| I – 11 Die Bergpredit, Fragenbeantwortung zum Vortrag Stuttgart, 19. Januar 1907 |
| GA 97 – Das christliche Mysterium Seite 098 20111217 16:18 Die Bergpredigt Stuttgart, 19. Januar 1907 Fragenbeantwortung Was ist von den beiden Übeltätern zu sagen, die mit Jesus gekreuzigt wurden? Man muß vor allen Dingen ins Auge fassen, daß die sinnbildliche Deutung die wirkliche Tatsache nicht ausschließt. Manche wollen nur alles nach dem Buchstaben auslegen, halten Jesus nur für einen Menschen, der wirklich gelebt hat, und können nicht glauben, daß hinter alldem noch ein tieferer Sinn steckt. Die andern dagegen wollen alles auf geheime Weise deuten und können nicht an die geschichtlichen Begebenheiten glauben. Aber das Sinnbild ist zugleich wirklich geschichtliche Tatsache. Die Tatsache des Christentums ist überhaupt nur zu fassen, wenn sie als wirkliche Tatsache betrachtet wird. Es ist das Geheimnis der Menschheitsevolution: Christus zwischen den beiden Verbrechern, dem, der bereut, und dem, der verstockt bleibt. Es ist dies wieder der Ausgleich zwischen Egoismus und Liebe. Die Liebe ist auf Blutsverwandtschaft gegründet, und die Selbstsucht will sie auseinanderbringen. Christus will dies ausgleichen, das bedeuten die drei Kreuze auf Golgatha. Das eine ist das Prinzip des Guten, das andere ist das Prinzip des Bösen. «Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein.» Paradies ist ein Schlüsselwort und heißt: Du wirst mit mir an einem Orte sein über den gewöhnlichen Tag hinaus. Bevor der Mensch schuldig geworden ist, lebte er im Schoße der Gottheit. Wie erlangt er ein Anrecht, wieder ein Kind Gottes zu werden? Durch Friedfertigkeit! Wie kommt man davon weg? Durch Selbstsucht! GA 97 – Das christliche Mysterium Seite 099 16:28 Haben auch andere Völker in ihrem Ich die Initialen I-CH? Es gilt nur für die deutsche Sprache. Das deutsche Ich gibt Kraft in die Seele. Daß diese Initialen den Namen Christus ergeben, soll uns das Wort lebendig machen. Christus ist da alle Tage und wirkt durch alle Sprachen. Je weiter wir nach Osten kommen, desto reicher ist die Sprache, je weiter nach Westen, desto ärmer. Amerika ist darum am ärmsten; es hat den geringsten Wortschatz in seiner Sprache. Die Gebete der alten Sprachen verlieren ihre alte Kraft, wenn sie in neuere Sprachen übertragen werden. In den lateinischen Worten des Pater noster liegt viel mehr Kraft als im Vaterunser. Die Sprache des alten Vaterunser ist die aramäische. Wer es sprach in der aramäischen Sprache, hat Zauberkraft empfunden. Durch die richtige Erfassung der Sachen müssen wir wieder die Gewalt der Worte in die Sprache hineinbringen. Die vier Sätze in «Licht auf den Weg. zum Beispiel haben englisch nicht dieselbe Kraft wie im Deutschen. Diese vier Sätze lauten in keiner Sprache so schön, wie in der deutschen; sie hat die schönste Übersetzung dieser vier Sätze. Die dritte Frage ist unverständlich Diese früheren Naturforscher haben mit der größten Ehrfurcht zur Bibel aufgesehen. Pfarrer X. sagte: Moses hat ebenso viele Dinge gewußt wie der moderne Naturforscher, oder er war inspiriert. Pfarrer X. hat überhaupt eine brillante, feine Art, wie er die Bibel erklärt. Als die Bibelkritik anfing, da ging die Ehrfurcht und Achtung vor der Bibel verloren. Aber aus der Bibelkritik wird nie anderes erwachsen. Für die Geisteswissenschaft ist eines charakteristisch, und dieses eine ist Gesinnung. Jeder Gedanke wird durchströmt von dieser Gesinnung, alles wird davon durchdrungen. Und was ist diese Gesinnung? Der Natur gegenüber haben wir auch eine Gesinnung, aber die Natur kritisieren wir nicht. Die Geisteswissenschaft will im Geistesleben unbefangen und mit Verständnis verstehen, alles im Leben verfolgen; nicht den Maßstab von Sympathie und Antipathie anlegen, sondern unbefangen alles verstehen, so im Menschenleben, so in der geistigen Welt. Um Verständnis handelt es sich in der Geisteswissenschaft. Man muß sich eine Gesinnung aneignen im GA 97 – Das christliche Mysterium Seite 100 16:34 Geistesleben wie in den Forschungen der Natur, dann macht man Erfahrungen. Die Bibel soll ein Buch werden, vor dem die Kritik anfängt zu schweigen. Wenn man sie dann richtig und unbefangen liest, so erlebt man, daß man anfängt, etwas als Ausdruck und Erfahrung zu empfinden, was man sich vorher nicht träumen ließ. Man findet dann tiefe Weisheiten, während man vorher sich Hindernisse in den Weg gelegt hat. Aus der Geistesforschung muß der Schlüssel gefunden werden, wie die Bibel richtig zu lesen ist; und sie wird ihn finden. Dann wird die Bibelkritik abgelöst von einer tiefen und tiefgründigen Auslegung. Die Naturwissenschaft hat es nur mit materiellen Erscheinungen zu tun und sieht davon ab, daß diese eine geistige, ihnen zugrunde liegende Entwickelung haben. Die Aufgabe der Geisteswissenschaft ist, das Wesen des Menschen zu erforschen und die Entwickelung des Menschen im Weltenall. Wo Naturforscherweisheit stehenbleiben muß, da tritt die Geistesforschung ein, denn der Naturforscher sieht nur das Äußere, er will die Atome ergründen. Aber gerade das, was der Naturforscher nicht erklären kann, das ist da. Auch der Haeckelismus ist für den Geistesforscher Wahrheit, insofern er äußere Dinge beschreibt. Der Geistesforscher will aber mit höheren, geistigen Augen zurückblicken auf das zarte Werden und will erforschen, welche geistigen Tatsachen neben den äußeren Tatsachen hergehen. Wenn man mit Geistesaugen und Geistesohren die Dinge betrachtet, dann nimmt man das Übersinnliche am Menschen wahr. So viel physische Sinnesorgane wir haben, so viel nehmen wir von der äußeren Welt wahr. Wer also streitet und sagt: Es gibt nur, was ich physisch sehe –, der hat noch keine Geisteskräfte entwickelt. So oft der Mensch ein neues Organ erwirbt, so oft nimmt er eine neue Welt wahr. Die Seelenaugen und Seelenohren können erworben werden. Wenn der Mensch Energie und Geduld genug hat, dann wird er ein Eingeweihter. Was ein Eingeweihter mit geistigen Augen schaut, muß er mit Bildern aus der physischen Welt ausdrücken. Das meinte Goethe, der ein Eingeweihter war, in dem Vers: «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis». Die großen geistigen Wahrheiten in zutreffenden Gleichnissen ausdrücken, nennt man imaginative Erkenntnis. GA 97 – Das christliche Mysterium Seite 101 16:37 Also nicht wegführen von der Materie will die Geisteswissenschaft, sondern sie sieht in der Materie den verdichteten Geist, der sich zu der Materie verhält wie das Eis zum Wasser. Das Siebentagewerk ist ein Vergleich mit großen geistigen Tatsachen. Wer den Schlüssel zum Lesen der Bibel hat, der kann immer wieder die Bibel ganz wörtlich nehmen. Kein Dokument enthält die Wahrheiten der Theosophie besser als die Bibel. Die Erklärung der Bibel und den Zugang zum unbefangensten Verständnis der Bibel strebt die Geisteswissenschaft an. Die Zerspaltung des Schöpfungswerkes in zwei Teile wird man verstehen lernen, wenn man zu unterscheiden lernt den Menschen, der ungeschlechtlich ist – das ist der geistige astrale Mensch. Dann fand eine Umdrehung statt: der ungeschlechtlich-geistige Mensch wurde zum physischen zweigeschlechtlichen Menschen, deshalb muß von einer doppelten Schöpfung die Rede sein. So oft hört man sagen: Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig –, wobei dann jeder seinen eigenen Geist meint. Goethe sagt: Und solang du das nicht hast, Dieses: Stirb und Werde! Bist du nur ein trüber Gast Auf der dunklen Erde. Dieses «Stirb» heißt nicht: töte den physischen Leib, sondern: gebäre einen neuen Menschen aus dir heraus, daß er dir das Werkzeug gibt für die geistige Welt. Er soll ein Werkzeug der Stärke werden. «Stirb und Werde» müssen wir auch zum Buchstaben sagen. In der Geisteswissenschaft ist eben alles wertvoll, auch das Kleinste ist ein Ausdruck von verdichtetem Geist. Wer die Bibel bekämpft, versteht sie nicht, er bekämpft sein eigenes Wahngebilde. Viele Menschen vermessen sich, ein Bekenntnis zu begründen. Aber klein und unbescheiden ist es, wenn man sich dann zufrieden gibt im Bewußtsein: Wie haben wir es so herrlich weit gebracht! – Die Geisteswissenschaft will immer tiefer dringen, sie will liebevoll in den Buchstaben sich vertiefen und der Seele den Weg zum Göttlichen eröffnen. |
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