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I – 10 Die Bergpredigt, Stuttgart, 19. Januar 1907



GA 97 – Das christliche Mysterium
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Die Bergpredigt
Stuttgart, 19. Januar 1907
Die Bergpredigt (Matthäus 5) ist die bedeutendste Offenbarung des Christentums. Gewöhnlich wird darunter eine Predigt verstanden, die Jesus von einem Berge herunter an das Volk gehalten hätte. Aber «auf den Berg gehen» ist ein Schlüsselwort, das sich in allen Geheimsprachen findet und uralt ist. «Liebhaben» ist ebenfalls ein okkultes Schlüsselwort. «Der Jünger, welchen der Herr lieb hatte» –und bei der Auferweckung des Lazarus: «Jesus hatte Martha lieb und ihre Schwester und Lazarus», «Siehe, wie hat er ihn so lieb gehabt». Immer ist unter dem Jünger, welchen der Herr lieb hatte, der Verfasser des Johannes-Evangeliums zu verstehen. Aber im ganzen Johannes-Evangelium steht nie sein Name, selbst nicht bei der Kreuzigung. Da heißt es: «Da nun Jesus seine Mutter sah und den Jünger dabeistehen, den er lieb hatte.» Dieses Wort «liebhaben» hat eine tiefe Bedeutung. Derjenige Schüler eines Meisters, der am tiefsten in die okkulte Wissenschaft aufgenommen und eingeführt wird, heißt «ein Jünger, den der Herr lieb hat». «Auf den Berg gehen» bedeutet: Ins tiefste Mysterium gehen und Worte lehren, welche die Jünger dann wieder zum Volke sprechen. Man liest eben die Worte der Bibel nicht in ordentlicher Weise, sondern liest geradezu über die Worte hinweg.
Vers 1 heißt in richtiger Weise übersetzt: «Da er aber das Volk sah, ging er hinweg auf einen Berg und setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm.. Jesus ging also gerade hinweg vom Volk und redete nur zu seinen Jüngern. Jesus Christus mußte stets die doppelte Sprache führen. Er redete in Gleichnissen, wenn er populär zum Volke sprach. Den Jüngern aber legte er den okkulten Sinn der Worte aus, wenn er mit ihnen «auf dem Berge» war.
Vers 3: «Selig sind, die da Bettler sind um Geist, denn sie werden in sich selbst finden die Reiche der Himmel.» Die Worte, ja selbst die Buchstaben, haben alle einen geheimen, tiefen Sinn. Unser deutsches Ich, mit seinen Buchstabenverbindungen I, C, H, enthält in

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sich die Initialen von Jesus Christus: I-Ch. Die großen Eingeweihten leiteten das Wort darauf hin, daß das Ich = Jesus Christus herauskam. Nur ein Volk konnte die Geburt des Namens Jesu Christi aus dem Ich heraus finden – und so ist die deutsche christliche Mystik entstanden. Es gibt noch mehr solcher Wörter, die einen tiefen, wörtlichen Sinn enthalten; zum Beispiel «heilig» = heil oder grundgesund sein. «Selig sein» = voll der Seele sein, den Inhalt der Seele in sich selbst finden. Selig, wer Drang und Trieb hat, die Seele immer mehr zum Geist zu führen. Wenn viele immer sagen: In sich selbst soll man schauen, dann werden wir Gott finden –, so ist das nicht richtig. Denn wenn wir nur in uns selbst schauen, dann finden wir nur, was eben in uns selbst ist. Wir sollen unser Streben bewachen, unsere Individualität soll herausgehen aus sich selbst, das heißt: Erkenne dich selbst. – Die Autorität der Menschen soll uns nicht Überzeugung, sondern Anregung geben.
Vers 4: «Selig sind, die da Leid auf sich nehmen, denn sie werden durch sich selbst den Trost finden.» Das Leid stellt sich in die Welt wie eines der größten Welträtsel. Schon die Griechen, dieses freie, frohe Geschlecht, das so sehr am Dasein hing, dem Sinnengenuß Lebensluft war, lassen den weisen Silen auf die Frage, was das Beste für den Menschen sei, die Antwort geben: «Elendes Eintagsgeschlecht … Das Allerbeste ist für dich gänzlich unerreichbar: nicht geboren zu sein, nicht zu sein, Nichts zu sein. Das Zweitbeste aber ist für dich – bald zu sterben.» Äsop sagt indessen, daß man aus dem Leid Lehre gewinnt. Und Hiob kommt durch alle seine Leiden, die ihm auferlegt werden, zu dem Schluß: Das Leiden läutert, es bringt den Menschen höher. – Warum gehen wir nach Anhörung einer Tragödie doch befriedigt vom Theater weg? Der Held siegt gegenüber dem Leid. Zwischen dem Höhersteigen des Menschen und dem Schmerz, wenn er getragen wird, besteht ein Zusammenhang. Leid und Schmerz der Seele sprechen durch die Physiognomie zu den Erkennenden. Der Mensch muß sich ein Organ schaffen, damit er das Leid tragen kann. Wie das Auge durch das Licht, das Ohr durch den Ton gebildet wurde, so schaffen sich Leid und Schmerz geistige Organe. In sich selbst trägt der Mensch den Trost der Erkenntnis, daß er das Leid tragen kann. Der Mensch wird höher entwickelt durch das Leid.

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Vers 5: «Selig sind, die da sanften Geistes sind, denn sie werden das Erdenreich besitzen.» Zwei Kräfte sind in der Welt tätig: einerseits der Egoismus, andererseits die Liebe und das Mitleid. Soll sich die Liebe entwickeln, muß der Egoismus schwinden. Die sinnliche Liebe muß sich zur höheren geistigen Liebe entwickeln. Sanften Geistes sein, das ist auch im dritten Satz in «Licht auf den Weg» gemeint: «Eh’ vor den Meistern kann die Stimme sprechen, muß das Verwunden sie verlernen.» Man soll allen mit liebevoller Gesinnung entgegenkommen, daß die Stimme nicht mehr verwundet, dann sind wir sanftmütig, wie es in der Bergpredigt gemeint ist. Das Ziel der Erdenentwickelung ist die Liebe, sie wird das Erdenreich besitzen.
Vers 6: «Selig sind, die da hungern nach der Gerechtigkeit, denn sie werden durch sich selber gesättigt werden.» Hier sagt Christus den Jüngern die ganze Bedeutung der tieferen, innersten Kräfte der menschlichen Seele: Gebt den andern Liebe – nicht: strebt nach Liebe –, dann wird die Liebe allgemein, wenn es jeder selbst tut.
Vers 7: «Selig sind, die barmherzig sind, denn sie werden durch sich selbst Barmherzigkeit erlangen.» Wir sollen uns hineinfühlen in jeden einzelnen Menschen, dann wird unsere getane und gegebene Barmherzigkeit aus den andern uns entgegenstrahlen.
Vers 8: «
Selig sind, die da Reinheit im Herzen haben, denn sie werden durch sich selbst Gott anschauen.» Dieser Satz ist eine Anleitung zur Mystik. Wir sollen unser Herz läutern und reinigen. Das Auge, das da gemeint ist, um Gott zu schauen, das ist das Herz. Es ist das Zukunftsorgan, nicht das Gehirn. Es ist Gott gegenüber das, was ungetrübte Augen dem Licht gegenüber sind.
Vers 9: «Selig sind diejenigen, die da Frieden stiften, denn sie werden Kinder Gottes durch sich selbst sein.» Die Seele macht den Weg von Gott durch den Menschen zu Gott. Friedfertig waren die Seelen, und der Friede führt wieder hin zur göttlichen Wesenheit.
Vers 10: «Selig sind, die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen, denn ihrer ist das HimmelreichJesus Christus verlangt, der

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Mensch stelle an sich selbst die Forderung der Gerechtigkeit, dann wird ihm der Durst durch die Gerechtigkeit gestillt. Eine Erdenforderung und eine Himmelsforderung werden immer auseinandergehalten.
Vers 11: «Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übels wider euch, so sie daran lügen.» Das Christentum darf nicht verwechselt werden mit andern Religionen. Beim Buddhismus kommt es darauf an, daß alles befolgt wird, was Buddha gelehrt hat. So ist es mit der Lehre des Hermes in Ägypten, des Zarathustra in Persien und so weiter. Christus aber war selbst da. Die Jünger waren berufen, Zeugnis abzulegen: Wir haben ihn selbst gehört, haben unsere Finger in seine Nägelmale gelegt. Der Evangelist Johannes spricht am meisten in seinem Evangelium von Jesus Christus. Das Christentum muß an den Christus Jesus selbst glauben, nicht nur an die Lehren von ihm. Der Logos kam herunter zu den Ich-Menschen, das Wort ist in einem Menschen Fleisch geworden und hat wirklich unter uns gewohnt. Alle sind selig in dem Glauben an den Einzigen, in dem der Logos selbst verkörpert ist. Nur Einer kann sagen: «Selig seid ihr, so ihr um meinetwillen verfolgt werdet
Vers 12: «Seid frohen Mutes und voll von Trost, es wird für euch die Frucht im Himmel tragen, denn also haben sie verfolgt die Propheten.» Gemeint sind damit die von Gott inspirierten Ich-Menschen.
Vers 13: «Ihr seid das Salz der Erde.» Salz bedeutet das, was der Erde Weisheit gibt.
Nun könnte jemand auf den Schluß von Kapitel 7, 28 und 29 verweisen: «Und es begab sich, da Jesus diese Rede vollendet hatte, entsetzte sich das Volk über seine Lehre, denn er predigte gewaltig und nicht wie die Schriftgelehrten.« Man könnte also meinen, daß Jesus doch wirklich zu dem Volke gesprochen hätte. Allein diese Verse stehen in gar keinem Zusammenhang mit der Bergpredigt, diese kontrastiert sogar mit dem, was unterdessen im Volk Aufruhr verursacht hatte. Das Volk entsetzte sich über eine Rede Jesu, aber über eine ganz andere als die Bergpredigt – und darüber entstand im

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Volke Tumult und Aufruhr. Man muß nur allen Vorgängen in der Bibel genau nachgehen und die Worte richtig zu lesen wissen, so geht einem für vieles, über das man bisher einfach weggelesen hat, ein neues Verständnis auf.
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