domenica 25 dicembre 2011

19121224

DIE GEBURT DES ERDENLICHTES AUS DER FINSTERNIS DER WEIHENACHT Berlin, 24. Dezember 1912

Vor Mitgliedern - GA 143 Erfahrungen des Übersinnlichen

#G143-1970-SE215 - Erfahrungen des Übersinnlichen - Die Wege der Seele zu Christus
#TI
DIE GEBURT DES ERDENLICHTES
AUS DER FINSTERNIS DER WEIHENACHT
Berlin, 24. Dezember 1912
#TX
20111224 16:56

Schön ist es, meine lieben Freunde, daß die Verhältnisse es gestatten, daß wir uns heute Abend an diesem Festtage hier vereinigen können. Es gibt ja unter uns viele Freunde, welche an diesem Tage in einer ge­wissen Beziehung allein stehen, während selbstverständlich die weit­aus größte Zahl das Fest der Liebe und des Friedens draußen im Kreise derjenigen zu feiern hat, mit denen sie sonst in der Welt verbunden sind. Doch ist es ja so selbstverständlich, daß auch wir anderen, die wir in einer solchen Weise nicht da oder dorthin gebunden sind, gerade durch die Geistesströmung, innerhalb welcher wir stehen, am aller­wenigsten ausgeschlossen sind von der Teilnahme an dem Fest der Liebe und des Friedens. Was sollte denn auch in einem schöneren Sinne geeignet sein, uns am heutigen Abend zu vereinigen in der Atmo­sphäre, in der geistigen Luft von gegenseitiger Liebe und von unsere Herzen durchziehendem Frieden, als eine der Erforschung des Gei­stigen dienende Bewegung? Und auch insofern dürfen wir es als ein gutes Geschick bezeichnen, daß wir gerade in diesem Jahre an diesem Abend vereinigt sein können und dieses Fest durch eine kleine Betrach­tung unseren Herzen naheführen können, aus dem Grunde dürfen wir es noch, da wir in diesem Jahre selber vor der Geburt desjenigen stehen, das uns, wenn wir es in der richtigen Weise verstehen, gar sehr am Herzen liegen muß: vor der Geburt unserer Anthroposophischen Ge­sellschaft. Wenn wir das große Ideal, das wir durch die Anthroposo­phische Gesellschaft zum Ausdruck bringen wollen, in der richtigen Weise gelebt haben, und wenn wir geneigt sind, unsere Kräfte in der entsprechenden Weise für dieses große Ideal der Menschheit einzu­setzen, so muß es uns nahe liegen, von diesem unserem geistigen Lichte oder Lichtesmittel die Gedanken schweifen zu lassen zu dem Aufgange des großen Lichtes der Menschheitsevolution auf der Erde, der durch diese Nacht der Liebe und des Friedens gefeiert wird, in welcher wir ja wirklich dasjenige, geistig oder seelisch, vor uns haben, was man
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nennen kann die Geburt des Erdenlichtes, des Lichtes, das aus der Finsternis der Weihenacht herausgeboren werden soll, das aber leuch­ten soll den Menschenseelen und den Menschenherzen für alles, was diese Menschenseelen und Menschenherzen nötig haben, um den Weg zu den geistigen Höhen hinauf zu finden, die durch die Erdenmission erstiegen werden sollen.
Wenn wir uns ins Herz hineinschreiben wollen, was wir in dieser Weihenacht empfinden können, was ist es denn eigentlich?
Es sollte sich in dieser Weihenacht in unsere Seele gießen die mensch­liche Grundempfindung von Liebe, die Grundempfindung davon, daß gegenüber allen anderen Kräften und Mächten und Gütern der Welt das Gut und die Kraft und die Macht der Liebe das Größte, das Inten­sivste, das Wirksamste ist. Ins Herz, in die Seele sollte sich die Empfin­dung davon ergießen, daß Weisheit etwas Großes ist - etwas Größeres noch die Liebe; daß Macht etwas Großes ist - etwas Größeres noch die Liebe. Aber so stark sollte sich die Empfindung von der Macht und der Kraft und der Stärke der Liebe in unsere Herzen gießen, daß von dieser Weihenacht etwas überströmen könnte in alle unsere Empfin­dungen des übrigen Jahres, so etwas überströmen, von dem wir sagen können, daß es etwa das ausdrückte, was wir immer fühlen: Wir müs­sen uns eigentlich schämen, wenn wir in irgendeiner Stunde des Jahres etwas tun, was nicht bestehen kann vor dem geistigen Hinblicke zu jener Nacht, in welcher wir die Allkraft der Liebe in unsere Herzen gießen wollen. Möchten die Tage, möchten die Stunden des Jahres so verlaufen können, daß wir uns nicht zu schämen brauchen vor der Empfindung, die wir in der Weihenacht in unsere Seelen hineingie­ßen wollen!
Wenn wir so empfinden und fühlen können, dann fühlen wir mit allen den Wesen, welche der Menschheit die Bedeutung der Weihenacht nahebringen wollten, die Bedeutung der Beziehung der Weihenacht zu dem ganzen Christus-Impuls innerhalb der Erdenevolution.
Vor uns steht ja dieser Christus-Impuls, man kann sagen, in drei­facher Gestalt. Und bedeutungsvoll kann an dem Fest des Christus heute in dreifacher Gestalt der Christus-Impuls vor uns stehen. Die eine Gestalt gibt uns der Hinblick auf das Matthäus-Evangelium. Die
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Wesenheit, die geboren wird, oder deren Geburt wir in dieser Weihe-nacht feiern, sie tritt in die Menschheitsentwickelung so hinein, daß drei Spitzen der Menschheit,
drei Vertreter der hohen Magie herbei-kommen, um dem königlichen Wesen zu huldigen, das in die Mensch­heitsentwickelung eintritt. «Könige» im geistigen Sinne des Wortes, magische Könige kommen, dem großen Geistkönige zu huldigen, der da erscheint in der Gestalt, die er erlangen konnte dadurch, daß ein so hohes Wesen, wie es einst der Zarathustra war, seine Entwickelungsstadien durchmachte, um zu der Höhe jenes Geisteskönigs zu gelangen, dem die magischen Könige huldigen wollten. Und so steht der Geistkö­nig des Matthäus-Evangeliums vor unserem geistigen Blicke, daß er in die Menschheitsentwickelung hereinbringt einen unendlichen Quell der Güte und einen unendlichen Quell mächtiger Liebe, jener Güte und je­ner Liebe, vor der menschliche Bosheit sich zum Kampfe aufgerufen fühlt. Daher sehen wir in zweiter Weise den Geistkönig so in die Mensch­heitsentwickelung hereintreten, daß dasjenige, was die Feindschaft ge­genüber dem Geisteskönig sein muß, sich aufgerufen fühlt in der Ge­stalt des Herodes, und daß der Geistkönig fliehen muß vor dem, was Feind ist der Geisteskönigschaft. So steht er vor unserem geisti­gen Blicke in majestätischer, magischer Glorie. Und vor unserer Seele taucht das wunderbare Bild des Geisteskönigs auf, des wiederver­körperten Zarathustra, der edelsten Blüte der Menschheitsentwicke­lung - wie sie durchgegangen ist von Inkarnation zu Inkarnation auf dem physischen Plan und die Weisheit eine Vollendung hat erreichen lassen -, umgeben von den drei magischen Geistkönigen, selber Blüten und Spitzen der Menschheitsentwickelung.
Noch in anderer Gestalt kann der Christus-Impuls vor unsere Seele treten: wie er uns im
Markus-Evangelium, im Johannes-Evangelium erscheint, wo wir gleichsam hingeführt werden zu dem kosmischen Christus-Impuls, der ausdrückt, wie der Mensch seinen ewigen Zu­sammenhang mit den großen kosmischen Kräften dadurch hat, daß wir durch das Verständnis des kosmischen Christus gewahr werden, wie in die Erdenentwickelung selber ein kosmischer Impuls durch das Mysterium von Golgatha hereingenommen wird. Noch als etwas un­endlich Größeres und Gewaltigeres als der Geistkönig, der von den
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Magiern umgeben vor unserem geistigen Auge steht, tritt vor uns hin die mächtige kosmische Wesenheit, welche Besitz ergreifen will von dem Träger jenes Menschen, der da ist der Geisteskönig, die Blüte und Spitze der Erdentwickelung selber. Es ist im Grunde genommen nur der heutigen Menschen Kurzsichtigkeit, wenn nicht die ganze Größe und Macht des Einschnittes gefühlt wird, der in der Menschheitsent­wickelung dadurch gegeben war, daß der Zarathustra zum Träger des kosmischen Christus-Geistes wurde, wenn nicht gefühlt wird die ganze Bedeutung desjenigen, was als «
Christus-Träger» in jenem Momente der Menschheitsentwickelung vorbereitet wurde, den wir durch die christliche Weihenacht feiern. Ein etwas tieferes Hineingehen in die Menschheitsentwickelung zeigt uns überall, wie tief einschneidend in die ganze Erdevolution das Christus-Ereignis ist. Fühlen wir es durch eine einschlägige Betrachtung an diesem Abend, damit von dieser Be­trachtung etwas ausstrahlen kann in unsere übrige anthroposophische Vertiefung und Versenkung.
Vieles könnte dazu angeführt werden. Es könnte gezeigt werden, wie vor die Menschheit hintrat in Zeiten, die dem Spirituellen noch näher standen, ein ganz neuer Geist gegenüber dem, der in der vor-christlichen Zeit in der Erdenentwickelung gewaltet und gewirkt hat. Eine Gestalt wurde zum Beispiel geschaffen, eine Gestalt, die aber ge­lebt hat, und die uns ausdrückt, wie es auf eine Seele der ersten christ­lichen Jahrhunderte gewirkt hat, wenn diese Seele sich erst noch ganz hineingestellt empfand in die alten heidnischen Geisteserkenntnisse, und dann empfand, wie sich alles in der Seele änderte, wenn sie mit den alten heidnischen Geisteserkenntnissen unbefangen und vorurteilsfrei sich dem Christus-Impuls entgegenstellte. - Wir verstehen heute im­mer mehr und mehr eine solche Gestalt wie
die des Faust. Wir fühlen in dieser Gestalt, die ein neuerer Dichter, Goethe, sozusagen wieder-erweckt hat, das Höchste von menschlichem Streben ausgedrückt, empfinden aber auch, wie die Möglichkeit tiefster Schuld in ihr aus­gedrückt werden soll. Aber wenn man von allem absieht, was neuere dichterische Kraft an Künstlerischem geben kann, so kann man sa­gen: Tiefes und Bedeutungsvolles, das in einer Seele lebte, kann man Fühlen, wenn man zum Beispiel sich vertieft in die Dichtung der griechischen
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18:17
Kaiserin Eudokia, die eine Wiederbelebung der alten Legende von Cyprianus geschaffen hat, welche einen Menschen schildert, der ganz in der alten heidnischen Götterwelt lebte und in sie verstrickt werden konnte, einen Menschen, der noch nach dem Mysterium von Golgatha ganz den alten heidnischen Geheimnissen, Kräften und Mäch­ten hingegeben war. Schön ist jene Szene, in der geschildert wird, wie
Cyprianus die Justina kennenlernt, die schon von dem Christus-Im­puls berührt ist, die hingegeben ist jenen Mächten, die durch das Chri­stentum dargestellt werden. Die Versuchung tritt an ihn heran, sie von ihrem Wege abzubringen, die Versuchung, sich zu diesem Zwecke der alten heidnischen Zaubermittel zu bedienen. Alles, was zwischen Faust und Gretchen spielt, spielt in dieser Atmosphäre des Kampfes alter heidnischer Impulse gegen den Christus-Impuls. Es nimmt sich, wenn wir von dem Spirituellen absehen, grandios noch aus in der Erzählung von dem alten Cyprianus und in der Versuchung, der er ausgesetzt war gegenüber der Christin Justina. Und wenn die Dichtung der Eudokia auch nicht besonders gut ist, so muß man doch sagen: Da steht das Erschütternde des Zusammenpralles der alten vorchristlichen Welt mit der christlichen Welt; da steht in Cyprianus ein Mensch, der sich noch fernstehend dem Christentum fühlt, der sich noch ganz hinge­geben fühlt den alten heidnischen Götterkräften: es ist eine gewisse Ge­walt in der Schilderung. Einige Stellen nur seien heute vorgeführt, wie Cyprianus sich fühlt gegenüber den Zauberkräften der vorchristlichen Geistesmächte. So hören wir von ihm in der Dichtung der Eudokia:

Bekenner Christi, die ihr treu und warm
Im Herzen hegt den viel gepries' nen Heiland,
Seht meiner Tränen frischen Strom, und dann
Vernehmet, aus welchem Quell mein Kummer stammt.
Und ihr, die noch der finstre Wahn umstrickt
Der Götzenbilder, merkt auf das, was ich
Von ihrem Lug und Trug erzählen werde.
Denn nimmer hat ein Mensch gelebt, der so wie
Ich den falschen Göttern war ergeben
Und der Dämonen Art so gründlich kannte.
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10:47
Ja, Cyprianus bin ich, den als Kind
Die Eltern dem Apollo dargebracht.
Es war des zarten Säuglings Wiegenlied
Gelärm der Orgien, wenn man das Fest
Des grausen Drachen feiert'. Siebenjährig
Ward ich geweiht dem Sonnengotte Mithras.
Ich wohnt' in der erhab'nen Stadt Athen
Und ward ihr Bürger auch. Denn so gefiel's
Den Eltern. Als ich zehn der Jahre zählte,
Hab ich Demeters Fackeln angezündet
Und mich versenkt in Koras Trauerklage.
Ich hegt' der Pallas Schlange auf der Burg
Als Tempelknabe.

Dann zum Waldgebirg
Olympos stieg ich auf, wo Toren sich
Den lichten Wohnsitz sel'ger Götter denken.
Die Horen sah ich und den Schwarm der Winde,
Der Tage Chor, die phantasiebeflügelt
Mit Gaukelbildern durch das Leben ziehn.
Ich sah Gewühl von Geistern kampfentbrannt,
Und Hinterhalte voller List; von Spott
Und Lachen berstend die, und jene ganz
Von Schreck erstarrt. Die Reihen sah ich all'
Der Göttinnen und Götter. Denn wohl vierzig
Und noch mehr Tage hab ich dort verweilt.
Es war mein Mahl, wenn Helios niedersank,
Der dichtbelaubten Wipfel Frucht. Wie
Als wären sie aus hoher Königsburg
Entsandt, durchziehn die Luft die Geisterboten,
Um dann zur Welt hinab zu steigen, wo
Die Menschheit sie mit tausend Übeln plagen.
Ich zählte
fünfzehn Jahr' und kannte schon
Die Wirkenskraft der Götter und der Geister,
Denn mich belehrten sieben Oberpriester.
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18:37 10:50
Der Eltern Wille war's daß ich gewönne
Vor allem Wissenschaft, was ist auf Erden,
Im Reich der Lüfte und im tiefen Meer.
Ich hab' durchforscht, was in der Menschenbrust
Verderben brütet, was im Kraute gärt,
Im Saft der Blume, was um müde Leiber
Als Siechtum schleicht, und was die bunte Schlange,
Der Fürst der Welt voll arger List erschafft,
Um Gottes ew'gen Ratschluß zu bestreiten.

Ins schöne Land von Argos zog ich hin,
Das rossenährende. Das Fest der Eos,
Der weißgewand'gen Gattin des Tithonos,
Beging man grad, und dort ward ich ihr Priester.
Ich lernte kennen, was geschwisterlich
Die Luft und dieses Poles Rund durchzieht,
Was Wasser macht der Ackerflur verwandt,
Und was den Himmel trübt als Regenschauer.

So hatte
Cyprianus alles kennengelernt, was man kennenlernen konnte, wenn man sozusagen eingeweiht wurde in die vorchristlichen Myste­rien. Oh, er schildert sie genau, diese Mächte, zu denen diejenigen auf-blicken konnten, die mit den alten Einweihungsurkunden nur betraut waren in der Zeit, als diese alten Urkunden nicht mehr galten; er schildert sie hinreißend in ihrer nicht mehr in die Zeit hineingehören­den Furchtbarkeit.

Ich sah den Dämon selbst von Angesicht,
Nachdem ich ihn mit Opfern mir gewonnen;
Ich sprach zu ihm, und er erwidert' mir
Mit Schmeichelworten. Meine Jugendschöne
Und mein Geschick zu seinen Werken rühmend,
Verhieß er mir die Herrschaft dieser Welt
Und gab mir Macht, den Geistern zu gebieten.
Er grüßte mich mit meinem Namen, als
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18:39 10:51
Ich schied, und staunend sahn es seine Großen.
Sein Antlitz gleicht der Blume reinen Goldes;
Er trägt ein Diadem von Funkelsteinen
Und flammendes Gewand. Die Erde bebt,
Wenn er sich rührt. In dichten Reih'n umstehn
Speerträger seinen Thron, den Blick gesenkt.
So dünkt er sich ein Gott, so äfft er nach
Des Ew'gen Werke, den er frech bestreitet.
Doch machtlos schafft er nicht'ge Schemen nur;
Denn der Dämonen Wesenheit ist Schein.

Und wie die Versuchung ihm naht, wie das alles auf ihn wirkt, bevor er kennenlernt den Christus-Impuls, auch das wird uns geschildert.

Ich zog vom Land der Perser fort und kam
Nach Antiochia, der großen Stadt
Der Syrer; hier verübt' ich Wunders viel
Von Zauberei und höllischer Magie
Ein Jüngling sucht mich auf, Aglaidas,
Von Lieb' entbrannt, und mit ihm viel Gefährten.
Ein Mädchen war's,
Justina ist ihr Name,
Für das er glüht', und meine Knie umschlingend
Beschwor er mich, in seine Arme sie
Durch Zauberkunst zu ziehn. Und da zuerst
Ward mir des Dämons Ohnmacht offenbar.
Denn so viel Geisterscharen er beherrscht,
So viel entsandt er wider jene Jungfrau,
Und alle kehrten sie beschämt zurück.
Auch mich, Aglaidas' Beförd'rer, machte
Justinas fromme Glaubenskraft zu Schanden;
Sie zeigte mir, wie eitel meine Kunst.
Manch schlummerlose Nacht durchwacht' ich da
Und quälte mich mit Zaubereien ab.
Zehn Wochen lang bestürmt' der Fürst der Geister
Das Herz der Jungfrau. Eros hatte, ach!
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18:56 10:53
Nicht den Aglaidas allein verwundet,
Auch mich ergriff der Liebe Raserei.

Und aus dieser Verwirrung, in die ihn die alte Welt gebracht hatte, wird
Cyprianus geheilt durch den Christus-Impuls - es ist etwas wie eine Abschattung, nur in eine größere dichterische Gewalt getaucht, was wir dann in der Faust-Dichtung vor uns haben -, indem er den alten Zauber von sich wirft, um den Christus-Impuls in seiner ganzen Größe zu verstehen. - An einer solchen Gestalt zeigt sich uns so recht, wie in den ersten christlichen Jahrhunderten gefühlt wurde, was wir uns in zweifacher Gestalt, manches wiederholend, jetzt vor die Seele geführt haben.
Eine dritte Gestalt, gleichsam ein dritter Aspekt des Christus-Impulses ist der, welcher uns so recht zeigen kann, wie wir durch das, was wir im ganzen Sinne des Wortes «Theosophie» nennen kön­nen, uns verbunden fühlen können mit allem, was menschlich ist. Das ist jener Aspekt, den in einzigartiger Weise das Lukas-Evangelium schildert, und der fortgewirkt hat in der Darstellung des Christus-Impulses, wie er vorbereitet wird durch
das «Kind». In jener Liebe und Einfalt und zugleich Ohnmacht, wie uns das Kind Jesus im Lukas-Evangelium entgegentritt, war der Christus-Impuls geeignet, hinge-stellt zu werden vor alle Herzen. Alle konnten sich verwandt fühlen mit dem, was so einfach, so eben als Kind kindlich und doch so groß und gewaltig zu den Menschen sprach aus dem Kinde des Lukas-Evangeliums, das nicht dargestellt wird den magischen Königen, das dargestellt wird den armen Hirten des Feldes. Jenes Wesen des Mat­thäus-Evangeliums steht an der Spitze des Menschheitswerdens, und huldigend kommen geistige Könige, magische Könige. Das Kind des Lukas-Evangeliums steht in Einfachheit da, ausgeschlossen von der Menschheitsentwickelung, als Kind zunächst, von keinen Großen emp­fangen, aber empfangen von den Hirten des Feldes. Nicht so steht es drinnen im Menschheitswerden, das Kind des Lukas-Evangeliums, daß wir etwa im Lukas-Evangelium gleichsam selber darauf aufmerksam gemacht würden, wie die Bosheit der Welt sich aufgerufen fühlt gegen seine königliche Geistesmacht. Nein. Das aber tritt uns klar entgegen -
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18:58 12:05
wenn auch nicht gleich des
Herodes Gewalt und Bosheit uns entgegen­tritt -, daß das, was in diesem Kinde gegeben ist, so groß, so edel, so bedeutend ist, daß die Menschheit selber es nicht in ihre Reihen auf­nehmen kann, daß es arm und verlassen von der Menschheitsentwicke­lung, wie in die Ecke geworfen erscheint und dadurch auf eine merk­würdige Weise seinen außermenschlichen, seinen göttlichen oder, was dasselbe ist, seinen kosmischen Ursprung uns zeigt. Und wie war dann dieses Lukas-Evangelium inspirierend für alle die, welche in zahlrei­chen künstlerischen und anderen Darstellungen Szenen, die eben durch das Lukas-Evangelium angeregt waren, immer wieder und wieder ge­geben haben! Fühlen wir nicht gegenüber den anderen künstlerischen Darstellungen, daß jene künstlerischen Darstellungen, die Jahrhun­derte hindurch durch das Lukas-Evangelium angeregt waren, uns den Jesus darstellen als ein Wesen, mit dem jeder Mensch, selbst der ein­fachste, sich verwandt fühlen könnte? Der einfachste Mensch lernte durch das, was durch den Lukas-Jesus-Knaben fortwirkte, das ganze Ereignis von Palästina wie ein Familienereignis fühlen, das ihn sel­ber anging wie das Ereignis eines unmittelbar nahen Verwandten. Kein Evangelium hat so fortgewirkt wie das Lukas-Evangelium in sei­ner holdseligen Stimmung und Strömung, indem es der Menschenseele die Jesus-Wesenheit intim gemacht hat. Und doch, alles ist drinnen in dieser kindlichen Darstellung, alles, was drinnen sein soll in einem gewissen Aspekt des Christus-Impulses: daß das Höchste in der Welt, in der ganzen Welt, die Liebe ist; daß die Weisheit Großes ist, erstre­benswert ist, daß ohne Weisheit die Wesen nicht bestehen können, daß die Liebe aber etwas Größeres ist; daß die Macht und die Kraft, durch welche die Welt gezimmert ist, etwas Großes ist, ohne das die Welt nicht bestehen kann, daß die Liebe aber etwas Größeres ist. Derjenige fühlt nur den Christus-Impuls richtig, der auch das Höhere der Liebe gegenüber der Macht und der Stärke und der Weisheit fühlen kann. Weisheit müssen wir erstreben, vor allem als menschliche Geistindi­vidualitäten, denn Weisheit gehört zu den göttlichen Impulsen der Welt. Und daß wir Weisheit erstreben müssen, daß Weisheit das hei­lige Gut sein muß, das uns vorwärtsbringt, das sollte ja gerade in der ersten Szene der «Prüfung der Seele» dargestellt werden: daß wir die
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19:01 12:07
Weisheit nicht versiegen lassen dürfen, daß wir sie pflegen müssen, um auf der Leiter der Menschheitsentwickelung durch die Weisheit aufzusteigen. Aber überall, wo Weisheit ist, da ist ein Zweifaches:
Weisheit der Götter, Weisheit der luziferischen Gewalten. Nahe kommt das Wesen, das nach Weisheit strebt, unter allen Bedingungen auch den Gegnern der Götter, der Schar des Lichtträgers, der Schar des Luzifer. Daher gibt es keine göttliche Allweisheit, weil der Weisheit immer gegenübersteht ein Opponent: der Luzifer.
Und
die Macht und die Kraft! Durch die Weisheit wird die Welt begriffen, durch die Weisheit wird sie erschaut, wird sie erleuchtet; durch die Macht und die Kraft wird die Welt gezimmert. Alles, was zustande kommt, es kommt zustande durch die Macht und die Kraft, welche in den Wesen ist, und wir würden uns ausschließen von der Welt, wenn wir nicht unseren Anteil suchten an der Macht und der Kraft der Welt. Wir sehen diese Macht und Kraft der Welt, wenn der Blitz durch die Wolken zuckt, wir nehmen sie wahr, wenn der Donner rollt, wenn der Regen sich aus den Himmelsräumen herunterergießt auf die Erde, um sie zu befruchten, oder wenn die Sonnenstrahlen nie­derschießen, um die in der Erde schlummernden Pflanzenkeime her­vorzuzaubern. In den Naturkräften, die auf die Erde niederwirken, sehen wir diese Macht und Kraft heilbringend als Sonnenschein, als Regen- und Wolkenkräfte; aber auf der anderen Seite sehen wir diese Macht und Kraft zum Beispiel in den Vulkanen, wie gegen die Erde selbst sich erhebend: Himmelskraft gegen Himmelskraft. Und wir schauen hinein in diese Welt, und wir wissen: Wenn wir selber Wesen des Weltalls sein wollen, so muß etwas von ihnen auch in uns wirken, wir müssen unseren Anteil an der Macht und der Kraft haben. Da­durch stehen wir in der Welt drinnen: die göttlichen und die ahrimani­schen Gewalten durchleben und durchzucken uns. Die Allmacht ist nicht allmächtig, denn immer hat sie ihren Gegner Ahriman gegen sich.
Zwischen ihnen - zwischen der Macht und der Weisheit - steht die Liebe, und wir fühlen, wenn sie richtige Liebe ist, daß sie einzig und allein göttlich ist. Von Allmacht, Allstärke können wir reden wie von einem Ideal; aber ihr steht gegenüber
Ahriman. Von Allweisheit kann man sprechen wie von einem Ideal; aber ihr gegenüber steht die Kraft
#SE143-226
13:03
des
Luzifer. «All-Liebe» zu sagen, erscheint absurd, denn sie ist keiner Steigerung fähig, wenn wir sie richtig üben. Weisheit kann klein sein -sie kann vergrößert werden; Macht kann klein sein - sie kann ver­größert werden. Daher kann als Ideal gelten Allweisheit und Allmacht. Weltenliebe - wir fühlen, daß der Begriff der All-Liebe von ihr ausge­schlossen sein muß; denn Liebe ist etwas Einziges.
Geradeso wie im
Lukas-Evangelium das Jesus-Kind vor uns hinge-stellt wird, so erscheint es uns als die Personifikation der Liebe; aber es erscheint uns als Personifikation der Liebe zwischen der Weisheit oder Allweisheit und Allmacht. Und im Grunde genommen erscheint es uns so, weil es eben Kind ist. Die Steigerung liegt nur darin, daß das Kind zu allem, was das Kind sonst hat, noch die Eigenschaft der Ver­lassenheit, des Hinausgeworfenseins in eine Menschheitsecke hat. Den Wunderbau des Menschen, wir sehen ihn schon im kindlichen Orga­nismus veranlagt. Wo wir im weiten Weltenall das Auge hinwenden, es gibt nichts, das so sehr nur durch Weisheit zustande kommt wie dieser Wunderbau, der uns, noch dazu unverdorben, im kindlichen Organismus vor Augen tritt. Und so, wie im Kinde erscheint, was Allweisheit im physischen Leibe ist, so erscheint sie dann auch an sei­nem Ätherleibe, wo die Weisheit von kosmischen Mächten sich aus­drückt, so im Astralleibe, und so im Ich. Wie ein Extrakt der Weisheit, so liegt das Kind da. Und wenn es gleichsam in eine Ecke geworfen ist, wie das Kind Jesus, dann fühlen wir: Abgesondert liegt ein Bild von Vollkommenheit da: die konzentrierte Weltenweisheit.
Aber auch
die Allmacht erscheint uns personifiziert, wenn das Kind so daliegt, wie es uns im Lukas-Evangelium geschildert wird. Wie es mit der Allmacht im Verhältnisse zu dem Kindesleib und dem Kindeswesen beschaffen ist, das fühlt der, der die ganze Kraft dessen in seiner Seele sich vergegenwärtigt, was göttliche Mächte und Natur­kräfte vollbringen können. Man vergegenwärtige sich die Gewalt der Naturmächte und -kräfte nahe der Erde, wenn die Wetter walten; man vergegenwärtige sich die Naturmächte, die drunten in der Erde walten, stürmisch und bewegt; man denke sich das ganze Brodeln der Weltenmächte und Weltenkräfte, alles dessen, was von den guten Mächten und den ahrimanischen Mächten zusammenstürmt; man
#SE143-227
13:07
denke sich, wie es wütet und wühlt. Und nun denke man sich, daß alles, was so durcheinanderstürmt, von einem kleinen Plätzchen der Welt hinweggeschoben wird, damit an diesem kleinen Plätzchen der Wun­derbau des Kinderkörpers liegen kann, um einen kleinen Körper aus­zusondern: denn geschützt muß der Kindeskörper sein; wäre er nur einen Augenblick der Gewalt der Naturmächte ausgesetzt, er würde hinweggefegt! Da fühlt man das Hineingestelltsein in die Allmacht. Und man fühlt jetzt, wie die Menschenseele empfinden kann, wenn sie unbefangen auf das hinschaut, was das Lukas-Evangelium also ausdrückt: Man gehe mit Weisheit heran an diese konzentrierte Weis­heit des Kindes, man gehe mit der größten Menschenweisheit an sie heran: Spott und Torheit ist diese Weisheit! Denn so groß kann sie doch nie sein, wie die aufgewendete Weisheit war, damit der Kindes-leib vor uns liegen kann. Die höchste Weisheit bleibt Torheit und muß scheu stehen vor diesem Kindesleib und verehren himmlische Weis­heit, aber sie weiß, daß sie an jene nicht herankommen kann: Spott nur ist diese Weisheit, zurückgestoßen muß sie sich fühlen in ihrer eigenen Torheit.
Nein, mit Weisheit kommen wir nicht an das heran, was uns als das Jesus-Wesen im Lukas-Evangelium hingestellt wird.
Kommen wir mit Macht heran?
Wir kommen nicht mit Macht heran. Denn Macht anzuwenden, hat nur einen Sinn, wo Gegenmacht sich geltend macht. Das Kind aber begegnet uns - ob wir viel, ob wir wenig Macht anwenden wol­len - mit seiner Ohnmacht und
spottet in seiner Ohnmacht unserer Macht! Denn es hätte keine Bedeutung, mit der Macht an das Kind heranzukommen, da es uns nichts als Ohnmacht entgegenstellt.
Das ist das Wunderbare, daß uns der Christus-Impuls, indem er uns in seiner Vorbereitung in dem Kind Jesus hingestellt wird, gerade in dieser Weise im Lukas-Evangelium entgegentritt, daß wir, und wären wir noch so weise, mit unserer Weisheit nicht herankommen können, mit unserer Macht ebensowenig herankommen können. Alles, was uns sonst mit der Welt verbindet, es kann nicht herankommen an das Kind Jesus, wie es im Lukas-Evangelium geschildert wird. Eines kann nur herankommen -
nicht Weisheit, nicht Macht: Liebe. Und diese in unbegrenzter
#SE143-228
13:10
Art dem kindlichen Wesen entgegenzubringen, das ist das einzig mögliche.
Die Macht der Liebe, und die alleinige Rechtfertigung und die alleinige Bedeutung der Liebe, das ist es, was wir so tief fühlen können, wenn wir das Lukas-Evangelium auf unsere Seele wirken lassen.
Wir leben in der Welt, und keiner darf der Impulse der Welt spot­ten. Es hieße seine Menschheit verleugnen und die Götter betrügen, wollte man nicht nach Weisheit streben. Jeder Tag und jede Stunde des Jahres ist gut angewendet, wo wir uns klar werden, daß es unsere Menschheitspflicht ist, nach Weisheit zu streben.
Jeder Tag und jede Stunde des Jahres zwingen uns aber auch, daß wir gewahr werden, wie wir in die Welt hineingestellt sind und ein Spiel der Kräfte und Mächte der Welt sind, der die Welt durchpulsenden Allmacht. Aber einen Augenblick gibt es, wo wir es vergessen dürfen und uns dessen erinnern, was das Lukas-Evangelium vor uns hinstellt: wo wir des Kindes ge­denken, das noch ohnmächtiger ist und noch weisheitsvoller als andere Menschenkinder, und dem gegenüber die höchste Liebe in ihrer Be­rechtigung sich darstellt, dem gegenüber die Weisheit stillestehen muß, dem gegenüber die Macht stillestehen muß.
So können wir so recht fühlen, welche Bedeutung es hat, daß gerade dieses von den
einfachen Hirten empfangene Christus-Kind als der dritte Aspekt des Christus-Impulses vor uns hingestellt wird: neben dem großen kosmischen Aspekt, neben dem geistköniglichen Aspekt der kindliche Aspekt. Der geistkönigliche Aspekt tritt an uns so her­an, daß wir an die höchste Weisheit erinnert werden, und daß das Ideal höchster Weisheit vor uns hingestellt wird. Der kosmische As­pekt tritt so vor uns hin, daß wir wissen, daß durch ihn die ganze Richtung der Erdenentwickelung neu gestaltet wird. Höchste Macht durch den kosmischen Impuls zeigt sich vor uns, höchste Macht so groß, daß sie selbst den Tod besiegt. Was als Drittes hinzukommen muß zu Weisheit und Macht und sich in unsere Seele senken muß als das über die beiden Hinausgehende, es wird uns als das dargestellt, von dem die Menschheitsentwickelung auf der Erde, auf dem physi­schen Plane ausgeht. Und das hat genügt, um der Menschheit durch die immer wiederkehrende Darstellung der Jesus-Geburt in der Weihenacht
#SE143-229
13:13
die ganze Bedeutung der Liebe in der Welt- und Menschheits­entwickelung nahezubringen. So ist es in der Weihenacht, daß vor uns hingestellt wird die Geburt des Jesus-Kindes, daß aber
geboren werden kann in jeder Weihenacht durch den Anblick dieser Geburt des Jesus-Kindes in unserer Seele das Verständnis echter, wahrer, alles übertö­nender Liebe. Und wenn in der rechten Weise in der Weihenacht Ver­ständnis der Empfindung der Liebe in unserer Seele erwacht, wenn wir diese Christus-Geburt feiern: das Erwachen der Liebe-, dann kann von jenem Augenblicke, den wir erleben, das ausstrahlen, was wir für die übrigen Tage und Stunden des Jahres brauchen, auf daß gesegnet und damit durchtränkt werde das, was wir an jedem Tage und in jeder Stunde des Jahres an Weisheit anstreben können.
In einer merkwürdigen Weise hat gerade durch diese Betonung des Liebe-Impulses das Christentum sich schon in der Römerzeit in die Menschheitsentwickelung hineingestellt: daß etwas gefunden werden kann in den Menschenseelen, wo sich die Seelen einander nahekommen, indem sie nicht berühren, was die Welt den Menschen gibt, sondern was die Menschenseelen durch sich selber haben. Man hatte immer das Bedürfnis, ein solches Nahekommen der Menschheit in Liebe zu haben. Aber als das Mysterium von Golgatha herankam, wozu war es da in der römischen Welt geworden? Zu den Saturnalien war es geworden
. In den Dezembertagen, vom siebzehnten ab, begannen die Saturnalien, wo die Rang- und Ständeunterschiede aufgehoben waren. Da stand nur der Mensch dem Menschen gegenüber, hoch und niedrig hörte auf, alles redete sich mit Du an. Was von der äußeren Welt kam, das war hinweggefegt. Aber zum Scherz und Spaß schenkte man dann auch den Kindern die «Saturnaliengeschenke», die dann später zu un­seren Weihnachtsgeschenken wurden. Daß man zum Scherz, zum Spaß, seine Zuflucht nehmen muß, wenn man über die sonst herrschenden Unterscheidungen hinauskommen will, dazu war das alte Römertum gekommen.
Mitten hinein stellte sich um diese Zeit das Neue, wo die Menschen nicht den Scherz und den Spaß, sondern das Höchste in ihrer Seele, das Geistige aufrufen. So stellte sich das Gleichfühlen von Mensch zu Mensch in das Christentum hinein zu jener Zeit, in welcher es in Rom
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13:18
die ausgelassene Gestalt der Saturnalien angenommen hat. Das aber bezeugt uns auch
den Aspekt der Liebe, der allgemeinen Menschen-liebe, die von Mensch zu Mensch walten kann, wenn wir den Men­schen in seinem Tiefsten erfassen. Wir erfassen ihn zum Beispiel in seinem Tiefsten, wenn das Kind am Weihnachtsabend wartet des Kom­mens des Weihnachtskindes oder des Weihnachtsengels. Wie wartet denn das Kind dann? Es wartet so auf das Kommen des Weihnachts-kindes oder des Weihnachtsengels, daß es weiß: Der kommt nicht aus Menschenlanden her; der kommt aus der geistigen Welt her! Es ist eine Art von Verständnis der geistigen Welt, in dem sich das Kind ähnlich erweist mit den Erwachsenen. Denn auch die wissen dasselbe, was das Kind weiß: daß der Christus-Impuls aus höheren Welten in die Erden-entwickelung hineingekommen ist! Und so tritt nicht nur das Kind des Lukas-Evangeliums vor unsere Seele geistig in der Weihenacht, sondern es tritt das, was die Weihenacht an das menschliche Herz her­anbringen soll - in schönster Weise auch vor jede Kindesseele - und vereinigt Kindesverständnis mit Erwachsenenverständnis. Alles, was das Kind fühlen kann, wenn es nur anfängt, überhaupt etwas denken zu können, das ist der eine Pol. Und der andere Pol ist das, was wir fühlen können in unseren höchsten geistigen Angelegenheiten, was wir fühlen können, wenn wir treu hingegeben sind jenem Impuls, der im Ausgangspunkte unserer heutigen Betrachtung erwähnt worden ist, wo wir den Willen entwickeln zu dem, was wir in der nun zu schaffen­den Anthroposophischen Gesellschaft als ein geistiges Licht erstreben. Denn auch da wollen wir, daß dasjenige, was in die Menschheitsent­wickelung hereinkommen soll, von etwas getragen werde, was aus gei­stigen Reichen als ein Impuls zu uns hereinkommt. Und ebenso wie das Kind fühlt gegenüber dem Weihnachtsengel, der ihm seine Weih­nachtsgeschenke bringt - es fühlt sich verbunden mit dem Spirituellen, in seiner naiven Art -, so dürfen wir uns verbinden mit dem Spiri­tuellen, das wir in der Weihenacht ersehnen als den Impuls, der das bringen kann, was wir als ein so hohes Ideal erstreben. Und finden wir uns in diesem Kreise in solcher Liebe vereinigt, wie sie hereinströmen kann aus dem richtigen Verständnis der Weihenacht, dann werden wir erreichen können, was erreicht werden sollte durch unsere Anthroposophische
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Gesellschaft, durch unser anthroposophisches Ideal. Wir werden das, was erreicht werden soll, in vereinigter Arbeit erreichen, wenn ein Strahl jener Liebe von Mensch zu Mensch uns erfassen kann, über den wir belehrt werden können, wenn wir uns in richtiger Weise dem Verständnis der Weihenacht hingeben.
So ist es für diejenigen der lieben Freunde, die heute abend mit uns vereinigt sind, gewissermaßen ein Vorzug des Gefühls, den sie haben dürfen. Wenn sie auch nicht da oder dort, verbunden mit dem oder jenem, in der im gegenwärtigen Zeitenzyklus üblichen Weise unter dem Weihnachtsbaume sitzen, so sitzen diese unsere lieben Freunde doch unter dem Weihnachtsbaume. Und Sie alle, meine lieben Freunde, die Sie heute hier mit uns unter dem Weihnachtsbaume die Weihenacht be­gehen, versuchen Sie in Ihren Seelen etwas von der Empfindung wach-zurufen, die uns beschleichen kann, wenn wir fühlen, wie wir gerade aus dem Grunde hier versammelt sind, damit wir jetzt schon lernen jene Impulse der Liebe in unserer Seele zu verwirklichen, die einst in fernerer und immer fernerer Zukunft immer mehr kommen müssen, wenn der Christus-Impuls, an den uns so schön die Weihenacht ge­mahnt, mit immer größerer und größerer Stärke, mit immer größerer und größerer Macht und mit immer tieferem und tieferem Verständ­nis in die Menschheitsentwickelung eingreift. Er wird ja nur eingrei­fen, wenn sich Seelen finden, die ihn in seiner ganzen Bedeutung ver­stehen. Zum Verständnis gehört auf diesem Gebiete aber die Liebe, die wir als das Schönste in der Menschheitsentwickelung gerade dann in unseren Seelen ausgebären können, wenn wir an diesem Abend oder in dieser Nacht unsere Herzen durchdringen mit dem geistigen Hin­blick auf das Jesus-Kind, das von der übrigen Menschheit ausgestoßen und in die Ecke geworfen, geboren in einem Stalle, uns bildlich vor­geführt wird: so gleichsam «von außen» zu der Menschheitsentwicke­lung hinzukommend, aufgenommen von den Einfachsten an Geistig­keit, von den armen Hirten. Wenn wir das, was von diesem Bilde an Liebesimpuls in unsere Seele sich ergießen kann, heute versuchen in unseren Seelen auszugebären, dann wird es die Kraft haben bei dem, was wir vollbringen wollen und was wir vollbringen sollen, beizutra­gen zu der Förderung der Aufgaben, die wir uns auf theosophischem
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Felde gesteckt haben, und die uns auf anthroposophischem Felde das Karma als tiefe und berechtigte Aufgaben gezeitigt hat.
Nehmen wir es aus der heutigen Betrachtung der Weihenacht mit, daß wir uns sagen: wir seien versammelt gewesen, um diesen Impuls der Liebe mit hinauszunehmen nicht nur für kurze Zeit, sondern für all unser Streben, das wir uns vorgesetzt haben, so wie wir es verstehen können aus dem Geiste unserer Weltanschauung heraus.

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die Dichtung der griechischen Kaiserin Eudokia ... Bekenner Christi...: Siehe
«Cyprianus und Justina», zweiter Gesang: Das Bekenntnis des Cyprianus; ins
Deutsche übertragen von Ferdinand Gregorovius in seiner Schrift «Athenais.
Geschichte einer byzantinischen Kaiserin
», 3. Aufl. Leipzig 1892, S. 267ff.

http://gutenberg.spiegel.de/buch/2410/35

Kaiserin Eudokia, 400-460. Die geistreiche und schöne Tochter des Atheners
Leontios wurde 421 Christin und unter dem Namen Eudokia Gemahlin des Kaisers
Theodosius II. Sie wurde jedoch aufgrund von Verleumdungen vom Hofe verwiesen
und starb 460 in Jerusalem. Von ihren Dichtungen ist nur die Lebensbeschreibung
der Märtyrer «Cyprianus und Justina» erhalten

Cyprianus und Justina.

Dichtung der Kaiserin Eudokia.

ZWEITER GESANG:

Das Bekenntniß des Cyprianus.

Bekenner Christi, die ihr treu und warm
Im Herzen hegt den vielgepriesenen Heiland,
Seht meiner Tränen frischen Strom, und dann
Vernehmt, aus welchem Quell mein Kummer stammt.
Und Ihr, die noch der finstre Wahn umstrickt
Der Götzenbilder, merkt auf das, was ich
Von ihrem Lug und Trug erzählen werde.
Denn nimmer hat ein Mensch gelebt, der so
Wie ich den falschen Göttern war ergeben,
Und der Dämonen Art so gründlich kannte.

Ja, Cyprianus bin ich, den als Kind
Die Eltern dem Apollo dargebracht.
Es war des zarten Säuglings Wiegenlied
Gelärm der Orgien, wenn man das Fest
Des grausen Drachen feiert'.
Siebenjährig
Ward ich geweiht dem Sonnengotte Mithras. [Fußnote]
Ich wohnt' in der erhabnen Stadt
Athen,
Und ward ihr Bürger auch. Denn so gefiel's
Den Eltern. Als ich
zehn der Jahre zählte,
Hab' ich Demeters Fackeln angezündet,
Und mich versenkt in Koras Trauerklage.
Ich hegt' der Pallas Schlange auf der Burg
Als Tempelknabe.

Dann zum Waldgebirg
Olympos stieg ich auf, wo Toren sich
Den lichten Wohnsitz sel'ger Götter denken.
Die Horen sah ich und den Schwarm der Winde,
Der Tage Chor, die phantasiebeflügelt
Mit Gankelbildern durch das Leben ziehn.
Ich sah Gewühl von Geistern kampfentbrannt,
Und Hinterhalte voller List; von Spott
Und Lachen berstend die, und jene ganz
Von Schreck erstarrt. Die Reihen sah ich all
Der Göttinnen und Götter. Denn wol
vierzig
Und noch mehr Tage hab' ich dort verweilt.
Es war mein Mal, wenn Helios niedersank,
Der dichtbelaubten Wipfel Frucht. Wie
Als wären sie aus hoher Königsburg
Entsandt, durchziehn die Luft die Geisterboten,
Um dann zur Welt hinabzusteigen, wo
Die Menschheit sie mit tausend Uebeln plagen.

Ich zählte fünfzehn Jahr' und kannte schon
Die Wirkenskraft der Götter und der Geister,
Denn mich belehrten sieben Oberpriester.
Der Eltern Wille war's, daß ich gewönne
Von allem Wissenschaft, was ist auf Erden,
Im Reich der Lüfte und im tiefen Meer.
Ich hab' durchforscht, was in der Menschenbrust
Verderben brütet, was im Kraute gährt,
Im Saft der Blume, was um müde Leiber
Als Siechtum schleicht, und was die bunte Schlange,
Der Fürst der Welt, voll arger List erschafft,
Um Gottes ew'gen Ratschluß zu bestreiten.

Ins schöne Land von Argos zog ich hin,
Das rossenährende. Das Fest der Eos,
Der weißgewand'gen Gattin des Tithonos,
Beging man grad, und dort ward ich ihr
Priester. [Fußnote]

’Ένθεν ες ιππόβοτον θαλερὸν γενόμην κατὰ ’Άργος,
’Η̃ν δὲ Τιθωνιάδος εροτὴ λευχείμονος ’Ηου̃ς.


Ich lernte kennen, was geschwisterlich
Die Luft und dieses Poles Rund durchzieht,
Was Wasser macht der Ackerflur verwandt,
Und was den Himmel trübt als Regenschauer.

Nach Elis kam ich, und ich sah in Sparta
Das ungefüge Götterbild von Holz
Der Tauropolos Artemis. [Fußnote] Und so
Lernt' ich verstehn die mannigfache
Natur der Stoffe, der Metalle Art
Und Steine, die geheime Schrift der Welt,
Des Kosmos Mythen all und Charaktere. [Fußnote]

Doch als ich drauf ins Land der Phrygen kam,
Da ward zu eigen mir des Sehers Kunst,
Der aus der Leber und dem Eingeweide
Die Vorbedeutung schaut. Dann haben Scythen
Aeolischer Stimmen Sprache mich gelehrt,
Wenn Vögel hoch die luft'gen Kreise ziehn,
Und, den sie sehn, mit Schicksalslauten grüßen.
Der Bretter Summen und der Steine Klang
Verstand ich, und was jene reden, die
In Gräbern längst verstorben ruhn. Das Schrilln
Von Thür und Angel, selbst der Fiber Zittern
Im bangen Leib, des Blutes Hämmern, wenn's
Mit Brand die Glieder schwärzt; die Rätsel lernt' ich
Der Menschensprache, und der Worte Zahl,
Der Körper schweres Müh'n, den Grund, worauf
Natur sich stellt: die Eide, ob sie treu
Geschworen oder falsch; Entschlüsse, die
In ihres Wunsches Gegenteil sich kehren:
Was vielgeformt die Phantasie geboren,
Und was erfinderische Kunst erdacht,
Nichts konnte meinem Forscherblick entgehn.

Und zwanzig Jahre war ich alt, als ich
Ins Land der dunkeln Männer kam,
Aegyptus.
Nach
Memphis zog ich, wo ich Dinge lernte
Weit über alles Maß des Irdischen.
Die Erdenkräfte, wie sie sich verbinden,
Der unnahbaren Geister Sinn und Namen,
Und welch' Gestirn sie anzieht, welch' Gesetz,
Und was ihr Thun; wie sie das Dunkel fliehn,
Und dennoch in den Finsternissen wohnen;
Mit welchen Mächten sie im Streit; wie viel
Der Fürsten sind im düstern Land des Styx,
Halbgötter auch; wie sie an Leib und Seele
Landthieren ähneln oder Wasserwesen,
Was sie betreiben, was besorgen müssen.
Den raschen Lauf, die Wissenskraft, Gedächtniß,
Die Kunst der Täuschung, Furcht, Vergessenheit,
Des Schwarms Gebahren merkt' ich, und noch mehr:
Der Erde Beben, Sintflut, ihr Entstehn,
Das dumpfe Brausen und den Donnerhall
Des Festlands und des Meers. Sie äffen nach
Die Formen ew'ger Weisheit, die nie stirbt.

Dort sah ich schreckenvolle Riesenleiber
Von dem Gewicht der grausen Nacht bedrückt,
Phantome, die auf ihren Schultern schienen
Den Weltenball zu tragen, Männern gleich,
Die stöhnen unter ihrer Last.
Dämonen
Erblickt' ich, rasende, gesellt einander,
Gewundner Schlangen Knäul. Ein bittrer Wind
Trug Unheil fort, zu schäd'gen Menschenkinder.
Von hier ziehn Myriaden Geister aus,
Den Stoff der Welt mit Uebeln zu vergiften.

Drauf kam ich zu dem Ort, wo Geister sich
Verwandeln [Fußnote]; denn die Schlange baute ihn,
Der Erde Laster sichtbar auszuprägen.
Geschäft'ge Schemen mühn sich ab, den Mengen,
Die ihnen ähnlich sind, im Bild zu zeigen
Verworfenheit. Ich sah den
Schuldbewußten,
Wie jählings er den Guten überfiel,
Den Dummen, wie dem Klugen, den Verruchten,
Wie dem Gerechten er den Weg vertrat.
Gesetzlos ist hier alles, ohne Richter.

Die Lüge sah ich dort, die vielgewandte,
Die
Wollust, schmachbedeckt und dreigestaltig;
Den jähen
Zorn – auf Flügeln stürmt' er hin,
Voll
Hast und thierisch – Arglist, die so süß
Mit Worten schmeichelt;
Haß erbarmungslos,
Ohn' Herz und Eingeweide;
Eifersucht
Und
Neid, mit einer Zunge sichelartig;
Die
Rachlust, ganz von hohler Wut verzehrt –
Aus vielen Augen schießt sie Flammenpfeile,
Nach Sättigung schmachtend, die ihr niemals wird;
Die Völlerei mit Mäulern vorn und rückwärts –
Sie schlingen Kiesel ein und harte Erde –
Die räuberische
Habsucht, lang und dürr –
Ob ihren Augen hangen matt und schlaff
Die Lider – dann den filzigen Krämergeist,
Der ruhelos erhofften Reichtums Trugbild
Als
Last auf seinem müden Rücken schleppt [Fußnote];
Den Leichtsinn fröhlichen Gemüts, doch fett
Von Leib, und innen fehlt die Knochenbildung;
Die Götzendienerei, mit Flügeln dicht
Und breit, als könnte sie die Welt beschatten [Fußnote];
Die
Heuchelei, von innerm Siechtum krank,
Und stückweis raffen Wind' ihr fort die Glieder;
Die höllische Verläumdung, lang von Zunge;
Die
Dummheit ganz gelähmt; das träge Haupt
Von Schlafsucht schwer, und alles schwatzt sie aus.

Wie leer ist Ruhm, wenn Tugend nur ein Schein,
Wie nichtig jenes Wortgepräng', mit welchem
Die Griechenweisheit Menschen hintergeht;
Den Wahn umarmen sie, und fliehn die Wahrheit.
Doch unermeßlich ist der Stoff, von dem
Ich endlos reden könnte; es genügt
In Wenigem die Summe meiner Frevel
Euch kund zu thun. Nur dieses sag' ich noch:

Ich war ein Mann von dreißig Jahren nun,
Als ich vom Land der dunkeln Männer schied,
Und meine Schritte lenkt' zu der uralten
Chaldäerstadt. [Fußnote] Ergründen wollt' ich hier
Des Himmels Lauf und seine feste Ordnung.
Da lernt' ich
die Natur der Sterne kennen,
Die scheinbar feindlich sich entgegenstehe
Und ihre Sympathie, das Haus von jedem [Fußnote],
Die Nahrung und den Trank der Genien,
Und wie aus Liebe die Intelligenzen
Im Licht sich gatten, lehrten Weise mich.
Vergleichbar sind der irdischen Natur
Auch jene Wesen, denn auch sie gehorchen
Geboten eines Führers, sorgen auch,
Wie seinen Willen reifend sie vollziehn.
Nur Duft von Opfern dient zu ihrer Labe,
Doch andre trotzen und verschmähen dies,
Um froh im weiten Raum des Lichts zu schweifen.

Ich mußte staunen, daß auch diese Geister
Um irdisch Gut sich müh'n, denn ich erkannte
Gesetze und Verträge, die sie binden,
Und liebevolles Sehnen nach Vereinung,
Wenn's ihr Gebieter will. Haucht er sie an
Mit Odem aus der Luft, so werden sie
Höchst kundig und gewitzt: mit Atemzügen
Vom Fruchtgefild der Erde, sehr beredt:
Mit Hauch der Unterwelt, dann werden sie
Geschickt zur List; und so durchbricht der Böse
Die Satzungen der Welt, die Creatur
Verführend, ihres Gottes zu vergessen.

Ich sah den Dämon selbst von Angesicht,
Nachdem ich ihn mit Opfern mir gewonnen;
Ich sprach zu ihm, und er erwidert' mir
Mit Schmeichelworten. Meine Jugendschöne
Und mein Geschick zu seinen Werken rühmend,
Verhieß er mir die Herrschaft dieser Welt,
Und
gab mir Macht, den Geistern zu gebieten.
Er grüßte mich mit meinem Namen, als
Ich schied, und staunend sah'n es seine Großen.
Sein Antlitz gleicht der Blume reinen Goldes [Fußnote];
Er trägt ein Diadem von Funkelsteinen,
Und flammendes Gewand. Die Erde bebt,
Wenn er sich rührt. In dichten Reihn umstehn
Speerträger seinen Tron, den Blick gesenkt.
So dünkt er sich ein Gott, so äfft er nach
Des Ew'gen Werke, den er frech bestreitet.
Doch machtlos schafft er nicht'ge Schemen nur,
Denn
der Dämonen Wesenheit ist Schein.
Sich sichtbar machen, das ist ihr Bemüh'n,
Und körperliche Thaten zu verrichten.
Zu eines Leibes Trugbild hilft den Geistern
Nur Rauch von Opfern, den sie an sich ziehn.
Sie hüllen sich darein, wie in ein Kleid
Von feinem Linnen oder Wolle.
So
Aus Luft geformt erschafft der Dämon
Nur täuschende Gebilde und Phantome
.
Er gießet Regen aus, der nimmer naß macht,
Entzündet Feuer, kalt wie Winterschnee,
Läßt Fische sehn, die nicht genießbar sind,
Schafft glänzend Gold, das jeden macht zum Bettler;
Und Göttertempel, Meergestad' und Städte,
Und Wälder läßt er sehn, das Vaterhaus
Der süßen Heimat, duft'ge Brautgemächer –
Schlaftrunkne Wandrer sehn das wol bei Nacht.
So wirkt der Dämon, und so lehrt er's jene,
Die Menschen zwar, doch ihm ergeben sind.

Doch mich, der seines Truges Zeuge war,
Und der mit innerstem Erbeben schon
Zum wahren Gott des Himmels sich gewendet,
Was hält mich noch der finstre Abgrund fest?

Ich zog vom Land der Perser fort, und kam
Nach Antiochia, der großen Stadt
Der Syrer
; hier verübt' ich Wunders viel
Von Zauberei und höllischer Magie. [Fußnote]
Ein Jüngling sucht' mich aus,
Aglaïdas,
Von Lieb' entbrannt, und mit ihm viel Gefährten.
Eine Mädchen war's,
Justina ist ihr Name,
Für das er glüht', und meine Knie umschlingend
Beschwor er mich, in seine Arme sie
Durch Zauberkunst zu ziehn. Und da zuerst
Ward mir des Dämons Ohnmacht offenbar.
Denn so viel Geisterscharen er beherrscht,
So viel entsandt' er wider jene Jungfrau,
Und alle kehrten sie beschämt zurück.
Auch mich,
Aglaïdas Befördrer, machte
Justinas fromme Glaubenskraft zu Schanden
;
Sie zeigte mir, wie eitel meine Kunst.
Manch' schlummerlose Nacht durchwacht' ich da,
Und quälte mich mit Zaubereien ab.
Zehn Wochen lang bestürmt'
der Fürst der Geister
Das Herz der Jungfrau.
Eros hatte, ach!
Nicht den Aglaïdas allein verwundet,
Auch mich ergriff der Liebe Raserei.
Ein Wunder war's, wie das Gebet Justinas
Der ganzen Hölle Wut besiegen konnte.
Denn
Belial, so viel er sann und that,
Vermochte nimmer jenen Brand zu löschen,
Der unsre Brust verzehrte. [Fußnote] Wenn, so sprach ich,
Du solcher großen Macht dich kannst berühmen,
Wolan, so still' in uns die Sehnsuchtsflamme,
Damit wir solche Qual nicht fruchtlos leiden.
Jetzt gab dem Unzuchtsteufel er Befehle [Fußnote],
Doch fruchtlos blieb sein höllisches Bemühn,
Und heftig schmäht' ich den verlognen Dämon.
Er schwieg, der eignen Schwäche sich bewußt.

Hierauf Aglaïdas zu täuschen, sandte
Dem Jüngling er ein holdes Frauenbild,
Doch gleich erklärte sich der Trug; es glich
In nichts
Justinas himmlischer Gebärde.
Ich flucht' dem Dämon, als ich das ersah.
Und jetzt rief er einen Geist, und schuf
Ihm solche Bildung an, daß er an Schönheit
Der zücht'gen Jungfrau glich. Als nun das Bild
Zum Liebekranken trat, rief der entzückt
Justinas Namen aus, und allsogleich
Zerrann in Nichts die luftige Erscheinung,
Und leblos stürzt'
Aglaïdas zu Boden.

Obschon ich jetzt des Dämons Trug erkannte,
Versucht' ich weiter meine dunkle Kunst;
Bald legt' ich eines Weibes Bildung an,
Bald ward ich Vogel. Doch sobald ich mich
Aufs Haus des Mädchens schwang, zerfiel der Zauber,
Und wieder war ein Mensch ich,
Cyprianus.
Ich machte auch Aglaïdas zum Sperling [Fußnote];
Er flog und setzte sich aufs höchste Dach
Des Hauses nieder. Jene sah ihn dort,
Und nur von ihrem Blicke würd' er da
Im jähen Sturz den Tod gefunden haben,
Wenn sich Justina seiner nicht erbarmte.
Die stille Heimkehr in sein eignes Haus
Gebot sie ihm, und sich vor Gott zu fürchten.
Nicht Not und Krankheit beugten ihren Mut,
Sie wehrte mit dem Kreuzesbild allein
Des list'gen Feinds Geschosse siegreich ab.

Jetzt trafen wir die Eltern selbst mit Plagen,
Die Heerden würgend, ihr gesammtes Gut.
Sie tröstet' jene, drob sich nicht zu härmen,
Vielmehr mit Wenigem begnügt zu sein,
Bis Gottes Segen dies vermehren würde.
Indeß erbangend um Justinas Schicksal
Verlangten ihre Freunde, daß dem Jüngling
Zu echtem Ehebund die Hand sie reiche.
Die Eltern schwankten, bis die Jungfrau ihnen
Durch Christi Glauben neue Stärke gab.

Nun schlug mit Pest das ganze Volk der Dämon,
Und ein Orakel that er kund, es werde
Die Seuche nimmer enden, bis
Justina
Im Brautgemach
Aglaïdas umarmt;
Dies sei Gebot. Doch beides stillte bald,
Der Bürger Aufruhr und die Wut der Pest,
Die Fromme, die um Christi Beistand flehte.
Da pries das Volk den Heiland, mich verwünschend
Als den Verwüster seiner Stadt; mit Haß
Beladen mied ich Bürger und Verwandte.

Und jetzt, wenn spät auch, von der Macht durchdrungen
Des Kreuzes, das so Großes wirken konnte,
Faßt' ich ein Herz mir, und ich sprach zum Dämon:
Verrucht' Geschöpf, der Bosheit tiefster Abgrund,
Verderbenbringer, was belogst du mich,
Da deine Nichtigkeit du kennst? Wenn schon
Ein Schatten nur von Gottes heil'ger Allmacht
Dich ganz zerbrach
, was wirst du thun erst, wenn
Er selber kommt? Wenn schon der Name Christi
Dich zittern macht, was wird mit dir geschehn,
Wenn Er erscheint, zu strafen deine Frevel?
Dich schlug in jähe Flucht ein Zeichen schon,
Und jener starken Hand, wie darfst du ihr
Den zu entreißen hoffen, den sie schützt?
Ich weiß es jetzt, was deine Lügen wert:
Mein Herz verdarbst du, meine Hoffnung auch;
Gedankenvolle Sorge schwärmt in mir.
Dein Trug zerstörte meines Lebens Grund,
Und brach die Pfeiler der Natur entzwei.
Ich gab dir gottlos meine Seele hin.
Nicht brachte mir Gewinn die Wissenschaft,
Noch jene Weisheit, der in alten Büchern
Ich nachgeforscht. [Fußnote] Mein väterliches Erbe
Vergeudet' ich an dich und deine Lüge.
O hätten meinen Reichtum Darbende
Und Arme aufgezehrt, dann würde mir
Vielleicht ein Tropfen noch der Gnade fließen.
Weh mir, und meiner Pein, die rettungslos!
Gestorben war ich, und ich glaubt' zu leben;
Mit meinem Golde grub ich mir das Grab.
Ich sah den Abgrund nicht, nein gab mir selbst
Den Tod. Doch jetzo geh' ich, anzurufen
Die frommen Diener Gottes, ob ich noch
Erbarmen finden möge. Auch der teuern
Justina Knie' will ich umfahn und flehn,
Daß meine Seele sie in Obhut nehme.

Da stürzt' er sich in wildem Grimm auf mich,
Mit aller Macht mich an der Kehle fassend.
Jetzt schwebte meinem Geist das Kreuzbild vor,
Mit dem
Justina ihren Sieg errungen;
Ich fleht' zu Gott, bekreuzend meinen Leib,
Und wie ein Pfeil schoß fort der grause Dämon;
Dann wandt' er sich im Fliehn und sandte mir
Noch seiner Drohungen Geschosse nach.

Nicht wird, so schrie er, Christus, den du riefst,
Aus meiner Hand dich retten, wenn er auch
Dir jetzt zu helfen scheint; er täuscht dich nur
Voll List, um desto ärger dich zu strafen.
Und hat er dich verlassen, dann wirst du
Erfahren, wie ich den behandle, der
Mißachtet meine Macht. Die mir gedient
Nimmt Christus nimmer auf, und so verlierst du
Erst meine Gunst und dann auch seine Gnade.

Entsetzen faßte mich, als ich dies Wort
Des grimmen Feinds vernahm. Da, teure Männer,
Die Ihr mein Elend kennt, erzählt' ich Euch
Von meines Lebens Qual, auf daß Ihr sie
Erwägend mitleidsvoll mir sagtet, ob
Ich jemals Christus mir versöhnen könne,
Und Er, wenn mein Bekenntniß er gehört,
Mir helf', die nächt'gen Wege zu verlassen,
Die ich bisher gegangen bin. – Still schwieg
Das Volk, dann nach geraumer Zeit erhob
Sich Einer, der mit lauter Stimme sprach:

Hier endet die griechische Handschrift, in welcher dieses Gedicht Eudokias aufbewahrt ist. Der Schlug des Gesanges fehlt, aber er kann aus der »Confession des Cyprianus« ergänzt werden. Weil nun die letzten Blätter derselben auch Dinge enthalten, welche die Dichterin schon im ersten Gesange behandelt hatte, so ist sie in die Gefahr gekommen, sich selbst zu wiederholen.

Der Schluß der Confession schildert mit den lebhaftesten Farben die Verzweiflung des Magiers an sich selbst, und noch einmal läßt ihn der Dichter dieses wunderbaren Dramas ein summarisches Bekenntniß seiner Frevel ablegen, um in der Person des Cyprianus die Nichtswürdigkeit der Zauberei und des Götzendienstes darzustellen.

Der Reumütige bekennt, daß er Jünglinge ermordet, Männer dem Pluto vergraben, zu Ehren der Hekate Fremdlinge erwürgt, das Blut von Jungfrauen der Athene dargebracht, und dem Saturn und Mars Greise geopfert habe. Durch diese Spenden habe er sich viele böse Geister verpflichtet, und so den Zugang zum Satan selbst gefunden. Er habe ihm das Blut aller Thiere in einer goldenen Schale dargebracht; mit diesem habe dann der Teufel seine Krone und seine Geister besprengt, und ihm selbst die Macht verliehen, über jede vernunftlose und vernunftbegabte Seele zu gebieten.

Cyprianus fährt fort, sich der schrecklichsten Verbrechen, auch wider Christus und seine heilige Kirche, anzuklagen. Er verzweifelt an der Rettung seiner Seele, worauf Eusebius sich erhebt und ihn mit der unerschöpflichen Barmherzigkeit Gottes tröstet. Er verweist ihn auf das Beispiel des Paulus, der zuerst, wenn auch nicht ein Zauberer, so doch ein wütender Verfolger der Gläubigen gewesen, dann aber ein glühender Christ geworden sei. Die Rede des alten Christenpriesters ist wahrhaft großartig und vom höchsten Stil.

Nun wirft sich Cyprianus in die Arme dieses milden Greises, den er seinen Vater und Rettungsengel nennt. Eusebius und sein Sohn, einst der Mitschüler des Magiers in der Schule der Wissenschaften, führen ihn in ihr Haus, wo sie ihm ein bescheidenes Mal vorsetzen. Am folgenden Tage gehen sie mit ihm in die Kirche. Dem zerknirschten Cyprianus erscheinen hier die frommen Priester und die das Halleluja singenden Gläubigen wie Chöre von himmlischen Engeln. Mit Verwunderung sehen die Christen unter sich den großen Magier. Am nächsten Tage verbrennt er seine Zauberbücher (τὰς βίβλους του̃ διαβόλου).

Am Schluß erzählt Cyprianus Folgendes: »Als die heilige Justina dies vernommen hatte, schnitt sie ihre Haare ab; sie verkaufte ihren Brautschatz, und schenkte dessen Erlös den Armen. Meine Reue aber achtete sie für ein zwiefaches Heil. Denn auch Aglaïdas hatte den Teufel, von dem er ins Verderben gestürzt worden war, von sich gestoßen und den Flammen übergeben. [Fußnote] So verlieh uns Christus durch Justina eine doppelte Rettung. Nachdem nun auch ich mein Hab und Gut verteilt hatte, blieb ich beim Vater Eusebius, welcher Presbyter der Kirche war. Ich empfing die christliche Taufe. Ich wage jetzt öffentlich zu predigen, und ich habe durch meine Ermahnungen viele Menschen zu Gott bekehrt 12:05

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