von diesen Wesenheiten, wenn Sie daran denken, daß Sie zuweilen Worte gebrauchen, womit Sie gewöhnlich keine Vorstellung verbinden, zum Beispiel mit dem Wort Volksseele, Volksgeist.

GA 100 – Menschheitsentwickelung und Christus-Erkenntnis
Seite 071 23:00
Heute stellt man sich, wenn man diese Worte ausspricht, darunter gar nichts vor, oder denkt sich etwas ganz Abstraktes. Der Seher hat aber eine andere Vorstellung davon. Tatsächlich gibt es ebenso wahr, wie wir selber wahr sind – Wesenheiten höherer Art, die aber nicht zu einer Verkörperung im Fleische kommen, und die nichts anderes sind als Volks- oder Stammesseelen. Es ist nicht nur eine vage Bezeichnung, wenn man vom Volksgeist spricht; die Volksseele ist ein wirkliches Wesen, nur hat sie keinen physischen Leib, sondern ihr niederstes Glied ist der Ätherleib. Dann hat dieser Volksgeist einen Astralleib, Ich, Manas, Buddhi, Atma, und dann noch ein höheres Glied, zu dem es der Mensch nicht bringt, das die christliche Esoterik den Heiligen Geist nennt und die Theosophie gewohnt ist, den Logos zu nennen.
So kann der Seher den Volksgeist ansprechen, wie er den andern Menschen anspricht. Heute hat man ja keine richtige Vorstellung von solchen Dingen und glaubt nur, dies Wort bezeichne eine Zusammenfassung der Merkmale der einzelnen Völker; das ist aber nicht wahr, es hat eine reale Wirklichkeit. Durch die materialistische Gesinnung mußte das Verständnis für solche Dinge verlorengehen, aber es wird wieder errungen werden. Heute neigt die Menschheit dazu, solche Dinge als leere Begriffe zu verflüchtigen. Aber das mußte so kommen. Und so mußte in unserer Zeit auch ein Buch geschrieben werden, das sozusagen das Gegenteil von theosophischer Anschauung ist. Dies Buch mußte geschrieben werden, und wird auch viel bewundert, das ist: «Die Kritik der Sprache» von Fritz MauthnerFritz Mauthner ist ein Geist, der alles auflöst, was über dem Sinnlichen liegt. Nur ein von allen guten Geistern verlassener radikaler Denker konnte so schreiben, der den Mut hatte, mit allem zu brechen, was Geist und Wirklichkeit ist. Künftige Jahrhunderte werden gerade zu diesem Buche greifen müssen, wenn sie wissen wollen, wie an der Wende dieses Jahrhunderts gedacht wurde.
Die Volksseele ist reale Wirklichkeit: wie eine Nebelmasse breitet sie sich aus, und alle Ätherleiber der einzelnen Menschen des jeweiligen Volkes sind in sie eingebettet, und ihre Kräfte strömen ein in die Ätherleiber der einzelnen Menschen.
Nun gibt es Geister gerade von diesem Rang der Volksseele, welche mitwirken bei der Zusammenstellung des Ätherleibes der neuen Seele.

GA 100 – Menschheitsentwickelung und Christus-Erkenntnis
Seite 072 23:03
Diese Wesenheit bewirkt, daß der Mensch zu einem bestimmten Volke hingeleitet wird, welches gerade für ihn am besten paßt. Da paßt dieser Ätherleib nun schon nicht immer ganz genau; und alles, was Sie an Disharmonien im Leben finden, das rührt sehr häufig davon her, daß der Mensch sich nicht aus eigenen Kräften allein seinen Ätherleib machen kann. Dieses Voll-Übereinstimmen wird erst auf einer viel späteren Entwicklungsstufe der Erde stattfinden.
Dieses Umkleiden mit dem Ätherleib geschieht mit einer rasenden Geschwindigkeit, wie Sie sich diese aus physischen Verhältnissen gar nicht vorstellen können. Und dann wird von noch höheren Wesenheiten der Mensch hingeführt zu jenem Elternpaar, welches ihm den geeigneten Stoff zu seinem physischen Leibe geben kann.
Der heutige materialistische Mensch, der da sieht, wie der Sohn den Eltern ähnlich ist, wird nicht glauben können, daß sich mit diesem von den Eltern ererbten Körper noch etwas anderes verbindet. Gewiß, wir sehen unseren Ahnen durch den Körper ähnlich, aber das widerspricht dem Gesagten gar nicht. Betrachten wir gleich einen speziellen Fall: die Familie Bach. Im Verlaufe von zweihundertfünfzig Jahren sind mehr als neunundzwanzig mehr oder weniger bedeutende Musiker aus dieser Familie hervorgegangen. Da wird der Materialist sagen: Da sieht man es ja, daß das vererbt ist! – So hat die Familie Bernoulli in kurzer Zeit acht Mathematiker hervorgebracht. Wie ist das? Das verstehen wir am besten, wenn wir gerade die Vererbungsverhältnisse ins Auge fassen. Da dies beim Musiker leichter verständlich ist, wollen wir einmal die Familie Bach betrachten. Also nehmen wir an, ein junger Bach wäre in seiner früheren Verkörperung etwa in Rom gewesen, hätte seine Anlagen verarbeitet und wollte sich wiederverkörpern. Angenommen, er hätte die größten musikalischen Anlagen mitgebracht als Ergebnis seiner früheren Verkörperungen: wenn er nicht ein gut ausgebildetes Ohr fände, so könnte er mit allen seinen Anlagen nichts anfangen; er wäre ohne ein gut ausgebildetes Ohr genauso hilflos wie ein Virtuose ohne Instrument. Ganz notwendig mußte diese Individualität sich einem solchen Körper eingliedern, der ein gutes Organ für diese mitgebrachten Anlagen hat. Nun ist aber die äußere Form der inneren und äußeren Organe erblich, und diese Individualität mußte, wenn sie ein Musiker

GA 100 – Menschheitsentwickelung und Christus-Erkenntnis
Seite 073 23:08
werden wollte, für das kommende Leben ein gut ausgebildetes Gehörorgan haben. Wo kann sie es am leichtesten bekommen? In einer Musikerfamilie. So wird sie also dahin geführt, wo sie das beste Organ zur weiteren Ausbildung der in ihr veranlagten Talente finden kann, und das war damals gerade das Elternpaar des Johann Sebastian Bach.
Wie ist es nun bei den Brüdern Bernoulli? Das mathematische Denken beruht nicht auf der Beschaffenheit des Gehirns, denn die mathematische Logik ist nichts anderes als die übrige Logik, sondern das mathematische Talent beruht auf der ganz besonders exakt ausgebildeten Organisation der drei halbzirkelförmigen Kanäle. Das ist ein Organ, nicht viel größer als eine Erbse, das mitten im Felsenbein eingebettet ist, und das aus drei halbkreisförmigen Kanälen besteht, die genau dem dreidimensionalen Raum entsprechen. Wenn der eine Kanal also genau vertikal liegt, so liegt der zweite von rechts nach links, der dritte von vorn nach hinten. Alle stehen also zueinander senkrecht in einem Winkel von genau neunzig Grad. Auf diese genaue Einstellung zueinander kommt es also an: je genauer der rechte Winkel stimmt, um so besser funktioniert das Organ. Wenn das Organ in irgendeiner Weise verletzt wird, tritt Schwindel ein und Sie können sich nicht mehr im Raum orientieren. Und auf einer ganz besonders feinen Ausbildung dieser Kanäle beruht das mathematische Talent, respektive die Möglichkeit, das mathematische Talent ausüben zu können. Und dieses Organ ererbt man genauso wie das musikalische Ohr.
Das Gehirn denkt genau so über den Raum nach, wie zum Beispiel über die Philosophie; aber daß einer Sinn hat für die Raumformen, das hängt von diesen drei halbzirkelförmigen Kanälen ab. Also eine mit hohen mathematischen Talenten begabte Individualität wird sich in eine Familie verkörpern, in der dieses Organ am besten ausgebildet ist, und das war der Fall in der Familie Bernoulli.
Auch um moralisch tüchtig sein zu können, gehört ein richtiges Instrument dazu. Eine Individualität, die eine hohe Moralität hat, sucht sich deshalb dasjenige Elternpaar, das ihr hierfür das beste Instrument zu geben verspricht. So ist das oft in oberflächlich trivialer Weise gebrauchte Sprichwort: Man kann nicht vorsichtig genug sein in der Wahl seiner Eltern – im tiefsten, ernstesten Sinne wahr, denn es wählt sich sozusagen das Kind seine Eltern.

GA 100 – Menschheitsentwickelung und Christus-Erkenntnis
Seite 074  23:13
http://www.youtube.com/watch?v=xKD6ayxB8qE
Da wenden nun manche ein: Wohin kommen wir denn da mit der Mutterliebe? Denn die kommt doch daher, daß die Mutter weiß, das Kind sei ein Stück von ihr selbst. – Im richtigen Lichte betrachtet, leidet die Mutterliebe in keiner Weise, im Gegenteil, man lernt sie dadurch nur noch tiefer verstehen. Warum wird das Kind gerade von der und der Mutter geboren? Weil es durch seine geistigen Eigenschaften zu der ihm geistig gleichartigen Mutter hingeführt wird, und es liebt ja die Mutter sogar schon vor der Empfängnis; die Mutterliebe ist sozusagen die Gegenliebe dieser primären Zuneigung. Eine solche Einsicht ist also sogar noch eine Vertiefung dieses Begriffes.
Nun hängt es im wesentlichen von den Eigenschaften von Vater und Mutter ab, wie sie die Gelegenheit geben zu einer Verkörperung; und da wirken Vater und Mutter, verschieden. Wenn der Mensch zu einer neuen Geburt herunterkommt, so hat das Ich, das mehr Willenskräfte hat, mehr Anziehung zum Vater, und das, was mehr astrale Kräfte hat, zur Mutter. Der Vater hat also mehr Einfluß auf das Ich, den Willen und Charakter, die Mutter hat mehr Einfluß auf den Astralleib, also dem Vorstellungsvermögen nach. Am besten ist es natürlich, wenn beide Eltern passen zu der Individualität, die sich verkörpern will.
Beim Heruntersteigen wirken aber auch diejenigen Kräfte mit, die dem Menschen eingeprägt sind beim Aufstieg. All das bildet Anziehungskräfte, und er wird in die Sphäre gezogen werden, die mit ihm von jeher verwandt war. Er wird also zu denjenigen Menschen hingeführt, mit denen er früher schon etwas zu tun gehabt hat. Ich will Ihnen ein Beispiel anführen, das auf einen realen Fall begründet ist. Es war einmal der Fall, daß bei einem Femgericht jemand von vier bis fünf Richtern zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Nun ging man geisteswissenschaftlich vor und untersuchte das Vorleben dieser sechs Menschen, und da stellte sich heraus, daß alle diese Männer im Leben vorher zusammen auf der Erde waren, aber so, daß der Hingerichtete ihr Häuptling war, und daß die andern von ihm hingerichtet wurden. So war also die letzte Hinrichtung eine Art Ausgleich. Gerade dieser Fall macht das Gesetz vom Karma ganz besonders anschaulich. So wirken die verschiedenen Kräfte zusammen, die der Mensch in

GA 100 – Menschheitsentwickelung und Christus-Erkenntnis
Seite 075 23:18
seinem früheren Leben an sich gezogen hat; sie bestimmen bei der Wiederverkörperung sowohl die Verfassung seines Leibes als auch den Ort, an dem er geboren wird, als auch sein späteres Schicksal. Noch mehr als beim Ätherleib zeigen sich oft die Dissonanzen beim physischen Leibe.
Das alles sind Dinge, die da zeigen, wie der Mensch bei seiner Wiederverkörperung mit den drei Leibern umkleidet wird, und bei jeder Verkörperung arbeitet das Ich am Astralleib, Ätherleib und physischen LeibWie er zu dieser hohen Vollkommenheit steigt, das werden wir später hören. Aber immer mehr wird der Astralleib und Ätherleib umgebildet, und immer mehr wird aus dem vereitelten Astralleibe Manas, aus dem vereitelten Ätherleibe Buddhi, aus dem vereitelten physischen Leibe Atma. So kann man sich die immer höhere Vervollkommnung des Menschen von Inkarnation zu Inkarnation vorstellen.
Dieses kommt am schönsten im Vaterunser zum Ausdruck, das man aber nur in der rechten Weise versteht, wenn man es eben im echt christlichen Sinne auffaßt, wie es aufgefaßt wurde von der Geheimschule des Paulus. Diese Schule war es, die das Vaterunser im echt christlichen Sinne so erklärt hat. Sie sagte ihren Schülern etwa: Stellt euch die höheren Glieder der Menschennatur vor, die dadurch zur Entwicklung kommen, daß der Mensch seine drei untersten Glieder immer mehr veredelt. – Nun sah das früheste Christentum diese drei höheren Glieder – Manas, Buddhi, Atma – als die göttliche Natur des Menschen an. Dadurch, daß der Mensch nun diese drei höheren Glieder immer mehr entwickelt, nähert er sich immer mehr der Gottheit. Von diesem Gesichtspunkt aus nannten die alten esoterischen Christen die drei höchsten Glieder die Göttliche Natur, und sie nannten das Höchste Atma: den Vater. Dies ist das Tiefste der Göttlichkeit im Menschen: der Vater im Himmel. Dieser Vater ist das, wozu alle Menschen sich hinentwickeln, es ist der Mittelpunkt der Weltenschöpfung. Man stellt sich am besten die Schöpfung im christlichen Sinne so vor, wenn man sich das Opfer klarmacht. Denken Sie sich Ihr Spiegelbild, und nehmen Sie an, Sie könnten so selbstlos sein, an das Spiegelbild Ihr Leben abzugeben. So muß man sich das selbstlose Schaffen vorstellen, daß man selbst in dem Geschaffenen aufgeht. Denken Sie sich den Vatergeist in der Mitte

GA 100 – Menschheitsentwickelung und Christus-Erkenntnis
Seite 076 23:32
einer sich spiegelnden Hohlkugel, dann tritt Ihnen in tausendfacher Weise das Bild Gottes entgegen. So sagte der alte esoterische Christ: Sieh dir die Welt an: alle Wesen, was sind sie, als Spiegelbilder Gottes! Und diese sich spiegelnde Gottheit nannten sie in ihrer Esoterik «das Reich», das ist: der sich überall spiegelnde Gott. – Nun entwickelt euer Gefühl weiter. Seht ihr in allem den Gott, dann habt ihr in ungeheuer viel Einzelheiten die Gottheit aufgelöst, und wollt ihr sie unterscheiden, dann müßt ihr jedem einzelnen einen Namen geben. Dieser Name muß geheiligt werden, denn jedes einzelne Geschöpf ist ja ein Spiegelbild der Gottheit.
In diese drei hinein entwickelt sich der Mensch zu Gott. Sie dürfen aber nicht glauben, der Mensch würde der Gott. Nehmen Sie einen Tropfen aus dem Meere: der ist wesensgleich dem Meere, er ist aber nicht das Meer. So auch ist der Tropfen der Göttlichkeit in uns wohl wesensgleich der Gottheit, ist aber nicht die Gottheit. Indem der Mensch also die drei höchsten Glieder immer mehr entwickelt, wird er immer mehr eins mit dem Reich, da die geistige Welt zu ihm herunterkommt. Da haben Sie die drei ersten Bitten des Vaterunser: erstens im Anrufen des Vaters, zweitens im Flehen, daß das Reich zu uns kommen soll, drittens in der Heiligung des Namens. Dann werden wir immer bestrebt sein, keine Handlung zu vollbringen, die nicht in Harmonie steht mit dem Vatergeiste, aus dem wir entsprungen sind und zu dem wir uns entwickeln, wenn wir eben die drei höchsten Glieder in uns ausbilden. Und im Gegensatze zu den drei höheren Gliedern betrachtet nun das esoterische Christentum die vier niederen Glieder des Menschen, die auch immer vollkommener werden müssen.
Der physische Leib besteht aus denselben Stoffen wie die äußere Natur, die ja auch in diesem physischen Leibe fortwährend ein- und auswandern. Und sie müssen ja fortwährend ein- und auswandern, wenn der physische Leib gesund bleiben soll.
Der Ätherleib hat Kräfte, die, so wie der physische Leib mit der ganzen äußeren Natur in Wechselbeziehung steht, ebenso in Wechselbeziehung stehen mit der ganzen Volksseele. Soll der physische Leib in Ordnung sein, so müssen physische Stoffe täglich in ihm ein- und auswandern. Soll der Ätherleib in Ordnung sein, so darf er sich nicht als

GA 100 – Menschheitsentwickelung und Christus-Erkenntnis
Seite 077  23:35
http://www.youtube.com/watch?v=dij2RqHOIJc&feature=fvsr
Einzelnes entwickeln, sondern er muß sich in Harmonie bringen mit der ganzen Volksseele und allen höheren Wesenheiten.
Das Wort «Schuld» hängt zusammen mit dem Wort Schulden. Schulden sind etwas, was Ihnen so recht zeigt, daß Sie nicht einzeln dastehen, sondern daß Sie einen sozialen Zusammenhang haben, daß Sie Ihren Mitmenschen etwas schulden. Das, was den menschlichen Astralleib nun in Unordnung bringen kann, das sah die ursprüngliche christliche Esoterik an als etwas, was seine Neigungen und Leidenschaften, Triebe und Begierden betraf; und alles, was diese in Unordnung bringen kann, das drückt das Wort «Versuchung» aus. Schuld ist also etwas, was den Menschen in eine Beziehung bringt zu der sozialen Gemeinschaft, während Versuchung etwas ist, worein jeder Mensch als individuelles Wesen fallen kann.
Würden nicht in unserem physischen Körper physische Stoffe ein- und ausgehen, so würde dieser physische Körper in Unordnung kommen: «Gib uns unser täglich Brot.» Würde der Ätherleib sich nicht in harmonische Wechselbeziehung bringen zum Volksseelenhaften, das heißt, würde er sich nicht harmonisch dem ganzen sozialen Gefüge eingliedern, dann würde er ebenfalls in Unordnung kommen: «Vergib uns unsere Schuld.» Würde der Mensch in den Fehler verfallen, einer jeden an ihn herantretenden Versuchung zu unterliegen, dann würde dadurch sein Astralleib in Unordnung kommen: «Führe uns nicht in Versuchung
Das Ich kann in jene Fehler verfallen, die man mit «Übel» bezeichnet. Zu diesen Verfehlungen des Ich – das ist ja unser Selbst – gehört alles, was ein normales und gesundes Selbstgefühl zum Bösen wandelt, das heißt also in Selbstsucht. Dahin gehören also alle Ausschreitungen der Selbstsucht, des Egoismus: «Erlöse uns von dem Übel
Der physische Leib kann sich also in gesunder Weise entwickeln, wenn wir ihm das tägliche Brot in der rechten Weise zukommen lassen. Der Ätherleib kann sich in gesunder Weise entwickeln, wenn wir uns in der richtigen Weise in Harmonie bringen mit dem sozialen Körper, in dem wir leben. Der Astralleib kann sich in gesunder Weise entwickeln, das heißt, zur Läuterung und Reinigung gebracht werden, wenn wir alle Versuchungen überwinden. Das Ich kann sich in gesunder Weise

GA 100 – Menschheitsentwickelung und Christus-Erkenntnis
Seite 078
entwickeln, wenn wir uns Mühe geben, allen Egoismus in Altruismus, alle Selbstsucht in Selbstlosigkeit umzuwandeln.
So sehen wir in dem Vaterunser ein Gebet, das die Entwicklung des ganzen Menschen umfaßt.
Nun könnte jemand einwenden – und diesem Einwand werden Sie sogar häufig begegnen: Das Vaterunser ist doch ein Gebet, das von dem Christus Jesus als ein Gebet für jedermann gegeben ist. Was nützt da eine solche Auslegung, von der doch die meisten Menschen nichts wissen?
Der naive Mensch braucht auch nichts davon zu wissen. Sehen Sie sich die Rose an. Die höchste Weisheit hat die Rose aufgebaut, und doch kann sich der naivste Mensch darüber freuen. Das Wissen von dieser Weisheit ist nicht notwendig. Und so ist es auch mit dem Vaterunser. Es hat seine Kraft auf das menschliche Gemüt, auch wenn das naive Gemüt nichts davon weiß. Aber nie würde das Vaterunser diese Kraft haben, wenn es nicht aus dieser tiefsten Weisheit geschöpft wäre. Alle die großen Gebetsformen sind, wie diese größte Form, aus der tiefsten Weisheit geschaffen, und die Gewalt dieser Gebetsformen beruht nur darauf. Wenn Sie auch denken, das sei eine ergrübelte Sache, so ist das nicht wahr, sondern die Wesenheit, die uns das Vaterunser gegeben hat, die hat die tiefe Kraft hineingelegt.
So sehen Sie, wie man erst mit Hilfe der Geisteswissenschaft das versteht, was man täglich übt, und dessen Kraft die Menschheit seit zwei Jahrtausenden erfahren hat.
Jetzt aber ist der Zeitpunkt gekommen in der Menschheitsentwicklung, wo es nicht mehr weitergeht ohne diese Vertiefung des Verständnisses. Früher, das heißt bis dahin konnte die Menschheit die geistigen Kräfte, die gerade in diesem Gebet liegen, fühlen, ohne ihren tieferen Sinn zu kennen. Jetzt aber ist die Menschheit so weit in ihrer Entwicklung vorgeschritten, daß sie fragen muß, und deshalb muß ihr jetzt die Antwort gegeben werden.
Die christliche Religion wird nicht dadurch an Wert verlieren, sondern im Gegenteil erst in ihrer ganzen Tiefe sich offenbaren. Durch die größte Weisheit werden die religiösen Inhalte wieder neu erobert werden. Ein Beispiel dafür ist die esoterische Auslegung des Vaterunser. Sie zeigt uns den Weg, den der Mensch durch seine vielen Verkörperungen hindurch beschreiten muß. Die vier niederen Bitten, wenn er in ihrem Sinn wandelt, helfen ihm die Arbeit vollbringen, die zur Gestaltung seiner höheren Wesensglieder führt, so wie sie in den drei ersten Bitten ausgedrückt sind.